108. Meine Anthologie 25: Andreas Gryphius, Was frag ich nach der welt

1) WAs frag ich nach der welt! sie wird in flammen stehn:
Was acht ich reiche pracht: der Todt reißt alles hin!
Was hilfft die wissenschafft / der mehr denn falsche dunst?
Der Liebe Zauberwerck ist tolle Phantasie:
Die wollust ist fürwar nichts alß ein schneller traum;
Die Schönheit ist wie Schnee’/diß Leben ist der Todt.

2) Diß alles stinckt mich an /drumb wündsch ich mir den Todt!
Weil nichts wie schön vnd starck / wie reich es sey /kan stehn
Offt / eh man leben wil / ist schon diß Leben hin.
Wer Schätz‘ vnd Reichthumb sucht: was sucht er mehr alß dunst.
Wenn dem / der Ehrenrauch entsteckt die Phantasie.
So traumt jhm wenn er wacht / er wacht vnd sorgt im traum.

3) Auff meine Seel / auf! auf! entwach auß diesem traum /
Verwirff was jrrdisch ist / vnd trotze Noth vnd Todt!
Was wird dir / wenn du wirst für jenem throne stehn /
Die welt behülfflich seyn? wo dencken wir doch hin?
Was blendet den verstandt? soll dieser leichte dunst
Bezaubern mein gemüth mit solcher Phantasie?

4) Biß her! vnd weiter nicht! verfluchte Phantasie!
Nichts werthes Gauckelwerk. Verblendung-voller traum /
Du schmertzen-reiche Lust! du folter-hartter Todt!
Ade! ich wil nunmehr auf freyen Füssen stehn
Vnd tretten was mich tratt! Ich eyle schon dahin;
Wo nichts als warheit ist. Kein bald verschwindent dunst.

5) Treib ewig helles Licht der dicken Nebel dunst
Die blinde Lust der welt: die tolle Phantasie
Die flüchtige begierd‘ vnd dieser gütter traum
Hinweg vnd lehre mich recht sterben vor dem Todt.
LaB mich die eitelkeit der Erden recht verstehn
Entbinde mein gemüth /vnd nimb die Ketten hin.

6) Nimb was mich vnd die welt verkuppelt! nimb doch hin
Der Sünden schwere Last: laß ferner keinen dunst
Verhüllen mein Gemütt / vnd alle Phantasie
Der Eitel-leren welt sey für mir alß ein traum /
Von dem ich nun erwacht! vnd laß nach diesem Tod
Wenn hin / Dunst / Phantasie / Traum / Tod / mich ewig stehn.

107. Letzter Band der Werkausgabe Antonio Machado

„La Guerra – Der Krieg“ ist der letzte Band der Werkausgabe des 1939 verstorbenen spanischen Nationaldichters Antonio Machado. Die Texte, die vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkriegs entstanden, zeugen von seiner wachsenden Desillusionierung.

„Ich denk an Spanien, das ganz verkaufte,/von Fluß zu Fluß, von Berg zu Berg, von Meer zu Meer.“ dichtet Antonio Machado im Februar 1937 in Valencia, wohin er, aus Madrid kommend und der republikanischen Regierung folgend, vor den vorrückenden Truppen des Putsch-Generals Franco geflüchtet ist. …

Letzte Gedichte, darunter das auf die Ermordung Federico García Lorcas hin entstandene „Das Verbrechen geschah in Granada“, und Essays, Berichte und Bekenntnisse, einen Dramentext und Reflexionen von Machados „apokrypher“ Kunstfigur Juan de Mairena versammelt dieser Band. / Gregor Ziolkowski, DLR 16.2.

