60. Sonetten-Streit

Auszüge aus 2 – kontroversen – Stimmen zur Anthologie Hieb- und Stichfest:

In „Hieb und Stichfest“ geraten Lothar Klünner und Klaus M. Rarisch heftig aneinander, in der Art eines Streitgesanges, den sie traditionsbewußt als Tenzone bezeichnen, und in dem es mal wieder darum geht, was das eigentlich soll, mit dem Sonett. Dergleichen selbstbezügliches Dichten hat einen langen, metareflexiven Bart. Erinnert sei nur an August Wilhelm Schlegels Sonett aus dem Jahr 1800, das ganz in poetologischer Manier den Titel „Das Sonett“ trägt oder Robert Gernhards ironisches Anti-Sonett mit der Schlußzeile „Ich find Sonette unheimlich beschissen“. (…)

Ich will nicht verhehlen, daß mir ein Sonettist wie Rarisch – und so ein vermeintlicher Sonettablehner wie Klünner noch viel mehr – in seinem Ton und Tun schon beinah wie ein Hobbyfunker vorkommt, der mit nerdhafter Freude Alpha-Bravo-Charlie in den Äther spricht und auf die Antwort eines Kollegen hofft. Da ist diese putzige Verschrobenheit, der Ernst bei allem Unernst, wenn es darum geht, die Form zu erfüllen und auf die Formerfüllung zu pochen. Der fachgesimpelte Streit, bei aller Ironie. Als ob Sonette besonders was für verhinderte Bastler seien, die lieber mit der Sprache hantieren als mit Kleber und Holz. Und wie die meisten Modellbauer sind auch die Sonettverfasser überwiegend männlich. Habe ich früher nicht auch Panzermodelle gebastelt?

Nummer 2:

Es gibt zu Sonetten, so beobachtete ich das bisher, immer zwei Fraktionen. Die einen, die selbst Sonette als Kunstform schätzen und weiterhin kultivieren möchten oder sich zumindest an ihr reiben. Die anderen, die damit nichts verbinden, nichts anfangen können, in ihnen allenfalls einen ewig-gestrigen Zeitvertreib sehen, eine Art „Hobbyfunkertum“. Ist „Hobby“ schon böse, weil es das Sonett in die Nähe des Kunsthandwerks rückt, ist es das „‑funkertum“ im Zeitalter des Smartphones erst recht. Es so zu sehen, sei jedem herzlich gegönnt. Allerdings muss man sich bei einer solchen Sichtweise dann evtl. nachsagen lassen, dass man die letzten 25 Jahre Entwicklung der deutsch-deutschen Poesie verschlafen hat.

1995, als die Sonette des Bändchens entstanden, mag die Beschäftigung mit der romanischen Strophenform vielleicht noch exotisch gewesen sein; heute, 2013, kommt am „tönenden“ sonetto,dem „kleinen Tonstück“, keiner vorbei. Auch anderswo werden Sonette geschrieben, man reibt sich seit Jahrzehnten auch z. B. in USA (David Lerner, s. a. Fixativ, an der 14-Zeilen-Form. Versmaß (oder nennen wir es gebundene Sprache) ist – wer jemals wirklich in die Materie eingetaucht ist – für alle Dichter immer (noch) Thema, ob nun freie Form oder nicht, und von Marion Poschmann über Lars Reyer bis Ann Cotten hat dieses Klanggedicht in jüngster Zeit Konjunktur. Auch in Steffen Popps kürzlich erschienenem Gedichtband Dickicht mit Reden und Augen geht es um die 14-zeilige Form, die immer wieder zu Spiel und Auseinandersetzung reizt. Deshalb erstaunt diese Geste umso mehr, mit Gernhardt und Schlegel im Gepäck oberflächlich abzuwinken. Wie offenkundig! Wie fad!

Beide stehen bei Fixpoetry, Stimme 1 ist von Christian Kreis und Stimme 2 von Armin Steigenberger. Wer hat recht? Man kann ausm Bauch entscheiden, beschissen oder nicht, oder die so materialreiche wie preiswerte Anthologie lesen. Wo man mittellange (14 Zeilen a 10/11 Silben) und kürzere findet. Wie dieses kürzeste Sonett aus nur 14 Silben (und immer noch gereimt, siehe da! und sagt auch noch was!):
Lothar Klünner:

DEM HALBTIER

Zwo-
mal
Mo-
ral?

So
zahl
to-
tal!

Barst? –
Irrst
schwer:

Sparst.
Birst
eh’r.

19. Mai 1995

Klaus M. Rarisch, Lothar Klünner und Andere: Hieb- und Stichfest. Eine Tenzone in Sonetten, 60 Seiten, 2. leicht vermehrte Auflage 2012, ISBN 978-3-942901-06-2, 8 Euro, Reinecke & Voß Leipzig 2012

2 Comments on “60. Sonetten-Streit

  1. ich zitiere – dir und ihm zustimmend – einen der kontrahenten: „Ich bin ohnehin der Meinung, dass man – was die Rezeption von Sonetten angeht – sich vom leichten Auf und Ab der Jamben tragen lassen kann, ohne groß etwas davon verstehen zu müssen; dem Sonett liegt kein Geheimwissen zu Grunde, was ganz oft so kolportiert wird, ein wenig Leseerfahrung, vielleicht …“

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