109. Meine Anthologie 78: Li Bai, Selbstvergessen

 

(Originaleintrag von 2001. Nachträge 2011 vielleicht später)

Selbstvergessenheit

Der Strom – floss, 
Der Mond vergoss, 
Der Mond vergaß sein Licht – und ich vergaß
Mich selbst, als ich so saß 
Beim Weine. 
Die Vögel waren weit, 
das Leid war weit, 
und Menschen gab es keine.


Li Bai (Li Tai Bo), deutsche Fassung von Klabund , in: Klabund. Chinesische Gedichte. Nachdichtungen. Stuttgart Zürich Salzburg: Europäischer Buchklub, ca., 1958 (S. 53) (ursprünglich Phaidon Verlag Zürich).


(Eigentlich ein Gedicht von Klabund nach einem Motiv von Li Bai.)







Selbstvergessenheit

Ich saß und trank und gab nicht acht auf das Dunkeln,
Bis Blütenblätter sich häuften in meines Gewandes Falten.
Trunken ging ich zum Strom und sah in des Mondlichts Funkeln –
Kein Vogel regte sich mehr, und am Ufer glitten nur wenig Gestalten.

(Franziska Meister aus dem Englischen des Arthur Waley)


Ist das dasselbe Gedicht? Man muß schon ein wenig grübeln und schauen.

Self-Abandonment

I sat drinking and did not notice the dusk,
Till falling petals filled the folds of my dress.
Drunken I rose and walked to the moonlit stream;
The birds were gone, and men also few.

(Englisch von Arthur Waley)


Nach einem Kommentar hier
http://www.cs.rice.edu/~ssiyer/minstrels/poems/826.html 

dürfte Waleys Fassung dem Original am nächsten kommen – offenbar auch dem „Geist“ der chinesischen Sprache und Dichtung, die mehr ausspart (während Klabund süß spricht, unserem verwöhnten Ohr schmeichelt):

there are occasions on which Waley gets things exactly right; this is one of them. „Self-Abandonment“ captures the beauty that lies on the other side of perception, the beauty of the unspoken, the unseen, the unknown. It’s almost Zen-like in its rejection of character and plot, and yet, in a mysterious, moonlit sort of way, it works – and it’s absolutely wonderful.

Selbstvergessen

Vor mir der Wein. Ich spürte kaum
  das Nahn der Dunkelheit.
Von niederfallendem Blütenflaum
  war mein Gewand beschneit.

Das stand ich auf und stieg den Bach
  entlang in Trunkenheit.
Der Mond… – kein Vogel war mehr wach;
  die Menschen waren weit.

(Günther Debon)
Verlassenheit

Trinkend saß ich und achtete nicht,
Wie das Dunkel der Nacht mich umhüllte.
Blütenblätter rieselten dicht,
Daß des Mantels Falte sich füllte.

Ich erhob mich trunken und wanderte schwer,
Und der Mondstrahl wies mir die Straße. –
Die Felder dehnten sich menschenleer,
Die Vögel schliefen im Grase.

(Vincenz Hundhausen)
Gedichte von Li Bai kann man Chinesisch hören (und Chinesisch und Englisch lesen) auf dieser Seite:
http://www.chinapage.com/libai/libai2e.html  
– aber wohl nicht dieses.

108. Broken Base

Often caused by the conflict between Word Of God vs Word Of Dante. At its most extreme, it leads to Death Of The Author. / tvtropes.org

107. „Aufgescheuchte Kinder“ (achgott leitn#)

Endlich kommt Niveau in der Debatte:

Axel Kutsch hielt sich in seinem zornigen Kommentar bewusst mit der Nennung von Namen zurück. Sein kleiner Kunstgriff erwies sich als wahrer Kunstkniff, da sich etliche vermeintlich Betroffene – die ersten von ihnen schon wenige Minuten nach der Publizierung des Beitrags – erbost im Internet zu Wort meldeten. So begannen ausgerechnet viele geförderte Autoren und Kleinverleger, darüber wilde Spekulationen anzustellen, wen Kutsch mit seiner Attacke wohl gemeint haben könnte. Manche Kommentare lesen sich fast so, als wären sie von aufgescheuchten Kindern gepostet worden, denen zuvor ihre Eltern bzw. Vater Staat mit Taschengeld-Entzug gedroht hätten. Einige Kommentierungen wirken seltsam naiv und geradezu entwaffnend ehrlich. So wundert sich ein vielfach preisgekrönter Lyriker selbst darüber, von seiner „Lyrik leben zu können“ und vermutet, er würde aus sozialen Gründen gefördert: „Ich glaube, daß manche Leute, die in Jurys sitzen, denken, daß jemand, der drei Kinder hat und die Art von Lyrik schreibt, vielleicht mal wieder was vertragen könnte“. Was er – wie die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen – übersieht, ist, dass ihn nicht die Lyrik, also seine Leserschaft, ernährt, sondern Subventionen und Preisgelder, die größtenteils aus Steuergeldern stammen.

