Veröffentlicht am 16. Februar 2011 von lyrikzeitung
Janka Heschele ist gerade 11 Jahre alt. Sie sitzt in einem Zug, der nach Belzec fährt. Belzec liegt nahe Lublin im östlichen Polen.
Das Mädchen schreibt:
Wie schrecklich der Anblick –
Ein Waggon voller Menschen
Und Tote dazwischen.
Nackt stehn sie, ihr Stöhnen
Geht unter im Rattern der Räder.
Nur der Verurteilte hört,
Was das Rad zu ihm spricht –
Nach Belzec…nach Belzec…nach Belzec…
Zum Tode…zum Tode…zum Tode…
Nach Belzec…nach Belzec…nach Belzec…
Für den Tod…für den Tod…für den Tod.
(…)
Der Band „Lyrik gegen das Vergessen“ versammelt Texte, die von KZ-Insassen, Ghetto Bewohnern, Inhaftierten und letztlich Verdammten während ihrer Gefangenschaft geschrieben wurden. (…)
Es sind keine großen Dichter die hier geschrieben haben, sondern ganz normale Menschen. Es sind die Werke junger und alter, männlicher und weiblicher, jüdischer oder kommunistischer Laien-Lyriker. Doch vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung sind eindringliche, verstörende und manchmal geradezu entsetzliche Verse entstanden, die einem das Herz zuzuschnüren vermögen. / Kyffhäuser Nachrichten
„Lyrik gegen das Vergessen“; Michael Moll, Barbara Weiler (HG.)
Schüren Verlag, Marburg 1991.
Veröffentlicht am 16. Februar 2011 von lyrikzeitung
Die mit 7500 Euro dotierte Auszeichnung habe sich die junge Autorin, die zugleich Leiterin des «kookbooks»-Verlags ist, gleich in doppelter Hinsicht verdient, so Jochen Hieber, Vorsitzender der Jury. «Uns beeindrucken das hohe ästhetische Niveau ihrer Lyrik und der gemäßigt avantgardistische Ausdruck. Zugleich möchte die Jury sie auch für ihre verlegerischen Leistungen auf dem Feld der jungen, zeitgenössischen Literatur ehren», erklärte Hieber. …
«Daniela Seels Lyrik vermeidet jede falsche Feierlichkeit und spielt das komplizierte poetische Spiel mit der Sprache viel lieber mit ernster Leichtigkeit und aller Lust zum Experiment», heißt es in der Entscheidungsbegründung. Neben der «herausragenden Poetin» sei sie «eine ,möglich Macherin‘ zeitgenössischer Lyrik».
Die anstehende Veröffentlichung ihres ersten Gedichtbandes, «ich kann diese stelle nicht wiederfinden», war dabei «nur der Anlass für die Entscheidung und nicht der Hauptgrund», legt Hieber dar. / Patrick Wichmann, Frankfurter Neue Presse
Die Jury begründete die Vergabe des Förderpreises damit, dass die Texte in diesem Buch „Sensibilität im Wortsinn vorführen, Sinnlichkeit bis in die feinsten Nuancen erkunden. Daniela Seels Lyrik verfährt kompromisslos auf höchstem ästhetischem Niveau, vermeidet jede falsche Feierlichkeit und spielt das komplizierte poetische Spiel mit der Sprache viel lieber mit ernster Leichtigkeit und aller Lust zum Experiment. Neben der herausragenden Poetin würdigt die Jury auch die verlegerische Tätigkeit Daniela Seels. …“ Daniela Seel gründete 2003 den Verlag „kookbooks“, mit [sic] sie Werke vielversprechender junger Autoren herausgibt. Auch zwei Gedichtbände des Förderpreisträgers 2008, Hendrik Jackson, sind im Programm.
