116. Wie geht es der Lyrik?

Thomas Wohlfahrt im Gespräch mit Christine Watty im DLR. Auszug:

Deutsche Dichtung finde international kaum statt, sagt der Germanist Thomas Wohlfahrt. Ein nationales Zentrum für Poesie solle die deutsche Lyrik im Ausland wieder bekannt machen. Außerdem könnte es alle schon vorhandenen Gedichten sammeln und zugänglich machen.

(…)

Wie geht es eigentlich der Lyrik hierzulande?

Thomas Wohlfahrt: Das ist sicherlich die richtige Frage. Der Bedarf ist da. Der Lyrik in diesem Lande geht es gut, was die Produktion betrifft. Ich glaube Lyrik aus der Bundesrepublik Deutschland – das meint die deutsche, aber natürlich auch die anderssprachige, die hier entsteht – gehört zu den spannendsten in der Welt, weil sie auch eine große Poesiegeschichte hinter sich hat oder darauf zurückgreifen kann, was immer wichtig ist. (…)

Diese beiden anderen literarischen Künste haben ihre Orte, Lyrik hat sie nicht. Andere Länder haben es uns vorgemacht, wie gut es ist, wenn man solche Zentren hat. Das ist ja nicht, um etwas zusammenzupressen, sondern als Transmissionsriemen muss man das bitte verstehen. Da übernimmt man gesamtstaatliche Aufgaben. Das ist ja ganz wichtig in diesem Land, das ja föderal strukturiert ist.

Watty: Die Lyrik hat also diesen Ort nicht, sagen Sie, und sie hat natürlich auch immer noch diesen Nischenbeigeschmack. An dieser Stelle wäre es vielleicht ganz gut, wenn Sie uns noch mal beweisen, wie aktuell und wie nah dran die Lyrik auch sein kann, um vielleicht auch Menschen zu überzeugen, für die das immer nur dieses Tüpfelchen auf dem I, das, was ganz oben steht, ist.

Wohlfahrt: Die Dichterin Monika Rinck hat ein Gedicht geschrieben, das heißt schlicht und ergreifend „Zinsverbot“, spielt an auf das, was ja verboten war bis ins 16. Jahrhundert, überhaupt Zins zu nehmen. Das war unschicklich, gehörte sich nicht, das war dem Juden als dem vorbehalten, der damit Wucher machte. Das hatte natürlich wieder mit jüdischen Diskriminierungen zu tun, und so weiter, und so fort – also, das „Zinsverbot“ von Monika Rinck geht folgendermaßen, und da wird es vielleicht deutlich, was Lyrik alles kann:

Zinsverbot

Da hat doch schon wieder jemand die Milch in der Kuh verkauft.
Die Zukunft steht prinzipiell offen. Moment, das ist mein Euter!
Ihr sollt die Milch nicht im Euter verkaufen. Futures, Terminhandel:
auch das nicht. Und ihr sollt nicht mit unreifen Früchten handeln.
Ihr sollt warten, bis die Reize eine angemessene Größe haben,
groß genug, um damit für Tiernahrung oder Mietwägen zu werben.
Ja, das dauert. Stichwort: Volatilität! Auch sollt ihr die Wolle nicht
auf dem Rücken der Tiere verkaufen. Nicht einmal das. Und Zins
sollt ihr nicht nehmen! Wie? Zins nicht! Ihr habt schon verstanden.
Wenn man euch versehentlich Gelder als Zinsguthaben übereignet,
werdet ihr die präzise atomisieren, zugunsten insolventer Besteller.
Das wäre es, in etwa. Mehr braucht ihr dazu gar nicht zu wissen.
Und es wird euch wohlergehen auf Erden. Ja, ich meine es ernst.

(…)

Was fehlt, ist natürlich der Bereich des internationalen Auftritts. Der deutsche Dichter oder Dichtungen aus diesem Land findet international kaum statt. Das bricht richtig weg, nach Brecht, Benn, Celan das kann man nachweisen. Zum Beispiel gilt Hermann Hesse in aller Welt als der große deutsche Lyriker nach Goethe. Spielt bei uns in dieser Form weniger eine Rolle, ne?

Ein Zentrum hat dafür zu sorgen, dass dieser Austausch organisiert wird, indem man Übersetzungsförderung macht. Wenn ich sage, deutsche Dichtung sollte wieder in der Welt wahrgenommen werden, heißt das auch, ich muss den Gegenverkehr auch zulassen und den auch organisieren. Es geht eigentlich darum, sich auch das Gedächtnis wieder zu organisieren. Wir haben sicherlich Sammelstellen in Marbach, Weimar und wo auch immer, aber die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart ist nirgendwo konsequent gesammelt. Das heißt, wir denken an eine Mediathek. Das meint das Buch, natürlich.

Aber Lyrik, das hat mit ihrem Charakter zu tun, existiert eben auch in allen möglichen anderen formalen oder medialen Situationen. Da gibt es das Tape, das große Rundfunkarchiv, das geht bis zum Film, der ganze Bereich der visuellen Poesie. Neuerdings die digitale Poesie, alles da flüchtig, nirgendwo versammelt, der ganze Reichtum sollte erst mal gehoben werden und zusammengeführt werden. Und dazu, dass es so etwas gibt, wie ein, sagen wir mal, digitales Findbuch, das erstmals zusammenführt, was wo wo auch immer alles schon da ist, und verweist, wo man das finden kann.

Und viele Archive, die sammeln, die wissen gar nicht, was sie auch unter lyrischen Aspekten schon haben. Also das mal zusammenzutragen und der Welt zur Verfügung zu stellen, würde, glaube ich, sehr viel bedeuten und sehr viel bewegen für die Dichterinnen und Dichter in diesem Land, und für die ganze Dichterszene.

3 Comments on “116. Wie geht es der Lyrik?

  1. „… die deutschsprachige Lyrik ist niegendwo konsequent gesammelt. Das heißt, wir denken an eine Mediathek. Das meint das Buch, natürlich“.

    NIRGENDWO konsequent gesammelt…?

    Früher mal hießen die Orte, wo man Bücher konsequent sammelte, Bibliotheken…

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    • Nachtrag: Entschuldigung für den Tippfehler in dem Zitat. (‚Niegendwo‘ wollte offenbar unbedingt noch in die zeitliche Dimension drängen…)

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  2. »Thomas Wohlfahrt (* 16. Oktober 1972 in Kempten (Allgäu)) ist ein deutscher Sänger und Mitglied der Bands AllgäuPower und Heaven.«

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