106. Lyrisches Gespür

Burkhard Meyer-Sickendiek

Lyrisches Gespür.
Vom geheimen Sensorium moderner Poesie

(Inhaltsverzeichnis siehe unten)

Burkhard Meyer-Sickendiek ist Privatdozent am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der FU Berlin. Das Buch erscheint Ende dieser Woche im Fink-Verlag.

Hier als Leseprobe das Vorwort

Das vorliegende Buch entstand in den Jahren 2010 und 2011 auf der Basis eines Heisenberg-Stipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Es verdankt seine stark interdisziplinäre Perspektive zudem den intensiven Gesprächen, welche ich als Mitglied des Exzellenz-Clusters Languages of emotion an der Freien Universität Berlin führen konnte. Eine der zentralen Fragen, die mich im Rahmen dieses Clusters interessierten, war diejenige nach dem kultur- bzw. literaturwissenschaftlichen Emotionswissen: Gibt es eine Thematik innerhalb des Emotionalen, die sich bevorzugt, ja vielleicht ausschließlich aus der Sicht der humanities erschließt? Insbesondere die in der Emotionsforschung stets erwähnten, aber niemals wirklich eigens untersuchten „background emotions“ Damasios schienen mir diesbezüglich einschlägig: Sie sind als Atmosphären, Stimmungen oder aber stimmungsvolle Situationen die eigentlichen Themenfelder der hier vorgelegten Lyriktheorie. Danken möchte ich in eben diesem Zusammenhang einer ganzen Reihe von Forschern, die sich in ähnlicher Weise wieder dem Begriff und Phänomen der Stimmung zuwendeten: Allen voran natürlich Hermann Schmitz, dem ich in zwei wunderbaren Gesprächen viele wertvolle Einsichten in diese Thematik verdanke. Auch die am Cluster unter der Aufsicht von Winfried Menninghaus erforschten Zusammenhänge zwischen „ästhetischen Emotionen“ und lyrischen Prosodien sind an dieser Stelle zu nennen: Wertvolle Anregungen kamen in diesem Zusammenhang von Jana Lüdtke, Lars Korten, Julian Hanich und Dietmar Till, die auf je unterschiedliche Art und Weise inspirierend auf die hier verfolgte Theorie eines „lyrischen Gespürs“ einwirkten. Weitere wertvolle Hinweise ergaben sich zudem aus Gesprächen mit David Wellbery, Friederike Reents, Sandra Poppe, Thomas Anz, Stefan Willer und Claude Haas.

Berlin, im Juni 2011 Burkhard Meyer-Sickendiek

Einleitung

Wer sich die Schönheiten des Terenz, Virgils, Horaz und Juvenals, bekannt und geläufig gemacht hat, wer den Boileau, Racine, Corneille und Moliere mit Verstande gelesen, und ihre natürliche Schönheit der Gedanken kennen gelernet; wer endlich den Longin vom Erhabenen, den Bouhours von der Art in den sinnreichen Schriften wohl zu denken, den Werenfels, (de meteoris orationis) des Pope Art of Criticism, den Harleqium-Horace, und den deutschen Antilongin mit Bedacht gelesen hat; der wird gewiß unmöglich auf eine so seltsame Art des poetischen Ausdrucks verfallen: gesetzt, daß er noch so erhaben zu schreiben gesonnen wäre.1

