Diese Arme! Diese (ich verliere den Verstand) Augen!

Aus der Anthologia Graeca

Anm.: Erst nachdem ich dieses Gedicht ausgewählt und eingestellt hatte, fiel mir auf, dass das gleiche Gedicht schon einmal vor 10 Jahren hier zu lesen war – damals von Dirk Uwe Hansen aus dem Manuskript zur Verfügung gestellt.. Auch gut, es lässt sich auch heute noch lesen.

V, 132

Philodemos

Dieser Fuß! Dieses Schienbein! Diese (hier muss ich zugrunde gehen) Schenkel! Diese Hüften! Diese Flanken! Die Grübchen am Bauch! Schultern! Diese Brüste! Dieser zarte Hals!
Diese Arme! Diese (ich verliere den Verstand) Augen!
Diese zierliche Bewegung! Und über alles erhabene
Küsse! Diese (schlag mich tot) Stimme!
Ist sie auch eine Barbarin und Fremde und singt nicht Sapphos Lieder, na und?
Auch Perseus hat sich in die indische Andromeda verliebt.

Deutsch von Dirk Uwe Hansen, aus: Anthologia Graeca. Band I. Bücher 1 bis 5. Hrsg. Dirk Uwe Hansen. Stuttgart: Hiersemann, 2011, S. 127f

Philodemos von Gadara in Palästina, lebte um 55 v.u.Z. in Rom

Anthologia Graeca. Buch I-VI. Ed. Hermann Beckby. München: Heimeran, 1957, S. 308

 

 

Stufen

Hanns Otto Münsterer

(* 28. Juli 1900 in Duß, Lothringen; † 30. Oktober 1974 in München)

STUFEN

Jugend. Zeit der Kantaten.
Unter dunklem Balkon
nächtliche Serenaden,
Waldhorn und Lampion.

Verse des Mannes. Klirren
der Degen. Haifischschlacht.
Lorbeer, Gold und Myrrhen
haben sie nicht gebracht.

Verse des Alters. Schweigen.
Hat es sich gelohnt?
Wind in dörren Zweigen.
Geißblattlauben, Mond.

Aus: Hanns Otto Münsterer: Mancher Mann. Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1987, S. 139

Uns fiel nicht auf, wie wundersam die Dunkelheit sich neigte

Sofija Parnok

(София Яковлевна Парнок, * 30. Juli jul. / 11. August 1885 greg. in Taganrog; † 26. August 1933 in Karinskoje, Oblast Moskau)

Sofija Parnok

Sonett

Uns fiel nicht auf, wie wundersam die Dunkelheit sich neigte
Und wie die Mullgardinen sich verfärbten – blau,
Der Teppich und die Sessel wurden tiefer, weicher,
Und du wardst nicht-du, ich war nicht-ich – eine Frau.

Ein Fremder ließ die Hand an jene Stelle gleiten.
Wo einstmals deine Hand geruht hat im Vertraun,
Und plötzlich wurde klar, die Liebe bringt nur Leiden,
Zwar blüht sie noch, im Innern ist sie längst schon faul.

Auch draußen ist bereits verglüht des Tages Gleißen,
Und deine Stimme dringt zu mir befremdlich rauh,
Uns beiden helfen solche Worte nicht mehr weiter.

Bist aufgestanden, greifst noch nach dem Schal am Boden,
Bei deinem Abgang rauscht die schwere Seidenrobe,
Mit einem knappen Nicken gehst du aus dem Haus.

1913

Deutsch von Felix Philipp Ingold,  aus: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 241

София Парнок

Сонет

Мы не приметили, как сумрак начудесил, –
Поголубела вдруг на окнах кисея,
И глубже стал ковер, и мягче выгиб кресел,
И стала ты – не ты, и стала я – не я.

И кто-то весь чужой тоскливо руку свесил
Там, где покоилась дотоль рука твоя,
И вдругъ открылось нам, что наш союз невесел.
Что расцветает он, безсилие тая.

Уже за окнами дневные стихли всплески.
Когда проговорил твой голос чуждо-резкйи
Чужие нам двоим, ненужные слова.

Когда ты, подобрав концы упавшей шали,
Привстала, и шелка прощально зашуршали, –
Когда ты, уходя, кивнула мне едва.

