Ludwig Tieck
(* 31. Mai 1773 in Berlin; † 28. April 1853 ebenda)
Thalia's Wehklage in Deutschland Ach! der Kunst Blauer Dunst, Von den Spielern Die sich schwenken, Und den Dichtern Die sich renken, Wie die Gunst Von den Fühlern In den Bänken, Und den Richtern Die da denken, Macht mich schüchtern: Das Allwissen Von Gesichtern Die so nüchtern, Glanz von Lichtern Aus Coulissen, Bengals Feuer, Bunte Wände Ohne Ende, Die so theuer, – Ach! und gar Costum Deutscher Bühnen Ruhm Macht mich völlig dumm. –
Hart Crane
(* 21. Juli 1899 in Garrettsville, Ohio; † 27. April 1932 im Golf von Mexiko)
The Sad Indian Sad heart, the gymnast of inertia, does not count Hours, days – and scarcely sun and moon The warp is in the woof – and his keen vision Spells what his tongue has had – and only that How more? – but the lash, lost vantage – and the prison His fathers took for granted ages since – and so he looms Farther than his sun-shadow – farther than wings – Their shadows even – now can’t carry him. He does not know the new hum in the sky And – backwards – is it thus the eagles fly?
Der traurige Indianer Trauriges Herz, Tänzer der Trägheit, achtet nicht Der Stunden, Tage – selten der Sonn’, des Mondes. Der Einschlag sitzt im Blut. Sein scharfer Blick Zählt nurmehr, was der Zunge zustieß – einzig dies. Wie anders? Peitsche nur, verstellte Sicht und Haft Den Vätern von altersher vertraut – so ragt er drohend Weiter als Sonnenschatten, weiter als Flügel Und deren Schatten – die ihn nicht mehr tragen. Er kennt den neuen Laut im Himmel nicht, Und – rückwärts – fliegen Adler jemals so?
Deutsch von Roswith von Freydorf, aus: Die weiten Horizonte. The Vast Norizons. Amerikanische Lyrik 1638 bis 1980. Originale und deutsche Fassung. Nachdichtungen Roswith von Freydorf. Hrsg. Teut Andreas Riese. O.O.: Guido Pressler, 1985, S. 272f
Ștefan Augustin Doinaș
(eigentlich Ștefan Popa, * 26. April 1922, heute vor 100 Jahren, in Cherechiu, Arad, Rumänien, † 25. Mai 2002 in Bukarest)
Der Mann mit dem Zirkel Ich ritzte gestern abend in den Sand der Welt die Formel neuen Fugs, die im Entstehen der Dinge heimliche Gestalt enthält, die unbewegte, ohne ein Vergehen. Hier dieser Ring, in den ich nun versuch zu bannen der bewegten Sterne Meer, ein Feuermal, magischer Kreis und Spruch, sich selber wilde Nahrung und Begehr, und dort als meiner Weisheit Sinngebild ein Strahlenzelt, durchsichtiges Gehänge: das Dreieck, meines Strebens Ziel, mein Schild im Bronzeton der abendlichen Klänge. Nichts schien mir nicht genau hineinzupassen in diese allzu fest erprobten Formen: nicht Lilienkelche seidiges Erblassen, nicht blitzender Kristalle bittre Normen. Sie werden ganz von Klängen vollgesogen, denn das Geschöpf, gleich dem geblasnen Rohr, betastet die Kontur, wenn sie vollzogen, doch Maße dringen kaum bis an sein Ohr. So glaubte ich. Und unter späten Sternen zur Nacht hielt ich den Zirkel nur zur Seite: der Bauherr aller Harmonien und Fernen, der Reiher aller sanft erflognen Weite. Jahrhunderte vergehn in einer Stunde, wenn holder Schlaf mit Lüge im Verein. Kein einziger der auserlesnen Funde des Abends blieb mir unberührt und rein! Mit Höllenschwüle und mit schwarzem Regen ist heut das düstre Morgenrot entbrannt. Der Riesenkräuter Blätterlappen fegen wie Brandungsschäume rauschend an den Strand. Verknorrte Stämme, Knorpel in den Dünen, verschmutzte Fühler edelsten Empfangs, dem als Orakel ich mich wollt erkühnen, durchsichtiges Bild, seh ich im Untergang. O Meer in Krämpfen, zuckend bis zur Tiefe, was wühlst du Höllenfruchtbarkeit empor? Statt daß vom Felsen Salz mich singend riefe, gehn Summer und Reptilien draus hervor. Die Sterne auf der Düne gehn verbogen, zerstört der Elemente ew’ger Brauch, seitdem die tote Maus den Kreis umzogen, den fleckenlosen, mit Kadaverhauch. Die ihr des göttlichen Geäders Weise vergessen habt und windgeprägte Letter, ihr habt jetzt Asche, Kleingehölz zur Speise vom Ameishaufen — ungebundne Blätter. Ihr Flieger auch, in Schwärmen und in Scharen, gebrochen ist, der euch bewußt gewesen, der Flügelschlag, voll Seele und erfahren, durch den der rohe Flug zur Kunst genesen! Weh! Dies Gestirn sinkt immer tiefer ab... Kristalle sind zersprungen und verbluten, und tausend träge Wasser fließen ab und trüben großer Ströme wache Fluten. So steh ich mitten im Verfall der Welt und harre stumm ergeben auf die Stunde, wo Blumen faulen, krötengleich geschwellt, die mir verwischen meines Zirkels Runde. Dann senke ich die Spitze in den Sand. Die gleichen Zeichen blitzen und bestehn. Als Urbild sind in Fug und Form gebannt die Dinge, die in dieser Welt vergehn.