Mitglieder der Jury des Friedrich Hölderlin-Preises sind Vorsitzender Jochen Hieber (F.A.Z.), Oberbürgermeister Michael Korwisi, Kulturdezernentin Beate Fleige, Professor Dr. Anne Bohnenkamp-Renken (Freies Deutsches Hochstift), Professor Dr. Heinz Drügh (Johann-Wolfgang-Goethe-Universität), Professor Dr. Gerhard Kurz (Hölderlin-Gesellschaft) sowie der jeweilige Vorjahrespreisträger. / Frankfurt-live.com
Veröffentlicht am 16. Februar 2011 von lyrikzeitung
Die Association des Amis de Paul Verlaine – Freundeskreis Paul Verlaine – ruft dazu auf, Geld zu spenden, um die Wohnung, in der der Dichter Paul Verlaine geboren wurde, zu kaufen und eine Gedenkstätte zu errichten. Aber es eilt. Die Wohnung in Metz steht zum Verkauf. Man brauche sehr schnell die Summe von 300.000 €. / bibliobs
Veröffentlicht am 15. Februar 2011 von lyrikzeitung
Der österreichische Autor Arno Geiger erhält den mit 20.000 Euro dotierten Friedrich Hölderlin-Preis 2011 der Stadt Bad Homburg. Der 42-Jährige ist der erste Schriftsteller, der nach dem Förderpreis im Jahr 2005 nun auch den Hauptpreis erhält. …
Den mit 7.500 Euro dotierten Förderpreis zum Friedrich Hölderlin-Preis erhält die Lyrikerin Daniela Seel. Der Preis wird am 5. Juni übergeben. / Kurier
Die Jury bezeichnete die gebürtige Frankfurterin als „Geheimtipp der jüngeren Lyrik“. Ihr Gedichtband „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“ wurde als Buch gewürdigt, dessen Texte Sensibilität im Wortsinn vorführten und Sinnlichkeit bis in die feinsten Nuancen erkundeten. / FR
Veröffentlicht am 15. Februar 2011 von lyrikzeitung
Elektrolyrik Darmstadt, Franziska Maurer
Das P-Magazin Darmstadt schreibt in der aktuellen Ausgabe Februar:
Passen Lyrik und elektronische Musik zusammen? Lyrik erschließt sich meist erst nach mehrmaligem Lesen und Reflektieren. Der Genuss kommt in Etappen. Für unmittelbare Extase sorgt dagegen elektronische Musik. An diesem Abend im Schlosskeller wird die Mixtur versucht: In Lounge-Atmosphäre gibt es die Vermengung von Lyrik und elektronischen Sounds. Martina Weber, Silke Peters und Özlem Üzgül Dündar werden ihre Vokal-Werke zum hintergründigen Beat der Darmstädter Djanes Franziska Maurer (Bedroomdisco) und Doris Vöglin (DontCanDJ) vortragen. Initiatorin des Projekts Bianca Gillich moderiert und führt durch den Abend.
Schloßkeller Darmstadt
Dienstag 22.2.
Beginn: 20:30 Uhr
Eintritt: 4 €
Veröffentlicht am 15. Februar 2011 von lyrikzeitung
Einen Vers des sizilianischen Dichters Salvatore Quasimodo (1901-1968) kennt fast jeder in Italien auswendig: Die Wendung „Und gleich ist es Abend“ hat es zum geflügelten Wort gebracht. Anhand einer vorbildlich gestalteten, zweisprachigen Ausgabe ist der Nobelpreisträger von 1959 jetzt auch bei uns neu zu entdecken. Die kundig kommentierte Auswahl bietet einen Querschnitt durch das Werk; rund die Hälfte der 110 Texte kann man zum ersten Mal auf Deutsch lesen.
Der ehemalige Landvermesser und spätere Literaturprofessor Salvatore Quasimodo gilt als großer Repräsentant des Hermetismus, einer Strömung, die an das Erbe des Symbolismus anknüpft und das Gedicht als Chiffre begreift. Quasimodos Klangmagie, die symbolisch aufgeladenen Motive wie Wind, Wolke, Wasser, Licht, Baum, Sumpf, die syntaktischen Muster mit Verkürzungen, dem Verzicht auf Artikel und einem schillernden Gebrauch der Präpositionen passten in das Schema der neuen Richtung. / Maike Albath, DLR
Salvatore Quasimodo: Gedichte 1920 – 1965. Italienisch – Deutsch
Ausgewählt und übersetzt von Christoph Ferber, mit einem Nachwort von Georges Güntert und Kommentaren von Antonio Sichera
Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2010
332 Seiten, 20 Euro
Veröffentlicht am 15. Februar 2011 von lyrikzeitung