Vor 383 Jahren gestorben: Sibylla Schwarz

Am 10. August 1638 (nach gregorianischem Kalender) starb die Dichterin Sibylla Schwarz mit 17 Jahren in Greifswald. Zum Anlass heute ein Gedicht aus der Anthologie … und bey den Liechten Sternen stehen. Gedichte zu Sibylla Schwarz‘ 400. Geburtstag. Hrsg. Berit Glanz und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voß, 1921 (S. 110)

Monika Vasik

Der edlen Lust der Poesey verbunden

Fingerwund nicht bloß vom Ordern Dienen
mit höchster gehorsamer Liebe verpflichtet
auf ihren Schultern die Haushaltsführung schwer
aber im Zwischendrin auch nachts beim Flackern
des Kerzenscheins haucht nicht verschämt sie nur
ein paarklein Sätzchen ins Dunkel des Kämmerleins
oder schweigt tugendsam wie es den Frawen ziemt
will immer auch bey meinen Worten bleiben
sie tichtet schreibet ein „Wunder ihrer Zeit“
Erfahrungen mit meiner Feder edles Safft
in Jamben Trochäen Alexandrinern aufs Papier
lässt formvollendete Galaxien aus eignen Reimen
trotz Elends des dreißigjährgen Kriegs frei sicht
bar in die Welt hinaus biß in die Wolcken ziehn
es hat die Mißgunst tausendt Zungen dass Frauen
sprechen zwar nicht minder klug doch minder
nuhr bekandt ist ein Affront ihr Ich in Versen
das nie begehrt durch dis berühmt zu werden
weiß niedrig sich kennt seine Grenzen auch genau
dass alles was je von ihr geschrieben wird kein ver
falschter Freund belieben erfährt den Neidt kennt
ja dies Leumbden Wut zwanghaften Hohn den Spott
der Männerzungen runzelt weil balt das Läsen
von Weibersonetten gewaltig unruh schafft
doch werd ich dennoch nicht erschreckt bekennt sie
frohlockt daß selbst die Musen Mägde sein ihr
zürnten sehr ließ ich die werthe Leyer hinden

Covergestaltung: Anne Martin

Unbekannter großer Dichter

Jakob Balde war ein großer deutscher Dichter des 17. Jahrhunderts. Leider schrieb er auf Latein, und so kennen ihn nur wenige Spezialisten.

Hier ein Text im Original, die Nachdichtung Herders und darunter eine Prosaübersetzung. Eine neuere, vollständige Übersetzung wäre wünschenswert (aber vielleicht kenne ich sie nur nicht?).

Jacob Balde

(* 3. Januar 1604 in Ensisheim, Elsass; † 9. August 1668 in Neuburg an der Donau)

Melancholia.

Semper ego inclusus Germanae finibus Orae,
  In Bauara tellure senescam!
Tristibus imperijs spatio retinemur in arcto,
  Et curtum malè perdimus aeuum.
Atqui vincla, licet rupto dissoluere nodo,
  Et clausas diducere turreis.
Graeculus effugiens aliquis Minoia regna,
  Ceratas sibi sumpserat alas.
Sed neque fallaceis ventos tentare necesse est
  Lapsuris super aequora pennis.
Tota mihi quamuis adeò Germania carcer.
  Deterius quoque carcere corpus:
Libera MENS tamen est. vbi vult, habitátque, volátque.
  In pelago non impedit Auster:
In terris non tardat obex, transcendit & Alpes
  Nubiferas, ac sidera pulsat.
Accedit Phoebi donum, diuina Poësis.
  Hac fretus, velocior Euro,
Euri nascentis Patriam, cunásque videbo,
  Aurorae rapiendus in ortum.
Melancholie

Muß ich im Kerker denn, in diesem traurigen Lande
  Oede verblühn und frühe verwelken?
Sind die Bande, die hier mich fesseln, nimmer zu lösen?
  Nicht zu zersprengen der Thurm, der mich einschließt?

Dädalus schuf sich Flügel; ich darf der wächsernen Flügel
  Nicht, die über dem Meere zerschmelzen!
Kann mein freies Gemüth sich nicht aufschwingen, wohin es
  Will? Kein tobender Wind in den Fluthen,
Auf dem Lande kein Riegel verhindert den Geist, daß er auffliegt,
  Ueber Alpen und Wolken und Sterne.

Und hat Apollo mir nicht der Gaben höchste, die Dichtkunst,
  Milde geschenkt, die auf Flügeln des Ostwinds
Auf der Aurora Flügeln sich hebt? – – O Erretterinn, und dann!
  Ferne von hier! bis zum Bett der Aurora!