Deutsch von Wolf von Aichelburg, aus: Lyrik aus Rumänien. Hrsg. Eva Behring. Leipzig: Reclam, 1980, S. 202ff.
L&Poe Journal #02 Essay
Essay von Bertram Reinecke (Erste Folge)
Über Haltung und Versgrammatik
Wer Verse aus unveränderten fremden Versen zusammensetzt, so wie ich das tue, erhält leicht Lob für die artifizielle Höhe seiner Werke. Dies ist jedoch oft ein Ja-aber-Lob und kommt mir eher wie ein vergiftetes Kompliment vor. Etwa wie bis vor wenigen Jahren nach jedem Open Mike die Texte der Preisträger für ihre Kunstfertigkeit gelobt wurden, um sie dann sofort im Ganzen zu verwerfen: Die Jugend habe nichts zu erzählen.
Was mir schon bei Prosa nicht recht einsichtig ist, die Unterstellung, es stünde ein ungestaltes Etwas, das Eigentliche der Kunst, einer schriftstellerischen Technik gegenüber, die wie ein Filter dieses Eigentliche verdünne, wird in Bezug auf ein Sprachkunstwerk, wie es das Gedicht ist, noch schiefer. Zwar beschwören feinsinnige Interpretationen auch immer wieder, dass Form und Inhalt, zumindest im fraglichen, jeweils hochstehenden Werk, eine Einheit bildeten, doch dieser Gedanke bestreitet eher das Selbstverständliche dieser Tatsache, indem er fraglos impliziert, in einem anderen, weniger gelungenen Werk, könnten sie ebensogut auseinandertreten. Natürlich kann man oft sofort sagen: Dieser Text benutzt inadäquate Mittel, ist zu feierlich, zu förmlich oder zu lax etc. Dies alles ist aber eine rein informelle Redeweise. Will man einen solchen Fall genauer beschreiben, kann man ebensogut sagen: Moniert ein Kritiker in dieser Weise etwas als schlecht gesagt, scheint ihm meist eigentlich eher der mitgeteilte Inhalt falsch, widersprüchlich oder dunkel. In der Regel ersetzt er insgeheim das, was gesagt ist, gegen etwas, was man hier so ähnlich hätte vielleicht sagen sollen, und rügt das Auseinandertreten von Form und Inhalt in Bezug auf diese neu erfundene Aussage.[1] Er deutet einen empfundenen Mangel des Inhalts zu einem Mangel der Form. Es gilt heute ja fast als etwas unanständig, Gedichte nach ihrem Aussagegehalt zu bewerten. Deswegen wählt man oft intuitiv diesen Umweg über den Zugriff auf die Form, die dann als eine nicht mehr zeitgemäße, banale, unverbindliche etc. gedacht wird,.
Wie jeder weiß bedeutet das nicht, dass man deshalb gern über Grammatik und Syntax redet. So wie eben angedeutet, bleibt dies meist nur das Scheinthema, Regeln der Sprache, Regeln der Dichtung (es gibt sie, aber sie sind implizit, sobald sie formuliert werden können, fangen sie an fraglich zu werden) sind ein Thema, vor dem man generell zurückschreckt. Allzu schnell setzt man sich unter Verdacht, selbst beschränkt oder unfrei zu sein. Um der Gefahr zu entgehen, dass der eigene Stil sich lediglich als ein Set mehr oder weniger arbiträrer Gewohnheiten erweist, das als Masche verdächtigbar wäre, übt man sich gern in Intransparenz und redet statt über Regularitäten lieber über esoterische Obertöne, die ein feines Ohr erfordern, als über den Stoff und die Fäden, aus denen die Poesie in Wirklichkeit hergestellt sind. Diese müssten hingegen Masche für Masche reproduzierbar, also sehr einfach sein.