Spätestens seit dieser Kritik Johann Christoph Gottscheds am „Schwulst“ der Lyrik Klopstocks gibt es in der Theorie der „Dichtkunst“ das Problem der Diskrepanz. Wie reagieren am historisch-klassizistischen Paradigma entwickelte Poetiken auf den Tonfall der zu ihrer Zeit aktuellen Dichtung, wie sehr sind sie in der Lage, diesen Tonfall in ihr an der Tradition gewonnenes Dichungsverständnis zu integrieren? Gottsched gelang dies offensichtlich nicht, denn seine enge und normative Orientierung am französischen Klassizismus führte bekanntlich dazu, zwei große Werke des 18. Jahrhunderts – Hallers Alpen und Klopstocks Messias – in ihrem Wert zu unterschätzen bzw. als barocken „Schwulst“ zu verkennen. Man könnte vermuten, dass Lyriktheorien seit diesem berühmten Beispiel einer regelpoetischen Fixierung sensibilisiert wären für die Notwendigkeit, sich von allzu klassizistischen Gattungskriterien stets aufs Neue zu lösen, um so der Dichtung ihrer Zeit gerecht zu werden. Dass dem nicht so ist, verdeutlicht das Beispiel Wilhelm Dilthey, der zwar 1906 in Das Erlebnis und die Dichtung betonte, wie sehr „diese Grundrichtung unserer Literatur, wie sie in Klopstock kulminierte, in ihrem Recht gegenüber den gelehrten Experimenten der Leipziger Schule“2 gewesen sei. Wenngleich Dilthey jedoch die Loslösung der Lyrik Klopstocks und später Goethes von den strengen Vorgaben der Gottschedschen Regelpoetik begrüßte und bekanntlich in seinem Begriff des „Erlebnisses“ bzw. der „Erlebnislyrik“ theoretisch zu fassen suchte, so hinderte ihn dieses Wissen dennoch nicht daran, in die nämliche Falle zu tappen, also erneut im Namen der „zeit- und raumlosen Ideale“ der goethezeitlichen Ästhetik die „Bevorzugung der anomalen Seelenzustände und des Seelisch-Complexen“ in der naturalistischen Literatur seiner Zeit scharf zu kritisieren.3

So sehr sich daher der Diltheysche Dichtungsbegriff in den Lyriktheorien etwa Emil Staigers, Max Kommerells oder Käte Hamburgers verfestigte, so erwartbar war die Wiederholung dieser Problematik in der Lyriktheorie des 20. Jahrhunderts. Denn gegen eben diesen von Dilthey entwickelten Begriff der Erlebnislyrik, bezogen auf die mit Klopstock einsetzende Lyrik der Goethezeit bzw. der Romantik, richtete sich die Kritik Hugo Friedrichs, der 1956 in Die Struktur der modernen Lyrik betonte, das moderne Gedicht sehe „ab von der Humanität im herkömmlichen Sinne, vom ‚Erlebnis’, vom Sentiment, ja vielfach sogar vom persönlichen Ich des Dichters.“4 Mit Autoren wie Baudelaire, Rimbaud oder Mallarmé habe sich in der Lyrik der Moderne die „radikalste Abkehr von der Erlebnis- und Bekenntnislyrik“5 vollzogen, also von eben jenen von Dilthey geprägten Kategorien.

Hugo Friedrich meinte mit Blick auf Arthur Rimbaud vor allem „die abnorme Trennung des dichterischen Subjekts vom empirischen Ich“, weshalb er etwa davor warnte, „moderne Lyrik als biographische Aussage zu verstehen.“6 Nach der Goetheschen Erlebnislyrik verloren in der Folge jedoch auch die an der romantischen Lyrik etwa Eichendorffs und Brentanos gewonnenen Paradigmen ihre Gültigkeit. Dies verdeutlicht die Absage an den von Emil Staiger und Max Kommerell entwickelten Begriff der Stimmungslyrik, der wohl erstmals in Kurt Leonhards Studie über Moderne Lyrik theoretisch distanziert wurde. Demnach sei der Begriff „Moderne Lyrik“ nur dann gerechtfertigt, „wenn wir ‚Lyrik’ nicht auf ‚schöne Verse’ oder auf subjektive, passiv erlebten Stimmungen gehorchende Ergüsse beschränken.“7 Zwar hatte noch Clemens Heselhaus in seiner Studie über Deutsche Lyrik der Moderne von Nietzsche bis Yvan Goll mit Blick auf expressionistische Autoren wie etwa van Hoddis oder Lichtenstein weiterhin von deren „Stimmungsgedichten“ gesprochen.8 Dagegen vermerkte jedoch schon Jürgen Link, gerade die zeitgenössische Lyrik schärfe den Blick dafür, „dass Gedichte nicht aus ‚Stimmungen’ und ‚Gefühlen’ zusammengesetzt sind, sondern ganz konkret aus Worten, aus Sprache.“9 Ähnlich betonte Dieter Lamping mit Nachdruck, dass sich die Lyrik der Moderne von der „Erlebnis- und Stimmungslyrik“ des 18. und 19. Jahrhundert gelöst habe, indem sie „neuartige, zunächst betont nicht-realistische, verfremdende Darstellungsweisen“ verwende.10 Und Dieter Burdorf betonte eben deshalb, der Begriff der Stimmung gehöre wie der des Erlebnisses und des lyrischen Ichs zu den „problematischen Kategorien“.11

