Nach seinem Tod im Jahre 1993 wurde es um den Dichter, Kalendermann und Essayisten Albin Fringeli still. Sein Werk war nicht mehr greifbar. Im Nachruf auf Fringeli schrieb Kurt Marti: «Da stimmt alles. Da ist Zuverlässigkeit. Die Qualität, die ich bei ihm finde und die ich, hilflos genug, Liebe nenne, macht mich dankbar – und nachdenklich.» In einem sorgfältig gestalteten Band haben nun Ulla Fringeli und eine dreiköpfige Solothurner Fachgruppe wichtige Texte Fringelis versammelt. …
Viele von Fringelis Gedichten atmen den Geist Johann Peter Hebels. Geradezu zur Weltliteratur müsste man seine Ballade «Der Tod am Barschwang» rechnen, die einen tödlichen Bergrutsch beschreibt. / NZZ 20.12.
Albin Fringeli: Dem Bleibenden auf der Spur. Hrsg. von Ulla Fringeli. Lenos-Verlag, Basel 2011. 509 S., Fr. 39.50.
Es gibt viele Wege, sich mit schwieriger Literatur zu beschäftigen. Neben den diversen wissenschaftlichen Methoden legt sich Gelehrten auch immer wieder das Übersetzen als eine besondere Form des Sich-Einlassens und Eindringens nahe. Der grosse Petrarca-Kenner Karlheinz Stierle hat sie im Laufe der letzten Jahrzehnte immer wieder gewählt, um Petrarcas «Canzoniere» und seine geheimen Bauformen besser zu begreifen. Eine erste Kostprobe erschien 1990 in dem Buch «Petrarca. Aus dem Canzoniere». Eine erweiterte Auswahl rundete 1998 seinen Essay «Petrarca: Fragmente eines Selbstentwurfs» ab; 2004 erschien eine nochmals ergänzte Auswahl im Deutschen Taschenbuch-Verlag: «Francesco Petrarca. Ich bin im Sommer Eis, im Winter Feuer». Und diese vergriffene, inzwischen auf 83 Übersetzungen, also gut ein Viertel der italienischen Sammlung angewachsene Auswahl bringt nun der Insel-Verlag wieder heraus unter dem etwas irreführenden Slogan: «Petrarcas weltberühmte Laura-Gedichte neu übersetzt, in einer zweisprachigen Ausgabe». …
Da gerade der Reim sowohl Spiegel der gedanklichen Architektur als auch Teil einer Klangerfahrung sei, die das Eigentliche dieser Dichtung ausmache, schlägt Stierle entgegen dem heutigen Trend zu einer philologisch immer exakteren, bis in die Wortstellung hinein getreuen Übertragung in Prosa den umgekehrten Weg ein. …
Allein diese Untreue um der Treue zur Form willen hat gelegentlich ihren Preis. Wo Petrarca ganz schlicht, für seinen Sprachduktus höchst charakteristisch, «le labbra apersi» sagt (die Lippen öffnete ich), heisst es «mein Lippenpaar entzweit». … / Franziska Meier, NZZ 24.12.
Francesco Petrarca: Canzoniere. Rerum vulgarium fragmenta. Zweisprachige Ausgabe. Ausgewählt und aus dem Italienischen übersetzt von Karlheinz Stierle. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2011. 274 S., Fr. 39.90.
Es geht um die für die rumäniendeutschen Autoren zentrale Zeitschrift «Neue Literatur», in der die angesehenen deutschsprachigen Schriftsteller publiziert wurden. Hier geriet bereits Anfang der siebziger Jahre in der Redaktion ein rumäniendeutscher Redaktor in den Verdacht, der Securitate als Informant zu dienen. Wolfgang Kremm, in Rumänien gebliebenes Gründungsmitglied der «Aktionsgruppe Banat», erinnert sich jetzt an Besuche in der Redaktion in Bukarest: «Eine der ersten Freundschaftsgesten mehrerer von mir, dem Temeswarer Germanistikstudenten, bewunderter Redaktoren war, mich zu warnen. Ich solle mit einem ihrer Kollegen sehr vorsichtig reden, sagte Anemone Latzina (. . .). Selbst mir, dem damals (noch) kaum zu Misstrauen und Vorsicht Neigenden, war klar: In der <Neuen Literatur> gab es eine <undichte Stelle>, einen Spitzel der Securitate, und jeder wusste, wer das ist.»