Wenn sie jedoch einfach sind, wie wäre denn die oben unterstellte Umdeutung überhaupt möglich: Sähe man, wenn es so wäre, nicht z.B. die klare grammatische Form und wäre sich einig?
„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“ sagt einer, das gilt im Großen und Ganzen (des inneren Lexikons sozusagen) aber auch im Kleinen. Besonders interessant wird es da, wo allgemein gängige Worte auf ein Netz von zahlreichen syntaktischen und grammatischen Regeln treffen, die ineinander aber auch mit weiteren Formregeln zusammenarbeiten.
Deswegen kommt es mir nicht nur schief vor, Inhalt und Form zu trennen, sondern ebenso schief, grammatische Regeln getrennt von metrischen, syntaktischen oder topologischen zu diskutieren. Und man verzeihe mir auch, dass ich, bevor ich zu aktuelleren Beispielen aus der eigenen Werkstatt komme, hier zunächst manchem vielleicht etwas bieder erscheinende Klassikerphilologie betreibe. Wenn ich dabei Texte auch teils weitgehend interpretiere wie ein Deutschlehrer, dann natürlich nicht, weil es mir um die Botschaften der Texte besonders zu tun wäre, sondern weil ich zeigen möchte, wie die Bewertung einzelner Formmittel kein Glasperlenspiel ist, sondern unmittelbar durchschlägt auf den Horizont dessen, was wir „verstehen“.
„Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen / und einen Herbst zu reifem Gesange mir / daß williger mein Herz vom süßen …“ beginnt Hölderlins An die Parzen. Der deutsche Satzbau, das metrische Schema und ein Set von Inversionsregeln schaffen hier eine Unbestimmtheitsstelle, die sich nicht „nah am Text“ auflösen lässt. Grammatisch ist jedenfalls nicht klar, ob sich der Sprecher des Gedichtes einen Sommer und zusätzlich einen Herbst zum Singen wünscht, oder ob Sommer wie Herbst zwei Dinge sind, die in derselben Hinsicht zu reifem Gesange nötig sind.[2] (sensu composito vs. sensu diviso). Dass hier ein wesentlicher Unterschied liegen kann, macht ein pragmatischeres Beispiel vielleicht klarer: Jemand kann sich ein Haus im Süden und ein schnelles Auto wünschen. Einerseits kann intendiert sein, dass die Wünsche zusammengehören, dass er das Auto beispielsweise zu nutzen wünscht, um sein Haus zu erreichen. Es kann aber auch sein, dass es ihm einerseits um ein Haus dort und andererseits um ein Auto für gelegentliche Spritztouren geht. Jene getrennte Lesart wirkt etwas arbiträr und wird von Lesern des „großen“ Hölderlins gern übergangen, aber es ist eine Frage der Interpretation: Immerhin sind der Sommer und der Herbst durch einen zusätzlichen Einschub („ihr Gewaltigen“) und einen Zeilenbruch getrennt. Selbstverständlich können Hölderlinleser auf Parallelstellen verweisen, so ein Abstand sei eben ein Ergebnis der Verschiebungsprozeduren, mit denen man so eine Odenform einrichtete. Andererseits ließe sich fragen, ob es nicht vielleicht dem Dichter auch zur Ehre gereiche, ihn so zu lesen, dass er stärker von der banalen Not des Einzelnen mitspricht, wie es in diesem zweiten Lesevorschlag stärker angelegt ist. Man kann das vielleicht in der Stroemfeldausgabe nachschlagen, ich tue das nicht, weil es mir hier nicht um Hölderlinphilologie geht, sondern darum, zu zeigen, wie verschiedene jeweils einfache Bildungsregeln sich schichten und die inhaltliche Ausdeutung des Textes stark davon abhängt, in welcher Priorität diese einfachen Bildungsregeln geschichtet sind. Mich rührt der Gedanke, Hölderlin habe sich einfach auch mal eine wunderschöne Zeit in seinem an Zumutung reichen Leben gewünscht.