Zu den neuen und anderen Merkmalen der Lyrik des zwanzigsten Jahrhundert zählten stattdessen die „Diskontinuität“ sowie die „Simultanität“ der Wahrnehmung, das Spiel mit Paradoxie und Verfremdung, der A-mimetismus, sowie ein genereller Ich- bzw. Identitätsverlust.12 Mario Andreotti etwa bemerkte eine Verschiebung von festem Ich und kohärenter Gesamtsicht der Wirklichkeit hin zu Dissoziation in Einzelbilder, ein Vorgang, der in der modernen Lyrik anhand der „Entpersönlichung des lyrischen Ichs“ ersichtlich sei. Demnach sei moderne Lyrik „spezifisch gestisch“13: Nicht mehr der Bezug auf eine aussersprachliche Wirklichkeit, sondern die Sprache selbst als eigenständige Realität bzw. die Reduktion des Sprachzeichens „auf seine materiale Funktion“14 stehe im Zentrum, was Andreotti an Beispielen vom dadaistischen Montagegedicht bis zur Textcollage und konkreten Poesie gezeigt hat.15 Wie sehr diese Diskrepanz zwischen klassisch-romantischer und moderner Lyrik eine grundlegende Neuorientierung der Lyriktheorie notwendig erscheinen ließ, verdeutlicht etwa die These Dieter Lampings, nach welcher ein „Begriff des Lyrischen, der an klassischen und romantischen Gedichten gewonnen wurde,“ – das Beispiel ist hier die Lyrik-Theorie Emil Staigers – „für eine Beschreibung der modernen Lyrik kaum etwas hergibt.“16

Das vorliegende Buch bezweifelt diese These und will den Gegenbeweis antreten: Es behauptet, dass ein an klassischen und romantischen Gedichten gewonnener Begriff des Lyrischen sehr wohl etwas hergibt für die Beschreibung moderner und postmoderner Poesie. Zu diesem Zweck macht es den Vorschlag, den Begriff des Gespürs in die Lyriktheorie einzuführen.

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105. Der unterschätzte Müller

Und wieder einmal war es Wilhelm Müller, der ewig Unterschätzte, der eine genuin moderne Problematik auf den Punkt gebracht und deutlich gemacht hat: noch zu Lebzeiten Goethes: der stach im Divan, mit füchsisch ziselierten Gedichten wie Phänomen, durch schiere Spracharbeit schon Quellen an, die in das einflossen, was wir Moderne nennen. Müller machte geradeaus inhaltlich und motivisch dem Vorgängigen den Garaus. Ob wir es einmal noch erkennen? Müllers Dichtung wurde kein Schicksal für uns, da sie sich in das Lied zurückgezogen hatte und mit den Zyklen Schuberts den schönsten Kokon erhielt, um ungestört und unerkannt zu überwintern. Müllers fintenreiche politische Dichtung, seine unvertonten Lieder schlummern gänzlich ungelesen; seit 1994 schlummern sie zumindest in einer verlässlichen und vollständigen Ausgabe. Wie genau und präzise er den Bildvorrat der ausgehenden Romantik ein Stückchen drehte, um eine ganz andere Erfahrung zum Ausdruck zu bringen, ist jedes Mal wieder die Entpuppung eines großartigen, aber düsteren Falters, wenn man sich etwas Zeit nimmt, um zuzusehen. / Tobias Roth, fixpoetry

104. Com si res – Als ob nichts wäre

Feliu Formosa liest aus seinen Gedichten (katalanisch).

