94. Meine Anthologie: sackratte als lyrikfreak

„Matthias“ BAADER Holst (1962 Quedlinburg – 1990 Berlin)

sackratte als lyrikfreak

ich liebe dichter weil sie saufen ficken und kaputt sind
und einer konnte sprechen
ich habs selbst gehört
der lebt von mongolei und vorhaut
wie du von cad cam
                  echt regimegestört
totaler assi schnabeltassen/inti
so syphmeschugge wie kein andrer gott
die schärfste ratte seit bokassa

Aus: Versensporn 2: „Matthias“ BAADER Holst. Jena: Edition Poesie schmeckt gut 2011. 32 S., 3 € (Dieses Gedicht wie 9 weitere in dem Heft aus dem Nachlaß)

Bestellung: poesieschmecktgut@web.de

93. Das andere Granada

Zur Zeit der sandinistischen Revolution verkaufte sich Nicaragua als «Land der Vulkane und der Poesie». Dichten, Singen und Träumen von einer besseren Zukunft gehören zur zweiten Natur der Nicaraguaner. Spätestens seit der Nationaldichter und Erneuerer der spanischen Lyrik Rubén Darío Weltruhm erlangte, hat jeder «Nica» – so die geläufige Bezeichnung für die Nicaraguaner – seine eigene poetische Ader entdeckt. Ob Politiker oder Anwalt, ob Student oder Sekretärin, wer etwas auf sich hält, schmiedet Verse. Man erzählt sich, dass in früheren Zeiten sogar Eingaben ans Finanzamt in Verse gegossen wurden und auf Grabsteinen die letzte Gedichtzeile des Verstorbenen prangte.

Granada selber hat sich zur lyrischen Hochburg des Landes erklärt, nicht zuletzt weil eine der auffälligsten Gestalten der Revolutionszeit, der Priester und Poet Ernesto Cardenal, hier geboren wurde und weil hier das der Völkerverständigung gewidmete Kulturzentrum «Casa de los tres Mundos» (Haus der drei Welten) steht. Dessen Gründung geht auf die Initiative Cardenals und des österreichischen Schauspielers Dietmar Schönherr zurück. Cardenal selber richtete als Kulturminister in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts im ganzen Land «Werkstätten der Poesie» fürs Volk ein. / Richard Bauer, NZZ

Interessantes vermeldet der Artikel auch über das Poesie-Festival von Granada, dessen 8. Auflage für Februar 2012 geplant ist:

Auf dem taghell erleuchteten weiten Platz neben der barocken Kathedrale werden vor Hunderten verzückter Zuhörer nächtelang Gedichte rezitiert und Balladen gesungen. An einer Buchmesse signieren die Autoren ihre Werke. Zum Abschluss des Festivals fährt – dem Papamobil ähnlich – ein mit Lautsprechern bestücktes «poeta-móvil» durch die Strassen, auf dem Dichter ihre Verse lesen. Begleitet werden sie von einem Umzug wild lärmender Tanz- und Fasnachtsgruppen.

www.festivalpoesianicaragua.com

92. Brauns Zeitschriftenlese

Die neue „Volltext“-Ausgabe wartet mit einem Experiment auf, das auf die Ent­hierarchi­sie­rung des Literatur­betriebs zielt, im Grunde aber nur eine uralte Idee neu auflegt. Die Namen der Heft-Autoren sind nämlich anonymi­siert, um die Aufmerk­samkeit ganz auf den Inhalt und den stilis­tischen Habitus der einzelnen Beiträge zu lenken. Die Sabotage am eitlen Autorenkult ist jedoch nur halbherzig durchgeführt, denn wer die Autoren­namen erfahren will, braucht nur die Internet-Seite von „Volltext“ aufzu­rufen. Das biedere Anonymus-Spiel sollte uns daher nicht weiter beschäftigen, dafür aber die durchweg von Schrift­stellern verfassten Kritiken in dieser Ausgabe.