Noch verzwickter wird es, wenn man die dritte Zeile hinzunimmt. Was macht das Herz williger: Der Herbst allein? Der Sommer und der Herbst gemeinsam? In derselben Hinsicht? Es könnte ja ein nicht mitgesagtes Drittes geben, was erst diesen Zusammenhang herstellt, so kann sich jemand ja das Auto für Spritztouren und das Haus im Süden wünschen, aber doch gemeinsam insofern, dass etwa beide Status repräsentieren? Und dann gibt es noch eine weitere Lesart, die im Gesamtzusammenhang zunächst die schwächste scheint: Das willige Herz könnte auch nur als Folge des Sommers gedacht werden, Herbst und Gesang kämen sozusagen nur on top, weil der topologische Ort bereits betreten ist. So mutet der Text etwas simpel aus der Schulrhetorik gefolgert an, wer mit metrischen Zeilen im Kopf umgeht, kann sich eine solche Entstehungsweise aber gut vorstellen. Da geistert einem vielleicht der Stoßseufzer durch den Kopf „Nur einen Sommer, gönnt ihr Gewaltigen“ und dann findet sich der wirklich schlagende Abgang: „daß williger mein Herz vom süßen“ ( Kann, wer nicht regelmäßig mit dem hochgestimmten Versmaterial vergangener Epochen umgeht, den Fall ins Lakonischere hier noch mitvollziehen?) Grundstimmung und Ton eines Bittgebetes sind sprachlich schon erschlossen, dieser Topos wird nun weiter ausgeführt. Jedenfalls gruppieren sich Zeile eins und drei zueinander, indem das Metrum dieser beiden Zeilen aufgeraut ist. Oder ist es gerade umgekehrt, dass die Sauberkeit[3] der zweiten Zeile ihre Ursprünglichkeit markiert, während sich das andere nachträglich anfügte? Noch einmal: Man kann das vielleicht in der Stroemfeldausgabe nachschlagen, ich tue das nicht, weil es mir hier nicht um Hölderlinphilologie geht, sondern darum, zu zeigen, wie verschiedene jeweils einfache Bildungsregeln sich schichten und die inhaltliche Ausdeutung des Textes stark davon abhängt, in welcher Priorität diese einfachen Bildungsregeln geschichtet sind. Ein feinsinniges ästhetisches Ohr tut hier nichts, es sei denn, man meint damit seine Intuitionen über die Vorfahrtsregeln (im Sinne der optimality theory) im Bereich von Syntax, Grammatik und Metrik.
Wer nicht über deutliche Intuitionen zu Bildungsregeln und deren Schichtung verfügt, sieht besonders metrisch gebundene Texte, so könnte man sagen, nur in Schwarz /Weiß, nach den Umrissen der Wortsemantik und den Grautönen der Standardgrammatik. Diese s/w Sicht haben etwa SchülerInnen, die, zu Recht gelangweilt, im barocken Sonett wieder und wieder die Vergänglichkeitstopik herausarbeiten. Diese Topik ist nicht Inhalt, der gesagt wird, sondern eher Form, in der etwas ausgedrückt wird. Dieses Etwas kann nur der heraus spüren, der die Gewichte der jeweiligen Regeln ahnt: Erfahrungen mit (oder Hypothesen über) Schwierigkeiten ihrer Einhaltung hat. Wo musste etwa ein Alexandriner sorgsam in seinen Gegensatzgewichten gebaut werden, wo war der Tatbestand klein genug oder bekannt genug, dass er zur Anspielung verkleinert werden konnte? Wo nötigt eine Aussagestruktur dem Dichter ab, die Lastwechsel des Alexandriners zu verschleifen? Welche Akkumulation füllt nur einen Zeilenrest aus? Welche rafft vorher eingeführte Motive zu einem Höhepunkt? Erst von hier her lässt sich ganz erschließen, worauf hin der Vers gespannt ist. Ist etwa ein Vergänglichkeitstopos defensiv gedacht? (Vergeblichkeit) oder soll er Mut zusprechen (Auch Deine Widerstände sind ein zeitlich Ding.)? Aussageabsicht wird hier zu einem Etwas, dass nicht biografisch psychologisch gefasst ist, sondern, insofern es anhand der Versgrammatik erschlossen wird, jenseits der Empirie der Zeitläufe (nicht aber ihrer Lesegeschichte) liegt.
[1] Dass etwas des Feierns würdig ist, ist ja ein Inhalt, ein durch Pathos unfreiwillig komischer Text mag dies nicht ausdrücken, jenseits der Autorenintention stellt er aber dennoch ja weiterhin genau diese Aussage in Frage.
[2] Was im Gesamtkontext des Gedichtes als Marginalie erscheinen mag, ist, wie ich selbst erlebt habe, eine Frage, an der sich Germanisten auch heute noch die Köpfe heißreden können.
[3] Wenn man auf „reifem“ den Hauptakzent legt, passt sogar eine kleine Zäsur dazwischen.