Als im vergangenen Jahr nach dem Vergleich unterschiedlicher Akten dieser Informant «offiziell» benannt werden konnte, gab es eine heftige öffentliche Debatte, deren Sprachwahl offenbarte, dass das nationalkommunistische Ceausescu-Regime seine Spuren bis heute in den Köpfen einiger der Beteiligten hinterlassen hat, eine individuelle Vergangenheit, die nicht vergeht. Der verdächtigte Redaktor gab zwar eine durch Druck von der Securitate erzwungene Informantentätigkeit zu, die aber lange vor der Arbeit in der «Neuen Literatur» gelegen habe und von ihm mit grosser Willenskraft beendet worden sei. Gegen die Behauptung, er sei der spätere Informant mit den Decknamen «Moga» und «Marin» gewesen, bemühte der Verdächtige hingegen die Gerichte. Und war erfolgreich: Das Münchner Oberlandesgericht verbot mit der Androhung hoher Geldstrafen die Behauptung, der besagte Redaktor sei der Informant.
Unter Rückgriff auf Annahmen über das Unterdrückungssystem des kommunistischen Rumänien befanden die Richterinnen, dass nicht mit ausreichender Sicherheit die endgültige Identität des Informanten zu finden sei. Der rumänischen CNSAS, also der Aktenermittlungsbehörde, die die Spitzeltätigkeit des Redaktors eindeutig bestätigte, wurde letztlich abgesprochen, ihre Entscheidungen objektiv und verlässlich zu treffen. / Markus Bauer, NZZ 27.12.
Richard Wagner (im Blog Die Achse des Guten) allgemein zum Thema:
Es ist in der Securitate – Debatte nicht anders als in jeder anderen Geheimdienstdiskussion auch. Die Zahl der Experten nimmt zu. Und immer ist es selbstverständlich, dass die Opfer die Beweise vorlegen müssen, und die Täter diese für nichtig erklären. Sie haben ein Recht auf ihre Bürgerrechte und wir haben keine Garantie für unsere Menschenwürde.
(…)
Sie, die Täter, finden Verständnis an allen Ecken und Enden der Öffentlichkeit, und darauf setzen sie. Letzten Endes geht es ihnen darum, alles als ungewiss erscheinen zu lassen, und so eine Grauzone zu schaffen, in der zwischen Opfern und Tätern angeblich nicht mehr unterschieden werden könne.
und speziell zum vorliegenden „Fall“:
Es handelt sich um Claus Stephani, der die Akten der Securitate im Laufe der Jahrzehnte unter drei Pseudonymen erheblich anschwellen ließ. Er berichtet jetzt von seinem Jugendpseudonym „Mircea Moga“, und tut so, als hätte es sich mehr oder weniger um eine Jugendsünde in den frühen sechziger Jahren gehandelt, um anschließend den Stoff für gleich mehrere Intrigen zu liefern. Dazu einer der Betroffenen, Dieter Schlesak:
http://schlesak.blogspot.com/2010/11/stephanis-verleumdung.html
Stephani, der erst nach der Wende in die Bundesrepublik kam, war unter zwei weiteren konspirativen Namen in späteren Zeiten als Redakteur der Zeitschrift „Neue Literatur“ aktiv: „Moga“ und „Marin“. Als „Marin“ kann man ihn heute in einem Securitate- Dokument, dass in einem Diskussionsforum der Siebenbürgischen Zeitung zitiert wird, vorfinden:
http://www.siebenbuerger.de/forum/allgemein/1347-faz-claus-stephani-und-die-securitate/#forumid21598
Darin heißt es: Beim Treffen , das am 31. Dezember stattfand, teilte mir die Quelle “Marin“ mit: „Am Morgen des 31. Dezember 1988 sei die Quelle telefonisch von der Frau des Pfarrers Ambrosi darüber informiert worden, dass der Schriftsteller Hauser Arnold, Chefredakteur der Zeitschrift „Neue Literatur“, in der Nacht vom 30. zum 31. Dezember verstorben sei. Die Quelle, die Stellvertretender Chefredakteur derselben Zeitschrift ist, wurde instruiert, mit den anderen Mitgliedern der Redaktion zu diskutieren (…) Er soll uns weiterhin über die eventuellen Spekulationen oder Interpretationen des Falles informieren“.