Antonio Machado: La Guerra – Der Krieg
Schriften aus den Jahren des Spanischen Bürgerkriegs
Herausgegeben und aus dem Spanischen übertragen von Fritz Vogelgsang
Ammann Verlag, Zürich 2010
320 Seiten, 34,95 Euro

106. Von einer gewissen Unverständlichkeit

Neben Mondrian kämpften auch der Möbeldesigner Gerrit Rietveld, der Maler Bart van der Leck, der Bildhauer George Vantongerloo und der Architekt JJ Oud unter dem Banner De Stijl. Und Theo van Doesburg machte buchstäblich alles. Nach seinem Tod schrieb Alfred Barr, Gründungsdirektor des Museum of Modern Art, New York, er sei „Maler, Bildhauer, Architekt, Typograph, Dichter, Romanautor, Kritiker, Hochschullehrer und Theoretiker [gewesen] – ein Mensch, der so vielseitig war wie nur irgendeine der Renaissancefiguren.“
Allerdings machte er nicht alles gleich gut. Seine umfangreichen Schriften leiden, nicht anders als die Mondrians, an einer gewissen Unverständlichkeit. Der Kunsthistoriker Carel Blotkamp bekannte: „Selbst wir Niederländer haben ein halbes Jahrhundert später nicht die geringste Vorstellung von der Bedeutung gewisser Aussagen dieser erlauchten Männer.“ / Martin Gayford, The Telegraph 9.2.

‚Van Doesburg & The International Avant-Garde’ is at Tate Modern from Thurs-May 16

105. Gedicht

ICH WERDE MÜDE, WEIL ICH NICHT MEHR DREIZEHN BIN,
Zu keinem Großkonzern gehör, zu keiner Schule,
Mich fickend, pissend, scheissend in den Medien suhle,
Gewalt und Sex kopiere, Angepasstheit hin

Und Ausgelaugtheit her, es gibt Genieoasen
In jedem Zeitungswinkel, in den Talk Show Soaps,
Mit siebzehn hätt ich alles hinter mir, des Lobs
Nun voll, liess ich mir von den Jurys einen blasen,

Wie kann man diese Brühe sich nur einverleiben,
Es gäb kein Land, in dem ich lieber draussen läge,
Die Ostsee und der rauhe Wind, die ganze Scheisse.

In Sachsen lohnt es sich, noch länger wach zu bleiben,
Für meinen eigenen Tod wär ich wohl viel zu träge,
Ich seh den Güterzügen zu und werde weise.

/ Thomas Kunst, Leipzig

104. Meine Anthologie 24: Marcin Świetlicki, Polen 2

Polen 2

Und als sie mich, trotz allem, zu ihrem Dichter
erklärten.
Und als ich, statt den ironischen, bitteren
Augenblick abzuwarten
und triumphierend zu leugnen, in diesem
ordinären Licht stand und blinzelte.
Und als
(das sage ich nicht, aber das gibt’s,
das gibt’s!)


Aus: Jahrbuch der Lyrik 2001. Hg. von Christoph Buchwald und Ludwig Harig. München: C.H. Beck 2000, S. 103. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

Englische Nachdichtungen seiner Gedichte gibt es hier .

103. Ich, Dichterin und Frau aus Arabien

Unter diesem Titel erschien eine Auswahl aus dem Werk der arabischen Dichterin Khansa (Al-Khansa, Al-Khanza) (590-644*). Le Verdoyant schreibt:

Khansa gehörte zur Generation des Propheten Mohammed, der ihre Verse schätzte. Ihre Gedichte erregten die Bewunderung ihrer Zeitgenossen, aber auch den Enthusiasmus von Dichtern nachfolgender Generationen. Sie war die fruchtbarste Autorin der archaischen Epoche – über tausend Gedichte werden ihr zugeschrieben. Nach einer Begegnung mit Mohammed trat sie zum Islam über.