Volltext Nr. 3/2011  externer Link  
Porzellangasse 11/69, A-1090 Wien. 48 Seiten, 2,90 Euro.

Die Dichterin Sylvia Geist folgt in ihrem Essay „Das Aber der Apri­kosen“ den Spuren der Kon­junk­tion „Aber“ vom Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm bis hin zur Welt­dichtung Inger Chris­tensens. Hier isst ein sehr poetischer, auch in seiner Viel­gestal­tig­keit großartiger Essay entstan­den, der ein kleines Wort in seiner äußeren Gestalt wie auch in seinen inneren Hall­räumen und Kon­notationen prüft.
Solche mikroskopischen Untersuchungen an unscheinbaren Wörtern oder Naturphänomenen sind in der deutschen Essayis­tik selten geworden.

Edit Nr. 56,  externer Link  
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 130 Seiten, 5 Euro.

Der Spatz sei ein Räuber, ein Nah­rungs­konkurrent des Menschen, er sei auch der Unkeuschheit überführt, zudem strapaziere er uns durch seinen ohren­belei­digenden Gesang. Die Beliebt­heit dieser Vögel ohne jeden pracht­vollen Feder­schmuck ist denkbar gering. Einzig die Dichtung weiß den grauen Vogel, der uns seit der Jung­steinzeit begleitet, noch zu würdigen. Etwa Durs Grünbein in seinem schönen Gedicht „Noch eine Regung“: „Grüß dich, Sperling in der Pfütze, guter Geist, / Da am Wegrand badend, immerfort gehetzt. / Weißt ja längst, was demnächst jeder weiß, / Deine Regenfrische sagts. – Ich übersetze: / Tschilp, tschilp, wie fragil ist dies fossile, / Euer Monstrum, tschilp, Gesellschaft doch.“

Lettre International 94  externer Link
Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berlin, 140 Seiten, 11 Euro.

Der zweite Grenz­überschreiter in „Am Erker“ ist ein wuchtiger Außenseiter der späten DDR-Literatur, der früh gestorbene Punk-Poet „Matthias“ BAADER Holst. Der einst aus Halle an den Prenzlauer Berg gekommene Autor musste in seinem schmalen Werk immer besonders dick auftragen, um in seiner Exzentrik bemerkt zu werden. In seinem Text „viel spaß auf der titanic“ hat Holst seinen Platz in der Literaturgeschichte anvisiert: „ich halte dir einen platz frei in der welt­geschichte vielleicht zwischen beowulf und brechreiz vielleicht zwischen benn und bethlehem vielleicht in der straßenbahn“. Bei Benn und Bethlehem war dann doch kein Platz mehr frei. Eine Straßen­bahn wurde ihm zum Verhängnis. Ende Juni 1990 wurde BAADER Holst in der Oranienburger Straße in Berlin unter nie geklärten Umständen von einer Straßen­bahn angefahren und erlag eine Woche später seinen Ver­let­zungen.

Am Erker 61  externer Link
c/o Frank Lingnau, Rudolfstr. 8, 48145 Münster. 160 Seiten, 9 Euro.

/ Michael Braun, Poetenladen

91. Prager Dichter?

So interessant und wichtig das lyrische Werk des Prager Dichters Rainer (ursprünglich René) Maria Rilke für die Nachwelt geworden ist – seine politischen Ansichten sind mit großen Vorbehalten zu betrachten. So feierte er Benito Mussolini und Italiens Weg in den Faschismus, den er trotz seiner Verherrlichung der Gewalt als ein Heilmittel gegen die Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ansah. Ambivalent war auch sein Verhältnis zu den Tschechen: Es spiegelte die gängigen Meinungen vieler – auch wohlmeinender – Prager Deutscher der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende wider.