Moderation, Übersetzungen und Lesung der deutschen Texte: Àxel Sanjosé

Montag, den 7. November 2011, um 20 Uhr
Lyrik Kabinett München

Eintritt: €7,- / € 5,-; Mitglieder: freier Eintritt

Feliu Formosa, geb. 1934 in Sabadell, Katalonien, erhielt 2011 den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland: Er übertrug über hundert Theaterstücke, Gedicht- und Essaybände der deutschen Literatur ins Katalanische und Spanische (Goethe, Kleist, Heine, Rilke, Trakl, Wedekind, Musil, Kafka, Th. Mann, K. Valentin, Achternbusch und vor allem Bertolt Brecht und Thomas Bernhard); seine Übersetzungen von Dramen brachte er z.T. als Regisseur und Schauspieler selbst auf die Bühne. Über dieser Vermittlertätigkeit blieb in Deutschland lange übersehen, dass Formosa selbst mit seinen Gedichten und Tagebüchern zu den bedeutendsten Autoren der katalanischen Gegenwartsliteratur zählt und dafür auch zahlreiche renommierte Preise erhielt.

Àxel Sanjosé, geb. 1960 in Barcelona, ist Lyriker, Literaturwissenschaftler und Übersetzer (u.a. von P. Gimferrer); hauptberuflich für das Designbüro KMS tätig; Lehrauftrag am Institut für Komparatistik der LMU. Für das Lyrik Kabinett kuratierte und übersetzte er die katalanische Anthologie: Vier nach (2007) mit Gedichten von E. Casasses, E. Escoffet, A. Pons und V. Sunyol.

COM SI RES

I anar-te fent a la idea
Del no-res
Tot des-
Sacralitzant-la

I descobrir que no es tracta
Sinó d’habituar-se
A la pròpia solitud

I així cada vegada
Desvetllar més el gaudi
De l’instant

I sempre retornar
Als records i al combat
Com si res
Com si tot

Als ob nichts wäre

Und dich langsam mit der Vorstellung
Des Nichts anfreunden,
Indem du sie ent-
Heiligst

Und entdecken, dass es um weiter nichts geht,
Als sich an die eigene Einsamkeit
Zu gewöhnen

Und so jedesmal

Den Genuss des Augenblicks
Weiter wecken

Und immer zurückkehren
Zu den Erinnerungen und zum Kampf
Als ob nichts wäre
Als ob alles wäre

Feliu Formosa, übertragen von Àxel Sanjosé

103. Eberhard Häfner 70

Exemplarisch für viele Häfner-Texte werden hier mehrere Signalketten verknüpft: eine astronomische („sternhagelvoll“, „Milchstraße“, „schwarzes Loch“), eine sexuell konnotierte („Nagel“, „schwarzes Loch“), eine mythologisch-geschichtliche („Engel“, „Hieroglyphen“) und eine computertechnische („Portal“, „runtergeladen“). Das Wort Sehnsucht rahmt in der ersten und letzten Zeile das Geschehen, und auf der Mittelachse („sternhagelvoll“) funkelt doppelbödiger Humor. So entsteht ein Flechtwerk unterschiedlicher Sprachstränge in rätselvoller Verdichtung. Diese für Häfner charakteristische Methode hat durchaus mit seinen früheren Tätigkeiten zu tun. Bis Mitte der achtziger Jahre arbeitete Häfner als Silberschmied, Metallgestalter und Restaurator in Erfurt, bevor er wie so viele Künstler nach Berlin-Prenzlauer Berg übersiedelte. Zunächst publizierte er in Undergroundzeitschriften, nach 1989 trat er mit Künstlerbüchern, Romanen und immer wieder mit Gedichtbänden an die Öffentlichkeit.

Am heutigen Tage wird der mocking bird, wie auf Englisch jene Spottdrossel heißt, die immer wieder seine Gedichte durchschwirrt, siebzig Jahre alt. Da zu seinen Tugenden neben einem scharfen Verstand, außerordentlicher Belesenheit, Neugier auf das Schaffen jüngerer Kollegen auch eine herzöffnende Freundlichkeit und schamanesker Charme gehören, nimmt es nicht wunder, dass viele gratulieren wollen. / Peter Geist, Tagesspiegel

Zu Ehren von Eberhard Häfner lesen am Samstag, den 29. Oktober ab 19 Uhr in der Villa Elisabeth (Invalidenstr. 3b) unter anderem die Schriftsteller Volker Braun, Kurt Drawert, Bert Papenfuß, Björn Kuhligk und Steffen Popp. Der Gedichtband „Per Anhalter durch den Verstand“ (100 Seiten, 9,50 €) ist im Münchner Allitera Verlag erschienen.