Der Stellvertretende Chefredakteur der Zeitschrift „Neue Literatur“ war im Jahr 1988 Claus Stephani.
Ja aber, sagt sich der aufgeklärte Mensch, im Mittelalter waren sie für solchen Zauber noch zugänglich, heute sind wir klüger. Das ist Quatsch. ‚Die Gehirne unserer mittelalterlichen Vorfahren arbeiteten wie die unseren.‘ Und gesunde Gehirne gottgläubiger Menschen, stellt Ernst fest, funktionieren unter den gleichen neuronalen Arbeitsabläufen wie gesunde Gehirne von Atheisten. Weil im Mittelalter die Religion das Leben bestimmte, weil die Menschen zum Beispiel noch alle Siebenschläfer mit Namen aufzählen konnten und die Bibel in- und auswendig kannten, auch wenn sie des Lesens nicht mächtig waren, verfügten sie über ein Sensorium, das säkularen Menschen abhanden gekommen ist. Ein Sensorium, das auf der Kenntnis von Heiligenlegenden basiert und das Voraussetzung ist, um Segenssprüche neuronal zu verarbeiten. Die Mediziner des Mittelalters glaubten an die psychosomatische Wirkung des gesprochenen Wortes. Der Schulmediziner des 21. Jahrhunderts bezeichnet es als ‚elektrochemisches Potential‘. / RUDOLF NEUMAIER, Süddeutsche Zeitung 19.12.
WOLFGANG ERNST: Beschwörungen und Segen. Angewandte Psychotherapie im Mittelalter. Böhlau-Verlag, Köln-Weimar-Wien, 2011. 386 Seiten, 49,90 Euro.
Die Alzheimer-Gesellschaft Thüringen und die Thüringer Allgemeine suchen das schönst Gedicht zum Thema Demenz. Einsendungen bis 5. Januar
Irgendwie sehen sie sich doch ein bisschen ähnlich, Rock’n-Roll-Legende Lemmy Kilmister und Bert Papenfuß. Papenfuß hinter der Bar, Kilmister an der Wand: Papenfuß eine Berliner Lyriklegende – auch Rock’n Roll, nur eben literarisch – prägt den Literaturuntergrund der Hauptstadt konsequent und seit Jahrzehnten. Dass er sich dabei nicht um Trends schert und die Yuppisierung des Viertels irgendwie an ihm abzuperlen scheint, macht die Idee der Rumbalotte noch sympathischer. In der Kneipe Torpedokäfer hat Papenfuß 1994 zusammen mit Stefan Döring zum ersten Mal das Konzept Kneipe und Literatur ausprobiert, erzählt er, setzt sich und zündet sich die erste ( von vielen) Zigaretten an. Zusammen gründeten sie auch die Zeitschrift Sklaven, die befreundete Autoren aus den 70er, 80er Jahren mit neuen Stimmen des literarischen Untergrunds zusammenbrachte. Im Torpedokäfer fanden Lesungen statt. Hier trafen sich Autoren, Verleger von unabhängigen Kleinstverlagen und Zeitschriftenherausgeber. Als es dort nicht weiterging, hat Papenfuß viel ausprobiert, andere Lesereihen in anderen Kneipen, ungezählte Magazine, Zeitschriften, Projekte. Mal mehr, mal weniger schräg, doch immer politisch. Allein, in der Gruppe, im eigenen Verlag. Das Traditionslokal Kaffee Burger hat er auch mal mitbetrieben, aber als Berlin Mitte dann Szene wurde und die Lesungen immer mehr zu Partys, ist er ausgestiegen. »Die Gentrifizierung hat mächtig zugeschlagen«, sagt Papenfuß. »Es war dann eher ein Amüsierschuppen.« Eigentlich habe er mit dem Geld durch den Verkauf erstmal Pause machen wollen. »Nach zwei Jahren habe ich mir dann gedacht, eigentlich gibt es gar keinen Ort mehr für so eine Art Literatur. Subkultur oder Underground in Anführungsstrichen.« …
»Literatur, Untergrund und Kneipe habe schon immer zusammengehört. Da hat sich im Prinzip wenig dran geändert«. Jedenfalls nicht in der Rumbalotte continua. Es gibt wohl kaum einen geeigneteren Ort für diese Art von Literatur. Außer einem Haufen Literaturzeitschriften, schrägen Fanzines und Lyrikanthologien aller Art kann man noch ein paar Erkenntnisse mit nach Hause nehmen: Es gibt sie noch, die künstlerische Subversion. Sie muss nicht im Abbruch beheimatet sein und literarischer Rock’n Roll geht auch im Prenzlauer Berg noch ganz gut.
