84. Lauf der Dinge

„Zwei Auszüge aus einem Interview mit Hubert Winkels über Literaturpreise*:

1. Bei prominenten Preisen gehen kleinere Verlage oft leer aus, als Reaktion formierte sich der„Hotlist“-Preis. Ein Missverhältnis – oder spiegelt das nur die Kräfteverteilung auf dem Markt wieder? Wenn’s um die Wurst geht, sind die Großen unter sich?
Bei der Beurteilung eines Textes sollte der Verlag keine Rolle spielen. Natürlich sind kleinere Verlage oft mutiger, gehen innovative Wege. Deshalb verdienen sie einen etwas größeren Aufmerksamkeitsschub am Anfang. Im Laufe der Diskussion wächst sich das aus. Dann geht es nur noch um Qualität. Die Guten landen häufig bei größeren Verlagen, man mag es bedauern, aber das ist der Lauf der Dinge. Wie soll ich als Wacker Burghausen den Spieler halten, der bei Bayern spielen soll…

2. Der Einfluss einer Jury auf das, was anschließend im Buchhandel verkauft wird, ist nicht unbeträchtlich. Wie geht man als Juror mit dieser „Macht“ um?
Wenn wir einen Lyrik-Band auszeichnen würden, würden viele lange Gesichter machen**. Man würde auch Schelte bekommen. Bei großen Preisen sollte man keinen exotischen Weg gehen und nach Kleinverlagen mit avantgardistischer Lyrik suchen. Das wäre der falsche Weg. Man adressiert sich an ein großes nationales, ja internationales Publikum. Natürlich freut man sich, ein Buch auszuzeichnen, das anschließend eine große Zahl von Lesern hat. Die halbe Nation liest es – toll! Für mich ist es viel wichtiger, ein Buch herauszuheben, das einen besonderen Akzent setzt. Das eine ästhetische Seite hat, die bemerkenswert, neu – und möglicher Weise sogar attraktiv für andere Autoren ist.

/ Börsenblatt

*) Wie sich der große Hubert die Dinge denkt, so sind sie auch. Dies wäre falsch, jenes ist richtig, zack zack. Und natürlich nicht mit avantgardistischer Lyrik, wie sie sich der kleine Moritz denkt – das nun gar nicht. „Vielfalt der Genres und Textsorten“, aber nicht übertreiben.

**) Wie wäre es dann mit einer Sparte Lyrik, wie es sie etwa bei Preisen in den USA und Kanada gibt??

3 Comments on “84. Lauf der Dinge

  1. tertium also quasi in synthese dieser sehr rege geführten debatte
    (wundere mich nur, weshalb nicht gleich darauf gekommen):

    * im grunde genommen ist diese (so eine) aussage das unfreiwllige eingeständnis, dass man in seinen entscheidungen – wenn auch wahrscheinlich bzw. im normalfall keinen direkten äußeren zwängen ausgesetzt – zumindest innerlich nicht frei ist und handelt!

    (und, mir scheint es so, da funktionieren die gesetzmäßigkeiten und eingendynamik des betriebs, in erster linie öknomische faktoren, wirksamer, verläßlicher und auch tiefgreifender als die widerstrebend oder angepasst internalisierten diktate und zensur im subordiniierten kulturbereich politisch totalitärer gesellschaftssysteme … als phänomen von lehrstuhl bis feuilleton oft genug & grundlegend abgehandelt.

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  2. >Der Einfluss einer Jury auf das, was anschließend im Buchhandel verkauft wird, ist nicht unbeträchtlich. Wie geht man als Juror mit dieser „Macht“ um?Wenn wir einen Lyrik-Band auszeichnen würden, würden viele lange Gesichter machen. Man würde auch Schelte bekommen. Bei großen Preisen sollte man keinen exotischen Weg gehen und nach Kleinverlagen mit avantgardistischer Lyrik suchen. Das wäre der falsche Weg. Man adressiert sich an ein großes nationales, ja internationales Publikum.<

    wenn das nicht eine begründung ist!
    und wie überzeugt die herrschaften von sind & daherkommen! wie kann man so eine "berufene" und "in sich schlüssige" ansicht + äußerung mit argumenten wiederlegen?
    wenn man schon wettbewerbe in der größenordnung von olympiaden veranstaltet (bei dem interesse, medienpräsenz etc.), kann man doch nicht auszeichnungen auch für irgendein badminton, judo, kunstspringen oder 3000m hindernislauf vergeben; dann sind goldmedaillen allein für die königsdisziplin 100m, noch hochsprung oder das edle dresurreiten gerechtfertigt!
    ABER MEIN HERR MIT DER WINDSCHIEFEN KNOLLE,
    DAT KOMMT SICHER VON DEM KARNEVAL IN KÖLLE?