Die Tschechen waren für sie – nämlich die Deutschen, die sonntags „am Graben“ (Na příkopě) promenierten, während die begüterten Tschechen streng voneinander getrennt auf der Národní třída, damals noch nach dem österreichischen Ferdinand benannt, herumspazierten – ein unterentwickeltes Bedienervolk. Rilke bezeichnete sie als „junges“ Volk, das sich – daher der Hass auf die Deutschen – gegen das „alte“ Volk der Deutschen auflehnt; anders ausgedrückt: Das Volk der Tschechen war seiner Meinung nach ein zweitklassiges gegenüber dem deutschen Volk, das der ersten Klasse angehörte. Rilke schätzte an den Tschechen einerseits eine folkloristische Grundstimmung, glaubte bei ihnen eine schwermütige und realitätsferne Lebenshaltung zu erkennen und lehnte andererseits jedes Recht auf politische Betätigung der Tschechen – vor allem ihre nationalen Bestrebungen – ab. Dabei lebten um die Jahrhundertwende neben 475.000 Tschechen lediglich 35.000 Deutsche (darunter 25.000 Juden) in Prag.

Am Rande bemerkt: Prag als deutsche Stadt zu bezeichnen, wie unter den Deutschböhmen üblich, war weltfremd. Der deutsch-böhmisch-jüdische Literaturwissenschaftler Peter Demetz hat die herablassende Haltung Rilkes gegenüber den Tschechen perfekt beschrieben. Sie entsprach dem allgemeinen Standpunkt der Prager Deutschen, von denen viele glaubten, keine Nationalisten zu sein. Umstritten ist bis heute, ob Rilke Tschechisch sprach und verstand; Demetz nimmt eher an, dass dem nicht so war.

So sehr Rilke die deutsche und französische, aber auch die tschechische Lyrik (etwa Vrchlický und Vladimír Holan) seiner Zeit beeinflusste – eine Auswirkung auf die spätere deutschsprachige Literatur in Böhmen und Prag hatte sein Werk nicht. Rilke war ein europäischer Dichter; dass er in Prag geboren wurde, ist in seinen wichtigeren Werken ohne Bedeutung. / Helmut Böttcher, Prager Zeitung

90. Citypoetin

Wer es ausprobiert hat, wie es sich anfühlt, vom Gedichteschreiben zu leben, kann ermessen, wie glücklich – und begabt – Kate Clanchy sein muß, wenn sie einen Verleger für ihren ersten Gedichtband fand und den bedeutendsten britischen Lyrikpreis, den Forward, im Alter von erst 28 Jahren errang.

Als Englischlehrerin in Romford hatte sie das Glück, auf einen Creative-Writing-Kurs geschickt zu werden, wo Carol Ann Duffy, die jetzige Poet laureate, ihre Mentorin wurde.

Vor dem 40. Lebensjahr veröffentlichte sie 3 Gedichtbände und erhielt zahlreiche Preise.

Ihre Gedichte beschäftigen sich mit Erfahrungen von Frauen wie Schwangerschaft (“you, love, / are perhaps ten cells old”) und Geburt: “There, / you issued forth in scarlet flumes, / in cinescope, in a sunrise of burst veins.”

Jetzt wurde Kate Clanchy zur neuen Stadtpoetin von Oxford ernannt. / Oxford Times

89. Meine Anthologie: Auf der Galeere

Richard Leising

GESANG DER RUDERSKLAVEN BEI STURM

Es leidet, o Herr, deine Erde
An Untergehenden
Keinerlei Mangel! Noch kannst du wenden
Von uns dein Angesicht!
Was taugen wir angekettet der Welt auf dem Grunde des
Wassers?
Ziehe du ab von uns
Deine sausende Hand, peitsche
Deine christliche See über andere Meere
Und lass uns leben, leben, leben, o Herr
Auf der Galeere!