Bernhard ein begabter Lyriker? Mitnichten. Ein pathostrunkener Dilettant, dem jedes Gefühl für Form fehlt. Es ist das harsche Urteil eines Mannes, der den Editionsplan der Bernhard-Werkausgabe kennt. 2014 wird es den Band 21 geben. Lyrik. Herausgeber: Raimund Fellinger. 3000 Blatt mit Gedichten liegen noch im Gmundener Thomas-Bernhard-Archiv, und das ist nur der Rest eines Autodafés, das in den Fünfzigern stattgefunden hat. Die Editionsgeschichte von Bernhards Lyrik ist ebenso durchwachsen wie ihr Verkaufserfolg. 1958 werden vom Band „Unter dem Eisen des Mondes“ 1000 Exemplare gedruckt. 1968, also nach dem großen Erfolg von „Frost“, warten davon noch 739 auf Käufer. Als Lyriker war Bernhard ein Netzwerker, der 1955 mit einem gewissen Sepp Hödlmoser bei der Bundespolizeidirektion Salzburg „Wochen der Dichtung“ anmeldet, deren Autoren er auch gleich noch publizistisch abfeiert. Bei S. Fischer, der dann doch nicht sein Verlag wurde, macht Bernhard Verträge über zukünftige Werke, unter anderem den Band „Dichtung I“. Aber das Selbstbewusstsein bröckelt, bis Bernhard 1961 ein Ende seiner lyrischen Produktion verkündet. / Paul Jandl, Die Welt
Veröffentlicht am 15. Februar 2011 von lyrikzeitung
Bei Facebook gefunden: Anlässlich des 65. Geburtstages des Schriftstellers Gert Jonke und der Verleihung des ersten Gert-Jonke-Preises am 6. März im Musil Haus gibt es im RAJ (Badgasse 7, 9020 Klagenfurt) vom 8. Februar bis 6. März dreizehn (13) Jonkegedichte auf der schwarzen Tafel zu lesen. Die Auswahl der Gedichte wurde von Wilhelm Huber besorgt. (Der österreichische Schriftsteller war 2009 gestorben).
Veröffentlicht am 15. Februar 2011 von lyrikzeitung
Ein syrisches Militärgericht hat eine junge Bloggerin zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ihr wird Spionage für die USA angelastet. Syrische Menschenrechtler und die US-Regierung bezeichneten den Vorwurf als absurd.
Nach Angaben der Organisation «Human Rights Watch» hatte die 19-jährige Tal Al-Malluhi in ihrem Blog Gedichte und andere Texte veröffentlicht, die sich mit dem Leid der Palästinenser auseinandersetzen. Im Dezember war sie spurlos verschwunden. / kuvi.de
Veröffentlicht am 15. Februar 2011 von lyrikzeitung
Der Amerikanist Walter Grünzweig, die Komponistin Olga Neuwirth, die Prinzipalin des Wiener Kabinetttheaters, Julia Reichert, und der Schriftsteller Ilija Trojanow sprechen über das berühmteste Gedicht der englischsprachigen Literatur.
Am 29. Jänner 1845 erschien „The Raven“ erstmals im New Yorker „Evening Mirror“ und machte den Verfasser über Nacht berühmt und zum Mittelpunkt der literarischen Salons und Soireen. Das „long poem“ über einen Protagonisten, der sich in düsteren Träumen nach seiner verstorbenen Geliebten sehnt, vereint alle Motive, die für Poes Schaffen typisch sind: der Tod einer schönen jungen Frau; der einsam trauernde Liebende; die masochistische Sucht nach Affirmation seines Leids und die quälende Ungewissheit, ob es ein Leben und vielleicht ein Wiedersehen nach dem Tod gibt. / Eva Schobel, ORF
Veröffentlicht am 14. Februar 2011 von lyrikzeitung
Gestorben ist der deutsche Schriftsteller Arno Reinfrank in London im Alter von 66 Jahren. Reinfrank verließ die Bundesrepublik 1955 aus Protest gegen die Adenauer-Politik. Seit 1989 gehörte Reinfrank dem deutschen Schriftstellerverband PEN (Ost) an.
Zwei weitere Lyriker starben durch Selbstmord.
Der holländische Rockmusiker, Maler und Lyriker Herman Brood sprang im Alter von 54 Jahren vom Dach des Amsterdamer Hilton Hotels in den Tod. Er trug einen Abschiedsbrief bei sich, in dem stand, dass er keine Lust mehr habe.
Der Italiener Mario Stefani nahm sich schon im März das Leben. Die FAZ zitiert eine große Zeile:
„Wenn Venedig die Brücke nicht hätte, wäre Europa eine Insel.“
Dante: das Persönliche war politisch, schreibt der amerikanische Dichter Robert Pinsky in einer Besprechung des Dante-Buches von R.W.B. Lewis / The New York Times *) 29.7.01 . Pinsky veröffentlichte vor kurzem (2001!) eine Übersetzung des Inferno.
