90. Wer überrascht, gewinnt

Beim Südtiroler Nachrichten- und Communityportal Salto ein ausführlicher jury- und preisträgerkritischer Kommentar von Karl Gudauner zum Lyrikpreis Meran. Ich zitiere einige kritische Passagen (nicht ohne abermals auf die „Politik der Lyrikzeitung“ hinzuweisen, daß das Zitieren einer Meinung nicht bedeutet, daß wir diese Meinung teilen oder fördern wollen. Zitieren einer Meinung bedeutet nicht mehr und nicht weniger als dies: an dem und dem Platz gibt es die und die Meinung, die die geschätzten Leser bedenken mögen. Auch diskutieren, wenn sie mögen. bild dir deine Meinung mit kleinem b, s.v.p. Im übrigen, wer ist schon immer seiner Meinung?)

Über Thomas Kunst:

Willkürliche Zeilenumbrüche sollen die Prosa auflösen, vermögen es jedoch nicht, den Texten ein der Gedichtform entsprechendes Erscheinungsbild zu verleihen.

Die Jury hält es nicht für notwendig, dem formalen Gerüst der langen Texte auf die Spur zu kommen. Womöglich fehlt es einfach. Das kann als bewusste Loslösung von altüberlieferten Standards interpretiert werden. Es entspricht dem Individualismus der heutigen Zeit, das unverwechselbare Ego in den Mittelpunkt zu stellen, etwa durch Hineinweben biografischer Konnotationen im Stile von Facebook und die namentliche Nennung einer Muse*. Zugleich ist der Erzählfluss Ausdruck der Mitteilungsbedürftigkeit modernen Solipsismus inmitten unserer Kommunikationsgesellschaft.

Über Jan Volker Röhnert:

Weniger stimmig mutet dagegen das Auftauchen von Laurel und Hardy in solcher Landschaft auf, der Zeitenwechsel zwischen einzelnen Strophen oder die abenteuerliche Streckenführung, der Transkontinentalwaggons von München nach Mailand oder durch den Appenin nach Genua folgen. Einzelne Wortschöpfungen wie „Paradiesbahnhof“**, „Taubenprogramm“ oder „fahrradflitzt“ scheinen aus anderen Sprachkanons hineingerutscht zu sein. Mit der Leichtigkeit des savoir vivre geht schließlich auch ein geringerer Anspruch an Aussagekraft einher.

Über Tom Schulz:

Tom Schulz treibt es weit hinaus in seinen Phantasien, bis ins Uferlose. Kulturpessimismus, No-Future-Szenarien oder ein Weg der Daseinsbewältigung? Der Preis ist ein Ansporn, seinen Weg der Aufarbeitung existentieller Bedrängnis durch experimentelle Lyrik fortzusetzen. Vielleicht findet er formal und von den Sujets her wieder festen Boden.

Und über den „Vermittlungsauftrag“ der Jury:

Zahlreiche Oberschüler/innen haben den Pavillon des Fleurs als passives Publikum der Beratungen der Jury gefüllt. Ob mit Interaktionen oder der Bewusstmachung des Vermittlungsauftrags gegenüber der Jury: Dieser Event sollte genutzt werden, um eine Lernerfahrung zu ermöglichen, die über die Klassenräume hinausgeht. So oder so nehmen die jungen Leute eine Botschaft mit. Diesmal kommt sie ihnen gelegen: Wer überrascht, gewinnt. So stellen sie sich das Leben vor.

*) Aber nicht mit Goethe verwechseln.

**) Paradiesbahnhof gibts übrigens wirklich: in Jena.

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