38. Nowhere Kyoto

Dieter Ronte schrieb über die an Hokusais berühmten Holzschnittzyklus angelehnten digitalen Collagen, die als Fresken im Raum installiert sind: „Die Erfahrungen in der Analyse japanischer Gedichte transformieren in der visuellen Kunst von Také zum unendlichen Bild, das sich nicht sofort in das logische Sehen des Europäers integriert.“ „Nowhere Kyoto“ heißt eine abstrakte Komposition, die sich als Meer aus erdachten, leuchtenden Blüten lesen lässt. Tatsächlich sind Takés Abstraktionen aus konkreten Einzelmotiven zusammengesetzt, die sich erst bei eingehender Betrachtung erschließen. (Preise von 7600 bis 38.300 Euro.) / FAZ

37. Concrete poem

by Seichi Niikuni, 1971. André Vallias: graphics. DJ Dodô: percussion, laptop. Lica Cecato: voice, „translation“, theremin, pre-recordings. Show at CCBB, Rio de Janeiro, April, 2007 to ERRATICA web-magazine

36. „Dichten für Millionen“

Tausende fühlten sich berufen, aber nur 48 sind auserwählt: Diese 48 Dichter aus allen Teilen der arabischen Welt treten nun gegeneinander an, über 15 Wochen in einer Art künstlerischem KO-Verfahren, bis einer oder eine übrig bleibt. Der kuwaitische Dichter Seyad Ibin Nahit hat eine der früheren Runden von „Sha’ir al miliun“ gewonnen – und ist seitdem ein gefeierter Lyriker. …

Neu an dem diesjährigen Wettbewerb: Bei den Kandidaten zählt fortan auch ihre Körpersprache. Denn auch die ist wichtiger Bestandteil ihrer Ausdrucksfähigkeit. Einer, darin so stark ist wie wenig andere, ist der palästinensische Dichter Tamim al Baruti. Auch er nahm an dem Wettbewerb, fiel aber durch – wegen eines winzigen Grammatikfehlers. Denn auch auf korrekte Grammatik kommt es an in diesem Wettbewerb, da sind die Veranstalter streng. Aber Baruti ist seit seinem Auftritt ein echter Lyrik-Star in der arabischen Welt. / Kersten Knipp, DLF

35. Kein Fehler im System

eugen gomringer der vater der konkreten poesie kommt in den raum für irgendetwas und hält einen vortrag

am 11. januar 2012 um 16 uhr, eintritt frei

burg giebichenstein, kunsthochschule halle, neuwerk 7, 06108 halle, raum 208

34. Stahlgewitter

Nach Diekmann-Krieg jetzt Jünger-Stahlgewitter. – Konstantin Ames kommentiert:

Der Vergleich der selbstverschuldeten Ertappt!-Malaise mit einem Weltkriegsszenarium, geschildert in einer nihilistischen Bekenntnisschrift (aus dem Dunstkreis der sog. Konservativen Revolution), die „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger ist, verrät, dass dieser Bundespräsident offenbar nicht in historischen Dimensionen zu denken in der Lage ist. Oder es handelt sich bei der Person von Christian Wulff um einen geschmacklosen Provokateur am Rand des Nervenzusammenbruchs.

33. Basler Lyrikpreis für Klaus Merz

Der renommierte Basler Lyrikpreis geht im Jahr 2012 an Klaus Merz. Die Jury schreibt in ihrer Begründung: „Wie wenige Dichter bringt er das Kunststück fertig, lyrische Prinzipien auch in seiner Prosa umzusetzen. Die Schauplätze seiner Erzählungen sind stets unspektakuläre Orte, an denen Merz mit wenigen Strichen und rhythmischen Lenkungen Charaktere und die rätselhafte Welt der Empfindungen aufscheinen lässt.“ …

Der Basler Lyrikpreis wird von der Lyrikgruppe Basel bestehend aus Urs Allemann, Rudolf Bussmann, Ingrid Fichtner, Wolfram Malte Fues, Peter Gisi, Rolf Hermann und Kathy Zarnegin vergeben. Die Preisverleihung findet im Rahmen des 9. Internationalen Lyrikfestivals Basel am Sonntag, dem 29. Januar 2012, im Literaturhaus Basel statt. / Dorfzeitung

