Editionstabu

L&Poe Journal #02 – Tabu

Genese einer Edition, 2008-2022
(Vereinfachte Fassung)

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Lothar Klünner 100

Lothar Klünner 

(* 3. April 1922 in Berlin; † 19. Oktober 2012 ebenda)

Lyriklesung im Rathaus Schöneberg

Kein anarchistischer Gewalttäter, nur die Dezemberlangeweile hat den Hintertreppen des Inselrathauses die Luft herausgelassen. Und während du noch den Ausweg suchst aus der Ratlosigkeit der Bannmeilenstiefel, gibt, Marshelm gehorsam gescheitelt, Finger am Abzug der Skatkarte, eine Horde von Walky-Talkies den Poeten Feuerschutz. Ach die Scheiben, flüchtig mit Bildern und Teppichen verdämmt, klirren vor Hohn, und der Strafe folgt applaudierend die Unkenntnis auf dem Fuße.

Aus: Lothar Klünner, Befragte Lichtungen. Gedichte. Waldbrunn: Heiderhoff, 1985, S. 30

Lesetabu 1. Spuren

L&Poe Journal #02 – Tabu

In antiquarischen Büchern findet man oft Spuren, entweder als Randnotizen (auch Besitzvermerke, Anstreichungen usw. sowie als Sonderform eingeklebte Exlibris) oder als eingelegte Zettel, Briefe, Geldscheine, Manuskripte, Zeitungsartikel und dergleichen. Adligaten ist ein Fachbegriff dafür.

Heute schlage ich auf: Das Gedicht. Jahrbuch zeitgenössischer Lyrik 1954/55. Herausgegeben von Rudolf Ibel, erschienen 1954 im Christian Wegner Verlag Hamburg. Die immer noch lesenswerte Anthologie (das ist keine Selbstverständlichkeit) hat außer ein paar Markierungen einzelner Texte mit Kreuzchen keine Lesepuren. Aber es liegt ein Zeitungsausschnitt darin. Vorbesitzer hat ein Gedicht ausgeschnitten, allerdings ohne den Titel. Es handelt sich um das Gedicht „Herbst auf der ganzen Linie“ von Erich Kästner von 1936, das ich in einer etwas längeren Version kenne.

Vorbesitzer hat darin Wörter unterstrichen – vielleicht war er Deutschlehrer und hat es in der Klasse behandelt, oder einfach ein Lyrikfreund, der herausfinden wollte, wie das Gedicht funktioniert. Ich kann kein System in der Auswahl erkennen, aber das heißt nicht, dass es keins gibt. Er wird sich schon etwas dabei gedacht haben. (Ich habe schon Bücher gefunden, wo jemand passagenweise jedes Wort einzeln unterstrichen hat.) Es sind Substantive, Verben, Adjektive und Adverbien, poetische Allerleiworte (Herbst, Wind, Geäst) sind dabei, aber auch sperrigere (Laubgardinen, Korridoren, Monatsraten, Geld). Vielleicht sind es auch Markierungen für die Rezitation? Aber warum hat er die Überschrift weggeschnitten? Er oder sie natürlich, es steht kein Besitzername dabei. Außer dem titellosen Gedicht gibt es noch einen schmalen Pappstreifen mit Resten einer handschriftlichen Notiz, offensichtlich als Lesezeichen bei einem Aufsatz von Wilhelm Lehmann: Grundsätzliches zur Kunst des Gedichts.

An dem Zeitungsausschnitt interessiert mich die Rückseite beinah noch mehr. Es gibt einen Artikel über die ostdeutsche (in der Sprache der Zeitung: ostzonale) Handelsorganisation HO und einen über Arno Schmidt, beide leider willkürlich angeschnitten. Die letzte Zeile des Artikels über einen meiner Lieblingsautoren lautet: „die unzerstörte Form der Nove[lle]“. Es ist eine westdeutsche Zeitung, vielleicht „Die Welt“ (nur geraten), von Ende der 40er oder Anfang der 50er Jahre.

Falls es interessiert, zum Download Kopfteil und Inhaltsverzeichnis der Anthologie.

Alle Beiträge in der Abteilung Tabu sind feuilletonistische Texte vom Herausgeber der Lyrikzeitung, Michael Gratz.

Macht der Gewehre

Anne Waldman

(* 2. April 1945 in Millville, New Jersey)