Aus: Johann Gottfried von Herder’s Terpsichore. 1795. Hrsg. Johann Georg Müller. Stuttgart u. Tübingen: Cotta, 1829, S. 233

Melancholie.
Immer eingeschlossen in den Grenzen des deutschen Landes, soll ich auf bayrischem Boden altern! Durch unfreundliche Befehle werde ich im nördlichen Raume festgehalten, und ich verliere auf üble Weise die kurze Lebenszeit. Aber man kann die Fesseln, indem man die Knoten zerschneidet, lösen und die verschlossenen Türme sprengen. Ein junger Grieche [Daedalus] batte, um aus dem minoiscben Reich zu fliehen, sich mit Wachs überzogene Flügel augelegt. Indes man braucht nicht die trügerischen Winde zu versuchen, mit Federn, die sich über dem Meer lösen. Mag mir auch das ganze Deutschland ein Kerker sein, und schlimmer noch als ein Kerker der Körper: frei ist dennoch der Geist. Wo immer er will, wohnt er und fliegt er dahin. Auf dem Wasser hält ihn der Südwind nicht auf, auf dem Land hemmt ihn keine Schranke. Er übersteigt auch die wolkentragenden Alpen und stößt sogar an die Sterne. Die Gabe Apolls tritt hinzu, die göttliche Dichtkunst. Mit ihrer Hilfe werde ich, schneller als der Ostwind, die Heimat des Ostwinds und seine Wiege sehen, fortgerissen zum Aufgang der Morgenröte.

Aus: Gedichte 1600-1700. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge hrsg. von Christian Wagenknecht. München: dtv, 2001, S. 143

Sieh zu, dass du ihr folgen kannst

In dem kurzen Leben der Sibylla Schwarz gibt es beide reichlich, Freude („das / was ich lieber hab als Gelt / Ja auch als alle alle Welt“) und Leid (angefangen vom frühen Tod der Mutter), reichlich Auf- und Abschwung. Mehrmals kündigt sie an, das Schreiben zu unterlassen, aber sie schreibt bis an ihr frühes Ende. Heute ein Gedicht mit einem fast euphorischen Aufschwung, ihr Geist fliegt himmelan. He Amor, wenn du mich treffen willst, musst du auf die Wolken zielen!

Sibylla Schwarz (1621-1638)

Alß sie ein Poëtischer Geist tribe.

JCh / der ich sonsten pflag von schlechten Dingen schreiben /
bin gänzlich umgekehrt / nun muß mein Lob wohl bleiben /
und grünen wie ein Zweig / iezt wil ich meinen Sinn /
von dem / das niedrig ist / biß in die Wolcken ziehn.
Die Göttin Fama wil mir selber Flügel geben /
die immer für und für am hellen Himmel kleben /
und wo der Venus Sohn hinfüro schiessen wil
nach mir / so raht ich / daß er in die Wolcken Ziel.
Da soll mein Ball=Plaz seyn / da soll das Glüder* fliegen /
wie Spreu / das brennen muß / und allzeit unten ligen.
Die Clio bindet mir schon selbst die Lohrbeer=Kron /
die Ewig grünen wird / nun soll die Kunst den Lohn
erlangen / recht ; So muß ein freyer Sinn bekleiben ;
nuhn / ich wil immer auch bey meinen Worten bleiben /
und steigen mit dem Sinn des Himmels Leiter an /
ein jeder sey bereit / daß er mir folgen kan.

 

 

 

 

 

 

 

* Gudrun Weiland hat eine Lösung für das rätselhafte Wort gefunden. Sie vermutet, dass es sich um einen Druckfehler handelt, bei dem „ck“ mit „d“ verwechselt wurde, die in Fraktur ähnlich aussehen. Glücker ist eine Murmel aus Marmor, Glas oder Ton. In: Sibylla Schwarz: Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden. Ausgewählte Werke. Hrsg. Gudrun Weiland. Zürich: Secession, 2021, S. 19.
Das ganze Werk gibt es in einer zweibändigen Ausgabe bei Reinecke & Voß, Leipzig.

Bei Twitter kann man unter dem hashtag #SibyllaSchwarz das lyrische Werk der Dichterin strophenweise lesen, jeden Tag ein Stück. Lektürevorschlag?

