Polnisch-litauische Heimat

«Irgendwo musste der Mensch schliesslich geboren werden. Nicht jeder konnte in Wilna zur Welt kommen», äusserte sich der polnische Dichter Tadeusz Rózewicz einmal ironisch ergeben über seinen Geburtsort Radomsko, ein hässliches Provinznest, das nichts von jener magischen Aura besitzt, die viele an der litauischen Hauptstadt rühmen. Eine Herkunft aus Wilna, wo sich die verschiedensten Kulturen, Religionen und Sprachen – Litauisch, Polnisch, Russisch, Jiddisch, Weissrussisch und Deutsch – begegneten oder auch zu verdrängen suchten, gilt in Polen noch heute als Auszeichnung, die alte Wilnaer mit Stolz tragen wie einen funkelnden Orden.

In diesem Sinn war es mehr als ein symbolischer Akt, dass sich der grosse litauische Dichter [Tomas Venclova] nach seiner Rückkehr aus den USA vor kurzem nicht etwa im heimatlichen Vilnius niederliess – sondern in der alten polnischen Königsstadt Krakau.
/ Martin Pollack, NZZ 27.9.02

Böhmers Kaddisch

Was Böhmers Lyrik auszeichnet, sind ihre abenteuerlichen und souveränen Reisen ins enzyklopädische Universum: Vom Vokabular aus Botanik, Anatomie, Psychologie, Kosmologie und Mythologie bis hin zum Alltag zwischen „Hertie und Hauptbahnhof“ ziehen die Texte, getrieben von dem Zwang, „gegen die Namen der Dinge“ sagen zu müssen, „was die Dinge sind“, alle sprachlichen Register. Die Welt, die Böhmer dabei entstehen lässt, gleicht dem, was Deleuze und Guattari einst „Chaosmos“ nannten: Man erkennt Strukturen, Wörter und Bilder, die sich wiederholen, parataktische Satzmuster und Rhythmen, sogar vereinzelt Reime, die aber nie selbstverständlich wirken, und zugleich scheint dieses gesamte System in permanenter Bewegung, jede Wiederholung auch eine Verschiebung, jedes Bild assoziativ weiterwuchernd, kein Rhythmus, der nicht auch arhythmisch gebrochen wäre. In diesem Chaosmos wird eine Welt des Verlusts, des körperlichen Verfalls und der Grausamkeit sichtbar. Litaneiartig, bisweilen geradezu apokalyptisch und ohne Scheu vor Pathos umkreisen Böhmers Verse immer wieder Schmerz, Krankheit, Tod.
Eva Demski verglich die Lektüre von Kaddish I-X mit einer Wanderung durch eine eisige Schnee- und Flusslandschaft, unter deren Oberfläche vor allem Gräber verborgen seien, neben den Gräbern aber auch künftige Sommer. Denn wie jeder Totengesang ist Böhmers Lyrik auch ein Lobgesang auf das Leben. / Sascha Michel, FR 27.9.02

Paulus Böhmers Poem Kaddish I-X erschien bei Schöffling & Co., 250 S., geb., 24,-

Wortskulptur

Ein Sprachkunstwerk unter dem Titel word search soll am 4. Oktober in der New York Times veröffentlicht werden: eine kolossale Tabelle, in der ein Wort aus jeder Sprache aufgelistet wird, die in New York gesprochen wird – übersetzt in jede andere dieser Sprachen. Die riesige Wortskulptur beruht auf einem Konzept der deutschen Künstlerin Karin Sander. Herauskommen wird am Ende eine kolossale Tabelle aus rund 250 Wörtern mit ebenso vielen Übersetzungen. / Die Zeit 40/2002

Homepage Karin Sander http://www.karinsander.de/index.php?id=e1

Die Kulturtage Lana feiern Oskar Pastior

meldet die NZZ am 23.9.02:

Fünf Tage lang und an wechselnden Orten feierte man bei den Kulturtagen Lana in Südtirol den nahen 75. Geburtstag eines Dichters, bei dem das Sinnliche allenthalben über den Tiefsinn triumphiert.

Der Text, dieser Wortleib, nährt sich vom Fleisch der Alphabete. «Fleischeslust» heisst ein frühes Prosabuch Oskar Pastiors, und mit zwingender Nahtlosigkeit heisst so auch ein Festessen, das «Grünzeug in Taschen und Beuteln oder Spiegelgefechte mit Teigwaren» androht und «Heuschreckenpudding auch Apfelbettelmann genannt». Wenn Herbst ist in Meran, dann ist es, Oskar Pastior zu Ehren, ein «O-Ton ‹Automne› – Linguistikherbst», wie ein Gedicht aus dem Band «Das Hören des Genitivs» heisst, das Wolfgang von Schweinitz vertont hat.