Macht der Gewehre

Um Amerika wirklich die Meinung zu sagen 
                                            brauchst du eine massive Schreibmaschine 
                                            Kraft & Stärke 
& übermenschliche Energie, die dir Rückhalt geben 
Du bist bereits erschöpft und planst deine Flucht 
                                                                                        (in dieses Gedicht) 
Ohne Worte bist du ganz schön weit gekommen 
                                            dahin, ein evolutionärer Trend zu sein 
wo Menschen ihre Worte wie Waffen fallen lassen 
                                            und richtige Waffen aufheben 
und in der Stille herumsitzen wie Süchtige 
Etwas, das du mit einer Schreibmaschine nicht mehr in Schach halten 
                                                                               kannst in New York 1968! 
Was mache ich hier dann?
                                               ERKLÄRT KRIEG 
                                         AUFRICHTIGE WEISSE SIND WACHSAM
sind interessante Worte, glaube ich 
                                            die ein gewisses Gewicht haben, ähnlich wie 
                                                                                        GROSSE FESSEL 
wenn William Burroughs von der Kultur des Westens spricht 
                                                                                                           oder 
                                                                                              RAUSCHGIFT 
Ansonsten lese ich gern Anekdoten aus dem Leben der großen schwarzen Führer 
                                                 die mich erheben 
                                                                und nach unten tragen 
auf die Straße und zurück 
                                                  Zu viel passiert da draußen 
Ich denke nicht daran, einfach aus irgendeinem Grund zu krepieren, 
                                                                                                  verstehst du 
                                                                                        LEBEN ODER TOD 
ALLES ODER NICHTS 
                                    ENTSCHEIDE JETZT 
Die Zeit ist gekommen, man selbst zu sein 
                                            aber du bist besser OK, sonst PENG!
Du wirst diesen Sommer nicht überleben 
                                            (& verpaßt was, falls es so ist

Aus: Silver screen : neue amerikanische Lyrik, herausgegeben von Rolf Dieter Brinkmann. Köln : Kiepenheuer & Witsch, [1969], S. 140f

Heinz Winfried Sabais 100

Heinz Winfried Sabais 

(* 1. April 1922 in Breslau; † 11. März 1981 in Darmstadt) 

Brief von Breslau nach Wrocław

Lieber Tadeusz Różewicz, Sie leben 
in Wrocław, ich bin in Breslau geboren. 
Die Samenflüge, die Flockenfälle, 
die Jahreszeiten, die ehrwürdigen Steine 
begegnen uns, den Passanten, freundlich. 
Aber die Stadt nennt uns Kinder.

Ostrów Tumski kündet mit Glocken 
wie Gallus, der Mönch, Deutsche und Polen 
in alten Zeiten als Brüder gepriesen.
Da sah ich die grausam verheerte Stadt 
in neuer Würde, von Polen erbaut 
aus den Schutthalden meiner Jugend.

Silesische Schöne, Wratislavia, 
im schimmernden Hermelin der Ebenen, 
geliebt, ob deutsch, ob polnisch, geliebt 
und Babuschka Oder, Märchenerzählerin 
am Feuerchen unter der Eisenbahnbrücke 
wohin sind unsere Tage versunken!

Im Stadthafen hausten wir Indianer, 
geführt von Lederstrumpf, dem mährischen 
Bruder. Wir rauchten Gekrüllten, rauften 
um Mädchen, erlebten zusammen beherzt 
die Odysseen der Pubertät, 
wie wilde Ganter, wie junge Hunde.

Zerbrochene Knabenträume kreiseln 
noch ziellos durch Weidengebüsche 
in der Strachate, wo das weiße 
herrliche Schiff vorüberdampfte; 
der Heizer, mein Vater, winkt aus der Luke, 
am Steven strudelt schwarzes Gelächter.

Die Mietskaserne, wo ich heranwuchs 
in Jahren der Not, hat überlebt 
Die Straße, die unser Olympia war, 
heißt jetzt Lencycka. Hintenheraus 
ist noch viel Öde. Da starben viele. 
Da standen meine Sonnenblumen..

In Sankt Nikolai, unter Oderschiffern, 
bin ich getauft, April Zweiundzwanzig. 
Sankt Nikolai fraß der Krieg. Wir 
kamen davon. Unterworfene 
schon seit Dreiunddreißig, wir 
bezahlten unsere Schwäche mit Blut

Am Teufelsmale, der Hahnenkrähe, 
strichen wir nächtens schaudernd vorüber, 
kamen aus der Fabrik, wo die Mutter 
Kontore schrubbte, während ich 
nach exotischen Briefmarken jagte, 
der greifbaren Ferne, meiner Romantik.

Geranien im Fenster der alten Schule, 
wo der gewaltige Rektor Sczenczessa 
uns Mores gelehrt. Florian Geyer 
sein Lieblingsthema, ich höre ihn reden. 
Wohin verschlugs ihn, den mutigen Lehrer? –
Ins Massengrab seine Schüler, die Freunde.

Im Marmorschatten Wilhelms des Ersten 
hab ich mein erstes Mädchen geküßt 
Elisa, die schmeckte nach Veilchenpastillen. 
Der Mond, eine silberne Säule, schwankte 
im Stadtgrabendunkel. Der alte Preuße 
ist abgewrackt Der Kuß hat gehalten.

Wir feierten Hochzeit mitten im Kriege, 
mein Mädchen aus Chorzów und ich, damals 
Gutenbergstraße, heute Drukarska.
Wo unser Bett im Himmel schwebte, 
ist nur noch Himmel. Und auf dem Rasen 
spielende Kinder, sie winken und lächeln.

Lieber Tadeusz Różewicz, wir beide 
sind Cives Wratislavienses, Gott will es. 
Die Stadt hat uns beide in ihre Geschichte 
genommen. Die heraklitische Oder 
umfriedet Ihre und meine Jahre.
Wir müssen uns leiden. Oder wir sterben.

