20. Nichts sagen

von marius hulpe

Ich bin ein junger – jung, so wünsche ich, noch etwas länger – Mensch,
der manchmal schreibt, und das, was so geschieht, aufnimmt, nicht
beobachtet, nur aufnimmt, samt der Fußnoten der Toten,
und der auch die Lebendigen schätzt, gerade sie, und sich verbietet
in Wespennester zu schlagen, weil meine Haut dünn ist
und meine Organe zu schwach für das Gift ihrer Stiche.

Ich lebe, wo Frieden ist, weil ich dort geboren bin.
Ich lebe, wo Frieden ist, weil ich dort bleiben möchte.
Ich lebe, wo Frieden ist, weil ich trotz einiger Gründe,

einen Krieg anzuzetteln – im Kleinen, im Großen –
keinen für derart triftig halte, um es schließlich zu tun.
Ich habe gelernt, dass ich auch als politisches Subjekt nicht
eingreifen kann, und wenn, dann eben symbolisch, als Teil
eines politischen Apparates, zum Preis, in Konferenzen zu hocken,
auf Sitzungen, wo ich mit Ja und Nein stimme, ohne Differenzierung,

so wie sie auch jetzt mit Ja und Nein stimmen, überwiegend
aber mit Nein, und eine Abrissparty veranstalten, in den Gazetten,
und es mir peinlich wäre, mich an diesen Rattenschwanz zu hängen,
mit aller Macht, was ich hiermit, in diesem Gedicht, natürlich
vollziehe. Das Mediensüppchen steht auf dem Herd, und alle
sind fleißige Topfgucker. Ich könnte mich inhaltlich äußern,
ich könnte nun abwägen, wo alles ringsherum schreit, aber

wenn das Politik ist, dann ist sie nicht mein Leben,
und wenn niemandem eine bessere Methode eingefallen ist,
dann kenne ich zumindest andere Dinge, unser mickriges
Leben zu bereichern. Ich möchte nicht denjenigen spielen,
der es den anderen sagt. Wenn es nach mir ginge, den Krieg
würde es nicht geben, für mich muss ihn niemand betreiben,
sondern hätte eher Freude daran zu sehen, wie es alle zugleich
erkennen, ihre Ohnmacht als Einzelner, ihre Kraft als Kollektiv, ohne
sich so zu nennen, und ohne nach der Kanzel zu reden, denn

im bloßen Dasein des Friedens, in seiner Selbstverständlichkeit
liegt eine Macht, und das heißt, es gibt Orte auf der Welt,
dort beschießt und bespuckt man sich nicht, lässt Kinder
am leben, baut keine Bomben, gibt sich nicht taktisch, hegt
keinen Verdacht. Ich kenne solche Orte und jeder andere
auch. Solche Orte wähle ich als die meinen. Ich wohnte lange
in kleinen Städten, wo es viele Konflikte gibt, auf engstem
Raum, an der Grenze zum Hass, den ich nicht aushalten würde,
an dem ich verginge, wäre er mir nicht vor allem eines: egal.

3 Comments on “20. Nichts sagen

  1. dieses „antilyrische“ gedicht sagt (mir) SEHR VIEL, sowas hätt ich gern als jugendlicher gelesen, als ich bei keinem dichter heimat für meine seele fand – es hätte mir kraft zum durchhalten in der kleinstadt gegeben, wo nur die routine des normalen zählt… vielen dank für den mut, es hier zu veröffentlichen 😉 gruß aus ddorf @ http://www.URSCHOCK.de

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