102. Postpoetry2011 Lyrik-Wettbewerb

Am 21. Oktober tagte im Rahmen des Wettbewerbs postpoetry.2011 die Jury/ Kategorie „Lyrikerinnen und Lyriker NRW“.

Aus den fast 300 anonymisierten Gedichten wählte die Jury folgende als Preisträgertexte aus:

als Herr Bauer schon gestorben war
von Marius Hulpe (Soest)

fièvre marrakechien
von Christoph Wenzel (Aachen)

Gelübte
von Jovan Nikolic (Köln)

TELENOVELACRIMO
von Ralf Thenior (Dortmund)

Und überall können wir singen
von Marie T. Martin (Köln)

In der Kategorie „Nachwuchsautorinnen und –autoren“ fallen die Entscheidungen am 29. Oktober.

101. Meine Anthologie 77: Dmitri Prigow, Das Schnepfenfeld

 

Das Schnepfenfeld

 

Ich habe alle aufgestellt
Die einen ganz nach rechts gestellt
Die andern ganz nach links gestellt
Die übrigen erst mal zurückgestellt
Die Polen habe ich zurückgestellt
Franzosen habe ich zurückgestellt
Die Deutschen habe ich zurückgestellt
Hab meine Engel herbestellt
Und oben Raben hingestellt
Und andere Vögel hingestellt
Darunter dann ein Feld gestellt
Ein Feld zur Schlacht bereitgestellt
Ich habe Bäume draufgestellt
Hab Eichen, Fichten draufgestellt
Und ein paar Sträucher draufgestellt
Ich habe es mit Gras bedeckt
Mit kleinen Käfern vollgesteckt

 

Nun sei’s, wie ich’s mir vorgestellt!
Nun lebe man, wie ich’s bestellt!
Nun sterbe man, wie ich’s bestellt!

 

Drum siegen heute mal die Russen
Sind nämlich nette Jungs, die Russen
Und nette Mädchen auch, die Russen
Sie litten schrecklich viel, die Russen
Ertrugen Schlimmes, nicht von Russen
Drum siegen heute mal die Russen
Was soll noch werden, wenn schon jetzt
Die Erde bröcklig wird schon jetzt
Der Staub den Himmel schwärzt schon jetzt
Gesteine bersten in der Erde
Und Wasser rasen in der Erde
Und Tiere rasen in der Erde
Und Menschen laufen auf der Erde
Gehn vor und rückwärts auf der Erde
Und Vögel ziehn über der Erde

 

Die Raben ziehn über der Erde
Und doch sind die Tataren netter
Ich finde die Gesichter netter
Und finde ihre Stimmen netter
Und finde ihre Namen netter
Und find auch ihr Betragen netter
Die Russen find ich zwar adretter
Und doch sind die Tataren netter
Drum sollen die Tataren siegen
Von hier aus kann ich alles sehn
Ich sagte, die Tataren siegen
Und morgen wird man weitersehn

 

(1976)

 

Dmitri Prigow: Der Milizionär und die anderen. Gedichte und Alphabete. Leipzig: Reclam 1992, S. 9f. (Übertragungen von Günter Hirt und Sascha Wonders)

100. Schreiben

Es gibt Stimmen, die sagen, Sprache wäre entstanden aus sich berührenden Gebärden. Wenn zwei Personen voreinanderstehen und die Phase der langsamen Annäherung geschafft ist, mag es dazu kommen, dass eine flache Hand auf die Brust des anderen gelegt wird. Oder, ein starkes Ding, die vier Hände schliessen sich so ineinander, dass alle Finger und Daumen mit ‚eingeschlossen‘ sind. Taktile Reize. Berührungs-Meldungen! Der Daumen in seiner Druckbewegung sagt etwas anderes als der Zeigefinger. – Diese intensive Gebärde im Ganzen (vier Hände, 16 Finger, 4 Daumen) kommt mir vor wie der erste Hauptsatz, den Menschen gesprochen haben.