Moi, poète et femme d’Arabie
KHANSÂ Al-H̠ansā‘ (en arabe: الخَنْساء)
Sindbad
Anissa Boumediène (Traducteur)
ANNIE ANISSA EL-MANSALI (Traducteur)

Einige Proben in:

“Die Flügel meines schweren Herzens. Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute” (Manesse 2008)

* Andere Quellen sagen: 575-646

102. Poesielabel Perplex

Das Verschwinden der Poesie aus den Zeitungen beklagen David Vajda und Tobias Heitzer, das Vermodern von Gedichten auf Blogs ist ihnen zuwider. „Das Wort an sich zählt“, sagt Letzterer. Gedichte müssen vorgetragen werden, finden sie. Sie sind auf der Suche nach einer zeitgenössischen Präsentationsform für das am schwersten zu vermittelnde literarische Genre: die Lyrik. Dabei denken die beiden Studenten nicht an klassische Lesungen, etwa in Buchläden – etwas höher muss der Glamourfaktor schon sein.

Sie haben keinen Verlag gegründet, über den sie Liebhabereditionen ihrer Werke herausgeben, sondern ein Poesielabel mit dem Namen „Perplex“. „Wir wollen eine Plattform für Junglyriker sein“, sagt Tobias. Im Dezember 2008 kam ihm und Vajda die Idee, mit der sie mit einer Lesung im Dezember 2009 an die Öffentlichkeit traten. / zeitjung.de

101. Meine Anthologie 23: Kurt Bartsch, Märchen

Märchen

B. hat ein Manuskript geschickt, sagte der Lektor
Mit ängstlichem Blick auf den Verlagsleiter, der Verlagsleiter
Mit ängstlichem Blick auf den Minister, der Minister
Mit ängstlichem Blick auf die Bezirksleitung, die Bezirksleitung
Mit ängstlichem Blick auf das ZK, das ZK
Mit ängstlichem Blick auf das Politbüro, das Politbüro
Mit ängstlichem Blick auf den Kreml, der Kreml
Mit ängstlichem Blick zu Gott, worauf dieser
Den langen und kalten Winter 1979 beschloß.


Aus: Kurt Bartsch, Kaderakte. Gedichte und Prosa. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1979, S. 97.

Ein historisches Märchen aus dem letzten Jahrzehnt der DDR – aus jener Zeit, als Gott sich noch persönlich um Gedichte kümmerte. Bezirksleitung: die SED-Bezirksleitung von Ost-Berlin galt als sehr einflußreich. ZK = Zentralkomitee (der SED = Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands), das nominell höchste Wahlgremium der Partei, die alles war, zwischen den alle 5 Jahre stattfindenden Parteitagen. Politbüro: das eigentliche Machtzentrum in den sozialistischen Ländern. Dieses Gedicht habe ich zuerst im Lesesaal der Greifswalder Universität gelesen, in einem per Fernleihe bestellten Buch, für das ein Nachweis des wissenschftlichen Verwendungszwecks erforderlich war und das mir zur Benutzung aus einem Stahlschrank gereicht wurde. (Einmal flüsterte mir eine Bibliothekarin mit ängstlichem Blick zu: Sie lesen ja Sachen. Wissen Sie, daß es uns durch Belehrung verboten ist, die Bücher aus dem Stahlschrank zu öffnen?)

© (Für Auswahl und Kommentar) Michael Gratz 2000.

(NB 2010: Nun wär noch interessant, wie die Befehlskette in diesem langen und strengen Winter verlief)

Kurt Bartsch starb vor vier Wochen im Alter von 72 Jahren. Vgl. L&Poe 2010 Jan #77. Kurt Bartsch gestorben

100. Auskünfte über Howl

gibt die taz unter Rubriken wie: „Der Film in einem Satz“, „Darum geht‘s“,“Der beste Moment“ und unter „Diese Menschen mögen diesen Film“ lesen wir:

Wer “I’ll Be There” über Bob Dylan mochte und sich gerne noch einen xten Handlungsstrang mit einer comichaften Bebilderung von Dylans “Subterranean Homesick Blues” gewünscht hätte.

99. Man feiert weiter

Das Ensemble der Akademie für gesprochenes Wort feiert am Freitag, 26. Februar, um 19.30 Uhr den hundertsten Geburtstag von Max Bense.