Gleich noch eine Idee. Wenn Ihnen das Gedicht oder unser Buch gefällt, könnten Sie hier auf der Hotlist der unabhängigen Bücher und Büchermacher für unsere Ausgabe stimmen. Die weiße (die Taschenbuchausgabe) hat es auf die Liste von 30 Büchern geschafft, aus denen bis 20. August zehn Sieger gewählt werden: sieben von einer Jury und drei von Ihnen, wenn Sie mitmachen.

Vor 100 Jahren starb Alexander Blok

Alexander Blok

(Александр Александрович Блок, * 16. November jul. / 28. November 1880 greg. in Sankt Petersburg; † 7. August 1921 in Petrograd)

Den Freunden

Verstummt doch, ihr Saiten, verfluchte!
A. Maikow


Einander verborgene Feinde,
Sind taub wir und neidisch und fremd.
Wie könnte der leben und schaffen,
Der ewige Feindschaft nicht kennt.

Was tun! Gab nicht jeder sich Mühe,
Zur Hölle zu machen sein Haus,
Vom Gift sind durchtränkt alle Mauern,
Kein Platz, wo man bettet sein Haupt.

Was tun! Niemand glaubt an das Glück mehr,
Wir lachen uns um den Verstand,
Betrunken beschaun wir von draußen,
Wie einstürzen Dach uns und Wand.

An Leben und Freundschaft Verräter,
Verschleudern wir Worte aus Müll.
Was tun! Nun, wir schlagen den Weg frei
Dem Sohn, der da kommen einst will!

Sind erst unsre ärmlichen Knochen
Verfault bei den Nesseln am Zaun,
Wird daraus ein kluger Professor
Historische Werke sich baun …

Nur damit die schuldlosen Kinder
Aufs Blut der Verfluchte dann quält
Mit Todes- und anderen Daten,
Zitatenbrei, leer und entstellt…

Ein trauriges Los – so zu leben,
Verworren, gefeiert und schwer,
Besitz sein für künftge Dozenten
Und zeugen ein Kritikerheer …

Ins Steppengras sinken, ins frische.
In Schlaf, der mich ewig umgibt!
Verstummt doch, ihr Bücher, verfluchte!
Ich nehme zurück, was ich schrieb.

  1. Juli 1908

Deutsch von Wolfgang Tilgner, aus: Alexander Block, Ausgewählte Werke Bd. 1: Gedichte. Poeme. Berlin: Volk und Welt, 1978, S. 173f

ДРУЗЬЯМ

Молчите, проклятые струны!
А. Майков

Друг другу мы тайно враждебны,
Завистливы, глухи, чужды,
А как бы и жить и работать,
Не зная извечной вражды!

Что‘ делать! Ведь каждый старался
Свой собственный дом отравить,
Все стены пропитаны ядом,
И негде главы приклонить!

Что‘ делать! Изверившись в счастье,
От смеху мы сходим с ума
И, пьяные, с улицы смотрим,
Как рушатся наши дома!

Предатели в жизни и дружбе,
Пустых расточители слов,
Что‘ делать! Мы путь расчищаем
Для наших далеких сынов!

Когда под забором в крапиве
Несчастные кости сгниют,
Какой-нибудь поздний историк
Напишет внушительный труд…

Вот только замучит, проклятый,
Ни в чем не повинных ребят
Годами рожденья и смерти
И ворохом скверных цитат…

Печальная доля – так сложно,
Так трудно и празднично жить,
И стать достояньем доцента,
И критиков новых плодить…

Зарыться бы в свежем бурьяне,
Забыться бы сном навсегда!
Молчите, проклятые книги!
Я вас не писал никогда!

24 июля 1908

O Dichter

Paul Claudel

(* 6. August 1868 in Villeneuve-sur-Fère; † 23. Februar 1955 in Paris)

Aus: Die Musen. Eine Ode

So, wenn du redest, o Dichter, und in köstlicher Aufzählung
Von jedem Ding den Namen aussprichst,
Wie ein Vater es geheimnisvoll in seinem Urwesen nennst, da du ja einst
An seiner Schöpfung teilnahmst, also hilfst du mit an seinem Bestehen!
Jedes Wort eine Wiederholung.
So ist der Sang, den du singst im Schweigen, und so ist die selige Harmonie,
Mit der du in dir selbst Ähneln und Trennen nährst. Und so,
O Dichter, werde ich nicht mehr sagen, daß du von der Natur
je Unterricht erhältst, nein, du bists, der ihr deine Ordnung gibst,
du, der du alle Dinge bedenkst!
Um ihre Antwort zu sehen, ists dein Spiel, eins nach dem andern beim Namen zu nennen.
O Virgil unter den Reben!