Aus: Mein Gedicht ist die Welt. Deutsche Gedichte aus zwei Jahrhunderten. Hrsg. Wolfgang Weyrauch. Bd. II. 1912 bis 1980. Frankfurt/Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, 1982, S. 485f

Travestierter Horaz

Heute vor 108 Jahren starb Christian Morgenstern (zu seinem 150. Geburtstag im vorigen Jahr gab es hier ein Jubelfest als L&Poe Journal #01). Zum heutigen Todestag jubeln wir nicht, doch darf man bei einem 151jährigen wohl auch mal scherzen. Hier die erste Ode von Morgensterns Horaztravestie Horatius Travestitus, die er 1897 veröffentlichte.

Hoher Protektor und Freund,  Edler von Gönnersheim,   
was doch alles der Mensch  auf seiner Erde treibt! ...    
Dieser fegt auf dem Rad  über die Rennbahn, und    
platzt der Gummischlauch nicht,  geht er zuerst durchs Ziel.   
    
Welcher Tag für den Mann,  wenn ihm das Comité    
die Medaille verleiht,  Meisterschaft zuerkennt!    
Jenen wieder erfreut's,  wenn ihn der Wähler Schar    
an das berühmte Büfett  unseres Reichstags schickt.    
    
Andre, wenn der Kaffee  prompt aus Brasilien kommt,   
Sack an Sack imposant  in ihren Speichern steht.    
Der Agrarier, der  jammernd sein Land bestellt,    
tauscht dir dennoch den Pflug  mit der Couponscher' nicht,   
    
noch verlockst du ihn leicht,  daß einem Dampfer er    
sich zur Überfahrt nach  Mexiko anvertrau.    
Sieh den Kaufmann! Er schimpft  auf Kolonialpolitik,    
wird Lokalpatriot,  gründet Bazars und Klubs,   

aber bald wieder doch  rüstet mit Schnaps und Blei    
neue Schiffe er nach  Togo und Kamerun.    
N. N. schmollt, wie du weißt,  perlenden Sekten nicht,    
noch auch, wenn ein Gelag  früh im Kaffeehaus schließt;    
    
Sommers stärkt er sich dann  durch eine Sprudelkur    
oder reist nach Tirol  oder nach Helgoland.    
Andere wieder sind mit  Leib und Seel Militärs,    
schmähn das faule Zivil,  dem jeder Schuß ein Greul.    
    
Und wer jagt von Beruf  oder aus Waidlust nur:    
Dessen Hitze vergißt  Weibchen und Kinder oft,    
wenn sich etwan ein Hirsch  in seinen Forst verläuft,   
oder Wild- oder Holz-  Diebe zu fangen sind.    
    
Mich – der ja, wie du weißt,  all diesem Treiben fern, -    
reiht mein Sammetbarett  göttlicherm Kreise an,    
trennt vom Trubel der Welt  meiner vier Wände Heim,    
zarter Träume ein Schloß,  klingend von Scherz und Kuß.    
    
Bleibt die Muse nur treu,  rundlich der Pegasus,    
deine Schatulle mein Hort,  Glück meiner Wege Stern,    
sprich gelassen es aus:  oh, welch ein Lyriker!    
Und vom Himmel herab  nick ich, ein Gott zu dir 

Das Gedicht von Horaz ist eine asklepiadeische Ode – Morgensterns Parodie bildet das Versmaß nach, so gut es eben auf Deutsch ging:

Maecenas, atavis  edite regibus,  

Morgenstern macht daraus:

Hoher Protektor und Freund,  Edler von Gönnersheim,  

Die wörtliche Übersetzung:

Maecenas, alter Könige Sohn

Auch das extreme Strophenenjambement (das Herüberziehen von Sätzen in die nächste Strophe) ließ sich gut nachbilden. Hier die ersten 7 Strophen des Originals (die 7. ist die erste Strophe, die mit einem Punkt endet), darunter die wörtliche Übersetzung dieser 7 Strophen von der famosen Seite 12koerbe.de des Hans Zimmermann, Görlitz) :

Maecenas, atavis  edite regibus,   
O et praesidi' et  dulce decus meum:   
Sunt quos curriculo  pulver' Olympicum   
collegisse iuvat;  metaque fervidis   
    
evitata rotis  palmaque nobilis    
Terrarum dominos  evehit ad Deos.    
Hunc, si mobilium  turba Quiritium    
certat tergeminis  tollere honoribus;    
    
illum, si proprio  condidit horreo    
quidquid de Libycis  verritur areis.    
Gaudentem patrios  findere sarculo    
agros, Attalicis  condicionibus    
    
numquam demoveas,  ut trabe Cypria    
Myrtoum pavidus  nauta secet mare.    
Luctant' Icariis  fluctibus Africum    
mercator metuens,  oti' et oppidi    
    
laudat rura sui:  mox reficit rates    
quassas, indocilis  pauperiem pati.    
Est qui nec veteris  pocula Massici,    
nec partem solido  demere de die    
    
spernit; nunc viridi  membra sub arbuto    
stratus, nunc ad aquae  lene caput sacrae.    
Multos castra iuvat,  et lituo tubae    
permixtus sonitus,  bellaque matribus  

detestata. Manet  sub Jove frigido    
venator, tenerae  coniugis inmemor;    
seu visast catulis  cerva fidelibus,    
seu rupit teretes  Marsus aper plagas. 
Maecenas, alter Könige Sohn,     
o du mein Schutz und meine beglückende Zierde:      
Manche gibt's, die mit dem Rennwagen olympischen Staub      
aufzuschürfen erfreut; die die Wendesäule, mit glühenden      
      
