53. Das zweite Wunder Andalusiens

Die bei uns noch kaum erschlossene Welt der großen jüdischen Dichtung des islamischen und christlichen Spanien zwischen 950 und 1492 präsentiert eine Anthologie von Peter Cole. Harold Bloom stellt sie in der New York Review ofBooks, Volume 54, Number 11 · June 28, 2007, vor:

Im Zentrum von Coles Anthologie stehen große Dichter nach jedem Standard: Shmu’el HaNagid, Shelomo Ibn Gabirol, Moshe Ibn Ezra, Yehuda HaLevi—alle aus dem muslimischen Spanien (circa 950 – 1140) — und Avraham Ibn Ezra, Yehuda Alharizi und Todros Abulafia, die im christlichen Spanien und der Provence lebten (circa 1140–1452). Diese sieben Dichter sind den Dichtern der spanischen Renaissance ebenbürtig, wie Garcilaso de la Vega, Fray Luis de León und San Juan de la Cruz. Luis de León stammte übrigens aus einer Konvertitenfamilie (Juden, die 1492 vor die Wahl gestellt wurden, zu konvertieren oder zu fliehen). Er gab die mystische Prosa der Heiligen Teresa von Ávila heraus. Teresa selbst, zum Teil jüdischer Abstammung, mußte eine Untersuchung der Inquisition erdulden, während Luis de León vier Jahre eingesperrt wurde,

Wäre er nur zwei Generationen früher geboren, er wäre einer der kanonischen jüdischen Dichter Spaniens geworden. …

Die außergewöhnliche Wiedergeburt einer großen jüdischen Dichtung bei den andalusischen Juden, die Peter Cole so brilliant präsentiert, muß teilweise als Antwort auf ihre komplexe sprachliche Situation gewertet werden. Im römischen Spanien war ihre Alltagssprache hauptsächlich Latein mit einigen Resten des Aramäischen, nicht Hebräisch. Im muslimischen Spanien nahmen sie größtenteils das Arabische an, die internationale Lingua franca. Zur selben Zeit entwickelte sich ein modifiziertes Latein, genannt Romanisch, zum Altkastilischen weiter, das die Hauptsprache des christlichen Spanien wurde, einschließlich der dort lebenden sephardischen Juden; in der Diaspora nach der Vertreibung des Juden 1492 wurde es Ladino genannt (ein Wort für Latein). Im muslimischen Spanien wurde das Arabische fast überall zur Sprache der Juden, ebenso Wissenschafts- wie Alltagssprache. Ohne die arabische Lyrik und ihre Traditionen hätte es die hebräischen Dichter Spaniens nicht gegeben. Eine Art Judäo-Arabisch, geschrieben mit hebräischen Buchstaben, wurde zum universalen jüdischen Verständigungsmittel – außer in der Lyrik, die auf Hebräisch geschrieben wurde.

The Dream of the Poem: Hebrew Poetry from Muslim and Christian Spain, 950–1492
translated, edited, and with an introduction by Peter Cole
Princeton University Press, 548 pp., $50.00; $19.95 (paper)

 

Schmuel (Samuel) HaNagid ist ein Kapitel in Raoul Schrotts Anthologie „Die Erfindung der Poesie“ gewidmet. Die Anthologie „Das Wunder von al-Andalus. Die schönsten Gedichte aus dem maurischen Spanien“ von Georg Bossong, C. H. Beck, München 2005, enthält auch hebräische Dichter.

Al-Andalus in L&Poe: 2002 Jul # Poet´s Choice; 2004 Dez #24. Geistige Erneuerung statt Vorbeter; 2004 Dez #53. Wie Frauen im Islam dichten; 2005 Mrz#77. Meddebs Palimpseste; 2005 Mai #32. Arabische und hebräische Lyrik aus Spanien; 2005 Jul #74. Das Wunder von al-Andalus;2005 Aug #12. Algerischer Malhoun-Dichter gestorben; 2005 Sep #51. A Muh a Muh; 2005 Sep #116. Zajal;2006 Feb #56. Leider kannte keiner; 2007 Mrz #57. Meister Eckhart & Al-Andalus; 2007 Mrz #73. Auch Marrakesch

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