Dass Federico Hindermann zu den besten Schweizer Lyrikern der Gegenwart gehört, ist kaum bekannt (schrieb die NZZ):
Das liegt nicht nur an der modischen Zerstreutheit der Literaturkritiker, sondern auch an der diskreten Eleganz, mit der dieser Autor sich während seines ganzen Lebens der Publizität entzog und Einordnungen widersetzte. Einem Kritiker schrieb er einmal: «Es gibt doch, wenigstens für mein Empfinden, kaum etwas Überflüssigeres als die üblichen Anzeigen von Lyrik mit drei oder vier herausgerissenen Versen und dem Vermerk über die Richtung des Verfassers.»
Unzufriedenheit mit der Kritik auch andernorts:
T. S. Eliot durchbrach den Nebel über dem journalistischen Sumpf seiner Zeit mit der Gründung der von ihm herausgegebenen Zeitschrift «Criterion»; der britische Lyriker und Literaturwissenschafter Craig Raine versucht mit «Areté» neuerdings das Gleiche.
Wer auf dem Kopf gehe, sagte Paul Celan in seiner „Meridian“-Rede im Oktober 1960, interpretiere die Welt anders, weil er den Himmel als Abgrund unter sich habe. Dieses Bild hat seitdem eine eigentümliche Karriere gemacht: Celans Interpreten proben den Kopfstand, weil sie glauben, nur so mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Doch stehen ihnen die Kommentatoren gegenüber. Sie müssen mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen, wenn sie die Gedichte in Lemmata teilen, um sie danach dem Leser als Gedichte wieder zurückzugeben. / Süddeutsche 27.7.01
Liest man Bashos Gedichte in einer westlichen Übersetzung, kann leicht der Eindruck entstehen, die Einfachheit dieser immerhin vierhundert Jahre alten Gedichte impliziere poetische Anspruchslosigkeit. Aber gerade das Gegenteil ist wahr, denn wie stets ist poetische Unmittelbarkeit Ergebnis einer komplexen Rhetorik. /Hans Jürgen Balmes NZZ 26.7.
Thema im Juli war das Forum der 13 (hier) und Marcel Beyers west-östliche Erfahrungen mit Meldestellen, heißen sie nun Hausbuch (Dresden) oder Einwohnermeldeamt (Köln).
Die taz veröffentlicht Gedichte vor 10 Jahren wie heute fast nur noch in der wahrheit. So am 26.7. „sechs Grünbein-Anekdoten“ von Thomas Gsella (mit Gastreimen von Klaus Cäsar Zehrer). Der Anfang geht so:
Durs Grünbein saß zuhaus und schrieb
an seine Frau: „Ich hab dich lieb.“
Die Olle fands nach Tagen:
„Mir kannste det doch sagen!“
Ansonsten war über die taz als lyrikfreie Zone zu berichten:
Vorbei die Zeiten, als sie Ernst Jandls auf originelle Weise auf der Titelseite gedachten und als sie, noch Anfang der neunziger Jahre, serienweise internationale Poesie vorstellten. Die heutigen taz-Macher scheinen zu glauben, daß der heutige taz-Leser anderes erwartet. Ein Viertel des mageren zweiseitigen (hinter einer selbstreferentiellen „taz muß sein“-Seite versteckten) Kulturteils nimmt ein Lara-Croft-Foto ein. Milosz: Fehlanzeige.
Sonst aber sehr viel über den polnischen Dichter. Die Süddeutsche schrieb:
Er ist amerikanischer Staatsbürger, einer der bedeutendsten polnischen Dichter des 20. Jahrhunderts und in Litauen aufgewachsen – so viel zu den Wurzeln seines Schaffens. Als er 1980 überraschend den Literaturnobelpreis erhielt, wusste sein deutscher Verlag nicht, dass er die Rechte an einigen seiner Werke besaß – so viel zu seinem damaligen Bekanntheitsgrad.
Lesenlernen mit Stein & Draesner (Gertrude und Ulrike) war angesagt:
Ein weiteres wesentliches Element für das Lesenlernen ist die Wiederholung. Und da die Wiederholung als Variation, Modulation, Reihung, angedeutete Endlosschlaufe zu Steins bevorzugten Stilmitteln gehört, wurde „The First Reader“ ein wunderbares Gertrude-Stein-Buch, ein Dokument ihrer immer noch frischen literarischen Minimal-Art, verwandt beispielsweise den Prosapoemen aus „Zarte Knöpfe“ oder den Gedichten aus „Spinnwebzeit“. Mit Gertrude Stein lesen zu lernen ist eine herzerweiternde Übung. Ulrike Draesners Übersetzung vertieft den Lesegenuss. Mit ihrem sprachschöpferischen Ansatz der „Radikalübersetzung“, den sie bereits bei ihrer Übertragung von Shakespeare-Sonetten praktizierte, wird sie Gertrude Steins Sprachexperiment gerecht, wenn sie sich, wie die Stein, oft weniger am Wortsinn als an der Sprache selbst orientiert.