32. Großes Debüt

Sechsundachtzig Jahre alt hat Anne Dorn werden müssen, um ihren ersten Gedichtband zu veröffentlichen — und damit das vielleicht dienstälteste Debut der deutschen Lyrik vorzulegen. Aus ihren Gedichten unter anderem im „Jahrbuch der Lyrik“ ist sie dem aufmerksamen Publikum natürlich längst bekannt, als eine große und souveräne Stimme. „Wetterleuchten“ hat sie den Band betitelt, knapp, präzise, unprätentiös. Aus welcher Anzahl Gedichte aus wievielen Jahren ist der Band ausgewählt und zusammengestellt worden? Wir erfahren es nicht. Minimale Verschiebungen in Form und Ton sind zwar zu bemerken und geben Anlaß zur Vermutung, könnten Jahrzehnte sein, dennoch ist der Band von ungewöhnlicher Geschlossenheit, die ihn zu einem Ereignis macht. / Jürgen Brôcan, fixpoetry

Anne Dorn: Wetterleuchten. Nachwort: Jayne-Ann Igel, gebundene Ausgabe 80 Seiten, Euro 16.80 poetenladen, Leipzig 2011. Herausgeber: von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt, Ralph Lindner 

31. Kaffee. (Wiederbelebung)

Der Einzelgänger war nicht nur ein glänzender Theoretiker, sondern auch ein sinnenfreudiger, humorvoller Mensch, zugetan den kulinarischen Genüssen: „Ein Gedicht ist ein Kaffee. (Wiederbelebung)“. Gern mixt man sich sein „Parfait Martinique: Mockamousse, Rum drüber, ein Klecks Schlagsahne obendrauf“. / Dorothea von Törne, Die Welt

Wallace Stevens: „Hellwach, am Rande des Schlafs“ Aus dem Englischen von Hans Magnus Enzensberger u.a. Hanser, München. 352 S., 24,90 Euro.

Das Gedicht „Sunday Morning“ (with coffee and oranges) / Aphorismen wie der mit dem Kaffee

Hier 3 weitere Aphorismen von Stevens:

Poetry is not personal.

* * *

The real is only the base, but it is the base.

* * *

The poem reveals itself only to the ignorant man.

30. Bissiger Biermann

Wie haben wir Biermanns legendäre „Drahtharfe“ geliebt, jene ersten, bei Klaus Wagenbach veröffentlichten Balladen, Lieder und Gedichte aus eigener Feder! Sein entschiedenes „Warte nicht auf bessre Zeiten“ und die „Ausbürgerung“ aus dem verhassten DDR-Staat nach seinem berühmten Kölner Konzert 1976 machten den Liederdichter zur Identifikationsfigur des Zorns. Pegasus bleibt auch im Umgang mit den Texten anderer ungezähmt und bissig. Getreu seinem einst als Heine-Professor an der Universität Düsseldorf verkündeten Motto: „Eine Nachdichtung kann nie so gut sein wie das Original – wohl aber besser!“ heftet er dem trostlos durch abendliche Winterkälte trottenden Gaul des Amerikaners Robert Lee Frost in seiner deutschen Fassung von „Stopping By Woods On A Snowy Evening“ etwas an, was es im Original nicht gibt: einen Refrain. Dem Russen Bulat Okudshava dichtet das Schlitzohr gar die gesamte dritte Strophe des bekannten Liedes „Ach die erste Liebe“ dazu. Was als melancholisches Liebeslied beginnt, wird bei Biermann zum bitterbösen politischen Gesang, der die Entwicklung vom Verräter aus Schwäche bis zum Mörder skizziert. / Dorothea von Törne, Die Welt

Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn. Hoffmann und Campe, Hamburg. 528 S., 26 Euro.

29. Casa Pound

Ein Sympathisant italienischer Rechtsradikaler tötete zwei Senegalesen. Die Gruppe „Casa Pound“ bezieht sich auf den US-Dichter Ezra Pound, der Wucher und Juden hasste. / Die Welt 19.12.

Das neofaschistische Ambiente in Italien ist wesentlich vielschichtiger als man denkt. Die neueste Ausgeburt ist Casa Pound, eine der „innovativen“ Varianten. Der Name der Gruppe bezieht sich auf den amerikanischen Dichter Ezra Pound, der während des Zweiten Weltkrieges offen den Faschismus und nach Kriegsende die Sozialrepublik unterstützte. (…)