Deutsch von Franz Blei. Aus: Der Jüngste Tag. Die Bücherei einer Epoche. Neu herausgegeben und mit einem dokumentarischen Anhang versehen von Heinz Schöffler. Faksimile-Ausgabe in 2 Bänden. Frankfurt/M. Scheffler 1970. Band 1, S. 1703f (Der Originalband erschien 1917 bei Kurt Wolff, Leipzig)

Ainsi quand tu parles, ô poëte, dans une énumération délectable
Proférant de chaque chose le nom.
Comme un père tu l’appelles mystérieusement dans son principe, et selon que jadis
Tu participas à sa création, tu coopères à son existence !
Toute parole une répétition.
Tel est le chant que tu chantes dans le silence, et telle est la bienheureuse harmonie
Dont tu nourris en toi-même le rassemblement et la dissolution. Et ainsi,
O poëte, je ne dirai point que tu reçois de la nature aucune leçon, c’est toi qui lui imposes ton ordre.
Toi, considérant toutes choses !
Pour voir ce qu’elle répondra tu t’amuses à appeler l’une après l’autre par son nom.
O Virgile sous la Vigne !

Paul Claudel: CINQ GRANDES ODES. ÉDITIONS DE LA NOUVELLE REVUE FRANÇAISE, PARIS 1913, S. 30f

du 1% quotenschweizer, sag ja zur lyrik!

Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd

du 1% quotenschweizer, sag ja zur lyrik!
(das anbrechen einer neuen zeitrechnung)

