Let us read less

Auf diese Weise lassen sich neue Beobachtungen und Aussagen realisieren, ohne auch nur ein einziges eigenes Wort zu verwenden, indem bloss bestehende Texte modifiziert oder abgetragen werden. «Erasure poetry» nennt sich dieses Verfahren. Durch gezielte Tilgung von Worten, Zeilen oder ganzen Sätzen im appropriierten Werk wird ein neuer Sinngehalt erzeugt. Elisabeth Tonnard etwa löscht die ersten zwölf Verse von T. S. Eliots berühmtem Poem «The Love Song of J. Alfred Prufrock» mit Tipp-Ex so weit, dass nur noch die Aufforderung übrig bleibt: «Let us read less.» Die Aussage der Zeile erfüllt sich beim Lesen selbst und wird zur Maxime einer ästhetischen Überzeugung, die neben dem unantastbaren Status des Originals und der Integrität des Textes noch ein drittes Dogma unseres Kulturkreises ankratzt: die Forderung nach kreativer Neuheit.

Denn viele Appropriationen sind im Umfeld des «conceptual» bzw. des «uncreative writing» anzusiedeln. Kenneth Goldsmith, Vertreter und theoretischer Mitbegründer dieser Bewegung, prägte – in minimaler Abwandlung einer Aussage des Konzeptkünstlers Douglas Huebler – das Diktum: «The world is full of texts, more or less interesting; I do not wish to add any more.» Wie zum Hohn auf den Literaturbetrieb, der stets nach Neuem verlangt, zieht sich Goldsmith angesichts der kulturellen Überfülle in die dezidierte Unkreativität zurück, indem er sich entschliesst, anstatt neue Texte zu produzieren, nur noch bestehende Texte zu appropriieren. / Magnus Wieland, NZZ

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