Rädern vermieden, und der adelnde Palmzweig      
als Herren der Erde hinauffährt zu den Göttern.      
Den auch, wenn der unruhigen Römer Schar      
streitet, ihn zur dreifachen Ämterehre zu erheben;      
      
und jenen, wenn er in eigener Scheune anhäuft      
was von libyschen Tennen gefegt wird.      
Den, der sich daran freut, daheim mit der Hacke zu furchen      
den Acker, – selbst mit den Traumbedingungen des Attalos      
       
kannst du den nimmer bewegen, auf zyprischem Boot      
als verzagter Schiffer myrtoische Wogen zu schneiden.     
Der den mit ikarischen Fluten ringenden afrikanischen Sturm     
fürchtende Kaufmann, –  die Muße und der Heimatstadt   
     
Felder lobt der: repariert bald die Planken,      
die lädierten, unbelehrbar, Armut zu ertragen.      
Es gibt den, der weder die Becher alten Massikerweins      
noch einen Teil vom festgefügten Tagesablauf wegzunehmen      
      
verschmäht; bald die Glieder unter grünem Erdbeerbaum      
ausgestreckt, bald am sanften Quell heiligen Wassers.      
Viele erfreut das Militärlager und der mit Zinken      
vermischte Trompetenklang und Krieg, der von den Müttern      
       
verfluchte. Es verbleibt im kalten Wetter     
der Jäger, indem er seine zärtliche Gattin vergißt;      
sei es, daß seine munteren Hunde eine Hirschkuh erblickten,      
sei es, daß ein Marsischer Eber die gewundenen Netze zerriß.      

Quelle (außer für die wörtliche Übersetzung):

Christian Morgenstern, Horatius Travestitus. Ein Studentenscherz mit einem Anhang: Aus dem Nachlaß des Horaz. München: Piper, o. J., 6. Auflage, 11.-12. Tsd.

Bittre Tränen weint der Mond

Lettisches Volkslied

Bittre Tränen weint der Mond

1
Leute gruben mir ein Grab, 
Auf dem Grabe blühn mir Rosen; 
Sitze da im Grab und flechte 
Mir aus Rosen einen Kranz.

2
Denen, die mich tadeln, wünscht’ ich 
Garnicht allzu sehr viel Schlimmes: 
Teufelherz und Beulenstirn, 
Pickel an die Zungenspitze.

3 
Schmied, mein Bruder, schmiede mir 
Fingerhandschuhe aus Eisen, 
Daß ich Maulschell’n langen kann 
Dem, der mich verleumdet hat.

4 
Hab mir einen Kranz gewunden 
Aus verbreiteten Gerüchten; 
Er verwelkt nicht an der Sonne, 
Auch nicht in geheizter Stube.

5 
Gott, ach Göttchen, was denn jetzt? 
Schmerzhaft wund ums Herz ist’s mir. 
Wird die Schicksalin mir enden 
Unter einem Haufen Steine?

6
Ich vor Arbeit wat’ im Morast, 
Kann die Schicksalin nicht sehen; 
Ist vielleicht ja meine Laima 
Mir am Rand des Moors versunken.

7 
Bruder mein, ich bitte dich, 
Gehe mir nicht in die Schenke, 
Laß da meinen Kranz mir nicht 
Im Glas Bier zugrunde gehn.

8 
Schwester, mit der Nadel stick 
mir ins Taschentuch ein Muster, 
Womit ich die Augen wisch, 
Wenn ich nach dir weinen muß.

9 
Bittre Tränen weint der Mond, 
An den Quellenrand gekommen, 
Wo ertrank die Sonnentochter, 
Als sie wusch die goldnen Kannen.

Aus: Kur Dieviņi tu paliksi. Wo Gott wirst du bleiben dann. Lettische Volkspoesie. Ausgewählt von Amanda Aizpuriete. Nachgedichtet von Manfred Peter Hein anhand der Übersetzung von Horst Bernhardt (FÄKÄTÄ 13). Germersheim: Queich, 2011, S. 9f

Mēnestiņš gauži raud

1
Ļaudis man kapu raka, 
Man kapā rozes zied; 
Es, kapā sēdēdama, 
pinu rožu vainadziņu.

