76. Seltsame Sucht, sich aufzurichten

Mitgerissen in einem assoziativen Strom von Berührungen, Düften und stillen Augenblicken staunt der Leser über den Bauchladen voller Merkwürdigkeiten, den die Autorin Anne Dorn ihm anpreist. Sie hat viel zu erzählen. „Und aus solchem Reichtum, / den ich mit mir herumschleppe, / erwächst mir große Unruhe“. „Ungefragt“ überbringt sie Sehnsüchte: „Ich erinner Euch an Eure große Lust, / zu leben.“ Unstillbar ist ihr „Hunger nach Schönem, / diese seltsame Sucht, sich aufzurichten, / zu warten und zu empfangen mit offenen Augen“.

Ausgangspunkt ihrer Beobachtungen ist fast immer das Licht, „das Vielerlei / aus nichts als Licht!“ Von ihm kommt sie meist zu den Geräuschen. Mit hingetupften Wörtern initiiert sich der Regen als Staccato. Es gurgelt und gluckst in Regenrinne und Fallrohr, bis schließlich der Himmel aufreißt und die Sonne wieder scheint. Das Dampfen und die Gerüche nach dem warmen Sommerregen werden greifbar. …

Warum Anne Dorn erst jetzt eine Sammlung ihrer Gedichte vorlegt, bleibt ein Rätsel. Zwar veröffentlichte sie bereits Romane und schrieb Hörspiele, aber das lyrische Werk blieb über Jahrzehnte – um in Dorns Sprache zu bleiben – „unter der Wiese“. Nur das auserlesene Publikum literarischer Fachzeitschriften kam in den Genuss der Lektüre einzelner poetischer Kostproben. Dass man Anne Dorn, die 1925 geboren wurde, nun als 86jährige Debütantin bezeichnen kann, wird sie sicherlich freuen. Viel wichtiger ist aber, dass ihre wertvolle Sammlung jetzt nicht mehr verloren gehen kann und zwischen zwei (hässlichen) Buchdeckeln gerettet zum Kauf bereit steht.

Doch Vorsicht: „Jeden, der glaubt, mich genau zu verstehen, / und der mich entdeckt, gerade jetzt, / muß ich sofort erschießen!“. Lächelnd kann das Buch geschlossen werden – mit der Gewissheit, dass es nicht im Regal verstauben wird, denn es enthält einfach zu viele Momente, die es wert sind, immer wieder aufgerufen und nachgelesen zu werden. / Thorsten Schulte, literaturkritik.de

Anne Dorn: Wetterleuchten. Gedichte.
Poetenladen, Leipzig 2011.
79 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-13: 9783940691309

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