Maulelaunenmanual

Heutzutage wird viel gejammert, aber selten geklagt. Der kunstvolle Klagegesang ist anderen Zeiten, anderen Kulturen vorbehalten. Sieht man einmal von Friedrich Rückerts „Kindertotenliedern“ ab, führt das Genre im deutschsprachigen Raum eine Randexistenz. Wobei „Sprache“ als syntaktisches Gefüge für den Klagegesang ohnehin erst einmal zweitrangig ist; es geht vor allem um die Lautlichkeit, um tönende Vokalreihen. Hugo Ball machte das einst in seiner „Totenklage“ anschaulich: „tru-ü / tro-u-ü o-a-o-ü /mo-auwa“.

Hundert Jahre nach Hugo Ball legt nun die 1981 in Breslau geborene Dagmara Kraus ihr „wehbuch“ vor, das einerseits ein ganzes „maulelaunenmanual“ beinhaltet, ein umfängliches Verzeichnis von Klagelauten („omoi“, „papai mu au“, „alälä! alälä! alälä!“) und sich andererseits in eine imaginäre Hochzeit der Totenklage zurückversetzt: „wäre ich im alten ägypten in die arbeiterklasse geboren / und früh verwaist, hätten mich die heimvormundinnen / von sais und saft el-hanna gleich ins berufsleben geschickt / fünfjährig hätte ich die dürren ärmchen um ein paar / schonend entdarmte staatsleichen gerungen, ein klagebalg / unter klagebälgern.“ / Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung

Dagmara Kraus: wehbuch (undichte prosage). Roughbook, Berlin und Schupfart2016. 110 Seiten, 10 Euro.

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