Friedrich Schröder-Sonnenstern

Kalenderarbeit ist Arbeit am (Gegen-)Kanon. Nicht immer einfach, zwischen all den Brecht Goethe Quevedo Schlegel Brentano Mallarmé usw., die alle schätzenswert sind, Namen von Frauen aufzufinden. Oder Namen aus den sogenannt kleinen oder exotischen Sprachen, für die es außerhalb ihres Sprachraums nicht so viele Leser und Übersetzer gibt. Oder Namen, die in Vergessenheit gerieten oder die aus anderen Gründen durchs Raster fallen.  In den letzten Tagen fand ich im Kalender neben Stramm Cummings Artaud Friedrich Mörike… auch Constantijn Huygens, Oda Schaefer, Rachid Boudjedra, Edith Sitwell, Gala, Caroline Schelling, Charlotte Elisabeth Nebel, H.D. oder Helga M. Novak. Heute entscheide ich mich unter James Thomson, Joanna Baillie, Adam Asnyk, Peter Hille, Rainis, Caterina Albert, Subramania Bharati, Ernst Herbeck und Hannah Weiner für Friedrich Schröder-Sonnenstern. Um ihn als Künstler riß sich der Betrieb, bis er ihn fallenließ. Als Autor kommt er nie an kanonrelevanten Stellen vor. Allenfalls als „Randgruppenlyrik“ konsumierbar. Hier seine Biografie aus dem Wikipediartikel und dann ein paar Ausschnitte aus dem Band „Seelenerkennungsdienst. Sentenzen Gedichte Graphiken“ (BasisDruck 2006).

Friedrich Schröder Sonnenstern (* 11. September 1892 in Kaukehmen bei Tilsit als Emil Friedrich Schröder; † 10. Mai 1982 in Berlin) war ein deutscher Zeichner und Maler. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Art Brut oder der Outsider Art.

Friedrich Schröder war eines von 13 Kindern, von denen allerdings zwei unmittelbar nach der Geburt starben. Sein frühes Leben war gekennzeichnet von Aufenthalten in Erziehungs- und Irrenanstalten, letzteres wegen angeblichen Jugendirreseins (Dementia praecox), was schließlich zu seiner Entmündigung führte. Als er 1919 nach Berlin floh, beschäftigte er sich mit Okkultismus, Wahrsagerei und Heilmagnetismus. Er gründete eine Sekte und verteilte seine Einnahmen in Form von Brötchen (Schrippen) bevorzugt an Kinder, was ihm den Titel „Schrippenfürst von Schöneberg“ einbrachte. 1933 wurde Sonnenstern – den Namen hatte er sich um 1928 zugelegt (Eliot Gnas von Sonnenstern) – in die Provinzial Irren- und Heilanstalt Neustadt in Schleswig-Holstein eingewiesen, wo er den Künstler Hans Ralfs kennenlernte, der ihn zum Zeichnen erster Bilder animierte. Nach der Entlassung folgte ein dreijähriger Gefängnisaufenthalt, anschließend der kurzzeitige Dienst im Luftwaffendepot und die Abschiebung ins Arbeitslager Himmelmoor bei Quickborn. 1942 gelang ihm die Flucht nach Berlin. Unter schwierigsten Umständen überlebte er die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und begann ab 1949 intensiv zu zeichnen. Die Surrealismus-Exposition in Paris 1959 feierte ihn als den beeindruckendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, international aufsehenerregende Ausstellungen folgten. Schröder-Sonnenstern zählte ab Anfang der 1970er Jahre zur Künstlergruppe der Berliner Malerpoeten. Er kam den Aufträgen nicht mehr nach, ließ von Gehilfen seine Bilder ausmalen und führte Details, Feinarbeiten und Korrekturen eigenhändig aus – bis die Gehilfen, teilweise angeregt und beauftragt von Galeristen und Händlern, auf vorsignierten Kartons Schröder-Sonnenstern-Motive kopierten, ausmalten, verkauften und ihn schließlich zum Opfer von Fälschercliquen degradierten. Als dies bekannt wurde, ließ ihn der Kunstmarkt konsequent fallen. Seriöse Galeristen und Sammler wendeten sich von ihm ab, er zog sich komplett zurück und starb, fast vergessen und verarmt, 1982 in Berlin. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.

Friedrich Schröder-Sonnenstern
Seelenerkennungsdienst
Sentenzen Gedichte Graphiken
Herausgegeben von Jes Petersen
Mit einer Auswahlbibliographie von Ingrid Hägele

Sonnenstern. 3facher Weitmeister ailer freien angewandten nützlichen, schönen 7dimensionalen einzigen Künste und der größte Dichter, denn er sieht nur Holzköppe Arschlöcher und Gelichter.

Die rätselhafte Kraft

Ganz wider Willen zwingt mich eine unheimliche Kraft zum Dichten und Malen. Sie packt mich mit aller Gewalt, in den reißenden Strom zerrt sie mich pausenlos weiter und duldet keinen Stillstand zu Atempausen, Verschnaufen. Ich will aber singen, tanzen, dirigieren, denn nur das scheint meine Stärke zu sein.

Die moralische Dichtkunst
Für Studenten

Essays müßen kurz sein aber packend mitreissend beschwingend erfrischend erwärmend belebend fragend wirkend und was die Hauptsache ist zum freien Nachdenken anregen für Leser Lehrmittel sein und Freude vermehren Qual und Leid verringern und abwehren.

Aus: Gedächtnisschwachsimplizissimus
Satire

Die moralische Hirnstärkung
Hymne auf die Gehirndrüsenschaltwerkatome
Text, Musik und Bild:
Lachmeister Salutor Kommalvor Gnas von Eliot Sonnenstern
(Obergelstrat, Obersozialrat. Obermoralrat und geheimer Oberkulturmondnarr)

Prolog:
Seht euch doch diesen Mann mal an.
da war bestimmt doch alles dran.
was mancher so gebrauchen kann.
Nur sein Gehirn war krank und schwach,
das brachte ihm manch Ungemach:
So Kummer. Sorgen, sonstges Leid.
weil er mit Kälte, Wärme, Wetter.
so aller Dummheit einzige Retter.
nicht im Geringsten wußt‘ Bescheid (…)

Der moralische Wahrheitsmaler

Ein’n Wahrheitsmaler gibt es auch,
der hat jenen besonderen Brauch,
er malt die Wahrheit, wie sie ist,
so wie sie liebt, frisst, kackt und pißt.

Der moralische Zweck
Für Bellmer

Der moralische Zweck des Lebens ist, aus scheinbar unschönen Dingen durch richtige Mischungen, schöne zu schaffen, z.B. graue Erde = (Schmutz) = mit unschönem stinkend = Mist und kleinen Samenkörnern gibt blühende, duftende Sträucher, Blumen und Bäume.

Der melancholische Eulenspiegel!

Ich kam in die Welt und suchte nach Brot,
fand aber nur Elend, Trauer und Not.
Ich suchte nach himmlischer Liebe,
fand aber nur Nichtachtung und schmerzende Hiebe.
Ich suchte die Hoffnung,
fand aber nur die Seele folternde Tropfung.
Ich suchte leider auch den Glauben,
fand nur Gespenster, die Alles nur rauben.
Ich suchte sehr eifrig auch das Glück,
fand aber leider nur stets einen Strick.
So frage ich, vielleicht ist das das Glück? —
Man risz mir die Seele aus dem Leib.
beschmierte sie mit Dreck
und warf sie dann hohnlachend jauchzend weg.

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