dieses gedicht stammt aus einer zeit vor meiner geburt. ich schrieb es drei jahre bevor ich zur welt kam. obwohl das für dich einfach unmöglich erscheint. wenn du es im 21.jahrhundert zu lesen bekommst. weil echte zeitreisen erst ab dem 23.jahrhundert technisch ausgereift waren. weshalb ich zunächst von einem großen fan meiner eigenen gedichte aus der zukunft. in seine gegenwart entführt werden musste. damit ich von dort aus nach 1979 zurückreisen konnte. um dieses gedicht in dieser vergangenheit geschrieben haben zu werden. ich widme dieses gedicht meinen geschätzten kollegen. aus der gesamten deutschsprachigen lyrikszene. die damals noch lebten und im allerersten jahrbuch der lyrik vom herausgeber Karl Otto Conrady veröffentlicht wurden. ich widme es also: Oda Schaefer. Rose Ausländer. Wolfgang Weyrauch. Lotte Paepcke. Hans Peter Keller. Karl Krolow. Hildegard Wohlgemuth. Josef Büscher. Margarete Hannsmann. Otto Heinrich Kühner. Ingrid Würtenberger. Erika Burkart. AUS AARAU IN DER SCHWEIZ! Walter Höllerer. Heinar Kipphardt. Heinz Winfried Sabais. Jochen Hoffbauer. Rudolf Langer. Franz Liebl. Kay Hoff. Friederike Mayröcker. Wolfgang Bächler. Ernst Jandl. Gisela Pfeiffer. Heinz Piontek. Franz Mon. Walter Neumann. Dagmar Nick. Hugo Ernst Käufer. Oskar Pastior. Fritz Pratz. Richard Anders. Edwin Wolfram Dahl. Astrid Connerth. Walter Helmut Fritz. Wolfgang Hädecke. Kurt Küther. Josef Reding. Peter Rühmkorf. Karl Alfred Wolken. Hans-Jürgen Heise. Roger Loewig. Dieter P. Meier-Lenz. Kurt Morawietz. Jürgen Becker. Fritz Deppert. Harald Hartung. WAS WAREN DAS DOCH FÜR ZEITEN! Lorose Keller. Günter Lanser. Arnfrid Astel. Horst Bingel. Peter Härtling. Christel Guhde. Dieter Hoffmann. Arno Reinfrank. Fritz Werf. Rolf Haufs. Bruno Hillebrand. Christoph Meckel. Otto Sahmann. Gottfried Schäfer. Elke Oertgen. Klaus M. Rarisch. Karin Voigt. Jean Apatride. Ingeborg Görler. Jochen Lobe. Gerd Norias. Hannelies Taschau. Helder Yureen. Michael Buselmeier. Christoph Derschau. Harald Gröhler. Renate Krämer. Rainer Malkowski. Hans Dieter Schäfer. Hans-Jörg Modlmayr. Konrad Rabensteiner. Guntram Vesper. Ute Zydek. Gerd-Peter Eigner. Hanne F. Juritz. Gerhild Michel. Gerhild Wirth. Gregor Laschen. AUS CASABLANCA IN MAROKKO! Godehard Schramm. Mathias Schreiber. Johann P. Tammen. Peter Paul Zahl. ZUR ZEIT IN DER JUSTIZVOLLZUGSANSTALT! Sigfrid Gauch. Dietmar Ortlieb. Ralf Thenior. Ludwig Fels. Bernhard Laux. Peter Maiwald. Heidi Wegner. Ursula Krechel. Claus-Peter Lieckfeld. Rainer René Müller. Jürgen Wellbrock. Wolfgang Fienhold. Gerhard Falkner. Norbert Ney. Uwe-Michael Gutzschhahn. und Bodo Morshäuser. als geborene schweizerin bin ich stolz darauf. dass mein geliebtes herkunftsland. damals schon zu 1% anteil lyrik vertreten war. DAS WAREN NOCH ZEITEN! als die dichter (laut Conrady schon seit 1975) ihr „ich“ wiederentdeckten. und dadurch zu neuer innerlichkeit, subjektivität, sensibilität und privatheit erstarkten. während die schweizer wie immer ihren sonderweg einschlugen. abgesehen von Erika. denn die wollte unbedingt mitmachen. und dichtete wie es der zeitgeist verlangte. und landete prompt in dem ersten jahrbuch für richtige lyrik. mit ihren gedanken über das leben, den tod, die nacht, den nebel und andere tiefsinnige erschütterungen des herzens. DAS WAREN NOCH ECHTE GEDICHTE! die letzten großen begriffe hatten noch vornamen. die zwar genau so geheim blieben wie heute. doch allein ihre anspielung erlaubte ein staunen. und immerhin folgte auf Erikas beiträge der traum von Walter Höllerer. den ja nun jeder kennt. also den Walter. oder den traum. der nur ein teil eines „langen gedichts“ war. als schweizerin bleibe ich spätestens an diesem punkt der anthologie. ausgesprochen n e u t r a l. um mir die lust auf den rest nicht zu verderben. ich bin erst auf seite 19 des schweren buches. das raue papier ist dick und fest. mein privates, subjektives und innerliches ich nimmt sich die zeit. die es braucht um die zukunft zu erreichen. in der diese gedichte geschichte sind. und geschichte bleiben. während dieser vorliegende text. erst im jahre 2020 gelesen wird. denn als ich mich damit für das jahrbuch nummer 2 bei Conrady bewarb. hielt er es für einen schlechten witz. und empfahl mir die psychiatrie. mehr lob ist 1979 wohl kaum zu erwarten. der ritterschlag durch die hand eines königs. darf dich auch notfalls enthaupten. denn eines ist sicher: du wirst dadurch zum adligen engel. und hast einen platz im olymp der geköpften poeten schon vor deiner geburt. posthum verleihen sie dir dann den nobelpreis. und schon ist dein verdammtes leben als quotenschweizerin. eine runde sache zeitloser schönheit. wie ein klassisches uhrwerk ohne zeiger. mit wörtern über den zahlen: das NICHTS für die 1, das SEIN für die 2, das ALL für die 3, die ERDE für die 4, der GEIST für die 5 – und beim letzten atemzug der SINN für die 24. frohe weihnachten und einen guten rutsch!

(5.12.2020)

Vor 50 Jahren gestorben: Georg Maurer

Georg Maurer

(* 11. März 1907 in Reghin (Sächsisch Regen), Siebenbürgen, Königreich Ungarn; † 4. August 1971 in Potsdam)

Vor 50 Jahren, am 4. August 1971, starb der Dichter Georg Maurer. Sein letztes Gedicht schrieb er am 25. Juli 1971.