Jindřich Hořejší
(* 25. April 1886 in Prag; † 30. Mai 1941 ebenda)
Lied Gestern hat er meine Hände geküßt, ihr Mädchen. Meine Finger sind noch von den Küssen erfüllt, als hätte er sie mit schönen Ringen umhüllt; und immer wieder lächelt sie mich an wie eine Gemme aus roter Koralle, die kleine Wunde, die ich vom Tippen habe; als er den Mund darauflegte, ätzte er sie mit seinem lebendigen Herzen. Gestern hat er meine Hände geküßt, ihr Mädchen. Meine Finger haben gezittert, meine Finger waren verwirrt, wer ihnen wohl die süßen Küsse zurückgab, mit denen sie stets die Schreibmaschine liebkosen, ihre tagtägliche Arbeit, um den Hunger von Mutter und Schwestern zu stillen. Mädchen, ihr Mädchen, nehmt Geliebte, die eure Hände küssen, Hände, nicht weiße, gezähmte. Das sind Geliebte mit goldenem Herzen.
Aus dem Tschechischen von Roland Erb, in: Süß ist es zu leben. Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2006, S. 426
Vor 100 Jahren, am 24. April 1922, wurde Hersch Glik in Wilna geboren. Jiddisch הִירְש גְלִיק : andere Namensformen Hirsh Glick, Hirsh Glik.
„Geboren 1922 in Wilna als Sohn eines Altstoffhändlers. Jüdische und weltliche Bildung. Arbeit in einer Buchbinderei und einer Papierfabrik. Schrieb zunächst hebräische Gedichte und ging erst unter dem Einfluß der Gruppe Jung-Wilne zum Jiddischen über. 1941 Zwangsarbeit in Torfgruben bei Wilna. Während der Liquidierung des Wilnaer Gettos versuchte er, sich zu den Partisanen in den Wäldern durchzuschlagen. Gestapobaft, Flucht aus einem Lager, 1944 im Kampf gegen die Deutschen gefallen. Sein Partisanenlied wurde zur Hymne des Widerstands.“ (aus „Der Fiedler vom Getto“, s.u.)
Jüdisches Partisanenlied Sage nimmermehr, du gehst den letzten Weg, wenn vor blauen Tag ein Bleigewölk sich legt: unsre heißersehnte Stunde, sie ist nah, unsre Tritte werden trommeln: Wir sind da! Vom grünen Palmenland zum weiten Land im Schnee, so kommen wir mit unsrer Qual, mit unserm Weh, und wo gefallen ist ein Spritzer unsres Bluts, dort wird sprießen unsre Stärke, unser Mut. Einst wird Sonne sein, die unsern Tag bescheint, und das Gestern wird verschwinden mit dem Feind. Steigt zu spät für uns der Sonnenball sei dies Lied für unsre Kinder ein Fanal. Das Lied, geschrieben ists mit Blut und nicht mit Blei und kein Vogel hats gesungen, leicht und frei, s hat ein Volk an rauchgeschwärzter Wand das Lied gesungen mit der Waffe in der Hand. Drum sage nimmermehr, du gehst den letzten Weg, wenn vor blauen Tag ein Bleigewölk sich legt: unsre heißersehnte Stunde, sie ist nah, unsre Tritte werden trommeln: Wir sind da!![]()
5. Aufl. 1993 / 2. Aufl. 1968
Aus dem Jiddischen von Hubert Witt, aus: Der Fiedler vom Getto. Jiddische Gedichte aus Polen. Ausgewählt und aus dem Jiddischen übertragen von Hubert Witt. 5. Auflage 1993 (1. 1966), S. 256
dos partizanerlid zog nit keyn mol az du geyst dem letstn veg, khotsh himlen blayene farshteln bloye teg. kumen vet nokh undzer oysgebenkte sho - es vet a poyk ton undzer trot: mir zaynen do! fun grinem palmenland biz vaysn land fun shney, mir kumen on mit undzer payn, mit undzer vey, un vu gefaln s'iz a shprits fun undzer blut, shprotsn vet dort undzer gvure, undzer mut. es vet di morgnzun bagildn undz dem haynt, un der nekhtn vet farshvindn mitn faynd. nor oyb farzamen vet di zun un der kayor – vi a parol zol geyn dos lid fun dor tsu dor. dos lid geshribn iz mit blut un nit mit blay, s'iz nit keyn lidl fun a foygl af der fray, dos hot a folk tsvishn falndike vent, dos lid gezungen mit naganes in di hent! to zog nit keyn mol, az du geyst dem letstn veg, khotsh himlen blayene farshteln bloye teg. kumen vet nokh undzer oysgebenkte sho – es vet a poyk ton undzer trot: mir zaynen do!