Die Sprecher Florian Ahlbohrn, Daniel Zinnöcker, Julia Katterfeld, Sarah Stuckenbrock und Nina Lentföhr verbinden Benses Texte in einer Collage mit den Texten seiner Zeitgenossen Helmut Heißenbüttel und Reinhard Döhl. In Stuttgart

98. Meine Anthologie 22: Unica Zürn, Les chants de Maldoror

Les chants de Maldoror

Tal des Moloch, Narr des
Alls. Rote Mordschande
der Scham – o rasend toll
des roten Dolchs Alarm.

Aus: Aus zerstäubten Steinen. Texte deutscher Surrealisten. Aachen: Rimbaud, 1995, S. 86.

Les chants de Maldoror: Gedichtsammlung von Lautréamont (eigtl. Isidore-Lucien Ducasse), 1847-1870. Deutsch bei Rowohlt (Die Gesänge des Maldoror)

97. Chablis und Lyrik

Manchmal ist das Alltägliche mir zuviel. Da warf mir vorhin mein Computer meinen Chablis-Text, Thema Gedichte, auf den Monitor. – – – – Chablis ist eine Gemeinde in der Region Burgund (Frankreich). Der dort angebaute Wein ist fruchtig, trocken und von einer erfrischenden Säure. Chablis hat meist eine grün-goldene Farbe. – Chablis war auch der Nick eines online-Freundes. Meine Zeilen über LYRIK an Chablis setze ich hier drunter.
*
In einem Punkt hast du Spürsinn gezeigt, Chablis und ins Schwarze getroffen. Du „rügst“ die Zeilen

Orangen sind in der Orangerie,
Spargel in Buntblechdosen.
Der Fürst hat um ein Gedicht gebeten.
Huldvoll hält es die Maitresse
in den von Sünde durchscheinenden Händen.

– Ja, diese Zeilen sind ein Fremdkörper. Ich habe sie, aus anderem Zusammenhang, ins Gedicht hinein genommen. Das ist ein bekanntes Verfahren. Man nennt es Montage. – Der Fremdkörper tritt durchaus zum vorangegangen Teil des Gedichts in Beziehung. Um einen solchen Sprung mitzumachen, ist der Leser gefordert, beweglich zu sein. Er hat ja bereits unterschiedliche Gedanken und Bilder mitgedacht. Er hat den Titel „Eine Straße für uns“ aufgenommen. Dann kam das Drehkreuz, die Wiederholung. Die Tretmühle, das Laufrad. („Und täglich grüßt das Murmeltier“, Filmkomödie mit Phil Connors).

– Die Chausseebäume, die verschrumpelnden Äpfel, oder sind es alte Männer, die da baumeln? Es gibt auch köstliche Dinge, wie Spargel, in Buntblechdosen. Oder jene Geliebte des Fürsten, die um ein Gedicht gebeten hat. Auch für sie mag es (in all den Wiederholungs-Sünden) ein Verlangen, eine Sehnsucht geben nach „eingefangenem Licht“, und wenn, – in einem Text.

– Eine Zeile des Gedichts „umfängt“ etwa das, was man in einem Atemzug sagen kann. Deshalb, Chablis, sind Satzzeichen wie Komma und Punkt am Ende einer Gedichtzeile unnötig. Die folgende Zeile hat ja ihren eigenen neuen Anhub (Atemwechsel). Möglicherweise bist du durch und durch eine prosaische Natur. Man muss, Chablis, um der Lyrik zu begegnen, sich loslassen können. Gedichte sind Gebilde, in denen Worte (auch durch ihre Nachbarschaft) in einer ganz eigenenWeise heran strömen, wobei sie durch Rhythmus, im Tempo (oder in Verzögerung) Bedeutungs-Ebenen schaffen. Ein Gedicht, im Voranschreiten, kann sich entfalten und dabei quasi „sich selbst aufladen“. Es wird zum Träger energetischer Phänomene, die auf den Leser übergehen. Dabei ist das Gedicht oft wie eine Partitur, die erst der Leser, in einem sinnlichen Prozess und in eigenem Zutun des produktiven Assoziierens zum Klingen bringt. Eine Aneignung.

