4. Die hören nicht auf

Gerade kam, zusammengestellt von Sascha Feuchert und Jürgen Krätzer, Heft 250 heraus. Das Sujet diesmal: Literaturzeitschriften. Man könnte Selbstbespiegelung mutmassen, tatsächlich aber führt der über dreihundert Seiten starke Band auf ein Gelände, das mit passioniertem Engagement sehr viel, mit Narzissmus aber recht wenig zu tun hat. Über 250 deutschsprachige Literaturzeitschriften soll es geben, nur rund ein Dutzend kann für sich Bedeutung reklamieren, und ein Zuschussgeschäft sind fast alle.

schreibt Joachim Güntner in der Neuen Zürcher Zeitung über das aktuelle „horen“-Heft. Hat er darüber nachgedacht, wieviele der rund 238 „unbedeutenden“ er jemals in der Hand hatte? Und  in wievielen jener Zeitschriften vielleicht genau das geschieht, was nach seinen Folgesätzen Amt von Zeitschriften ist? „Bedeutend“, „Bedeutung“ gehört längst zu jenen Schlag-, Totschlagwörtern, mit denen die Matadore und Gralshüter des Betriebs mit ihrem Kanon ihre eigene „Bedeutung“ hochhalten. Wenn es bedeutend wär würd ichs kennen! rufen sie unentwegt.

Wieso kommt es dennoch immer wieder zu Gründungen?

Darauf gibt es allgemeine und zeitgebundene Antworten. Die allgemeine formuliert Michael Braun in seinem Beitrag für die «horen» prägnant: Als «Impulsgeber, Probebühnen und Erfahrungsfelder für neue Sprech- und Schreibweisen» seien Zeitschriften unentbehrlich. Das stimmt. In ihnen werden Experimente gewagt, Manifeste publiziert. Sie dienen den Autoren als Werkraum, um frühe Textfassungen eines geplanten Buches dem Licht einer kleinen kundigen Öffentlichkeit auszusetzen. Den Lesern erlauben sie, enge Fühlung zu aktuellen Strömungen des Denkens und Schreibens zu halten. Michael Krüger, langjähriger Herausgeber der «Akzente», hat den Zeitschriften überdies zugeschrieben, sie seien «immer auch strenge Mittel zur Kitschabwehr». (…)

Wechseln die Zeitläufte, kann dies die Auflage zum Sinken bringen. Wer darauf mit Erforschung des Lesers reagiere, mit statistischen Erhebungen, verliere seinen Kurs, seinen Stil, seine Prägnanz, sagt warnend Sebastian Kleinschmidt, der scheidende Herausgeber von «Sinn und Form». Glücklich das Blatt, das eine Akademie, eine Stiftung oder einen langmütigen Verlag im Rücken hat. Die «horen», die bei Wallstein Unterschlupf gefunden haben, zitieren am Ende ihrer 250. Nummer einen Schiller-und-Goethe-Hasser, der das Journal der beiden von 1795 bis 1798 mit Invektiven begleitete: «Lümmel. Die hören nicht auf.» Möge dies allen Zeitschriften-Herausgebern ein Wahlspruch sein!

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