Franz Hodjak

Der Münchner Fotograf Hubert Kretschmer hat vor zwei Jahren in Mailand ein Liebespaar auf einer Treppe fotografiert. Und Beate Kraintz hat ihm dazu ein Gedicht von Franz Hodjak (Nikolaus-Lenau-Preis 1996) ausgesucht. / 22.9.02
(http://www.gazette.de/Kretschmer.html)

Female Victorian poets: beauty in constraint

After all, poetic composition is the art of finding beauty in constraint, of turning limitation into aesthetic opportunity, and that, we know, is a feat these women were forced to perform incessantly. As Dickinson, with her great talent for ambivalence, put it:

Essential Oils — are wrung –
The Attar from the Rose
Be not expressed by Suns — alone —

It is the gift of Screws —

Judith Shulevitz suggests that female Victorian poets made „ingenious use of their restrictions.“ (The New York Times.*) 22.9.02

After Nature

W. G. Sebald:

After Nature, translated by Michael Hamburger, reviewed by Eva Hoffman. (The New York Times.*) 22.9.02

Poet der Canyons

Ein Frühvollendeter, wie ihn die Literaturmythologie gerne hat, gar ein literarischer Ausbrecherkönig wie Rimbaud ist Everett Ruess nicht; und vielleicht kann man heute sein Lob eines «wilden und schönen», wahlweise «wilden und freien Lebens» nicht mehr so unbefangen wie damals aufnehmen. Dennoch lohnt die Lektüre sehr. Zu entdecken ist wirklich ein «Poet der Canyons» und ein bewegendes Leben dazu. Was man sich jetzt wünscht, ist eine ungekürzte Ausgabe. / NZZ 21.9.02

Der Poet der Canyons. Leben und Legende des Everett Ruess. Herausgegeben von Jenny Niederstadt. Aus dem Amerikanischen von Gaby Wurster. Malik-Verlag, München 2001. 244 S., Fr. 38.-.

poetry news

Rolf Schneiders Berliner Anthologie stellt ein Gedicht von Albrecht Haushofer vor. / Berliner Morgenpost 21.9.02 – NZZ 21.9. bespricht: Roberto Pazzi: Die Schwere der Körper. Gedichte 1966-1998. Italienisch/Deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Tobias Eisermann. Tropen-Verlag, Köln 2001. – In der Frankfurter Anthologie heute Gernhardts „Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs“ (FAZ 21.9.02).

Textgalerie: Jan Koneffke

Es wäre jedoch ein Missverständnis, Koneffke nur als modernen lyrischen Märchenerzähler zu lesen. Denn dieser Dichter verharrt nicht bei idyllisch anmutenden Erweckungserlebnissen einer traumnahen Kinderzeit, sondern belauscht auch die Dämonen einer gewalttätigen Geschichte, die sich in die Realien unserer Alltagswelt eingenistet haben. In einem Berlin-Gedicht verbirgt sich hinter der Wand einer heruntergekommenen Wohnung ein unsichtbarer Mitbewohner, eine grausige Inkarnation deutscher Barbarei. Die Traum-Reisenden Koneffkes werden oft heimgesucht von Phantasmagorien des Schreckens, die keine Aussicht auf irgendein versöhnliches Ende bieten. / Michael Braun, Freitag 38/ 2002

Neuerscheinungen der Verlage: Lyrik

Hier gehts zur FAZ-Seite Neuerscheinungen der Verlage: Lyrik (wegen der Entfremdung und des schlechten Wetters nur noch online!).
Hier meine erste kleine & private Auswahl mit 2 dazwischengeschmuggelten Zusätzen:

  • Anders, Richard: „Wolkenlesen. Über hypnagoge Halluzinationen, automatisches Schreiben und andere Inspirationsquellen“, br., ca. 250 S. (Wiecker Bote)
  • Böhmer, Paulus: „Kaddish I – X“. 250 S., geb., 24,- (Schöffling)
  • Brasch, Thomas: „Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer“. Gedichte. Hrsg. v. Fritz J. Raddatz u. Katharina Thalbach. 120 S., geb., 15,- (Suhrkamp)
  • Czernin, Franz Josef: „Elemente, Sonette“. 192 S., geb., 17,90 (Carl Hanser)
  • Darwish, Mahmud: „Wir haben ein Land aus Worten“. Arabisch und deutsch. A. d. Arab. u. Nachw. v. Stefan Weidner. 220 S., br., 16,90 (Ammann)
  • Dencker, Klaus Peter (Hrsg.): „Poetische Sprachspiele“. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. 450 S., br., 9,10 (Reclam)
  • Janz, Angelika: „orten vernähte alphabetien. Texte“. 116 S., br., 10,00 (Wiecker Bote)
  • Kalász, Márton: „Dunkle Wunde“. Hölderlin-Gedichte. A. d. Ungar. v. Julia u. Robert Schiff. 48 S., geb., 13,50 (Wunderhorn)
  • Kling, Thomas: „Sondagen“. 150 S., geb., 19,90 (DuMont)
  • Oppenheim, Meret: „Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich“. Gedichte, Prosa. Hrsg. v. Christiane Meyer-Thoss. 170 S., geb., 22,90 (Suhrkamp)

