Mythos Polen?

„Die Poesie ist unsere nationale Domäne. Wir sind Meister im Gedichteschreiben. Gäbe es darin Europa- oder Weltmeisterschaften, würden wir immer auf dem Siegerpodest stehen.“

Artur Burszta, Leiter des Breslauer „Literaturbüros“, ist durchaus stolz auf die Bedeutung der Lyrik in Polen. Im Publizieren von Lyrik sind die Polen mit Sicherheit Meister. Die Nationalbibliothek registrierte im vergangenen Jahr 2050 belletristische Bücher. Über Dreiviertel von ihnen, nicht weniger als 1552, enthalten Gedichte.* Die romantische Tradition wirft einen langen Schatten.

„Ich würd‘ mein Volk als lebendiges Lied erschaffen.
So’n Lied ist Kraft, ist Wirksamkeit,
So’n Lied – es ist Unsterblichkeit!
Gib mir die Seelen!
Ich will die gleiche Macht über sie wie Du!“

Das Volk als lebendiges Lied erschaffen will der romantische Aufständische Konrad in Adam Mickiewiczs Nationalepos „Die Ahnenfeier“, weil die Existenz des Volkes höchst unsicher ist. Polen ist mit der dritten Polnischen Teilung durch die europäischen Großmächte 1793 von der Landkarte verschwunden. Die Dichtung von Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki und anderen Romantikern hält das Nationalbewusstsein lebendig, so dass sich im Ersten Weltkrieg Józef Piłsudski auf sie berufen kann, der Marschall, der sein Land befreite und mit starker Hand regierte.

„Durch Piłsudski und Słowacki ist Polen wiedergeboren. Denn der Eifer Piłsudskis stammt auch aus dieser Poesie. Es gab natürlich auch andere Faktoren, aber die Literatur spielte eine unglaublich wichtige Rolle.“

Der Dichter und Essayist Adam Zagajewski weiß, dass es damals auch andere Strömungen gab. In seinem Gedicht „Herostrates“ trat Jan Lechoń 1917 für eine Dichtung ein, die frei von nationalistisch-patriotischen Tönen und Märtyrer-Mythen ist:

„Im Frühling sollte man den Frühling sehen, und kein Polen.“

Doch nach dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges übernahm die polnische Poesie wieder ihre besondere Aufgabe in der Nation, meint Adam Zagajewski:

„In den Ländern wie Schweiz spielt die Lyrik die Rolle eines ‚Sonntagsetwas‘, niemand liest ein bisschen, wenn schon, dann am Sonntag. Aber in Polen, als das Land in Trümmern lag, las man Gedichte nach Wahrheitssuche. Denn das ganze Netz der Kommunikation war zerstört. Dazu kam noch die kommunistische Macht, die nicht beliebt war. Wenn das Leben so reduziert ist, dann kommt für Polen die Poesie.“

Die jüngeren Dichter Darek Foks, Marta Podgórnik, Adam Wiedemann, Katarzyna Fetlińska, Jacek Gutorow und Dariusz Sośnicki sind von solchen Aufgaben befreit. Sie gehen frei mit der Sprache um, vermeiden jedes Pathos und pflegen sprachliche Eigenarten. / Arkadiusz Luba, Deutschlandradio

Die erwähnten jüngeren Dichter sind soeben ins Deutsche übersetzt worden − zu lesen in der Essener Literaturzeitschrift Schreibheft und im Band „Polnisch Poetisch. Esther Kinsky im Gespräch mit sechs polnischen Dichter“, erschienen im Berliner Verlag Buchbund.

*) Und in Deutschland? Über 15000 belletristische Titel meldet die Statistik für 2013. Lyrik wird da nicht einmal ausgewiesen. Das Feuilleton nimmt nur ein paar Dutzend Titel wahr, die Dunkelziffer dürfte bei vielen hundert, vielleicht gar um eintausend liegen, das wäre ein Fünfzehntel.

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