Und was ist mit Odessa? Was war da? Was ist da? Hier ein Gedicht von Leander Sukov (aus dem Odessa-Band der Städtereihe „Europa erlesen“) – aus dem wir es natürlich auch nicht erfahren, es ist ein Gedicht. Sukov hat in den letzten Jahren unterschiedliche Stellungnahmen zum Geschehen in der Ukraine abgegeben. Er ist im März aus der Partei Die Linke ausgetreten und hat das mit der Haltung der Partei zur russischen Invasion begründet.
Leander Sukov
Odessa-Sonett Sie kondolieren der Ukraine, der Toten in Odessa wegen. Dies’ Jahr, das ist das Jahr der Schweine, die sich an Krieg und Tod erregen. Die Grabesreden halten jene, aus deren Reih’n die Mörder stammen. Die braucht man für die großen Pläne, braucht ihre Taten, braucht die Flammen. Entfacht, das nationale Feuer. Entfacht, der nationale Hass. Der Haß gebiert die Ungeheuer. Und Ungeheuer fordern Fraß. Es kondolier’n mit falschen Mienen, die Schweine, die am Krieg verdienen.
Aus: Europa erlesen. Odessa. Hrsg. Dareg A. Zabarah. Klagenfurt: Wieser, 2017, S. 266.
Heute vor 530 Jahren geboren: Pietro Aretino, genannt „der Göttliche“, aber o weh: „ein Dichter voll Talent, aber ohne alle sittliche Würde“ (Herders Conversations-Lexikon 1854), „durch sittenlose Schriften berüchtigt“ (Brockhaus 1911). Einige der „sittenlosen“ Sonette kann man in dem von Tobias Roth herausgegebenen Band „Welt der Renaissance“ (Ausgewählt, übersetzt & erläutert von Tobias Roth. Berlin: Galiani, 2020, 2. Aufl. 2021) nachlesen. Hier ein kirchenkritisches Gedicht im italienischen Original und einer Prosaübersetzung. (Den Originaltext findet man im Internet an verschiedenen Stellen als „anonyme Schmähung“, aber in Hartmut Köhlers Anthologie „Poesie der Welt. Italien“ steht er unter Aretinos Namen).
Non ti maravigliar, Roma, se tanto s'indugia a far del papa la elezione, perché fra' cardinai Pier con ragione non trova chi sie degno del suo manto. La cagion è che sempre ha moglie accanto questo, e quel volentier tocca il garzone, l'altro a mensa dispùta d'un boccone e quel di inghiottir pesche si dà il vanto. Uno è falsario, l'altro è adulatore, e questo è ladro e pieno di eresia, e chi di Giuda è assai più traditore. Chi è di Spagna e chi di Francia spia e chi ben mille volte a tutte l'ore Dio venderebbe per far simonia. Sicché truovisi via di far un buon pastor fuor di conclavi, che di san Pietro riscuota le chiavi e questi uomini pravi, che la Chiesa di Dio stiman sì poco, al ciel per cortesia sbalzi col fuoco.
Wundere dich nicht, Rom, wenn man so lange zögert, die Wahl des Papstes vorzunehmen, denn unter den Kardinäleti findet Petrus mit Recht keinen, der seines Mantels würdig wäre.
Der Grund ist, daß dieser ständig ein Weib zur Seite hat, jener gerne den Knaben berührt, der andere bei Tisch um einen Bissen streitet und jener sich rühmt, Pfirsiche zu verschlingen.
Einer ist Fälscher, der andere Schmeichler, und dieser ist ein Gauner und voll Ketzerei, und mancher ist noch viel mehr Verräter als Judas.
Mancher ist ein Spion Spaniens und mancher Frankreichs, und mancher würde wohl tausendmal zu jeder Stunde Gott verkaufen, um Simonie zu treiben.
So möge sich ein Weg finden, einen guten Hirten außerhalb der Konklaven zu machen, der die Schlüssel des Hl. Petrus einholt und diese verdorbenen Leute, die die Kirche Gottes so gering achten, freundlicherweise mit Feuer bis zum Himmel schießt.
Aus:
Hartmut Köhler ( Hrsg.), Poesie der Welt: Italien. Edition Stichnote im Propyläen Verlag, 1985, S. 106f.
Die Auswahl der italienischen Lyrik aus acht Jahrhunderten und ihrer Übertragung traf Hartmut Köhler. Er besorgte die Prosa-Auflösungen und schrieb das Nachwort „Die italienische Lyrik und ihre deutschen Übersetzer“.
Mehr über Aretino im Lyrikwiki.
Heute vor 75 Jahren wurde Norbert C. Kaser geboren. Er wurde nur 31 Jahre alt.