aus „Gebrochen deutsch.“ Langewiesche-Brandt 1990

88. Vanitasmaschinchen

Neologismen wie „Netzkürzelgesang“, „Sprachsträhnen“ oder „Vanitasmaschinchen“: Wer verwendet derlei Wortneuschöpfungen oder kreiert sie gar? Der Dichter Thomas Kling. In seinem lyrischen Zyklus „Vogelherd. mikrobucolica“ thematisiert der 2005 verstorbene Lyriker in der seit alters bekannten Fangvorrichtung für Vögel und ihrem Gesang immer auch das Gedicht (besagtes „Vanitasmaschinchen“) und die Situation des Dichters selbst. Die Kölner Literaturwissenschaftlerin und Hörfunkautorin Ulrike Janssen hat den Zyklus in Zusammenarbeit mit Norbert Wehr zum Ausgangspunkt einer Radio-Recherche über den Dichter gewählt – einer Expedition in die poetische (Klang-)Welt Klings, für die sie bei den diesjährigen Donaueschinger Musiktagen mit dem Karl-Sczuka-Förderpreis für Hörspiel als Radiokunst ausgezeichnet wurde. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung

87. John Montague liest

Mi 26.10. 20:00

Erste Landschaft, erster Tod

In Lesung und Gespräch: John Montague (Autor, Irland)

Moderation: Hans-Christian Oeser (Übersetzer, Berlin)

John Montague ist einer der bedeutendsten irischen Dichter der Gegenwart. Der »Doyen der Poesie von Ulster« schlägt in seinen Texten die Brücke von der älteren Dichter-Generation zu den jüngeren Zeitgenossen. Vom ersten Gedichtband an, »Poisoned Lands« (1961), bestachen seine Verse durch Schlankheit, Sinnlichkeit, Kraft und Präzision. Sein einflussreicher Gedichtband »The Rough Field« (1972), eine faszinierende Sequenz über eine Reise in das zerrissene Nordirland, vereinigte Persönliches mit Politischem. Montague versteht sich trotzdem als Kosmopolit, als Mittler zwischen Amerika, dem europäischen Kontinent und dem insularen Irland.

John (Patrick) Montague wurde 1929 in New York als Sohn irischer Auswanderer geboren. Seine Kindheit verbrachte er auf einem Bauernhof in der nordirischen Grafschaft Tyrone. Er studierte Englisch und Französisch. In den sechziger Jahren lehrte er in Berkeley, Dublin und Vincennes sowie am University College Cork. Seither lebt er als freier Schriftsteller in Cork. In regelmäßigen Abständen war er Poet-in-Residence am New York State Writers’ Institute. Von 1998 bis 2001 war er Irlands erster Inhaber des Lehrstuhls für Dichtkunst.

Zuletzt erschien auf Deutsch in der Edition Rugerup »Erste Landschaft, erster Tod« (2008, Übersetzung Margitt Lehbert und Hans-Christian Oeser). Montague, Mitglied der Irish Academy of Letters und der irischen Akademie der Künste (Aosdána), ist Empfänger zahlreicher Auszeichnungen und Preise.

Hans-Christian Oeser stellt den Autor im Gespräch vor und liest gemeinsam mit ihm die Gedichte und ihre Übersetzungen.

Eine Veranstaltung der Botschaft von Irland in Zusammenarbeit mit der Literaturwerkstatt Berlin

86. „Alles ziemlich peinlich“

… finde ich. Für diese Literaturszene und für floppy. Wenn sie das auch noch veröffentlichen, schießen sie sich selbst ins Knie. Hätte ich das nur vorher gelesen … Diese Sattheit, diese Unbedarftheit … sehr bezeichnend. Aber so sind hier die Leut‘.

Gefunden in: lauter heiland nr. 0. Beilage von floppy myriapoda. Subkommando für die freie Assoziation. Heft 18, Oktober 2011 (Texte von Alexander Krohn, Rex Joswig, Ann Cotten, Ernst Fuhrmann, Clemens Schittko, Tom de Toys, HEL Toussaint, Kai Pohl, Arne Rautenberg u.v.a.)

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85. „Lyrikbetrieb und Preisunwesen“

Von Ulf Stolterfoht

Ich schreibe seit zwanzig Jahren hauptberuflich Gedichte und kann seit elf Jahren davon leben. Mittlerweile ist die Familie auf fünf Mitglieder angewachsen, und also können oder müssen jetzt fünf davon leben.