/ Johanna Hemkentokrax besuchte für die aktuelle Ausgabe des Magazins poet (nr. 11) vier literarischen Kneipen und Cafés und hielt ihre Eindrücke in einer Reportage fest.
derStandard.at: Wie wurden Sie in Klagenfurt aufgenommen?
Krampitz: Sehr freundlich, wirklich sehr freundlich.
Wawerzinek: Jetzt fängt Karsten wieder an zu schwärmen. Bei Kärnten wird er immer larmoyant. Dabei ist die Freundlichkeit, die einem vorgespielt wird, nichts weiter als eine Fassade, die einstürzt, sobald man auseinander gegangen ist. Die Kärntner sind einfach nicht liebesfähig. Die können gar nicht streicheln. Trotz der nach außen gezeigten Freizügigkeit herrscht eine verklemmte Haltung wie in den sechziger Jahren vor.
derStandard.at: Unmittelbar nach Verleihung des Bachmann-Preises meinten Sie: „Ich bin ein wenig Österreicher.“ Auch in einem Ihrer ersten Briefe in „Crashkurs Klagenfurt“ geben Sie sich milde, betonen, dass Sie die Stadt einmal auf sich wirken lassen wollten, um „erst später zu befinden“. In Ihren letzten Briefen wirken Sie jedoch nachgerade anklagend, mitunter verbittert.
Wawerzinek: Das mag sein. Ich habe mit der Zeit schon versucht, mich der professionellen Umarmung zu entziehen, ja, mich sogar ein wenig dumm zu stellen. Damit bin ich eigentlich am besten gefahren. Dazu kam, dass die Leute dort offenbar immer dem neuesten Zirkus hinterher laufen. Bei meiner Antrittslesung waren 70 Leute, drei Monate später kamen nur noch 25.
derStandard.at: Immerhin hat Ihnen die Stadt Klagenfurt freie Kost und Logis gewährt, dazu ein Stipendium in Höhe von 1200 Euro. Der Band „Crashkurs Klagenfurt“ wird vom Land finanziell unterstützt. Kärnten war auch gut zu Ihnen.
Wawerzinek: Gewiss. Aber vonseiten der Politik hatte ich den Eindruck, dass ein Stadtschreiber einfach als notwendiges Übel gesehen wurde. Bei den Menschen hat das Stadtschreiber-Dasein natürlich auch Neid ausgelöst. So frei zu sein, nonchalant dahin zu leben, das irritiert natürlich.
Krampitz: Andererseits sind wir von den Klagenfurter Schriftstellern enorm unterstützt worden. Das hat uns wirklich überrascht. In Berlin ist das ganz anders. In Klagenfurt hingegen kam etwa ein Egyd Gstättner sofort auf mich zu. Den konnte ich immer um Rat fragen. Auch einen Josef Winkler. / Der Standard 12.12.
Crashkurs Klagenfurt, Poesie und Propaganda. 128 Seiten. 17,90 Euro. Das Buch erscheint am 14.12. bei der Edition Meerauge.
Was dürfen die in Kärnten? Textauszug aus Crashkurs Klagenfurt.