Autarkes Europa, nationale Rückeroberung, Schluss mit multinationalen und multiethnischen Gesellschaften, Recht auf Wohnung und Bildung, Energiesouveränität und … die italienische Verfassung neu schreiben. Dies sind einige Punkte des Programms von Casa Pound, das Professor Stefano Bartolini in seinem Artikel „Die Enkel des Duce zwischen Erbe, Neuem, Weiterbestehendem und Entwicklungen zu Beginn des neuen Jahrtausends“ als „linken Faschismus“ definiert. Laut Bartolini handelt es sich hierbei um eine Rückkehr zu den Ursprüngen, einen Versuch, die Fassade zu erneuern: „Die Neofaschisten des 21. Jahrhundertspassen die Kommunikationsformen an, ändern ihre Symbole, erfinden neue Namen, aber bleiben doch, was sie immer waren. Und sie geben noch nicht einmal die gewaltsamsten Praktiken auf.“ / cafebabel

28. Snyders Lektionen

„Als Dichter bewahre ich die archaischsten Werte der Erde, deren Ursprung bis in die späte Steinzeit zurückreicht“, heißt es in dem frühen Band „Mythen & Texte“. Der Bogen in den „Wildnis“-Essays ist weit gespannt: Sprachforschung und Mythen-Deutung haben darin ebenso ihren Platz wie Abhandlungen über die Zukunft der Region und die „uralten Wälder des Westens“. / Olaf Velte, FR

Gary Snyder: Lektionen der Wildnis 
Aus dem Englischen von Hanfried Blume
Matthes & Seitz, Berlin 2011
263 Seiten, 26,90 Euro

Mehr: DLR

27. Beiersprüche

Für den 72-jährigen Hemmericher ist die Tradition des Beierns mehr als eine Aneinanderreihung von rhythmischen Reimen, es ist eine Form der „rheinischen Bauernlyrik“ oder eine Gebrauchs- oder Volkslyrik, wie er es nennt. Damit seien die Beiersprüche eine „farbenfrohe Literaturgattung“, die so gleichbedeutend sei mit Kirchen-, Karnevals- oder -Volksliedern. Hier spiegelten sich oft Spott und Hohn gegen die Obrigkeit wider, soziale Missstände oder Rivalitäten zwischen den einzelnen Ortschaften werden in den kurzen prägnanten Versen thematisiert. So heißt es in einem Spruch aus Dersdorf beispielsweise übersetzt vom Vorgebirgsplatt ins Hochdeutsche: „Der Kaplan von Kardorf, der mag keinen Spargel. Der Kostverächter. Der Kostverächter“. Die Hemmericher meinten einst: „Die Kardorfer Leute haben Flöhe am Rücken und stinken wie die Ziegenböcke“. / Schaufenster Bonn

26. Lösung

der Preisfrage vom 2.1.

„This word, so darkly on my eyelids, would have signified less; my friend“ – allein, der verdatterte Lyriker mißverstand die Zeichen.

Wie angekündigt ein schweres Rätsel. 3 Quellen waren zu suchen, ich hätte 2 von 3 als Lösung akzeptiert, aber es gab nur Einsendungen mit einer Quelle. Mit Google oder Textkenntnis war leicht erkennbar, daß die englischen Wörter aus einem der „Sonette aus dem Portugiesischen“ der britischen Dichterin Elizabeth Barrett Browning (1806-1861) stammen, wenn auch nicht genau in dieser Fügung.

Sonnets from the Portuguese

II

But only three in all God’s universe
Have heard this word thou hast said,–Himself, beside
Thee speaking, and me listening! and replied
One of us . . . that was God, . . . and laid the curse
So darkly on my eyelids, as to amerce
My sight from seeing thee,–that if I had died,
The deathweights, placed there, would have signified
Less absolute exclusion.  „Nay“ is worse
From God than from all others, O my friend!
Men could not part us with their worldly jars,
Nor the seas change us, nor the tempests bend;
Our hands would touch for all the mountain-bars,–
And, heaven being rolled between us at the end,
We should but vow the faster for the stars.

Elizabeth Barrett war die Frau des Dichters Robert Browning und selbst eine bedeutende Dichterin. Die sehr persönlichen Sonette wollte sie zunächst unter dem Titel „Sonette übersetzt aus dem Bosnischen“ veröffentlichen, Browning aber schlug für diese „schönsten Sonette aller Sprachen seit Shakespeare“ den Titel vor, unter dem sie zuerst 1847 in einem Privatdruck und 1850 in der zweiten Ausgabe ihrer „Poems“ erschienen:

Poems. New edition. In two volumes (1850). London: Chapman & Hall 1850.

Sonette wurden damals ohne die heute als Bemerkhilfe üblichen Leerzeilen gedruckt (man tut das auch in deutschen Ausgaben der „Sonnets from the Portuguese“ wie die neuere zweisprachige Ausgabe als insel taschenbuch unter dem Titel „Liebesgedichte“, 2006, mit den deutschen Fassungen von Rilke).