2
Es savam pēlējam 
Daudzi ļauna nevēlēju: 
Velns sirdē, puns pierē, 
Pūte mēles galiņā.

3 
Kalējiņi, bāleliņi, 
Kal man dzelza pirkstainīšus, 
Lai es varu pliķi cirst 
Valodiņu cēlājiem.

4 
Es noviju vainadziņu 
No tām ļaužu valodām: 
Ne tas vīta saulītē, 
Ne siltā istabā.

5 
Vai Dieviņ, kas nu būs 
Gauži sāp man sirsniņa. 
Vai Laimlte nositās 
Akmeniņu kaudzītē?

6
Darbu veicu, dubļus bridu, 
Nevar Laimes saredzēt; 
Laikam gan mana Laime 
Purva malā nogrimusi.

7 
Es tev lūdzu, bāleliņi, 
Nelaidies krodziņā, 
Neliec manu vainadziņu 
Alus glāzes dibenā.

8 
Tu, māsiņ, rakstītāja, 
Norakst’ manu nēzdodzinu, 
Kur es acis noslaucīšu, 
Pēc tevim raudādams.

9 
Mēnestiņš gauži raud 
Avotiņa maliņā:
Saules meita noslīkuse, 
Zelta kannas mazgādama.

„Die Lieder wurden vor allem von den Frauen tradiert. Kummer und Freude herauszusingen war für sie anscheinend ebenso natürlich wie das Atmen (oder für den Wolf das Heulen). Beim Viehhüten vertrauen die jungen Mädchen Bäumen, Gras und Himmel ihre Vorahnungen an, und frühmorgens in der Mahlkammer, während sie mit kräftiger Hand die Mahlsteine drehten, besprachen sich die Frauen singend mit Laima, ihrer Schicksalslenkerin; Kräuterfrauen murmelten am Bett von Kranken und Gebärenden rhythmisch die überlieferten Bannsprüche. In den Sommernächten, beim Baden im See, summte jede Frau wohl einmal vor sich hin: „Macht’ aus weißen Blumen Feuer, mir ein Feuer hier am See …“ Und zu den Sonnwendfesten, sei es beim Tanz um das Johannifeuer oder bei den Maskenumzügen der Weihnachtszeit, da sangen sie alle, Männer wie Frauen, und ebenso zu den Hochzeiten.

Heute sind wir in Lettland stolz auf dieses gemeinsame Erbteil, unsere Kinder lernen die Volkslieder in der Schule, wir singen sie an den Festtagen … „

Amanda Aizpuriete, aus dem Lettischen von Horst Bernhardt (aus dem zitierten Buch)

Kaiser Wu-di von Han

Kaiser Wu (Wu-ti, Wu-ty, Wu-di) heißen mehrere mythische und geschichtliche Herrscher von China. Mindestens zwei von ihnen haben auch gedichtet, darunter Wu-di aus der Han-Dynastie (140-87 v.u.Z), der als einer der bedeutendsten chinesischen Kaiser gilt. Hier was ich im Lyrikwiki über ihn zusammengetragen habe:

Wu-ti, Han-Kaiser 140-87 v.u.Z.

Wu-di von Han. Wu-ty, Han Wudi. Kaisertitel für Liu Tschö (Liu Ch’ê, Liu Che) 156 – † 29. März 87 v.u.Z., regierte 140 (141)-87, einer der bedeutendsten chinesischen Kaiser, 7. (6.?) Kaiser der Han-Dynastie.

Wikipedia deutsch: Han Wudi, Kaiser Wu von Han, Chinesisch 漢武帝 / 汉武帝, Pinyin Hàn Wǔdì, (* 156 v. Chr.; † 29. März 87 v. Chr.) 

Englisch: Emperor Wu of Han (156 – 29 March 87 BC), formally enshrined as Emperor Wu the Filial (Chinese: 孝武皇帝), born Liu Che (劉徹) and courtesy name Tong (通)

Französisch: Han Wudi (chinois simplifié : 汉武帝 ; chinois traditionnel : 漢武帝 ; pinyin : Hàn Wǔdì ; Wade : Han Wu-ti, 30 juillet 157 av. J.-C. – 29 mars 87 av. J.-C.), de son nom personnel Liu Che (劉徹), est le septième empereur de la dynastie Han de Chine, régnant à partir du 9 mars 141 av. J.-C. et jusqu’à sa mort.

Spanisch: Wu de Han, también Han Wudi (156 a. C. – 29 de marzo de 87 a. C.), nacido como Liu Che, fue el sexto emperador de la dinastía Han de China. Gobernó entre el 141 y el 87 a. C.

Wu-di sammelte „alle weisen und rechtschaffenen Menschen“ um seinen Thron; wollte gestützt auf wissenschaftliche Gedanken regieren und „die Gedankenwelt des Reiches vereinheitlichen“. Er erhob den Konfuzianismus zur Staatslehre und verbot die übrigen Schulen. (Feifel 1982, S. 134, 136)

Texte in

  • Bethge 1920; Bethge IB
  • Klabund (Ruderlied)
  • Staub von einer Bambusflöte, 1955
  • Waley (Goldmann) 34
  • Lyrik des Ostens: China, 1962

Zum heutigen (wenn ich richtig rechne und die Zahlen stimmen) 2109. Todestag des kaiserlichen Dichters zwei Gedichte in der Übertragung von Peter Olbricht.

»Es fallen die Blätter, klagt die Zikade«

Ein Lied auf Li Fu-jën, seine tote Gemahlin, 
auf dem Teich seines Schloßparks gesungen

Von seidenen Ärmeln 
nicht ein Laut. 
Auf jadene Fliesen
legte sich Staub. 
Leer das Gemach,
kühl, einsam und still. 
Vor verriegelter Tür
verwehtes Laub.