Als bloßes Rauschmittel sollte Alkohol bei Li Bai dennoch nicht verstanden werden, stattdessen als eine jener Zauberdrogen der Äußeren Alchemie, die zur Erkenntnis des Dao und der Unsterblichkeit führen können. Erst dank der Kraft des Fusels konnte er seine göttliche Begabung entfalten und mithilfe des magischen Getränks mit Göttern und Geistern in Verbindung treten, die wiederum mittels Lyrik durch ihn kommunizierten. Kurz gefasst handelt es sich also um eine daoistische Meditationsform, die für eine unstillbare Sehnsucht nach dem Absoluten sowie das Finden und Einswerden mit diesem steht. / Der Standard
Linden Lane Press ist die Heimstatt kubanischer Exilkünstler und -schriftsteller. In diesem Jahr veranstaltete Linden Lane Press seinen ersten Lyrik- und Malereiwettbewerb. Der kubanisch-amerikanische Lyriker Orlando Ferrand gewann den Lyrikpreis und Candida Rodriguez den Malereipreis. Am Finale beteiligten sich 3 Maler und 5 Lyriker. / pr.com
Im Alter von 91 Jahren starb der Schriftsteller Georges Jean, ungekrönter König der Kinderliteratur. Er veröffentlichte zahlreiche Sammelbände, darunter Le livre de tous les pays (Gallimard jeunesse), Le plaisir des mots: dictionnaire poétique illustré (Gallimard jeunesse), Le premier livre d’or des poètes: comment éveiller les petits enfants à la poésie und Mon livre d’or des poètes: l’enfant et la poésie (Seghers). / L’Express
Als 1996 der damals 70-jährige Lokalbesitzer Libero Laganis vor seiner Triestiner Osteria niedergestochen wurde, war der Überfall – der Täter hatte es auf die Tageslosung abgesehen – dem Corriere della Sera einen größeren Artikel wert. Beim Opfer, so der Corriere, handle es sich um den weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten „Wirt von Claudio Magris“, wobei der „Professore“ und Literaturwissenschafter nur einer der vielen prominenten Gäste der Osteria in der Via della Risorta war.
Doch der „sagenumwobene Libero“ (Magris) war mehr als ein Szenewirt, er war ein Original, das zu erzählen, aber auch zuzuhören verstand, und er war einer, bei dem es schon mal vorkommen konnte, dass er Gäste, die ihm unsympathisch waren, des Lokals verwies – und andere, die kein Geld hatten, gratis verköstigte.
Nun hat sich der 1964 in Triest geborene Lyriker Gaetano Longo – als Honorarkonsul Kolumbiens für die Region Friaul-Julisch-Venetien und Organisator des Lyrikpreises Triest eine nicht minder schillernde Figur als Laganis – in Libero. Geschichten aus einer Triestiner Osteria (Wieser Verlag) der Lebensgeschichte des Wirtes angenommen, die er sich von ihm erzählen ließ. / Stefan Gmünder, DER STANDARD 21.12.
Karl Kraus ist es zu danken, dass Albert Ehrenstein in die Literaturszene kam. Der Guru der österreichischen Moderne veröffentlichte 1910 in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ ein Gedicht des Kollegen, das den Titel „Wanderers Lied“ trug und bald zu den Programmtexten des Expressionismus zählte. In der letzten Strophe schlug Ehrenstein jene Themen an, die seine Poesie prägten, nämlich Pessimismus, Verzweiflung und Lebensekel: „,Töte dich’ spricht mein Messer zu mir! / Im Kote liege ich; / Hoch über mir, in Karossen befahren / Meine Feinde den Mondregenbogen.“ / Ulf Heise, Märkische Allgemeine 23.12.
Wanderers Lied
Albert Ehrenstein
Meine Freunde sind schwank wie Rohr,
Auf ihren Lippen sitzt ihr Herz,
Keuschheit kennen sie nicht;
Tanzen möchte ich auf ihren Häuptern.
Mädchen, das ich liebe,
Seele der Seelen du,
Auserwählte, Lichtgeschaffene,
Nie sahst du mich an,
Dein Schoß war nicht bereit,
Zu Asche brannte mein Herz.
Ich kenne die Zähne der Hunde,
In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich,
Ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte,
Schimmel freut sich an den Wänden,
Gute Ritzen sind für den Regen da.
„Töte dich!“ spricht mein Messer zu mir.
Im Kote liege ich;
Hoch über mir, in Karossen befahren
Meine Feinde den Mondregenbogen.