Norbert C. Kaser
(* 19. April 1947 in Brixen, Südtirol; † 21. August 1978 in Bruneck)
wissenschaft des schreibens weißt du maridl die ungeborenen gedichte sind immer die besten die die man selber geboren und verdaut hat die
Aus: norbert c. kaser, Gedichte. Hrsg. Sigurd Paul Scheichl. (Gesammelte Werke Band 1). Innsbruck: Haymon, 1991 (2. Aufl.), S. 198
Georg Maurer
Geboren 11. März 1907 in Reghin (Sächsisch Regen), Siebenbürgen, Königreich Ungarn; † 4. August 1971 in Potsdam
Froher Morgen Streckt euch, Zweige, erwacht! Ich habe ein Ei gegessen und weißes Brot. Mein ganzer Leib lacht. Die Nachtsorgen sind tot. Ich bin aus den Nachtsorgen gekrochen wie ein Vogel aus dem Ei. Ich habe die Schale durchbrochen und spaziere jetzt frei. Ich weiß jetzt, was die Hühner wissen, wenn sie picken. Ich weiß, wen die Raben grüßen, wenn sie mit dem Kopfe nicken.
Aus: Georg Maurer, Werke in zwei Bänden. Band 1. Hrsg. Walfried Hartinger, Christel Hartinger und Eva Maurer. Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1987, S. 254
In der alten Kirche feierte man die ganze Woche von Palmarum bis O. (Osterwoche, Marterwoche), namentlich Gründonnerstag, Charfreitag u. Osterabend od. Großen Sabbath. Nun folgte das Fest selbst, welches 8 Tage lang mit täglichem Gottesdienst begangen, seit dem 11. Jahrh. aber die Feier auf 3 Tage, in neuester Zeit in den meisten Ländern auf 2 Tage beschränkt wurde. Die älteren Christen blieben die ganze Nacht vor dem Fest (Ostervigilie) beisammen, brachten dieselbe mit Gebet u. Administrirung des heiligen Abendmahls zu u. zündeten in der Kirche die große Osterkerze (Cereus paschalis) u. auf nahen Anhöhen ein Freudenfeuer (Osterfeuer) an. Von der Osterkerze wurde dann in den Häusern statt alles ausgelöschten Feuers neues angezündet. Vor Sonnenaufgang schöpfte man unter geheimnißvollem Stillschweigen aus einem nahen Flusse Wasser (Osterwasser, von welchem man glaubte, daß es den Körper vor Runzeln u. Flecken bewahre). Wenn man sich am Morgen des Festes begegnete, begrüßte man sich, wie noch jetzt in der Griechischen Kirche, unter einem Kusse (Osterkuß) mit dem Zuruf: Surrexit! (er ist auferstanden), u. der Erwiderung: Vere surrexit! (er ist wahrhaftig auferstanden). In den Kirchen wurden die Katechumenen getauft u. seit dem Lateranensischen Concil 1215 gesetzlich Abendmahl gehalten. Processionen zogen umher, Gefangene wurden begnadigt u. losgelassen, Sklaven freigegeben, die Bußzeit der Gefallenen endigte sich, man schickte sich gegenseitig Geschenke, bes. bunt bemalte u. mit Reimen beschriebene Eier (Ostereier), spendete den Armen Almosen u. gab sich, nach dem nun beendigten Quadragesimalfasten lauter Freude u. stattlichem Genusse hin (Osterfreude). Selbst in den Kirchen wurden Gastmähler gegeben u. die Geistlichen erzählten allerhand Märchen u. Schwänke, welche das Volk zum Lachen reizten (Ostergelächter, Risus paschalis; vgl. Öcolampadius De risu paschali, Bas. 1518, welcher erzählt, daß die Prediger in dieser Absicht auf den Kanzeln bald wie Kukuke gerufen, bald wie Gänse geschnattert hätten etc.). Die Festfeier wurde mit der Osteroctave, am Sonntag nach O. geschlossen. Schon bei der nächtlichen Feier der Ostervigilie kamen Unordnungen vor, weshalb bereits 305 das Concil in Illiberis den Weibspersonen die Theilnahme an derselben untersagte; andere Mißbräuche wurden durch die Reformation abgestellt. Die Ostervigilie u. die Osteroctave werden in der Katholischen Kirche gefeiert. Vgl. Piper, Geschichte des Osterfestes, noch 1845; Weitzel, Die Passahfeier, 1848; Hilgenfeld, Der Osterstreit, 1860.