    der Winkelhuberei teil 2:
    "Wenn wir einen Lyrik-Band auszeichnen würden, würden viele lange Gesichter machen. Man würde auch Schelte bekommen"
    1.) der herr sprechen dem konjunktiv zu: von wem kommt diese schelte?
    2.) dafür zitieren wir aber gerne und schmücken uns mit Liao Yiwu oder Brodski +++ und kriechen den auch handelsüblich ausgzeichenten roman lesern zugänglich(er)en dichtern wie Cardenal, Fried, Neruda bei alen erdenklichen Gelgenheiten noch posthum in den arsch
    3.) kann mir auch gut vorstellen, dass so eine Jury mal auf die idee gekommen wäre, Gernhard mit dem preis zu bedenken und es keine einwände im falle eines Jandls gegeben hätte
    3a) auch wenn der reife Enzensberger nun mal wieder mit was substantiellerem, nicht nur jovialen kauserien aufwarten würde, da würde schon die verlagshausmacht dafür & dahinter sein. 3b) und wenn nun Biermann plötzlich was aus der schublade zaubert u.a.?
    4.) dramatiker kommen ja so gesehen dafür auhc nicht oder kaum in frage – also beibt es bei den üblichen etwas geräucherten, saftigen, im backofen gegarten prosaschinken, dem handelsüblichen roman***. die etwas gewagteren oder experimentellen dürften dann die gleiche art schelte hervorrufen … oder liegt es an dann nur dem verlag? was nicht aufgetürmt werden kann oder über die xte variante des schlemenromans hinausgeht oder mit irgendeinem auhc "rucksackdt" migrationsvordergrund, (man widme sich in dem zusamenhang mal dem phänomen der stil entropie (parallel zu einem gesteigerten einsatz von pittoresken würzmitteln) und des originalittässchwundes über die jahre von Danilo Kiss oder nur Aglaja Vetranyi zu diesen humoristischen boy-group- vergangenheitsbewältigungen und vor allem den 2 gleisigen klischee nostalgiebahnen a la Nadj Abonji!) müsste dann schon bei hanser oder suhrkamp etc. erschienen sein, damits auf die longlist kommt?
    und: und wonach richtet sich so ein kritiker denn? unbescholtenheit und nicht gscholten werden sind schon vorrangige, in jedem proseminar einleuchtend darzulegende haltungen & standpunkte!
    5.) der große vorstizende vergessen, dass er bereits sehr früh recht rege war, einen Thomas Kling zu ikoniseren – schneller als Herr Ratzinger Herrn Wojtila selig zu sprechen gedachte – also bedeutet das nun, lebte er noch, würde er ihn auch von vornherein, per se ausgrenzen?
    6.) heißt das gar, dass ein/e verdiente/r romancierERIN, schon bzw mehrfach ausgezeichnet, so er/sie dann (es mus ja nicht unbedingt Grass sein, aber n Walser oder Kronauer z.B.) eine gelungenen, bachtten gedichtband verfasste damit von dem preis ausgeschlossen ist, den sie wohl bekommen hätte, wäre sie im betreffende jahr mit prosa hervorgetreten.

    u.a.m.

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    • im nachhinein kommt mir die eine oder andere spitze bemerkung fast etwas ungerecht vor – nicht die, mit der nase in den / nach dem wind hängen!
      der gute mann bekommt es nun ab, wie ein politiker, der mal die wahrheit an- & ausspricht. nur, nicht dass sie mir ein dorn im auge wären, aber diese feuilleton & tv formate dominierenden und ausfüllendenn herrschaften sollten sich vergegenwärtigen & nicht außer acht lassen, dass sie federführend an veränderungen und entwicklungen beteiligt sind so wie sie andererseits auch gut daran teilhaben, die zu einer banalisierung, verbiederlichung, oszilierenden re-trivialisierung (nicht dass ich der ansicht wäre, es gäbe in der kunst nur fortschritt, stetig weiterführende verfahrensweisen sowie kontinuierlich ausgefeiltere techniken oder alles offensichtlich avantgardistische & experimentelle sei auf so einem exorbitant höheren reflexions & inovationsniveau und auch noch gelungen und müßte somit ganz exklusiv wie orthodox als alleinige legitime kontemporane krönung der kunst gelten …) und seit ungefähr der jahrtausendwende sowohl in den gängigen rezensionen als auch in den eher wenig grundlegenden diskussionen beobachtbar ( mit allem anderen eckt man eigentlich nicht mal mehr an, man ist entweder dabei und partizipiert, bestätigt oder schweigt nobel bis desinteressiert oder man ist out & uncool bzw. nicht souverän), einem abnehmen, nachlassen des urteilvermögens, der konfrontationsbereitschaft bzw. -notwendigkeiten, der diskussionskomplexität und auch der analytischen reflexion von prämissen & implikationen …

      ich würde es mit vergleichbarer grandezza schnöde so auf den punkt bringen:
      die groß/kritiker, die was zu sagen haben, sind mit der zeitgenössichen lyrik/dichtung/ poetik immer weniger vertraut, daran interessiert (is ja auch nicht so einfach, und nicht immer befriedigend, da gibt es schönere, einfachere dinge, meist 2x pro jahr) sowie ihr auch nicht immer gewachsen. und die kritiker, die sich damit auseinandersetzen, sich damit beschäftigen, haben nix zu sagen bzw. wenig zu melden.

      (soweit meine zwiesprache)

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