Puschkins Brüste

Umso erfreulicher ist es, dass mit „Ein guter Traum mit Tieren“ bereits der zweite Band von István Kemény (Jg. 1961) vorliegt und mit „Puschkins Brüste“ eine erste Auswahl von Arbeiten des Budapester Dichters Márió Z. Nemes (Jg. 1982) erschienen ist.

Beide Dichter sind in ihrem Land längst Kultautoren, sie gehören zu den umtriebigsten Lyrikern ihrer Generation und einer aktiven Dichterszene in Budapest, die mit anderen Künstlern und Künstlerinnen (Bildende Kunst, Performance, Elektronische und Neue Musik) zusammenarbeiten.

„Ich habe dich geliebt, Heimat, du Schöne, / und auch du hast getan, als ob es Liebe wäre:“ Diese beinah klassische Anrufung an die Mutter Erde und das Vaterland verweist auf die Traditionen ungarischer Dichtung: ein Ringen um Freiheit und Eigenständigkeit. Wie schon Generationen von Dichtern zuvor steht István Kemény vor den prächtigen Ruinen der Macht. In seinen Gedichten zieht er eine poetische Bilanz aus der zweiten Hälfte des Lebens, die im Gedicht „Abschiedsbrief“ gipfelt: „Ich werde leben, solange es mich in die Ferne zieht, / denn ich will, dass mein Herz sich der Fülle ergibt, / wenn du klingelst, wird es in meinem Kopf läuten, / Heimat, du Schöne, dich habe ich geliebt.“ Keménys Gedichte kreisen um Trennungen und schmerzliche Bindungen, sie streifen den Nihilismus des Geistes und finden zurück in einen vitalen Trotz, ein trotz allem. Wenn Kemény im Nachwort als „Dichter mit einem zärtlichen Verhältnis zum Nichts“ bezeichnet wird, so mag dies stimmen, er ist auch ein schwermütiger Melancholiker, einer der auf dem „Gipfel der Verzweiflung“ mit hoher Kunstfertigkeit balanciert: „Ja, ich sah Gespenster, genau wie du gesagt hast, / und ich sehe sie auch jetzt, ich sehe sie alle, / genau, und auch deine Gespenster sehe ich. / Sie haben sich zu mir gesellt, ich fing sie ein.“ (Aus: „Unser Tag“).

Márió Nemes, der auch als Kunstkritiker und Dozent an der Universität Budapest arbeitet, gehört einer neuen Generation an, die nicht mehr direkt von den Verwerfungen des Staatssozialismus geprägt ist. Trotzdem findet sich bei ihm immer wieder der Rückgriff auf Themen und Vokabular aus der Zeit bis 1989 – im Titelgedicht „Puschkins Brüste“ heißt es: „In dieser Fabrik hat man auch Mutters Brüste hergestellt. Sie war noch Pionierin, als sie gemacht wurden.“ / Tom Schulz, Luxemburger Tageblatt

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