90. Gedichte aus Czernowitz

 

Paul Celan war keineswegs der einzige Dichter aus Czernowitz. Die Stadt mit dem Beinamen Kleinwien, die Hauptstadt der Bukowina, die zu ihrem Unglück aus Österreich-Ungarn nach Rumänien kam und dann der Ukraine zufiel, zu der sie heute noch gehört, war ein kulturelles Zentrum, vor allem ein Zentrum der jüdischen Kultur, reich und brodelnd.

 

François Mathieu hatte die ausgezeichnete Idee, ein Dutzend deutschsprachige jüdische Dichter aus der Bukowina in einer Anthologie unter dem Titel „Gedichte aus Czernowitz“ zu präsentieren.

 

In einem geschichtlichen Abriß schildert er vorab die unglaubliche Brutalität, mit der die Juden dieser Provinz behandelt wurden, die ab 1918 von den Rumänen massakriert und mißhandelt wurden mit einer Brutalität, die der der Nazis kaum nachsteht.

 

Angesichts solcher Verfolgung wurde die Poesie schnell zu einem Zufluchtsort, in dem man Angst und Leid ausdrücken und manchmal auch noch einmal versuchen konnte, den Sinn des Geschehens zu finden.

 

Mit Ausnahme Celans sind die Dichter dieser Anthologie in Frankreich** weitgehend unbekannt, es sind: Rose Ausländer, Alfred Kittner, Immanuel Weissglas, Alfred Margul-Sperber, Ilana Shmueli, Klara Blum, David Goldfeld, Alfred Gong, Selma Meerbaum-Eisinger, Moses Rosenkranz und Manfred Winkler.

 

Hier findet sich das Gedicht „Er“ von Weissglas, das frappierende Ähnlichkeiten mit Celans „Todesfuge“ hat, dem Gedicht, das ihn berühmt machte und dessen zentraler Vers (ohne Zweifel der wichtigste Vers der deutschen Lyrik nach dem Krieg) heißt: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Weissglas schreibt: „Der Tod ist ein deutscher Meister“ [hier rückübersetzt aus dem Französischen, MG] / John E. Jackson, Le Temps, Genf, 24.5.

 

Poèmes de Czernovitz. Douze poètes juifs de langue allemande
Editeur: Laurence Teper
Trad. et présentation de François Mathieu. 240 p.

 

**) und für die meisten gilt: auch in Deutschland

 

  • Klaus Werner (Hrsg.): Fäden ins Nichts gespannt. Deutschsprachige Dichtung aus der Bukowina. Insel 1991
  • Blaueule Leid. Bukowina 1940 – 1944. Eine Anthologie. Herausgegeben von Bernhard Albers. Rimbaud Verlag, € 22,00
  • Die verlorene Harfe. Eine Anthologie deutschsprachiger Lyrik aus der Bukowina. Deutsch-Ukrainisch, Konzept, Übersetzung, Vorwort und biobibliografische Anmerkungen von Peter Rychlo, Czernowitz (Soloti literatury) 2002
  • Rose Ausländer: Grüne Heimat Bukowina, Gedichte und Prosa. Hg. von Helmut Braun, Aachen (Rimbaud) 2004
  • Alfred Gong: Manifest Alpha. Gedichte. Hg. von Joachim Herrmann, Aachen (Rimbaud) 2001
  • Alfred Gong: Gras und Omega. Gedichte. Hg. von Joachim Herrmann, Aachen (Rimbaud) 1997
  • Alfred Kittner: Schattenschrift. Gedichte 1925-1987. Hg. von Peter Motzan, 2. Auflage, Aachen (Rimbaud) 1994
  • Itzik Manger. Dunkelgold. Gedichte. Jiddisch und deutsch, herausgegeben, aus dem Jiddischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Efrat Gal-Ed, Frankfurt am Main (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag) 2004, mit CD: Itzig Manger liest eigene Gedichte)
  • Alfred Margul-Sperber: Jahreszeiten. Ausgewählte Gedichte. Hg. von Peter Motzan, Aachen (Rimbaud) 2002
  • Alfred Margul-Sperber: Ins Leere gesprochen. Ausgewählte Gedichte. Hg. von Peter Motzan, Aachen (Rimbaud) 2002
  • Selma Meerbaum Eisinger: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund. Hg. von Jürgen Serke, 6. Auflage, Frankfurt am Main (Fischer Taschenbuch) 2003
  • Moses Rosenkranz: Bukowina. Gedichte 1920-197. Aachen (Rimbaud) 1998
  • Ilana Shmueli: Ein Kind aus guter Familie. Czernowitz 1924-1944. Aachen (Rimbaud) 2005
  • Immanuel Weißglas: Aschenzeit. Gesammelte Gedichte. Hg. von Theo Buck, Aachen (Rimbaud) 1994

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In L&Poe: 2001 Feb # Lichtenwald erinnert an Rose Ausländer; 2001 Jun # Rimbaud Verlag Aachen; 2001 Jun# Über den Bukowiner-deutschen Dichter Moses Rosenkranz; 2002 Mrz # Moses Rosenkranz aus Czernowitz; 2003 Mai # Moses Rosenkranz, deutscher Dichter; 2003 Dez # SWR-Bestenliste; 2003 Dez # Dan Pagis; 2005Jan #73. Der israelische Lyris-Kreis; 2007 Jan #60. Manfred Winkler; 2007 Mrz #121. Weltliteratur, die die Welt nicht kennt; 2007 Apr #89. Besuch bei Manfred Winkler; 2008 Jan #80. „Dunkelgold“


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