Quelle: Pierer’s Universal-Lexikon, Band 12. Altenburg 1861, S. 410-411. http://www.zeno.org/nid/20010568883

Joachim Ringelnatz
(* 7. August 1883 in Wurzen; † 17. November 1934 in Berlin)
Ostergedicht Wenn die Schokolade keimt, Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen "Glockenklingen" sich auf "Lenzesschwingen" Endlich reimt, Und der Osterhase hinten auch schon preßt, Dann kommt bald das Osterfest. Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen Ostern naht auf Lenzesschwingen, - - - Dann mit jenen Dichterlingen Und mit deren jugendlichen Bräuten Draußen schwelgen mit berauschten Händen - - - Ach, das denk ich mir entsetzlich, Außerdem - - unter Umständen - Ungesetzlich. Aber morgens auf dem Frühstückstische Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe, frische Eier. Und dann ganz hineingekniet! Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme Durch geheime Gänge und Gedärme In die Zukunft zieht, Und wie dankbar wir für solchen Segen Sein müssen. Ach, ich könnte alle Hennen küssen, Die so langgezogene Kugeln legen.
Sarah Kirsch
(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein))
Wodka trinken Braune Vögel braune Blätter sanfter Harzfluß auf der Rinde einzeln aufgewachsner Bäume deren Spitzen Sterne schmücken Alte Marmormänner recken vor dem Schloß die schönen Glieder Amseln nisteten im Schoße einer weißen Brunnendame Innen in den großen Stühlen Löwenköpfe an den Lehnen sitzen wir und trinken Wodka der den Hals zur Wildnis macht: Rote Blumentrauben fallen auf den silberweißen Fluß und die krummen Krebse graben sich bei Mondlicht in den Grund bis die Kehlen abgehärtet bis die großen Flüssigkeiten still in uns hinunterrollen und wir immer ernster werden während alle andern johlen und sich in den Armen liegen ihren Spruch von Freundschaft sagen den sie morgen nicht mehr wissen Komm wir wollen in die Kälte. In die Dunkelheit des Mondes gehn wir auf polierten Straßen die sich um die Berge biegen
Aus: Sarah Kirsch: Landaufenthalt. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1967, S. 70f
Nikolai Gumiljow
(Николай Степанович Гумилёв, * 3. April jul. / 15. April 1886 greg. in Kronstadt; † 24. August 1921 in Berngardowka bei Petrograd, hingerichtet)
Ballade Mein Freund Luzifer hat mir fünf Rosse geschenkt, einen goldenen Ring mit rubinrotem Licht, daß ich, erst in die Tiefen der Grotten versenkt, dann erschaue des Himmelsraums junges Gesicht. Und mich lockte das Schnauben, der Hufschlag ins Land, und mein Flug über Weiten der Erde hin ging; und ich glaubte, für mich sei die Sonne entbrannt, sei erglüht wie der Stein an dem goldenen Ring. Manche sternhelle Nacht, viele Tage voll Glut irrt' ich hin, sah ein Ende der Irrfahrten nicht. Und ich lachte der mächtigen Rennpferde Wut und des Spiels meines Ringes in goldenem Licht. Auf den Höhn des Bewußtseins ist Wahnsinn und Schnee. Doch mein pfeifender Hieb hat die Rosse gelenkt zu den Höhn der Erkenntnis. Und obenauf seh’ ich ein Mädchen, das traurig das Antlitz gesenkt. Ihre Stimme war leise, mit Saitenklang drin; Frag’ und Antwort im seltsamen Blick im Verein. Diesem Mädchen des Monds gab den Ring ich dahin für des Haars, des gelösten, falsch schimmernden Schein. Aber Luzifer lachend ein Tor mir erschloß, und er stieß mich verächtlich in finstere Nacht. Und als sechstes gab Luzifer mir noch ein Roß, und ihm wurde „Verzweiflung“ als Name gesagt. um 1908
Deutsch von, aus: Nikolai Gumiljow: Ausgewählte Gedichte. Ausgewählt und übertragen von Irmgard Wille. Hrsg. Siegfried Heinrichs. Berlin: Oberbaum, 1988, S. 17
БАЛЛАДА Пять коней подарил мне мой друг Люцифер И одно золотое с рубином кольцо, Чтобы мог я спускаться в глубины пещер И увидел небес молодое лицо. Кони фыркали, били копытом, ман Понестись на широком пространстве земном, И я верил, что солнце зажглось для меня, Просияв, как рубин на кольце золотом. Много звездных ночей, много огненных дней Я скитался, не зная скитанью конца, Я смеялся порывам могучих коней И игре моего золотого кольца. Там, на высях сознанья - безумье и снег, Но коней я ударил свистящим бичем, Я на выси сознанья направил их бег И увидел там деву с печальным лицом. В тихом голосе слышались звоны струны, В странном взоре сливался с ответом вопрос, И я отдал кольцо этой деве луны Да неверный оттенок разбросанных кос. И, смеясь надо мной, презирая меня, Люцифер распахнул мне ворота во тьму, Люцифер подарил мне шестого коня - И Отчаянье было названье ему.
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