Rolf Bulang: Albert Ehrenstein zum Abschluß der Werkausgabe
Autoren wie Albert Ehrenstein haben es schwer im literarischen Betrieb. Zu Lebzeiten bereits unter dem Schlagwort ģExpressionismusĢ abgelegt, das ihrem langjährigen Schreiben und vielfältigem Werk so wenig gerecht wird wie nur je ein Schlagwort es wurde, kommen sie bis heute nicht aus dieser Schublade heraus. Dabei ist das Etikett nicht einmal ganz falsch auf eine Reihe Gedichte, ein Gutteil der erzählenden Prosa Ehrensteins trifft es mehr oder weniger zu; und diese Charakterisierung hat während der Wiederentdeckung des Expressionismus in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch dazu geführt, daß einige von ihnen in der ein oder anderen Auswahl nachgedruckt und so immerhin der Furie gänzlichen Verschwindens entrissen worden sind. Aber gerecht wurde all das Ehrenstein nicht, den man schließlich ebenso gut als jüdischen Autor deutscher Sprache hätte wiederentdecken, wie man in ihm auch in erster Linie den heimatlosen Exilanten hätte sehen können, der elend und verarmt in der Emigration starb. In Ansätzen hat eine fleißige Literaturwissenschaft schließlich all das auch versucht, von der Betonung der spezifisch österreichischen Spielart dieser Gesichtspunkte einmal ganz abgesehen.
Albert Ehrenstein von Ernst Weiß
Albert Ehrenstein, einer der stärksten und eigenartigsten Geister unserer Zeit: diese Stärke ist unverkennbar, aber sie ruht wie Simsons Stärke zuletzt in einem Geheimnis, das für Menschen nie ganz ergründbar ist. Und doch ist an dieser dichterischen Gestalt alles. Form wie Inhalt, und schon vom ersten Werk an, fest umrissen; nur ist es schwer, fast unmöglich, diese einzigartige Linie nachzuzeichnen bis ins Selbstverständliche.
Schon bei dem ersten Werk, das 1910 erschien, bei „Tubutsch“ war es klar, daß jüdischer Geist sich hier mit griechischem Geist vereinigen wollte: der jüdische Geist des alten Testaments, müde gewandert, in Wien gelandet, in staubigen, kleinen, halb rührenden, halb komischen Worten, Räumen, Szenen, Stimmen, auferstehend, todesmüde, wie er war, und doch dem Leben im tiefsten zugewandt, nach rückwärts gewandt, nach den alten Behausungen der vielgewanderten Seele. Der griechische Geist, das Dasein, das tausendtorige Leben in stark umfangenden Armen umklammernd, Ahasver, der ruhelose, auf griechischer Insel, erstaunt über das Groteske der Welt, ewig hungrig nach dem wirklichen Getriebe, nach dem ungeheuren, rettenden Schwung, nach dem großen, endlich beruhigenden, stillenden, und, sei es selbst tötenden Zauberwort. / mehr
Todrot
Albert Ehrenstein –
Eine Auswahl an Gedichten.
46 Seiten, Broschur – 6 € –
Erstdruck 04/09 – Derzeitige Exemplare 230
ISBN: 978-3-9812619-3-6
Für Neues Deutschland interviewt Hans-Dieter Schütt den Pfarrer und Dichter Christian Lehnert:
nd: Christian Lehnert, es gibt ein Gedicht von Günter Kunert, darin beschreibt er das Schicksal des Dichters: Er suche nach dem ersten, dem gültigen Wort – finde aber stets nur das zweite, schwächere.
Lehnert: Aller Anfang – das ist jetzt nicht nur dichtungsbezogen, sondern theologisch gedacht – entzieht sich uns ins Mythische, ins Metaphorische. Den Anfang haben wir nicht. Wenn wir über ihn nachdenken, oder auch über das Ende, dann treffen wir auf einen blinden Fleck.
Der Dichter hofft dennoch, das gültige Wort zu finden.
Damit begibt sich ein Gedicht, begibt sich Sprache an den Rand des Möglichen, wo sie gewissermaßen aufzuhören droht. Schreiben ist Zuflucht in der Bewegung, an diesen besagten Rand vorzudringen – und nach dem zu greifen, was man nicht fassen kann.