Gertrude Stein: „The First Reader“. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Draesner . Zweisprachige Ausgabe. Ritter Verlag, Klagenfurt/Wien 2001, 125 Seiten, 39 DM /Florian Vetsch, taz 24.7.01
Thomas Kling war 2001 in jedem Monat präsent. „Der surfende Hermes“, schrieb Cornelia Jentzsch:
Kling räumt mit Missverständnissen auf, indem er historisch weit ausholt. Seine Kritiker werfen ihm oft vor, hermetisch zu schreiben, meinen wohl aber eigentlich unverständlich. Der Dichter rückt den Begriff ins rechte Licht, in die unmittelbare Nähe zur mythologischen Hermesfigur. Der Götterbote funktioniert in seiner steten Reise- und Übersetzungstätigkeit zwischen Oben und Unten und zwischen Licht- und Schattenreich als „Teilchenbeschleuniger, als Beschleuniger von Sprachteilchen“, als Vermittler der Sphären. / Berliner Zeitung 21.7.01
Ob die US-amerikanische Lyrik von Professoren gekapert wurde, diskutierte man in Übersee. „Kaum jemand in den USA schreibt Gedichte, nur Professoren, und kaum jemand liest sie, nur die Professoren, die sie schreiben“.
Die Welt fragte Friederike Mayröcker:
Frau Mayröcker, was empfanden Sie, als Sie erfuhren, dass Sie den Büchnerpreis bekommen?
Friederike Mayröcker: Ich habe geheult. Stundenlang habe ich geweint. Es war Freude, aber auch furchtbare Traurigkeit, weil die Menschen, die ich so geliebt habe, es nicht mehr erleben konnten – Ernst Jandl und meine Mutter.
Sie sind nach Ernst Jandl (1984) und H.C. Artmann (1997) die dritte Büchnerpreisträgerin aus der Wiener Gruppe von Dichtern, die mit experimenteller Poesie Aufsehen erregten. Was war so avantgardistisch an Ihrer Wortkunst?
Mayröcker: Wir trauten der herkömmlichen Sprache nicht mehr und haben damals nach dem Kriege versucht, etwas Neues zu machen. Wir haben aus Büchern, Zeitungen und Zeitschriften Texte montiert Sprachcollagen als Sprachverfremdung. / Welt am Sonntag 15.7.01
Zum Schluß zwei Blicke ins fremdsprachige Ausland. Tschechien (das nicht 2001, aber dunnemals Tschechoslowakei hieß):
Jan Zahradnicek (1905 bis 1960) war … mit dem surrealistischen Spieler Vitezslav Nezval und dem Tragiker Frantisek Halas einer der bedeutendsten Poeten der Epoche. Ihm blieb nichts an privaten und politischen Drangsalen erspart. Der Bauernsohn … stürzte als Junge so unglücklich vom Getreideboden, daß er zeitlebens verwachsen blieb. … Als die Kommunisten zur alleinigen Macht gelangten, verhängten sie über ihn und seine Freunde ein absolutes Publikationsverbot; im Jahre 1951 konstruierte der Staatsanwalt eine Verschwörergruppe katholischer Intellektueller, und man verurteilte Zahradnicek zu dreizehn Jahren Kerker. … (Er) wurde 1960 aus der Haft entlassen. Er starb noch im gleichen Jahr an den Folgen der Haft, und die Gedichte, die er als Häftling geschrieben hatte, zirkulierten wieder in geheimen Abschriften. / Peter Demetz, FAZ 14.7.01
Zahradnicek, Jan
„Vogelbeeren / Jeraby.“ Gedichte. Tschechisch-Deutsch
Bibliotheca Bohemica, Band 39, Vitalis Verlag, Furth – Prag 2001, ISBN 3934774709 Broschiert, 80 Seiten, 24,80 DM
Und Arabien (damals wie heute nicht ein Land, sondern viele):
Ein besonderer Genuss ist das Vorwort, das ungewohnt deutlich Kritik übt – am Hang arabischer Lyriker zum «rhetorischen Wortgeklingel» und am Opportunismus als einem «Grundübel» arabischer Kultur. Dass al-Maaly ausgerechnet Verse des Erzmodernisten Adonis als Beispiel zitiert, ist mehr als pikant. Wohl schätzt er sein literarisches Urteil – aber das ekstatische Loblied auf die iranische Revolution von 1979 («Das Volk des Iran schreibt an den Westen: / Dein Gesicht, du Westen, stürzt zusammen / Dein Gesicht, du Westen, ist abgestorben») ist tatsächlich eine Geschmacklosigkeit. Mit anderen Worten: Der Wanderer zwischen den Kulturen hat das Allzu-Arabische fortgelassen, der Leser weiss es ihm zu danken, wie er ihm dankt für das viele Schöne, das er glücklich ins Deutsche zu retten wusste. / Ludwig Ammann NZZ 3. Juli 2001
Khalid al-Maaly (Hg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Aus dem Arabischen von Khalid al-Maaly, Heribert Becker und Suleman Taufiq. Verlag Das Arabische Buch, Berlin 2000. 493 S., Fr. 49.80.