Ferne, ach, schwebst du, 
Schöne, Geliebte! 
Nimmer, ach, spürst du
mein Herz ohne Ruh!

Olbricht

Die Erscheinung

Als ihm der Magier auf einem Vorhang den Schatten 
der geliebten Toten erscheinen ließ:

Ist sie es? ist sie es nicht?
Ich stehe, seh sie von ferne:
Die schwebenden Schritte so schwank! 
Ihr Nahn so langsam!

Olbricht

Aus: Lyrik des Ostens. China. Mit einem Nachwort von Wilhelm Gundert. München: dtv, 1962, S. 36 (vorher 1958 Hanser)

Das Weltende

Konstanty Ildefons Gałczyński 

(* 23. Januar 1905 in Warschau; † 6. Dezember 1953 in Warschau) 

Das Kleintheater »Grüne Gans« gibt sich die Ehre zu präsentieren
»Das Weltende«

HErr GOtt: Rrrrrrr. Ich verkünde das Weltende. Rrrrrrr.

Die ganze kosmische Kombination beginnt sich zu demontieren.

Bürokrat: Rrrrrrr. Sehr gut. Rrrrrrr. Aber wo ist das diesbezügliche Schreiben mit dem Siegel, mit jener aus dem hiesigen Korrespondenzbuch übernommenen Nummer?

Es erweist sich, daß es so ein Schreiben gegeben hat, es aber verlorengegangen ist, wodurch das Weltende faktisch zwar erfolgt, formal jedoch keine Bedeutung hat.

Vorhang [im Original steht danach: fällt optimistisch.]

1947

Aus: Konstanty Ildefons Gałczyński, Die grüne Gans. Pseudostücke. Aus dem Polnischen von Jolanta und Herwig Brätz. Berlin: Volk und Welt, 1983 (Volk und Welt Spektrum 175), S. 73

Teatrzyk Zielona Gęś
ma zaszczyt przedstawić
Koniec świata

Pan Bóg:
Rrrrrrr. Ogłaszam koniec świata. Rrrrrrr. Cała kosmiczna kombinacja zaczyna się demontować

Biurokrata:
Rrrrrrr. Bardzo dobrze. Rrrrrrr. Ale gdzie jest w tej sprawie odnośne pismo z okrągłą pieczątką zaopatrzone tamtejszym numerem przeciągniętym przez tutejszy dziennik podawczy? Okazuje się, że takie pismo było, ale zginęło, wobec czego koniec świata wprawdzie następuje faktycznie, ale formalnie nie ma żadnego znaczenia.


K U R T Y N A
spada optymistycznie

Auf los

Asmus Trautsch

dies interpellat

Die Sommerzeit zieht einen Arbeitsschritt nach vorne.
Es dämmert, Lerchen locken von den Apps zum Neugefühl.
Das bunte Straßennetz entkleidet sich zum ersten Pflichttermin. 
In rauen Saum nähst Du die Uhr, stellst uns die Nacht auf los.

Aus: Asmus Trautsch, caird. Berlin: Verlagshaus Berlin, 2021, S. 109

Das Gedicht hat folgende Anmerkung: „Sibylla Schwarz: Aurora kompt herfür, in: Werke, Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe, Bd. 1, S. 134.“ Liest man da nach, bekommt das Gedicht über die Umstellung auf die Sommerzeit ein neues Dasein, vielleicht als Kontrafaktur. Das Gedicht von Sibylla Schwarz lautet:

Liebe des Tages Arbeit.  

	Aurora kompt herfür / sie zeiget  auffzustehen / 
und nach Gebür und Recht ei[']m jeden hin zu gehen / 
wo seine Arbeit wacht ; ich gehe nuhn auch hin
an meine schwäre Last / die Lieb’ ist mein Begin.

Al-Halladsch

Heute vor 1100 Jahren wurde der Dichter Al-Hallādsch in Bagdad als Ketzer hingerichtet.

Sein voller Name ist Abū l-Mughīth al-Husain ibn Mansūr al-Hallādsch (arabisch أبو المغيث الحسين بن منصور الحلاج), * August 857 in aṭ-Ṭūr, in der Provinz Fars im heutigen Iran; † 26. März 922 in Bagdad durch Kreuzigung.

Dein Geist hat sich gemischet mit dem meinen. 
Wie Moschus mit dem Ambra, duftend reinen: 
Was Dich berührt, muß mich sogleich berühren. 
So bist Du ich – ein ungetrennt Vereinen!

Es hat mein Geist gemischt sich mit dem Deinen, 
Wie Wein vermischt mit klarem Wasser sich. 
Wenn etwas Dich berührt, rührt es auch mich an, 
Denn immer bist und überall Du ich.

Ich bin der, den ich lieb’; Er, den ich liebe, 
Ist ich – zwei Geister, doch in einem Leibe. 
Und wenn du mich siehst, hast du Ihn gesehen. 
Und wenn du Ihn siehst, siehest du uns beide.

Aus dem Arabischen vom Annemarie Schimmel. Aus: Gold auf Lapislazuli. Die 100 schönsten Liebesgedichte des Orients. Ausgewählt und erläutert von Claudia Ott. München: C. H. Beck, 2008, S. 49f.

