Ausgespuckte Tage

Vielleicht erstaunt im Band am meisten die kraftvolle Weise, wie Mayröcker Wörter und Worte schleudert, manchmal scheinbar maßlos, gleichwohl stets gemessen mit der Elle „gelungen oder nicht“, bringt sie doch, wie sie schreibt, der Gedanke an ein missratenes Gedicht um den Schlaf. Der viel erfahrenen, viel erduldenden Dichterin stehen nicht nur höchste Sensibilität und reiche Kenntnisse, ihr stehen Passion und Pathos zu Gebote. Abgesehen von der Meisterschaft, ist ihr Dichten von abgeklärter, heiter-stiller Alterslyrik weit entfernt:

in den Mund diesen Tag in den Mund (nehmen) auf die
Zunge
auf der Zunge zergehen lassen diesen Tag: der
Geschmack bitter. Diese in Mund auf die Zunge
genommenen Tage alle bitter – aber laut schreiend
diese Tage laut schreiend daß ich sie wieder ausspucken solle
daß ich sie wieder ausspucke da spucke ich auch HERZ aus
Fransen von Herz auch Fasern (zu sehr ins Bild?) alles
voll Blut Fransen blutrot auf Estrich, ich weiß nicht
HERZ ausgespeit, spucke mich selbst aus, spucke HERZ aus,
ROHE VERZWEIFLUNG, schreie brülle möchte
irgendwohin
irgendwie weg, auf hohe Bäume Berge Spitzen von Blumen
Gewölk oder was…

Viele Gedichte schreien und brüllen so, schamlos, rücksichtslos, doch wird Mayröcker in den Gefühlsausbrüchen nie sprachlos, bleibt immer wahrhaftig über die Schmerzgrenze hinaus. / Rolf-Bernhard Essig, Die Zeit 29/03

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