– Du hast versucht, Chablis, dem Verstehen des Gedichts näherzukommen, indem du die Zeilentrennung aufhebst. Damit zerstörst du die zarte Gestalt der Lyrik. Ein Gedicht ist ein kurzer Text in einem zerbrechlichen Gehäuse. Und doch hat das Gedicht Kräfte, ja vibrierende Energie in sich. Ezra Pound hat gesagt, ein Gedicht müsste bis zum Äußersten mit Sinn „geladen“ sein.

– Ich bin dir dankbar, Chablis für deine Stellungnahme. Erst im Austausch werden wir den Dingen näherkommen. Ich fürchte aber, dass du meinem Text nicht locker genug gegenüber trittst. Da schlingt sich ein Wortband in den Raum. Es bläht sich durch die Stube, flattert aus dem Fenster, Wände und Grenzpfähle gibt es nicht mehr. Die Leser empfangen Laute, Bedeutungskörper, Signale, Zeichen. Je sinnlicher die Zeichen sind, je bunter, je schwingender sie sich zu einem Dauerton formen, der lauter Variable hat, um so eher taucht der Leser ein. – So ein Eintauchen ist wie eine Schwimmstunde in der „Ursuppe“. Unser Zwischen-, unser Unter- und das Unbewusstsein, sie werden angesprochen.

– Deine Assoziationen zeigen, dass du nicht nur schnupperst, Chablis, – sondern anbeißt. Es zwickt und zwackt dich. Du fühlst Leerstellen. Da sind Löcher und Nischen im Text und niedliche Nebenhöhlen mit zauberhaften Erotik-Geistern. Ein Wassermann mit Schwarzenegger-Figur tritt aus der Wand und alles ist nicht mehr so, wie in einem Büro, einem Raumschiff, einer Feinstahlküche oder bei einem Stehempfang.

– Ein Gedicht, Chablis, kann in sechs Zeilen „eine Welt“ enthalten.

– Ja, der Kontext, in dem Worte stehen. Moderne Interpreten sind da schnell bei der Hand. So sehen sie bei Shakespeare in seinem 329-Zeilen-Poem „A Lover’s Complaint“ in einem grossen „O“ am Anfang einer Zeile schon das Zeichen für Öffnung, für Lustwünsche. Das führt mich zu einer erstaunlichen Gabe des Gedichts, nämlich bei aller Kürze in wenigen Worten eine Welt, eine dramatische Lebens- oder Liebes-Realität hinzustellen.

– Erich Fried mochte ein Gedicht Rilkes (Nonnen-Klage) besonders, in dem es heißt
„Denk, so kann es vergehn / das Leben / im täglichen Schalle, / ist nicht jede wie jede / wenn nicht irgendein Biß / eine Schramme zurückläßt?“

– Interessant ist, dass man sich oft an einzelnen Gedichten stört, sie aber nicht ganz zur Seite schiebt. So musste ein Redakteur immer wieder böse Leserbriefe beantworten. Er solle keine Sachen mehr von Robert Walser bringen. Man ärgere sich, hieß es, und beim nächsten Mal könne man dann doch nicht davon lassen, sie zu lesen. –

– Robert Walser kam aus Biel (Schweiz), er starb 1956 in Herisau. Seine Bücher werden bei Suhrkamp ständig nachgedruckt. Nobelpreisträger schrieben über ihn. – Hier ist eins seiner Gedichte. Viele hielten es für „übergeschnappt“. Mich reißt es hin.