Mädchenlied

Novalis 

(* 2. Mai 1772 auf Schloss Oberwiederstedt; † 25. März 1801 in Weißenfels)

Einige Mädchen brachten dem alten Schwaning einen frischen Kranz. Er setzte ihn auf, küßte sie, und sagte: Auch unserm Freund Klingsohr müßt ihr einen bringen, wir wollen beyde zum Dank euch ein paar neue Lieder lehren. Das meinige sollt ihr gleich haben. Er gab der Musik ein Zeichen, und sang mit lauter Stimme:
Sind wir nicht geplagte Wesen?
Ist nicht unser Loos betrübt?
Nur zu Zwang und Noth erlesen
In Verstellung nur geübt,
Dürfen selbst nicht unsre Klagen
Sich aus unserm Busen wagen.

*

Allem was die Eltern sprechen,
Widerspricht das volle Herz.
Die verbotne Frucht zu brechen
Fühlen wir der Sehnsucht Schmerz;
Möchten gern die süßen Knaben
Fest an unserm Herzen haben.

*

Wäre dies zu denken Sünde?
Zollfrey sind Gedanken doch.
Was bleibt einem armen Kinde
Außer süßen Träumen noch?
Will man sie auch gern verbannen,
Nimmer ziehen sie von dannen.

*

Wenn wir auch des Abends beten,
Schreckt uns doch die Einsamkeit,
Und zu unsern Küssen treten
Sehnsucht und Gefälligkeit.
Könnten wir wohl widerstreben
Alles, Alles hinzugeben?

*

Unsere Reize zu verhüllen,
Schreibt die strenge Mutter vor.
Ach! was hilft der gute Willen,
Quellen sie nicht selbst empor?
Bey der Sehnsucht innrem Beben
Muß das beste Band sich geben.

*

Jede Neigung zu verschließen,
Hart und kalt zu seyn, wie Stein,
Schöne Augen nicht zu grüßen,
Fleißig und allein zu seyn,
Keiner Bitte nachzugeben:
Heißt das wohl ein Jugendleben?

*

Groß sind eines Mädchens Plagen,
Ihre Brust ist krank und wund,
Und zum Lohn für stille Klagen
Küßt sie noch ein welker Mund.
Wird denn nie das Blatt sich wenden,
Und das Reich der Alten enden?
Die alten Leute und die Jünglinge lachten. Die Mädchen errötheten und lächelten abwärts. 

Aus: Heinrich von Ofterdingen Mehr

Preisgetichte

Bertram Reinecke

Preisgetichte auf der verständigen und tugendhaften Jungfrauen 
Sibylla Schwarzen fruchtbar fortzeugendes Wercke

Es muß doch jede Kunst einst mit der Zeit vergehen
Eß sey nuhr Gauckel=werk / eß sey ein bloßer Tant 
So sagt der Aberwitz, so schliesset der Verstand 
Was andern schon vorher auf gleiche Art geschehen.

Die aber bleibt auch noch in Ewigkeit bestehen,
Verehrt man ihre Kraft – da wird sie erst bekannt: 
Dann haben wir das Spiel in unsrer klugen Hand, 
Daß man die Herrlichheit aufs beste kan ersehen.

Und was sie sich gebaut, durch Fleiß erhalten hat 
Die innerliche Lust / die lieblichen Geberden / 
Die Finster Nacht bescheint mit neugespanten Pferden...

... was Wunder wenn ich es mit Freuden auffgenommen 
Ich nahm es mit zu Bett, du sollst es nun bekommen. 
Umsonst ernehret sich / kein Würmgen in der Saat /


1567
Ziegler: „Lob der Musik“ in „Versuch in gebundener Schreib-Art“, S. 216 / Schwarz: „Anbindbrief" in „Deutsche Poetische Gedichte“, 2 Eiijb / Zäunemann: „Vorrede vor den curiösen und immerwährenden Astronomisch-Meterologisch-Oeconomischen Frauenzimmer-Reise- und Hand-Calender, so Hr. Funcke ediret“ in „Poetische Rosen in Knospen“, S. 593 / Zäunemann: „In anderer Namen“ in „Poetische Rosen in Knospen“, S. 1S3 // Ziegler „Lob der Musik“ in „Versuch in gebundener Schreib-Art“, S. 216 / Neuber: „Antritts-Rede, gehalten zu Leipzig in der Ostermesse 1734“ in „Bitt- und Glückwunschgedichte“, S. 45 / Neuber: „Ein Deutsches Vorspiel“, S. 8 / Zäunemann: „Auf das Absterben Ihro Hochwürden Hn. Doctor Reinhards, Herzoglich-Weißenfelsis. Ober-Hofpredigers, Ober-Kirchen- und ConsistorialRaths, und General-Superintendentens, den 1. Jenner 1732“ in „Poetische Rosen in Knospen“, S. 15S // Neuber „Ein Deutsches Vorspiel“, S. 17 / Schwarz: „An Christina Maria von Seebach / etc. Weiland / etc. Herrn Alexanders von Forbusch / etc. Obersten / etc. Hertzgeliebte Gemahlin / als die traurige Zeitung kam: dieser jhr Liebster sey gestorben“ in „Deutsche Poetische Gedichte“, 1 Kiijb / Schwarz: „Lob der Verständigen und Tugendsamen Frauen / verdeutschet auß dem Niederländischen“ in „Deutsche Poetische Gedichte“, 1 Hiij // Ziegler: „Antworts-Schreiben“ in „Versuch in gebundener Schreib-Art“, S. 147 / Neuber: „Das Schäferfest oder die Herbstfreude“, S. 125 / Neuber: „Die von der Weisheit wider die Unwissenheit beschützte Schauspielkunst“, S. 21