Spätes Aufwachen

Mir geht’s schlecht, schlecht geht’s mir.
Von diesem Lager erheb ich mich nicht mehr. Vor acht Wochen
da war ich noch ein Kerl. – Aber vor acht Wochen
sagtest du auch, du wärst vor acht Wochen ein Kerl gewesen
und du stürbst jetzt, wie heute. Was soll ich glauben?
Alles, was ich sage. Ich spaß nicht. – Ich hol den Arzt. –
Bist du wahnsinnig? Was soll mir ein Arzt? Die Augen
kannst du mir zudrücken. – Sieh mich mal an. –
Meine Lider sind wie Blei. Ich mag kein Licht sehn,
das ist es ja. Wahrhaftig, ich fürcht mich vorm Licht.
Ich könnt mich sterben sehn. Unerträglich. Ich wache lieber
mit geschlossenen Augen. Da kann ich mich konzentrieren.
Solang sich einer konzentriert, stirbt er nicht. –
Dann konzentrier dich. Ich mach währenddes das Essen. –
Aber wenn ich einschlafe und der Tod kommt?
Seit altersher waren sie Brüder und schieben sich gegenseitig
die Menschen zu. Infame Brüder. Richtige Verschwörer.
Ich will nicht schlafen. Dösen, ja! Da wird man wenigstens
nicht so überrascht. – Gut. Ich mach jetzt das Essen. –
Was gibt’s denn? – Blumenkohl! – Gut, aber gebacken
und mit Bröseln. Da ist wenigstens noch eine Hoffnung.
Und schau nach Post. – Aber du kannst ja die Augen nicht öffnen. –
Du liest mir vor. Vielleicht schreibt mir einer,
daß ich ein Kerl war. Da stirbt sich’s leichter. –
Du brauchst also keinen Blumenkohl mehr? – Was,
die eigne Frau läßt einen verhungern? O Welt, Welt!

Aus: Georg Maurer, Werke in zwei Bänden. Band 2. Halle, Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1987, S. 491

Kafka was here

Veronique Homann

Auch Franz Kafka ist,
lange bevor er neben dem eigenen Vater
zur Unruhe gelegt,
auf der Insel Helgoland gewesen.

Geschrieben hat er dort
                       eine Postkarte.

 
Aus: Veronique Homann, Sid Wischi Waschi. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2021, S. 11

Robert Reß (1871-1935)

Robert Reß

(* 2. Juni 1871 in Prag; † 9. Februar 1935)

In diesem Jahr hätte man seinen 150. Geburtstag begehen können. Seine Gedichte wurden 1899 bei Johann Sassenbach und 2013 bei Reinecke & Voß gedruckt. Hier eins daraus.

Wenn ich an sie denke,
sehe ich auch gleich das alte, schokladenbraune Kanapée.

Erste Liebe.

»Papchen.«

Auf der linken Schulter, wie hingetuscht, hatte sie ein Muttermal,
ein Spanferkelchen.

Ob es ihr wohl Glück gebracht hat?

Aus: Antreten zum Dichten! Lyriker um Arno Holz. Rolf Wolfgang Martens Reinhard Piper Robert Ress Georg Stolzenberg Paul Victor Mit Nachwort herausgegeben von Robert Wohlleben. Leipzig: Reinecke & Voß, 2013, S. 49

Lexikalisches über den Autor

Die Siege der Sorben

Die Siege der Sorben
(Obersorbisches Volkslied)*

Es zogen die Sorben gegen die Deutschen,
verstanden doch kein Wörtlein deutsch.

Sie sattelten ihre Pferde auf,
sie legten ihre Sporen an.

Sie gürteten ihre Schwerter um,
versammelten sich auf ebenem Feld.

Zum ersten Mal zogen sie in den Kampf,
erfochten da einen großen Sieg.

Als dies erfahren ihr König und Fürst,
wollt er sie sehn von Angesicht.

Gab er jedwedem ein neues Kleid,
nahm er sie alle in seinen Sold.

Zum zweiten Mal zogen sie in den Kampf,
erfochten da einen großen Sieg.

Als dies erfahren ihr König und Fürst,
wollt er sie sehn von Angesicht.

Ließ er jedweden kleiden in
den puren roten Scharlachrock.

Zum dritten Mal zogen sie in den Kampf,
erfochten da einen großen Sieg.

Als dies erfahren ihr König und Fürst,
wollt er sie sehn von Angesicht.

Wollt er sie sehn von Angesicht,
gab er jedwedem ein fuchsrotes Pferd.

Gab er jedwedem ein fuchsrotes Pferd,
dazu das blanke Schwert zur Wehr.

