Ältere, älteste

Die Anthologie, deren Beilagen ich gestern vorstellte, ist auch in sich sehr ergiebig:

Liederdichtung und Spruchweisheit der alten Hellenen. In Übertragungen von Oberstudienrat Lorenz Straub. Berlin u. Stuttgart: W. Spemann, o.J. [1908]

Ergiebig für die Suche nach ältesten Exemplaren aller möglicher Gattungen und Formen. Viel Material zum Beispiel für die Beschäftigung mit Monostichen.

Der erste Abschnitt bringt Homer und die Homeriden. Hesiod und die Lehrdichtung. Aus dem vorletzten Teilkapitel drei „Monostichen“ (ich setze es zunächst in Anführungsstriche, weil es vom modernen Herausgeber aus größeren Werken Herausgezogenes ist (a) oder von antiken Zeugen Zitiertes (b, c).

a)

Armut blödet den Geist, Reichtum gibt sichere Keckheit.

(Hesiod, Werke und Tage 319)

b)

Orpheus (?)

Mitläufer.

Thyrsosträger genug, und der Gottesbegeisterten wenig!

c)

Pigres

Ein Vielwisser.

Viel zwar wusste der Mann; doch wusst' er es alles nicht richtig.

Die Überschriften bei b und c sind natürlich editorische Zutat.

Kurze Kommentare zu Alter und Erfindungen.

Hesiod ist natürlich mit Homer der Erste und Erfinder von fast allem, was wir über die ältesten Griechen wissen. Man nimmt an, daß er um 700 v.u.Z. lebte, also gut 100 Jahre vor Sappho. Homers und Hesiods Form ist der Hexameter. Man muß wohl davon ausgehen, daß ihren Werken jahrhundertelange Übung vorausging.

Orpheus ist noch stärker als die beiden eine mythische Figur. Sein Vater ist der (ebenfalls mythische) thrakische König Oiagros, seine Mutter die Muse Kalliope. Ein Jahrhundert kann man da nicht angeben. Interessant ist aber, daß er bei Homer und Hesiod nicht erwähnt wird. Die älteste bekannte Erwähnung scheint von dem Dichter Ibykos zu stammen – er sagt nur in zwei Wörtern, daß sein Name berühmt ist. Von Pindar wissen wir die Namen der Eltern. (Es gibt jedoch auch andere Berichte, nach denen Apollo selber als Vater gilt). Die meisten antiken Quellen akzeptieren seine Existenz, wenige, darunter aber Aristoteles, bezweifeln, daß es ihn wirklich gab. Das Fragment b scheint den Dionysuskult oder zumindest seine Adepten zu kritisieren. Verständlich scheint es auch heute noch, unmittelbar und auch ohne mythische Bezüge.

Pigres ist schon eher historisch und auch deutlich später. Wir sind etwa 200 Jahre nach Hesiod. In der Zwischenzeit liegen Archilochos, Alkaios, Sappho, zu den heroischen Dichtungen in Hexametern sind individuellere, der Lebenswirklichkeit der Menschen nähere gekommen – das Distichon erlaubt es, dem hexametrischen Höhenflug etwas Skepsis beizugesellen, vieles kommt uns unmittelbar „modern“ vor. Noch näher am modernen, reflexiven, skeptischen Menschen ist der Jambus, mit dem man auch mal, wie bei Archilochos, den Heldenkult lächerlich machen oder über den Steuereintreiber schimpfen kann. Und dann die lyrischen Strophen bei Alkaios und Sappho…

Pigres hat das nicht erfunden. Aber offenbar hat er sich dieser Erfindungen der Vorfahren bedient. Er soll die Ilias „bearbeitet“ haben, indem er zwischen die Hexameter jeweils Pentameter einfügte, was elegische Verse ergibt. Schade, wenn wir das Ganze hätten,  könnten wir besser beurteilen, inwiefern das elegische Versmaß den heroischen Mythos unterläuft. Vielleicht ist es kein Zufall, daß die älteren heroischen (staatstragenden) Dichtungen komplett überkommen sind, während die modernen, individuellen, skeptischen und alltagsnahen späteren nur in kleinen Fragmenten überliefert sind? Umberto Ecos Fiktion die Komödie betreffend könnte auch auf Sappho, Archilochos oder Pigres passen.

Pigres jedenfalls ist einer der Erfinder. Er war offenbar der erste, der den jambischen Trimeter einführte.

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