Was fiel mir ein?
Wie kühl ist mit der Zeit das Herz
mir geworden! Habe ich den Schmerz vergessen,
der eigentlich das Sonnigste des Lebens ist,
woran ich mich erquickte, wie ich noch an keinem
Vergnügen hing? Wann ging die feine Stäubung
dem Schmetterling in mir verloren?
Wann fing es an, wann, wo begann, was mich
entfärbte?
(Robert Walser)

Und damit ENDE, Chablis

/ Wilhelm Fink, Hamburg – www.unterholz.com

96. Adonisröschen

Erst war die Blume – dann ihr Bild – dann wurde das Gedicht gesucht. Das Bild: Adonisröschen in der Ruine der Marienkirche, Efes (Ephesos) am 16.2. 2010. In dieser Kirche soll im Jahre 431 ein Konzil die Frage diskutiert haben, ob Maria Gottesmutter oder bloß Christusmutter ist – die Gottesmutterpartei siegte. Ganz in der Nähe das große Theater, in dem der Aufstand der Goldschmiede gegen die von Paulus betriebene Christianisierung („Groß ist die Diana der Epheser„) stattfand.

The poet must be both Casanova and St. Anthony,

He must be Adonis, Nero, Hippolytus, Heathcliff, and Phaedre,
Genghis Kahn, Genghis Cohen, and Gordon Martini
Dandy Ghandi and St. Francis,

Professor Tenure, and Dizzy the dean and Disraeli of Death.

Hence the poet must be, in a way, stupid and naive and a little child;
Unless ye be as a little child ye cannot enter the kingdom of poetry.

Hence the poet must be able to become a tiger like Blake; a carousel like Rilke.

Aus: Delmore Schwartz (1913-1966) – Apollo Musagete, Poetry, And The Leader Of The Muses

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95. Aufstand der Opfer

Zwanzig Morde, so glauben die Familien, hinter denen der „tiefe Staat“ steckt: die Netzwerke und Todesschwadronen selbsternannter Vaterlandsschützer, die in den Katakomben der Republik nisten, seit diese 1923 geboren wurde. Eine solche Schau der Solidarität unter den Opfern hat es noch nie gegeben. Vom 1948 erschossenen Schriftsteller Sabahattin Ali bis zum 2007 ermordeten Hrant Dink: Die Familien der Hinterbliebenen zogen zum Gerichtssaal, eine wandelnde Anklage gegen 60 Jahre tiefer Staat. „Wir sind die tiefe Familie“ von Hrant Dink“, sagte Filiz Ali, Tochter von Sabahattin Ali: „Wir sind eine Familie, die ständig wächst, weil wir in einem Land leben, in dem ständig Leute umgebracht werden.“ Und dann: „Wir wollen nicht mehr wachsen.“

Zum Beispiel Sabahattin Ali. Dichter. Ermordet 1948. Er übersetzte E.T.A. Hoffmann ins Türkische. Schrieb ein satirisches Gedicht über Republikgründer Atatürk. Wurde verhaftet. Freigelassen. „Auf der Flucht“ erschossen. / Kai Strittmatter, SZ 10.2.

94. Jauchegrube

Der nigerianische Nobelpreisträger Wole Soyinka hält es für irrational, daß Nigeria nach dem Attentatsversuch des „Unterhosenbombers“ auf die Liste terroristischer Länder kam. „Das war eine irrationale, reflexhafte Reaktion der Amerikaner. Der Mann wurde nicht in Nigeria radikalisiert. Es passierte in England, wo er auf die Universität ging. … England ist eine Jauchegrube. England züchtet fundamentalistische Moslems. Seine soziale Logik erlaubt allen Religionen freie Ausübung. Aber das ist unlogisch, weil keine andere Religion apokalyptische Gewalt predigt. Und doch wird es in England erlaubt. Man sollte daran denken, daß dieses Land auch der Nährgrund des Marxismus war. Karl Marx hat all das in britischen Bibliotheken ausgearbeitet.“

Warum das so ist? „Das gehört zum Wesen Großbritanniens. Der Kolonialismus züchtete eine eingeborene Arroganz, und diese gestattet es, sich bequem darin einzurichten. Man kann stolz darauf sein, daß man so offen ist.“ Und deshalb erlauben die Briten jedem, zu predigen, was immer er will: Es bestätigt ihnen die eigene Größe. / The Daily Beast (USA), 31.1