Es war nie mein Ziel, vom Gedichteschreiben leben zu können. Ich hätte es sowieso nicht für möglich gehalten, daß es geht, und jetzt schon so lange einigermaßen gut geht – mit Eltern im Hintergrund, die in Zeiten der Not immer wieder aushelfen, und mit Phasen, in denen man nicht weiß, von was man die Windeln bezahlen soll.

Ich bin sehr stolz darauf, daß ich vom Gedichteschreiben leben kann. Für mich ist es keine schöne Vorstellung, wieder mit Zapfen oder Kellnern anfangen zu müssen. Ich würde es aber schon machen, um weiter schreiben zu können. Daß ich vom Gedichteschreiben leben kann, liegt daran, daß ich jedes Jahr ein Stipendium oder einen Preis bekommen habe, manchmal sogar beides. Sobald sich daran etwas ändert, ändert sich die ganze Situation.

Für Preise muß ich in der Regel nichts tun, für Stipendien bewerbe ich mich. Es gibt allerdings auch Preise, für die man einreichen muß. Das habe ich oft getan. Ich weiß über die Zusammensetzung von Jurys in der Regel nichts. Wenn ich darüber etwas weiß, weiß es jeder andere Bewerber auch. Ich bin einigermaßen freundlich und höflich, und werde von Leuten, die dann irgendwann einmal in einer Jury sitzen, sicher als freundlich und höflich eingeschätzt.

Ich glaube, daß manche Leute, die in Jurys sitzen, denken, daß jemand, der drei Kinder hat und die Art von Lyrik schreibt, vielleicht mal wieder was vertragen könnte. Ich habe keine Vorstellung davon, wie der Betrieb funktioniert. Ich habe Freunde und Bekannte, die wahrscheinlich Teil dieses Betriebes sind. Wenn es ihn gibt, bin ich wahrscheinlich selber ein Teil des Betriebs. Ich war bisher viermal Teil einer Jury, dreimal davon deshalb, weil ich der vorherige Preisträger war. Beim vierten Mal weiß ich den Grund nicht mehr. Ich werde alles daran setzen, in Zukunft nie mehr Teil einer Jury zu sein. Ich war nie Mitglied einer Jury, die über ein Stipendium entscheidet.

Wenn ich weiterhin ein Leben als Gedichteschreiber führen möchte, werde ich auf Preise und Stipendien auch in Zukunft angewiesen sein. Ich bin diesbezüglich allzeit annahmebereit.

Ich freue mich sehr, wenn mich ein Preis ereilt.

Ich freue mich für jede/n andere/n, wenn er/sie ihn bekommt.

Lyrik bedeutet Solidarität.

 

 

84. Debatten

apropos: der herr, der schrieb: „kann man das nicht abstellen“ und die debatte meinte, sei versichert, daß ich „das“ und das das nicht für besonders konstruktiv halte und nicht ihm zu liebe die bremse gezogen hab. ich danke axel kutsch für den anstoß für eine wie ich meine doch nützliche debatte. ich danke allen konstruktiven beiträgern (daß wir da nicht alle an dieselben denken, ist normal – die ich meine, wissen das dann schon). nervend an debatten ist am meisten selbstgerechtigkeit und ignoranz, aber läßt sich „das“ abstellen? nein.

die nächste debatte kommt bestimmt (ich freu mich drauf).

die bisher meistkommentierten artikel (vielleicht mach ich zur regel, daß wir bei 50, im ausnahmefall bei 66 aufhören):

140. Sprachforscher und Erfinder 66
30. „Ganz, ganz tolle Gedichte“ 66
65. Hohle Nüsse und Saftbetrieb 50
65. Wie findet Lyrik heute eine Öffentlichkeit? TeaTimeLesungen und Gespräche 36

83. American Life in Poetry: Column 342

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

 

Your high school English teacher made an effort to teach you and your bored classmates about sonnets, which have specific patterns of rhyme, and he or she used as an example a great poem by Keats or Shelley, about some heroic subject. To counter the memory of those long and probably tedious hours, I offer you this perfectly made sonnet by Roy Scheele, a Nebraska poet, about a more humble, common subject.

