Forward Prize: Gedichte aus dem Zeitalter der Migration

Mag sein, daß die Hälfte der britischen Wähler Angst vor „Überfremdung“ hegt (hah: erst ein Empire errichten und dann wundern wenn die alle kommen). Wenn man sie über Lyrik abstimmen ließe, kämen vielleicht 99% heraus, na und? Was alle sagen, muß ja nicht für mich gelten, oder?

In Großbritannien wurde die Shortlist des Forward-Lyrikpreises veröffentlicht. Der Guardian schreibt, „sehr dynamische“ Finalisten zeigten grönländische, kreolische, schottische und kurdische Einflüsse. (Mancher erinnert sich aus dem Deutschunterricht, daß Johann Wolfgang Goethe vor 200 Jahren nicht in die patriotischen Franzosenfresserchöre einstimmen konnte und das Zeitalter der Weltliteratur ausrief. Vielleicht voreilig, wie gegenwärtige Entwicklungen in ganz Europa zeigen; aber was einmal in der Welt ist, kann immer wieder aufgerufen werden. Wir schaffen das!) Der Guardian spricht von „Gedichten aus dem Zeitalter der Migration“.

Der mit £15,000 dotierte Forwardpreis will „den besten Gedichtband“ des Vorjahres auszeichnen. Sprecherin Malika Booker sagte, die im Wettbewerb vertretenen Autoren seien eine Herausforderung an das was wir von Lyrik und ebenso an das was wir von der englischen Sprache wissen. (Nix korrekter Sprachgebrauch, werte Jury!). Booker, Schriftstellerin und Spoken word-Künstlerin, sagte, die britische Lyrik erlebe eine aufregende Phase. „Soviele Dichter dehnen jetzt die Sprache aus und bringen so vieles ihrer eigenen Erfahrung ein. Viele Gedichte handeln von Sprache und Raum. (…) Sie geben Einblick in die englische Sprache, zeigen wie sie sich ausdehnt und von anderen Sprachen aufnimmt. Die Gedichte, die wir gesichtet haben, reflektieren das.“

Sprecher von mehr als 300 Sprachen leben heute in Großbritannien. Viele Dichter hätten ein starkes Gefühl dafür, daß sie von andersher stammten. Sie mußten sich zwischen Sprachen und Dialekten zurechtfinden, das merkt man ihren Gedichten an. William Sieghart, der Begründer des Preises, meinte, vielleicht sei Lyrik heute das Genre des Zeitalters der Migration. Wenn man nicht alles mit sich tragen könne, könne man immer ein Gedicht im Kopf behalten.

Die kurdische Autorin Choman Hardi, die 1993 nach Großbritannien kam, erzählt in ihren Gedichten von den Überlebenden des Massakers an Kurden in Irak unter Saddam Hussein. Der aus Trinidad stammende Vahni Capildeo untersucht die Entfremdung der Ausgewanderten. Zitat: “My having had a patria, a fatherland, to leave, did not occur to me until I was forced to invent one.” Booker sagte, hier würden auch Grenzen zwischen Gattungen, zwischen Lyrik und Prosa eingerissen. Nancy Campbells Band Disko Bay handelt von Grönland, Harry Giles von den Orkneys.

Unter den 15 Nominierten sind 11 Frauen.

Neben dem Hauptpreis gibt es den mit £5,000 dotierten Felix Dennis-Preis für den besten Debütband und den Forward Prize für das beste Einzelgedicht (£1,000).

The Forward Prize for Best Collection (£15,000)
Vahni Capildeo – Measures of Expatriation (Carcanet)
Ian Duhig – The Blind Road-Maker (Picador Poetry)
Choman Hardi – Considering the Women (Bloodaxe Books)
Alice Oswald – Falling Awake (Cape Poetry)
Denise Riley – Say Something Back (Picador Poetry)

The Felix Dennis Prize for Best First Collection (£5,000)
Nancy Campbell – Disko Bay (Enitharmon Press)
Ron Carey – DISTANCE (Revival Press)
Harry Giles – Tonguit (Freight Books)
Ruby Robinson – Every Little Sound (Liverpool University Press)
Tiphanie Yanique – Wife (Peepal Tree Press)

The Forward Prize for Best Single Poem (£1,000)
Sasha Dugdale – Joy (PN Review)
David Harsent – from Salt (Poetry London)
Solmaz Sharif – Force Visibility (Granta magazine)
Melissa Lee-Houghton – i am very precious (Prac Crit)
Rachel Hadas – Roosevelt Hospital Blues (Times Literary Supplement)

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