Deutsch von Kito Lorenc, in: Das Meer. Die Insel. Das Schiff. Sorbische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. Kito Lorenc. Heidelberg: Wunderhorn, 2004, S. 20

*) In der Sammlung von Leopold Haupt und Johann Ernst Schmaler (Hawptr u. Smoler) von 1841, nachgedruckt im Akademie Verlag 1953, steht das Volkslied in der Abteilung Feldlieder mit der Angabe: Gesammelt von Johann Woko in Kotten sowie unter Angabe einer Melodie (Abbildung unten mit anderem Text). Feldlieder (Pšezpólna) bedeutet: Lieder, welche beim Gange durchs Feld im Freien gesungen werden (Carmina peragraria). Der Inhalt muss auf die Zeit vom 9. – 12. Jahrhundert zurückgehen, während der die Deutschen nach harten Kämpfen die Sorben besiegten. Die deutsche Fassung dieser Anthologie trägt die Überschrift: Die Siege der Serben. Das war die Selbstbezeichnung der Obersorben.

Serbow dobyća

Serbjo so do Nĕmcow hotowachu,
słowčka pak nĕmski njemóžachu.

Swoje sej koniki sedłowachu,
swoje sej wotrohi připinachu.

Swoje sej mječiki připasachu,
do runoh pola so zjĕzdźowachu.

Prĕni króć na wójnu ćehnjechu,
wulke tam dobyće sčinichu.

Hdyž be to zhonił tam kral a fĕršta,
dał je jich wšitkich wón před so přińć.

Dał je jim wšitkim wón nowu drastu,
dał je jich wšitkich wón do wojakow.

Druhi króć na wójnu ćehnjechu,
wulke tam dobyće sčinichu.

Hdyž bĕ to zhonił tam kral a fĕršta,
dał je jich wšitkich wón před so přińć.

Dał je jich wšitkich wón zwoblekać
do lutoh čerwjenoh čorlacha.

Třeći króć na wójnu ćehnjechu,
wulke tam dobyće sčinichu.

Hdyž bĕ to zhonił tam kral a fĕršta,
dał je jich wšitkich wón před so přińć.

Dał je jich wšitkich wón před so přińć,
dał je wón kóždemu ryzy konja.

Dał je w6n kóždemu ryzy konja,
hišće tón swĕtły mječ k zejhrawanju.

Schlechte Verse

Sándor Petőfi

(* 1. Januar 1823 in Kiskőrös (oder Kiskunfélegyháza) ; † 31. Juli 1849 bei Segesvár, heute Rumänien)

Von meinen schlechten Versen

Vielleicht sind manche Verse,
die ich verfaßte, schlecht.
Doch wer mir Menschenliebe
abspricht, ist ungerecht.

Schrieb ich nur immer gute
und könnt auf Lorbeern ruhn,
dann hätten ja die armen
Kritiker nichts zu tun.

Aus Menschenliebe mach ich
auch Abfall dann und wann,
damit die armen Schlucker
sich sättigen daran.

Mag jeder kaun und nagen
am Bissen, den er kriegt,
auch sie vielleicht sind Menschen,
wenn mich nicht alles trügt.

Deutsch von Martin Remané, aus: Sándor Petöfi, Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1981, S. 84

Versteckenspielen

Ana Blandiana

(* 25. März 1942 in Timișoara, Rumänien)

Versteckenspielen

Und siehe da, die Kirchen
beginnen über den Asphalt zu gleiten
wie mit Angst beladene
Schiffe,
der Turm ein Mast,
und die Segel gebläht
vom Wind,
der stets aus anderer Richtung weht,
so daß du,
gehst du unachtsam die Straße lang,
Gefahr läufst, von einer Kirche überfahren zu werden,
die in Schreckenseile
sich zu verbergen sucht.

In: neue literatur 1/ 1998, S. 47 (aus „EngelErnte, Ammann 1994, aus dem Rumänischen von Franz Hodjak)

DE-A V-AȚI ASCUNSELEA

Și iatǎ, bisericile
Pornesc sǎ alunece pe asfalt
Ca niște corǎbii
Încǎrcate de spaimǎ,
Cu turnul catarg
Și pânze umflate
De vântul
Bǎtând mereu din altǎ direcție,
Încât,
Dacǎ mergi neatent pe stradǎ,
Poți fi oricând cǎlcat de o bisericǎ
Înnebunitǎ,
Grǎbitǎ sǎ se ascundǎ.

Aus: Ana Blandiana, LA CULES DE ÎNGERI, Bukarest: Editura LiterNet, 2002, S. 256