Veröffentlicht am 14. Februar 2011 von lyrikzeitung
Zeit: Freitag, 18. Februar 2011, 20:00 – 23:00
Ort: Periplaneta Berlin, Bornholmer Str.81a, 10439 Berlin
Kontakt: hq@periplaneta.com
Eintritt: frei, um Spenden für die Künstler wird gebeten.
Autoren: Ruth Johanna Benrath, Birgit Kreipe, Lutz Steinbrück
Musik: Michael Groneberg (Trompete), Florian Schurz (Gitarre)
Die Berliner LiteratInnen Birgit Kreipe, Ruth Johanna Benrath und Lutz Steinbrück erhellen den Periplaneta-Winter am 18.2. ab 20 Uhr mit junger Literatur in Versen und Sätzen. Kreipe und Steinbrück sind auf Lyrik spezialisiert und veröffentlichen 2011 eigene Gedichtbände im Berliner Verlagshaus J.Frank. Benrath schreibt Lyrik und Prosa und wird 2011 im Suhrkamp Verlag ihren zweiten Roman veröffentlichen. Der Weg durchs Eis wird belohnt – mit einem poetischen Rauschen hoch 3. (Rentiere müssen draußen warten.) Dazu gibt es Musik mit Trompete und Gitarre von Michael Groneberg und Florian Schurz.
Ruth Johanna Benrath (Jg. 1966) veröffentlichte Lyrik und Kurzprosa in zahlreichen Literaturzeitschriften, u.a. im Jahrbuch der Lyrik 2010. Sie debütierte 2007 mit dem Gedichtband „Kehllaute“ (Lunardi Verlag).
2009 erschien im Steidl Verlag ihr erster Roman „Rosa Gott, wir loben dich“, für den sie mehrere Stipendien erhielt. Ihr zweiter Roman „Bald Wimpern aus Gras“ wird 2011 bei Suhrkamp erscheinen.
Birgit Kreipe (Jg. 1964) hat in vielen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Auf ein Fixpoetry-Heft (2010) folgt 2011 ihr erster Lyrikband im Verlagshaus J. Frank. Sie ist Mitglied im „forum der 13“. Zur Zeit arbeitet sie an einem Manuskript, in dem Märchen, eigensinnige Psychoanalyse und Früchte aller Art eine Rolle spielen.
Lutz Steinbrück (Jg. 1972) schreibt Lyrik, Artikel für Print- und Onlinemedien und macht Musik mit der Indie-Band Nördliche Gärten. Sein erster Lyrikband „Fluchtpunkt:Perspektiven“ erschien 2008 im Lunardi Verlag, sein zweiter, „Blickdicht“, folgt im März 2011 im Verlagshaus J. Frank. Weitere Veröffentlichungen in Zeitschriften (poet, Ostragehege, randnummer u.a.), Online-Portalen und Lyrik-Anthologien.
http://www.berlinatnight.de/eventdetail/134942/verstreiben–schienenfrost—wortgestoeber.html
Veröffentlicht am 14. Februar 2011 von lyrikzeitung
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Connie Wanek is one of my favorite poets. She lives in Duluth and has a keen eye for what goes on around her. Here’s a locked and loaded scene from rural America.
Mysterious Neighbors
Country people rise early
as their distant lights testify.
They don’t hold water in common. Each house
has a personal source, like a bank account,
a stone vault. Some share eggs,
some share expertise,
and some won’t even wave.
A walk for the mail elevates the heart rate.
Last November I saw a woman down the road
walk out to her mailbox dressed in blaze orange
cap to boot, a cautious soul.