 

Woman Feeding Chickens

 

Her hand is at the feedbag at her waist,
sunk to the wrist in the rustling grain
that nuzzles her fingertips when laced
around a sifting handful. It’s like rain,
like cupping water in your hand, she thinks,
the cracks between the fingers like a sieve,
except that less escapes you through the chinks
when handling grain. She likes to feel it give
beneath her hand’s slow plummet, and the smell,
so rich a fragrance she has never quite
got used to it, under the seeming spell
of the charm of the commonplace. The white
hens bunch and strut, heads cocked, with tilted eyes,
till her hand sweeps out and the small grain flies.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Roy Scheele from his most recent book of poetry, A Far Allegiance, The Backwaters Press, 2010. Reprinted by permission of Roy Scheele and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

82. Quellen

Um der Vernutzung durch Konsum und Verwaltung zu entgehen, verfiel der psychoanalytisch geschulte Dichter zeitweise sogar ins Basteln und Kleben, ins Lallen und Zungensprechen: Kaum eine Quelle, die Zanzotto nicht anzuzapfen verstand. Er dichtete Quasi-Kinderverse. Er besang den Milupa-Brei, zerschnitt Hölderlin-Verse und bediente sich ausgiebig bei Werbebotschaften, um zu jener „Winzlings“-Form zurückzufinden, die funkelnd und flunkernd eine ganze Welt zusammensingt und -reimt: „Schneewittchen Sonnwittchen Nivea / Und schwupp sind die Winzling-linge / Im Supersüßmarkt drinnen …“

Der Träger des Tübinger Hölderlin-Preises 2005 suchte in den Bereichen des Nicht-Wissens und des Unartikulierten, des Anders-Wahren und Halb-Unsinnigen nach poetischem Material. Da ihm die Welt zu leicht verfügbar geworden schien, steuerte er den Mond an. Nur dass die Erde dieser neue Mond hätte werden sollen.

Zanzotto, dessen deutsche Übersetzungen u. a. bei den Verlagen Folio und Urs Engeler Editor greifbar sind, ist 90-jährig in einem Krankenhaus in Conegliano bei Treviso gestorben. / Ronald Pohl, DER STANDARD 19.10.

Mehr: NZZ / Romandie.com (frz.) / Tribune de Genève / buecher.at / Kleine Zeitung / Le Monde /

81. Andrea Zanzotto gestorben

Bei Schreibheft Zeitschrift Für Literatur gelesen:

Der italienische Dichter Andrea Zanzotto, Freund Pier Paolo Pasolinis und Federico Fellinis, ist tot. Er, der als einer der eigenwilligsten Dichter des 20. Jahrhunderts galt, starb heute im Alter von 90 Jahren.
Das große, von Theresia Prammer herausgegebene Pasolini-Dossier in „Schreibheft 73“ enthält drei Texte von ihm : Die Gedichte „Für Pier Paolo Pasolini“ und „Quer durchs Friaul“ sowie den Essay „Pasolini Poet“.
http://www.schreibheft.de/archiv/schreibheft-73/

Im roughblog ein Gedicht Italienisch und Deutsch

Zur Werkausgabe bei Engeler

80. Gedichte mit Arsch in der Hose

Junge Welt, Mittwoch 12. Oktober 2011

Tom Bresemanns zweiter Lyrikband erfordert mündige Leser

Von Peggy Neidel

Das Lyrikdebüt des Berliners Tom Bresemann vor einigen Jahren wurde als das eines „zornigen jungen Mannes“ bezeichnet. Die Wut scheint noch nicht verflogen und hilft offenbar, inhaltliche Belanglosigkeit zu vermeiden. In seinem zweiten Band „Berliner Fenster“ hält Bresemann weiterhin Ohrfeigen und nasse Handtücher bereit. „stellt angestellte aus / und aufsteller ein! / karma kapitalismus: / wieder so ein ohrwurm. / reclaim the claims. // im fernsehen grassieren flüchtlings- / camps, supported by Reebok. // du auf der couch, mit deinen tele- / prompteraugen, und ich / nebenan, als host- / age eines realityformats.“

