32. Vater und Tochter

Erinnert sich noch jemand an Franzobel? Der hielt einmal eine Laudatio auf die Tochter Nora, und da er vor Annahme des Auftrags nichts von ihr gelesen hatte fiel ihm nicht viel ein und er lobte die Tochter indem er in ihrer Gegenwart den Vater als Avantgarde von vorgestern schmähte. In Basel konnte man jetzt beide zusammen hören:

Bei den Worten Lyrik und Poesie glauben die meisten, den vermeintlichen, über die Jahre angesetzten Staub schon beim Aussprechen auf der Zunge zu schmecken. Wer jedoch am Donnerstagabend den Gang durch die Frühwinterkälte ins Literaturhaus gewagt hat, wurde eines Besseren belehrt. Dort bot sich eine der seltenen Gelegenheiten, Nora Gomringer, die vielfach preisgekrönte Lyrikerin, Slammerin und Performerin in einer gemeinsamen Lesung mit ihrem Vater Eugen, dem Begründer der konkreten Poesie, zu hören. Oder vielmehr: zu erleben. Denn wenn die Gomringers anreisen, um «etwas mit der Sprache» zu «machen», wie es in einem von Noras Texten heisst, darf gelacht, gestaunt, dazwischengerufen oder auch einfach mal berührt innegehalten und geschwiegen werden.

Kurz vor der Lesung erst hatten Vater und Tochter an einem Tisch im Café den groben Ablauf der Lesung abgesteckt, und so blieb denn auch der ganze Abend erfrischend beweglich und überraschend, sowohl für das Publikum, als auch einstweilen für die Lesenden selbst. Die beiden interagierten humorvoll, tauschten Blätterstapel und amüsante innerfamiliäre Alltäglichkeiten aus, manchmal schien es, als höre der Vater einen Text seiner Tochter zum ersten Mal, oder zum ersten Mal seit langem wieder, woraus sich dann eine spontane Diskussion ergab. Mal las die Tochter einen Vatertext, mal der Vater einen Tochtertext, mal verschwand ein Blatt ganz ungelesen wieder in der Tasche und ein anderes fand stattdessen seinen Weg auf den Tisch. / Tageswoche

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