Bullets can’t read her No Trespassing sign.
Strange to think they’re in the air
like lead bees with a fatal sting.
Our neighbor across the road sits in his kitchen
with his rifle handy and the window open.
You never know when. Once
he shot a trophy with his barrel resting on the sill.
He’s in his seventies, born here, joined the Navy,
came back. Hard work never hurt a man
until suddenly he was another broken tool.
His silhouette against the dawn
droops as though drought-stricken, each step
deliberate, down the driveway to his black mailbox,
prying it open. Checking a trap.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Connie Wanek whose most recent book of poetry is On Speaking Terms, Copper Canyon Press, 2010. Reprinted from New Ohio Review,No. 7, Spring 2010, by permission of Connie Wanek and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Veröffentlicht am 14. Februar 2011 von lyrikzeitung
Philipp Günzel
„Aber des Äthers Lieblinge, sie, die glücklichen Vögel.“
– Friedrich Hölderlin –
diese holden linien. – quer durch
tag-clouds die witterung aufnehmen: pilotspur hölderlin
setzt an zum kamikaze. ist das schon die flatrate
zur avantgarde oder falsch verbunden / please hold the line
aber die sprache – im twitter-gewitter prasseln zeilen
vom flüssigen display ins antlitz ganz trunken
als wohnte ich in bodega bay, nur für suspense kein zeichen
aber der vibrationsalarm – kolibri-pacemaker an
falscher stelle, pathologische hosentasche (und wie
kann ein herz rückwärts schlagen), gleich gibts nektar
knarrzt das jingle, die welt soll fröhlich werden durch gesang:
bei dem derzeitigen stand der produktivkräfte wird es vögeln
verunmöglicht klingeltöne zu imitieren. 1a entfremdet
lass federn kumpel und tippe auf schulterpolster
sollen dir flügel genug sein. überall v-männer & -frauen
diese drückerkolonne, also sowas von fashion im hangar
und der versuch eine schar formulierungen gewandt
abzuhängen. du kannst auch abtippen. aber alles
ist voliere – die hochhäuser mehr gitterstäbe am stadtrand
angeordnet als peer group & ein rebhuhn für digitales futter
am ende verweise, nostradamus in echtzeit: unsichtbare
flugobjekte werden kommen (o meine freunde, es gibt keinen
freund) hat mich denn niemand abonniert
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Philipp Günzel, geb. 1980, lebt in Hamburg und ist Mitherausgeber der Literaturzeitschrift randnummer
Veröffentlicht am 13. Februar 2011 von lyrikzeitung
oder Fantasien eines Säkularen der Macht Collagen zur Poesie, surreal
Von Rainer Wieczorek (Künstler/Soziologe/DADAsoph) www.rainerwieczorek.de
Hier wurde abgeschrieben, wissenschaftlich zitiert, collagiert, Fantasiegerichtet kombiniert. Freisprung. Übersprung. Wegsprung. Das Urheberrecht singt wie eine Drossel ihre Hymne, erdrosselt die Meinungsfreiheit der Nachgeburt, den Möglichkeitsraum der Kinder der Kunst. Das Satte, die Eitelkeit, der Fraß sitzt da und kassiert. Das kleine Kindchen in seinem Garten möcht trillern street fighting men. Muß warten Gebühren gebührlich, her mit welchem Geld. Verwertungsgesellschaften drangsalieren auf irrem Gebiet. Potenzgewaltige Variable mit Zahlen, eine Menschheit. Ein Universum, dein Gehirn wähnt sich im Urheberrecht. Lächerlich. Dieser Zeitabschnitt der Kopie, dieses Heute, hier entwickelt sich die Kopie nur durch freizügige Kopie. Wer ist denn hier Original. Die Herzen sterben. Der heilige Geist, verwelkende Patina, Risse, eiternde Wunden, das kann schreien wie es will, es eitert. Keine Pharmazeutik wird greifen.