Ein sich Vorfinden im Raum für jede Person und beide im Zusammenschluss wird erlebt. Vielleicht ist die eine Seite aktiver als die andere. Oder die Finger bleiben still und nur die Daumen erlauben sich, den Handballen der Gegenperson in Druck und im Reiben zu erkunden.

*

Dass die Sprache „auf etwas hin“ gerichtet ist, wird besonders beim Spiel Frage und Antwort klar. Diese Gesprächsfigur ist brüderlich, geschwisterlich. Denn in meine Frage baue ich ein Stück meines Gegenüber und der (erwarteteten, erwünschten) Antwort sein.

Ein Tipp fürs Denken und Schreiben wäre also, dabei mit sich selbst in einen Dialog zu treten und so zu tun, als wüsste ich das, was ich meinem eigenen Gegenüber erzähle, noch gar nicht.

Solche Konstellationen sind schöpferisch-produzierend.

/ Wilhelm Fink (Hamburg)

99. Gestorben

Der Dichter (poet, lyricist) Mullanezhy Neelakanthan starb am Sonnabend nach einer Herzattacke im Alter von 63 Jahren.

Mullanezhy, den Freunde und Kollegen gewöhnlich ‘Mullan Mushu’  nannten, glaubte fest daran, daß die Lyrik nicht nur um der Literatur willen da sein dürfe, sondern auch als Katalysator für soziale Reformen fungieren müsse. Seine Gedichte wurden meist auf der Bühne und bei sozialen Kampagnen vorgetragen. / The Hindu 22.10.

98. Sogar Gedichte

Sogar Gedichte könne man Kindern schmackhaft machen, sie zum Beispiel zum Nachdichten animieren. / Wiesbadener Kurier

In der Tat. Der Berliner Literaturwissenschaftler Remigius Bunia sagte neulich in einem anderen Zusammenhang, „da brauchte man Germanisten, die sich für irgendwas ernsthaft interessieren“, fand ich süß (und gar nicht falsch). Hier ist es noch einfacher. Man brauchte nur Erwachsene, die selber keine Angst vor Gedichten haben (und sie nicht nur als Objekte der Interpretation mißbrauchen).

97. Zu teuer für öffentlich

Pech für die Stiftung Weimarer Klassik und die Öffentlichkeit: Die überraschend aufgetauchte Reinschrift von Friedrich Schillers berühmter «Ode an die Freude» gelangt in Privatbesitz. Bei der zweitägigen Autografen-Auktion, welche die Antiquariate Moirandat (Basel) und Stargardt (Berlin) am Freitag im grossen Saal von Basels Schmiedenhof begonnen haben, erhielt ein anonymer telefonischer Bieter den Zuschlag. …

Philologisch ist das Autograf von Bedeutung, weil sein Text erhebliche Abweichungen zur gedruckten Ausgabe aufweist. So wurde etwa aus dem handschriftlichen «Jeder Schuldschein sei zernichtet» (Vers 69) im Druck ein «Unser Schuldbuch sei vernichtet». Die «helle Abschiedsstunde» in Vers 105 verwandelte sich in eine «heitre Abschiedsstunde», und in Vers 108 erwartet die Bruderschaft der Menschen einen sanften Spruch nicht «aus des Sternenrichters», sondern «aus des Todtenrichters Mund». Es gibt noch weitere Abweichungen. / Joachim Güntner, NZZ (der Artikel enthält ein schönes Faksimile)

96. Meine Anthologie 76: Sappho, A C H T U N G

A C H T U N G 

Thou shalt be-Nothing.- OMAR KHAYYAM

Tombless, with no remembrance.-SHAKESPEARE

Dead thou shalt lie; and nought
Be told of thee or thought,
For thou hast plucked not of the Muses´ tree:
And even in Hades´ halls
Amidst thy fellow-thralls
No friendly shade thy shade shall company!

Translated by Thomas Hardy, with his reference to Khayyam and Shakespeare.

Confucius to Cummings. An Anthology of Poetry. Edited by Ezra Pound and Marcella Spann. New York: New Directions, 1964 (Tenth printing) 1.1926. S. 18.