Anglophilie mag bei manchem Stilmittel sein, um Texte aufzuhübschen oder jugendliches Sprachdraufgängertum zu beweisen. Bresemann dagegen entlarvt mit dem Denglisch-Sprech alltägliche Phrasen, sucht immer die Ironie als Spitze der geballten Faust, um mit jener seinen Unmut am Heute deutlich zu machen. Das belebt und reinigt das innere Ohr; die Mischung aus sinnigem Aussagesatz gepaart mit Wortneuschöpfungen á la „clipmoppgeklapper“, „assimilationsinschallah“ oder„kirmeszickezacke“ tut dann ihr übriges, um immer wieder aufzurütteln. In ihrer Art haben die Gedichte gesellschaftliche Funktion, weil sie dazu auffordern, mitzudenken, Fragen zu stellen, Realität zu reflektieren. Das ist eben auch Kunst: Sie piekt und bietet wenig Erquickung für Schutzsuchende oder Mondanbeter.

Die Realität im Allgemeinen und die Berliner Realität im besondern ist Bresemanns Referenzmaterial: sozialer Abstieg, Werbeflut, Migration, Gated Communities, happy Gleichgültigkeit – der Autor spricht den Leser an und spricht ihn wach. Das ist erklärtes poetologisches Ziel. In den Anmerkungen nennt er seine Gedichte „unverhohlene Gesprächsangebote“, die unbequem sein müssen, die „Arsch in der Hose haben“ sollen. Da fliegt das nasse Handtuch nach Berlin, ins „happy- / endantlitz der innenstadt“, in der man das „mediasexuelle topevent aus der deckung“ betrachten kann. Oder es fliegt in entgegengesetzte Richtung: „Oh große Bleiche Westdeutschland / mit deinen a.D.-Nazimüllern, / deinen Vorgartenrinkmännern! / O faule Leiche Westdeutschland, / riechst aus dem Dortmund / wie aus dem Darmstadt“. Leider überschlägt sich Bresemann manchmal vor lauter Spott und schickt seine Gedichte ins Kalauerhafte. Wenn sich der Autor zu sehr aufregt und dadurch sein Feingefühl für Kritik verlorengeht, kann es schon mal möchte-gern-poetisch werden („die karotten / unserer geschlechtsorganik verreißen / den stammwuchs im eiswald“) oder eben reibungsarm, ergo platt („die welt war ein scheißhaus“).

Generell übertreibt Bresemann gern mit dem Griff unter die Gürtellinie. Er mag genervt sein vom Lyrik-Langeweileschreiberling, vom Selbstbespiegelungsmonster deutscher Dichterstätten, vom Wahnsinn der Welt: Seinem Protest verleiht man nicht mehr Ausdruck, indem man sprachlich in unteren Kategorien wandert. Je mehr Penisse, vaginale Ergüsse oder Sperma am Anus, desto weniger glüht der Leser mit. Dennoch überwiegt ein positives Fazit, denn Bresemanns Gedichte haben oft unschlagbares Stichelpotenzial. Und auch, wenn es wieder sexuell wird, ein wenig davon steht den Gedichten des Wutschreiberlings Bresemann ganz gut zu Gesicht: „heute (…) putz ich meine schuhe, / fahr zum zoo und lass mir einen blasen – // so beginnt ein tag wohl / -gesetzten epigonentums, / und wenn schon – / wenigstens well dressed“.

Tom Bresemann: Berliner Fenster. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2011, 94 S., 16 Euro