Was verbindet den Pfarrer mit dem Dichter?
In meiner Religiosität habe ich es ebenfalls mit Metaphern zu tun, mit Bildern, die für etwas stehen, was nicht im Wortsinn existent ist, und doch da, und erfahren wird. Ein Paradox. Die biblischen Geschichten sind stets auch der Ausdruck für den Versuch, einer Erwartung oder einem Vermissen Gestalt zu geben.
Sensation
Stille Nacht: Neue Strophen aufgetaucht
Das berühmteste Weihnachts-Lied der Welt hat jetzt 6 Strophen.
melden die Ösis (Oe24.at). Bevor ich das weitergebe, schau ich lieber mal nach (wär ich Journalist, würd ich sagen: ich recherchiere). Und mein Gedächtnis trübt nicht. Hat schon immer 6 Strophen. Nur die meisten Gesangbücher – katholische wie evangelische – drucken davon fast stets nur die 1., 2. und 6. (Die beiden letzteren auch noch in umgekehrter Reihenfolge). Merkwürdig, denn offenbar haben sie sonst keine Probleme mit vielstrophigen Liedern.
Ösileser unlocker meint:
große Sensation… im Gebetsbuch meiner Mutter stehen auch noch alle 6 Strophen.
Kleiner Tip für die nächstjährige Weihnachtsnummer: Wikipedia hat alle 6 Strophen und daneben die verkürzte Fassung der Gesangbücher.
– Besser gelingt der Ösi-Kulturredaktion die Berichterstattung über eine neue Aufführung der Dreigroschenoper im Wiener Volkstheater. Zwar schreiben sie Brechts Vornamen falsch und verwenden einen recht aufgeblähten Stil:
Zurückhaltendes München, weltoffenes Wien
Während die Münchner, dort feierte das Stück am 22. Jänner unter der Regie von Christian Stückl Premiere, sich mit dem Thema Nacktheit zurückhaltend zeigten – dort blitzte ein Plastikbusen, präsentiert sich Wien ab 16. 12 mehr als freizügig. Schottenberg setzt auf hemmungslose Nacktheit und zeigt die Schauspielerinnen völling entblößt im Eva-Kostüm.
Doch dafür bebildern sie ihren Bericht fast völling erschöpfend mit 14 Farbfotos.
In der Süddeutschen vom 21. empfehlen Autoren auf 2 Seiten Bücher zum Fest. Tiefschürfen ist da nicht zu erwarten. Kurt Flasch empfiehlt Thea Dorns und Richard Wagners Buch ‚Die deutsche Seele‘ (Knaus, 2011) als „gescheit und kritisch, die deutsche Seele wird zwischen Abendbrot und Strandkorb ohne Gejammer erforscht, immer an meist zusammengesetzten Substantiven entlang. Zum Glück nicht gar zu ‚tief‘, dafür mit schönen Bildern.“ Alles klar? Dann ist es auch gleich, ob mans kauft oder nicht, die deutsche Seele wird halt zwischen Auschwitz und Strandkorb ohne Gejammer erforscht. Schöne Bilder auch. Frohes Fest!
Roger Willemsen empfiehlt Liao Yiwu in 2 Sätzen, der zweite lautet: „Eine qualvoll errungene Formulierung von Moderne.“ Herta Müller braucht dafür 8 Sätze auf gleichem Raum und überzeugt schon eher. Peter Handke empfiehlt „Bostjans Flug“ von Florjan Lipuš.
Neben dem zweifach bedachten Chinesen ist nur ein Gedichtband dabei, empfohlen von Uwe Tellkamp:
Christian Lehnert, Aufkommender Atem (Suhrkamp, 2011). Geistliche Lyrik, formstreng und traditionsbewusst, dennoch deutlich von einer heutigen Stimme gesprochen, ohne Frömmelei und Pfarrerskitsch, anrührend und einfach, nie simpel. Klarheit und Ruhe.
Nehm’sen Chinesen, oder kaufen Sie was von Lux-, Kooks-, Rugerups & Co., empfiehlt L&Poe. Lange immer noch anwachsende Listen hier.
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