Vor uralten Zeiten, mehr als lang lang ist es her, sie ist Atom geworden, finden will er sie. Vermählen im Sternenstaub, dereinst sie einen Planeten erlieben werden. Da kauerte ein zerfurchter, geprügelter, bemächtigter Körper am offenen Feuer und biß in Fleisch. Ein Gehirn, ein „nous“ darin aus wunderschönen Augen sticht die Geburt Menschlichkeit den widerlichen Kraftmächten, diesem fressenden tierischem der gleichen Art entgegen. In Mutterlist ersann sie Dies, in berstender Dramatik der Winde und Wasser. Feuer überall. Gott ertanzt am Körper, noch vor der Sprache, diese Macht über Alles. Die Instanz. Ihr müsst ihr folgen. Nicht Sprache, nicht. Nicht Gott, nicht. Dies Ding da, Außen was. Rätsel der Wirrung, vom Enden wollen. Um der Beendigung willen Menschenkämpfe formte sich ein Etwas zur allmächtigen Institution. Denkt selbst in euren Köpfen. Ein Spuck, eine tragische Komödie dieser Gott. Ein Schatten im Kopf drängt sich zur Erkenntnis. Wenn das ende der Wirbelsäule denkt, beginnt die Erlösung.
Im Busch da saß etwas regungslos, getarnt. Erkennend instinktiv seine Instrumente des Überlebens. Es sind die Priester, Pseudonyme, namenlose Eitelkeit der Diktate bis ins Übermorgen unserer Zeit. Sklavenkonstruktöre. Counterinsurgency, Lüge, Betrug, Geschichten. Menetekel.
Sklaven immerzu und Gegenwirkung. Dann kaufte einer Sklaven und es erhebt sich der ewige Protest, der ewige Kampf gegen die Misanthropie der Anderen in anderer Strategie. Schriftliche Rede. „Du verurteilst einen Menschen zur Sklaverei, dessen Natur frei ist und autonom. Und du machst Gesetze gegen Gott, indem du das Gesetz umstürzt, welches er für die Natur gemacht hat. Denjenigen, der geboren wurde, um Herr der Erde zu sein, denjenigen, der in die Herrschaft eingesetzt wurde vom Schöpfer, den unterwirfst du unter das Joch der Sklaverei; und damit übertrittst du im Vollsinn das Gebot Gottes.“ (1)
Ein Bekenntnis. „Wie jedem Volk, so hat auch unserem Volk der ewige Gott ein arteigenes Gesetz eingeschaffen. Es gewann Gestalt in dem Führer Adolf Hitler und in dem von ihm geformten nationalsozialistischen Staat.“ (2)
Gott verdammt noch mal.
„Das Leiden kommt in Form des Befehls über uns, und das feierliche Protestieren dagegen: das ist heute Kunst, etwas anderes kann sie nicht sein.“ (3) Die Herzen müssen auseitern, eine Blutpumpmaschiene metaphert leer dahin. Dichterin durchwühle den Kanon der Sprache, kratze Wunden in die Krebsgeschwüre der Mörder. Pflanzt hinein eure blutgetränkten Blumen, eure Wundmale gedornter Rosen. Die Torturen der variantenreichen Diktatoren mit samt ihren Karieresystemen und domestizierten hundsmenschlichen Herren, „i could cry vor lauter Lebenswurst“ (4) als Email Comedy elektrisch schnell sich wiederfindent im bitterbösem Witz menschlichen Daseins und „jeder Witz ist eine kleine Revolution“. (5) Lacht, strömt, lang und heiß wie ein Nil, wie sein Delta ins fruchtbare wachsend, rihzomisch. Gelatinig fließt hinzu, um den Erdenball die Adern, zum Freiheitsfluß, zum Ozean. Ein neuer Halt muß her. Vertrauen können. Ein Wort soll wieder echt sein. Eine Melodie unter den Wolken schallt und bummert: power to the peopel; graziös die Anarchie. Was will sie denn mehr, als keine Macht für niemand. Da liegen die Wölfe in Gelatine, lecken ihre Wunden, sind müde und schwach. Bekehrt. Schaf und Krokodil, ein Häschen schnuppert. Unter den Wolken, ein Vogelschwarm zeichnet die Lettern Paradies.
Rainer Wieczorek im Februar 2011
Ein Aphorismus, in Erinnerung an Karl Kraus „Kriege und Geschäftsbücher werden mit Gott geführt“
___________________
1) Egon Flaig (Zitiert Gregor von Nyssa um 370) „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ 8.1.2011, Nr.6, Seite Z2
2) Walther Hofer (Hg) „Der Nationalsozialismus; Dokumente 1933-1945“ 1957; Seite 131 (Aus einem „Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland 1933-1944“ Hier 11.12.1933
3) Imre Kertész „Eine Gedankenlänge Stille, während das Erschießungskommando neu lädt“ Essays hier „ Das sichtbare und das nicht sichtbare Weimar“ 2002, Seite 140
4) Email vom 12.2.2011 um 19.29 Uhr
5) Georg Orwell (aus der Erinnerung)
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