Hier das Sonett im Druckbild der Ausgabe der „Poems“ von 1902/1905:

(Hier bei Google mit der sehr schönen Jugendstilausstattung)

Wiederbegegnet sind mir die Sonette aber in sehr anderer Fassung: als Überschreibungen von Christian Hawkey in dem schönen Band „Sonette mit elisabethanischem Maulwurf“, 2010 zweisprachig bei hochroth erschienen. Die Übersetzungen sind von Uljana Wolf, dem schmalen Band sind einige Faksimiles von Originalüberschreibungen beigegeben, darunter jene aus Nr. 2, die transkribiert so aussieht:

But only three in all God’s universe

Have heard this word thou hast said,–himself, beside

Thee speaking, and me listening! and replied

One of us . . . that was God, . . . and laid the curse
So darkly on my eyelids, so as to amerce

My sight from seeing thee,–that if I had died,

The death-weights, placed there, would have signified
Less absolute exclusion.  „Nay“ is worse

From God than from all others, O my friend!
Men could not part us with their worldly jars,
Nor the seas change us, nor the tempests bend;

Our hands would touch for all the mountain-bars:

And, heaven being rolled between us at the end,

We should but vow the faster for the stars.

Das wäre die zweite Quelle. Für wenig Geld im hochroth Verlag Perleberg Berlin 2010:  Christian Hawkey: „Sonette mit elisabethanischem Maulwurf“.

Das dritte Zitat stammt aus einem meiner Lieblingsromane: Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“. Der deutsche Satz fiel mir beim Blättern in die Augen, als ich just den Hawkey gelesen hatte: auf Seite 51 der 2., ergänzten und vom Übersetzer Thomas Reschke neu bearbeiteten Auflage, Berlin: Volk und Welt / Kultur und Fortschritt 1975.

Den Band von Moses Rosenkranz kann ich für eine andere Gelegenheit zurücklegen. Ich hoffe, daß mancher und manche beim Suchen außer Frust auch die eine oder andre Entdeckung gemacht hat.

25. Wegbereiter

Zu Hübschs erstem Todestag erinnerten Freunde und Bewunderer nun in der Frankfurter Batschkapp an den Autor, der als einer der Wegbereiter alternativer Literaturformen wie Poetry Slam oder Social Beat gilt. Hübschs lyrisches Werk war von einer großen Liebe zur Musik durchdrungen, was bei seinen Lesungen spürbar war, die eher an explosive Rockkonzerte als an gepflegte Salonkultur erinnerten. Die Batschkapp war deshalb ein mehr als geeigneter Ort für den Gedenkabend, zumal Hübsch dort selbst während der Buchmesse einige Male eigens für diese Gelegenheit verfasste Gedichte vortrug, übrigens ausgerechnet bei der beliebten Disco-Veranstaltung „Idiot Ballroom“. Die mit Musik unterlegten Performances sollen zwar nicht für einhellige Begeisterung gesorgt haben, mündeten aber in Hübschs Buch „Die Batschkapp-Gedichte“, die der Autor, Musiker und Verleger Robsie Richter in seinem Verlag „Kopfzerschmettern-Medien“ veröffentlichte. / CHRISTIAN RIETHMÜLLER, FAZ

24. „Die Rache der Sprache“

25 Jahre „Im Gespräch“
„Die Rache der Sprache ist das Gedicht.“ Peter Huemer spricht mit Ernst Jandl, Schriftsteller (Erstausstrahlung am 21. April 1988)

Für die Sendereihe „Im Gespräch“ ist das Jahr 2012 ein besonderes Jahr: Denn vor 25 Jahren wurde diese Sendung „erfunden“. Die vernünftigste Art 25 Jahre „Im Gespräch“ Revue passieren zu lassen, ist, herausragende Gespräche dem Archiv zu entnehmen und diese noch einmal zu spielen; weil es sich um Tondokumente handelt, die an die Zeit, an Personen und Begebenheiten erinnern, die es verdienen wieder einmal akustisch Raum zu gewinnen. …

Dieses Gespräch ist mehr als ein Gespräch. Denn immer wieder wird die Konversation unterbrochen, weil Jandl eines seiner Gedichte vorträgt: Auf jene unverwechselbare Art, die dreißig Jahre davor noch auf völliges Unverständnis, ja auf Ablehnung gestoßen war. / Ö1