Aus: Mütze #31, hrsg. Urs Engeler, S. 1567

Dynamo Charkiv

Serhij Zhadan

(auch Schadan mit stimmhaftem Sch-, ukrainisch Сергій Вікторович Жадан,  * 23. August 1974 in Starobilsk, Oblast Luhansk, lebt in Charkiw)

Dynamo Charkiv

Der Winter scheint länger als nötig zu sein.
Du zeichnest mit der Sohle so arbeitsam 
Die Grenzen des Tauwetters, das so straff 
Nach den Grenzbezirken unseres Staates tastet.
Es tröpfelt – das herbe Blut sickert vom Gotteskörper. 
Dunkel werden Gesichter.

Die Städte sind leer. Man geht längs der Schneide seines 
Auslebens, die Plebsreste meiden diese Wohnviertel 
In der ewigen Renovierung.
Der Schlaf flüstert der Schläfrigkeit in der Verwirrung: 
»Stirb, meine Liebe, und mach es nicht lang, 
Für deine Schwermut fehlt es an Glockenklang.«

Die Vögel wählen die warmen Gefilde, 
die mit der Zeit permanent werden und verwildert 
bleiben die Kinder – streitsüchtige Zukunft 
des alten Landes. Die Wachen zucken 
mit den Achseln, Gewehre und Ladung verloren, 
und wir bleiben mit dir und ernten Lorbeer.

Der verkrüppelte Kain in dem zertrümmerten Haus 
Sucht die unverletzten Sachen. Aber 
Der Eckstein fehlt. Die Heimat siecht dahin. Statt dessen 
Werden die Bäume fest, dicht das Bewusstsein –
wessen? Wie der gefallene Soldat zum Angriff kriecht, 
so vergeht die Zeit, das heißt: sie vergeht gar nicht.

Aus dem Ukrainischen von Alex Schmidt, in: Europa erlesen. Charkiw / Charkow. Hrsg. Dareg A. Zabarah. Klagenfurt: Wieser, 2018, S. 232f

Über Zentauren

Zuzanna Ginczanka

(22. März 1917 in Kiew – Dezember 1944 in Krakau) 

Über Zentauren

Es reiben die Verse sich, Reim an Reim rasselnd geschliffen, 
vertraue nicht klaren Gedanken, laß dich durch sie nicht betören, 
vertrau nicht wie Blinde den Fingern, 
nicht den Augen, wie handlose Eulen.
Ich predige Klugheit und Leidenschaft, 
fest in der Taille zusammengewachsen 
wie ein Zentaur.

             Ich bekenne mich zur Harmonie von Männerbrust und Kopf 
             mit dem kraftvollen Leib und der schlanken Fessel des Hengstes.
             Den kühlen weiblichen Wangen 
             und dem Knäuel runder Stuten entgegen 
             galoppieren im Hufklang starke, stolze Zentauren 
             aus den Wiesen der Mythologie.

Ihre Leidenschaft, klug und beherrscht, 
und ihre Klugheit, flammend wie Wollust, 
fand ich in herrlicher Harmonie und verschmolz sie in Taille und Herz.

             Schau her:
             Ein Gedanke 
             von antikem Gesicht 
             hat seine Göttlichkeit erhitzten Pferden vertraut. 
             Und wie gefesselte Rosse über den Hahnenfuß 
             jagen durch den Juni die fiebernden Sinne.

Aus: Polnische Lyrik aus fünfJahrzehnten. Herausgegeben von Henryk Bereska und Heinrich Olschowsky. Berlin und Weimar: Aufbau, 1975, S. 252

O CENTAURACH

Ścierają się rym o rym ostrzone wiersze ze szczękiem
—– nie ufaj ścisłym rozmysłom, by żaden cię nie opętał,
—– nie ufaj palcom jak ślepcy,
ni oczom jak sowy bezrękie —–
oto głoszę namiętność i mądrość
ciasno w pasie zrośnięte
jak centaur. —–

Wyznaję dostojną harmonję męskiego torsu i głowy
   z rozrosłem ciałem ogiera i cienką pęciną nogi ——
   –– do żeńskich chłodnych policzków
   i kłębów okrągłych kobył
   galopują wspaniałe centaury
   w dzwonie podków z łąk mitologji.

Ich namiętność skupioną i mądrą
i ich mądrość płomienną jak rozkosz
odnalazłam w dostojnej harmonji
i stopiłam w pasie i sercu.

Popatrz:
namysł
o twarzy antycznej
zgrzanym koniom zawierzył swą boskość,
jak spętane rumaki po jaskrach
drżące zmysły pędzą po czerwcu.