/ 20.9.02

 

Paul Wühr zu „Stoiber in Berlin?“

Ob es keinen Grund gäbe zu jubeln für Bayerns Demokraten welche Städte bewohnen und keinen Anlass

Bürgerfeste zu feiern aus Freude über den Verlust einen eventuellen ihres römisch-katholischen Ministerpräsidenten

nämlich bitte sollte auf ländlich dörfliche Weise bald von oben her nachgeholfen worden sein und sein Kirchenvolk dort

im hohen Norden pünktlich weißen Rauch aus dem Reichstag steigen sehen und in heißen Tränen ersticken da ihr

von Kirchenvätern Bestimmter seinen heimischen Herrgottswinkel nämlich einen von Garanten ewiger Wahrheiten die

unser aller Recht auf Selbstbestimmung bedrohen besetzter verlassen würde um in naher Zukunft im Lande Brandenburg

nur zum Beispiel eine auf bairisch verschlampte Theologie abspielen lassen zu können nämlich einen Vater am Kreuz

der den Erlöser braucheshalber vertritt und als Dreingabe eine Maria als Mutter des Vaters mein Gott

was für eine Fremdbestimmung preußischer Frauen Berlin würde Hauptbahnhof für Kreuzzüge gegen Schwangerschaftsabbruch

andere wetterten in den Schulen kreuzeshalber Chefsache wäre Verdammung der Achtundsechziger Kreuzzüge gäbe es

gegen die Lust am Leben und gegen die Würde des Sterbens gegen die Ehe von gleichen Geschlechtern kein

Sex vor der Trauung nach ihr Kreuzzüge gegen jede Verhütung die Familienplanung im Himmel auf Erden möglichst

wenig Vergnügen Fazit Seligsprechung von Leid und Schmerz Amen ob es also nicht klüger wäre für Demokraten nämlich

jenen in den Städten den Jubel beim Abgang ihres Landesvaters zu unterlassen sein Geist würde
nicht mehr aus Altötting und nicht nur über uns Bayern kommen sondern aus Berlin und über ganz Deutschland.

Paul Wühr, geb. 1927, lebt in Italien. Zuletzt erschien „Was ich noch vergessen habe“ / Umfrage, Die Zeit 39/02

Tage der Dichtung

Am 11. September, dem Geburtstag des lettischen Nationaldichters Janis Rainis (1865-1929), wurden im ganzen Land die 1966 ins Leben gerufenen und seitdem zur Tradition gewordenen Tage der Dichtung (Dzejas dienas) gefeiert. Matthias Knolls Seite „Literatur aus Lettland“ stellt aus diesem Anlaß ein Gedicht des großen Meisters in drei verschiedenen Übertragungen vor.

/ 19.9.02

Photograph from September 11

The New Republic empfiehlt ein Buch mit New-York-Gedichten, das auch einige über die Anschläge vomm 11. September enthält. Darunter Polens Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska: „Photograph from September 11“ („They jumped from the burning floors– / one, two, a few more / higher, lower“) / 19.9.02

Hombroicher Sondagen

Die intensivsten Momente von „Hombroich: Literatur X“ verdankte das Publikum ohne Zweifel einem ganz starken Thomas Kling. Im Zusammenspiel mit Frank Köllges brachte er Auszüge seiner „Sondagen“ ungeheuer eindringlich vor. So unmittelbar nach dem Erinnern an den 11. September 2001 in New York durchbohrten seine Verse mit dem Titel „Manhattan Mundraum“ in rascher Folge die übereinander geschichteten Erinnerungsbilder: „Null Sicht“, Totenmehl“, „Zungen, die in Schlünde winken“, „Bittres Mehl, darüber der Wind geht“ – „Nachrichten vom Schädeldach der Welt“. „Blut, Ocker oder meinethalben Gedicht“, rezitierte Kling, bebend vor Erregung, während ein ganz präziser und präsenter Frank Köllges Stühlen, Trommeln und Becken verstärkende Töne entlockte. / Neuß-Grevenbroicher 18.9.02