Manfred Hausmann

Gänzlich, wenn du einst stirbst,
schwindest du hin,
niemand wird dein gedenken,
niemand wünscht dich zurück,
denn du hast nie
Rosen gebrochen im
Land der Musen, und so
wehst du hinab
ruhmlos ins Land des Hades
und verlierst dich alsbald
irrenden Flugs
unter den fahlen Toten

Manfred Hausmann: Sappho. Lieder und Bruchstücke (Das Gedicht. Blätter für die Dichtung) Hamburg Heinrich Ellermann, 1948 (Nr. XIV)

[Achtung: so deutsch überschreibt der englische Autor Thomas Hardy (1840 – 1928) seine Nachdichtung eines Sappho-Fragments, aufgenommen in Ezra Pounds Anthologie „Confucius to Cummings“, 1926.

Durch die Original-Referenzen an Omar Khayyam und Shakespeare entsteht ein Palimpsest aus den vier Schichten: Antike, Persien, Elisabethanisches England, Viktorianisches England. Ich bin so frei, der deutschen Spur eine weitere deutsche Schicht hintenanzufügen.

Das deutsche Wort – bei Hardy noch ohne Ausrufezeichen; das im 20. Jahrhundert für viele Völker neue Bedeutung annehmen sollte – verstärkt die Drohung des Gedichts – während der Deutsche sie in Poesie abschwächen möchte.]

Nachtrag 2011

Fassung von Anne Carson

55

Dead you will lie and never memory of you
will there be nor desire into the aftertime–for you do not
  share in the roses
of Pieria, but invisible too in Hades' house
you will go your way among dim shapes. Having been breathed out.

Aus: If not, winter. Fragments of Sappho. Translated by Anne Carson. New York: Vintage Books 2003, S. 115.

55LP/58D

κατθάνοισα δὲ κείσῃ οὐδέ ποτα
μναμοσύνα σέθεν
ἔσσετ‘ οὐδὲ †ποκ’†ὔστερον· οὐ
γὰρ πεδέχῃς βρόδων
τῶν ἐκ Πιερίας· ἀλλ‘ ἀφάνης
κἠν Ἀίδα δόμῳ
φοιτάσεις πεδ‘ ἀμαύρων νεκύων
ἐκπεποταμένα

An eine ungebildete Reiche

Wenn du starbest, du wirst liegen
und wird keine Erinnrung mehr
Dann hinfüro zurückbleiben von
dir, denn an Pieria’s
Rosen hast du nicht Teil. Nein un-
gesehn auch in des Hades Haus
Wirst du wandeln , dahinschwebend mit
lichtloser Gestorbenen Schar.

[Übersetzung: G.Thudichum (33)]

Aus der Tusculum-Ausgabe:

55 Voigt

Und tot wirst du liegen und niemals wird Erinnerung von dir
bleiben, auch [niemals] später: Denn du hast keinen Anteil an den Rosen
aus Pierien, sondern unscheinbar auch in Hades‘ Haus
wirst du verkehren mit düsteren Toten, bist du erst einmal weggeflogen.

In: Sappho: Gedichte (Tusculum) Hrsg. / Übers. Andreas Bagordo, Düsseldorf: Artemis & Winkler 2009, S. 126f.

95. Von der Größe großer Namen

Von Kai Pohl

Ann Cotten ist etwas kleiner als Bertolt Brecht,
aber etwas größer als Bert Papenfuß.
Bertram Reinecke ist größer als Dorothea von Törne.
Durs Grünbein ist kleiner als Elke Erb.
Ernst Jandl ist kleiner als Friederike Mayröcker.
Gottfried Benn ist etwas größer als Greifswald.
Hans Magnus Enzensberger ist kleiner als Herta Müller,
die wiederum kleiner als Jan Wagner ist.
Friedrich Hölderlin und Johann Wolfgang Goethe sind gleich groß,
genauso wie Kathrin Schmidt und Marion Poschmann
oder Konstantin Ames und Michael Lentz.
Monika Rinck ist größer als Oskar Pastior,
aber kleiner als Paul Celan.
Rainer Maria Rilke ist so groß wie Thomas Kling,
jedoch nicht so groß wie Ron Winkler.
Thomas Kunst ist größer als Tom de Toys,
Tom de Toys ist größer als Tom Schulz,
und Tom Schulz ist kleiner als Ulf Stolterfoht,
der größer ist als Thomas Kunst und Tom de Toys.
Valeri Scherstjanoi ist kleiner als Volker Braun,
der die Größe von Wien hat.
Ted Kooser ist der Größte.

Quelle: Schlagwortwolke der Lyrikzeitung & Poetry News (lyrikzeitung.com) vom 18.10.2011