Der chinesische Dissident Zhu Yufu wurde verhaftet, weil er ein Gedicht schrieb, das die Behörden zu subversiv finden, teilte am Dienstag sein Anwalt mit. In dem Werk ruft er die Chinesen auf, ihre Freiheit zu verteidigen. „Es ist Zeit, chinesisches Volk! Der Platz gehört jedem! Diese Füße gehören euch. Benutzt eure Füße und geht auf den Platz, um eine Wahl zu treffen“, heißt es in dem Gedicht mit dem Titel „Es ist Zeit“. Man wirft ihm „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsmacht“ vor.
Der 60jährige ist nicht zum ersten Mal in Haft. Zusammen 9 Jahre verbrachte er in chinesischen Gefängnissen, wo er mißhandelt und geschlagen wurde und Zwangsarbeit leisten mußte. / Clémentine Rebillat – Parismatch.com
Von hier aus sind die Stuttgarter Juden und Sinti und Roma in die KZs der Nazis transportiert worden. Ich bin zum ersten Mal an diesem Ort. Er berührt mich tief.
Inge Auerbacher ist eine der wenigen Überlebenden dieser Stuttgarter Transporte. Das Gedicht „Ich bin ein Stern“ ist ihre Aufarbeitung des Grauens der Nazizeit. / Kontext: Wochenzeitung
Mittwoch, 18. Januar 2012, 19:30 Uhr
alles offen
Es lesen Brigitte Struzyk, Peter Wawerzinek und Ulrich Koch
Eintritt 5,-/4,-€
Im letzten Jahr hat die Lyrikerin Brigitte Struzyk im FIXPOETRY Verlag ihren neuen Gedichtband alles offen herausgebracht, aus dem sie an diesem Mittwoch lesen wird. Hellmuth Opitz fasste ihr lyrisches Werk in seiner Rezension mit folgenden Worten zusammen: „Die Gedichte von Brigitte Struzyk sind Energiefelder, sie verfügen über den unbedingten Willen zur Gegenwärtigkeit, haben keine Scheu vor aktuellen Bezügen. Hinzu kommt das kompositorische Geschick, auch disparate Dinge unangestrengt miteinander zu verknüpfen.“
Zu ihrem literarischen Abend mit musikalischer Untermalung bringt Brigitte Struzyk noch ein paar Gäste mit: Peter Wawerzinek und Ulrich Koch werden aus eigenen ausgewählten Werken lesen, für die musikalische Begleitung sorgt Janni Struzyk.
Mehr zu allen Veranstaltungen unter www.lettretage.de.
Lettrétage / Methfesselstr. 23-25 /10965 Berlin / Tel. 030 – 692 45 38
Der Autor und Musiker Piko Be (Kamerakino/Das Weiße Pferd u.a.) präsentiert zum ersten Mal “Kein Land für alte Dichter” in Berlin. Zum Eröffnungs-abend hören wir junge syrische Lyrik mit Fares Albahra (Damaskus/Berlin) und Sandra Hetzl (Napoli/Berlin).
Eine deutsch-syrische Lesung mit Gespräch samt revolutionären Drehungen und Wendungen.
Lyrikwache diesmal: Hank Schmidt in der Beek.
Details
Der schottische Dichter John Burnside gewann den in diesem Jahr heftig umstrittenen TS Eliot-Preis für seinen Band „Black Cat Bone“. Zwei Dichter, Alice Oswald und John Kinsella, hatten sich aus Protest gegen die Finanzierung durch einen Hedge Fond von der Shortlist des Preises zurückgezogen.
Burnside hat bereits den Whitbread poetry prize gewonnen. „Black Cat Bone“ ist sein elfter Gedichtband. Auf der Auswahlliste für den £15,000 schweren Preis standen u.a. die gegenwärtige Poet laureate Carol Ann Duffy, Sean O’Brien, der vor 4 Jahren gleichzeitig den Eliot- und den Forward-Preis gewann, und David Harsent, ebenfalls ein früherer Forward-Gewinner.
Die walisische Dichterin Gillian Clarke als Juryvorsitzende sagte, unter der außerordentlich reich bestückten Shortlist rage Burnsides Band als ein Buch von betörender Schönheit hervor, getrieben von Liebe, Kindheitserinnerungen, Sehnsucht und Einsamkeit. In einem Ausnahmejahr sei es ein herausragendes Buch, das für die Juroren mit jeder Lektüre stärker geworden sei.
Valerie Eliot, die Witwe des Dichters, überreichte Burnside den Scheck bei einer Feierstunde in London. Sie hat den Preis vor 18 Jahren gestiftet und hält immer noch den größten Anteil an der Finanzierung. Doch war die Poetry Society, die den Preis organisiert, in Schwierigkeiten geraten, weil der Arts Council die bisher gewährten Zuschüsse zurückgezogen hat. Auf der Suche nach Ersatz war sie an den Hedge Fonds Aurum geraten, der einen Dreijahrvertrag unterschrieb. Der [kann man sagen:] Deal wurde gleichzeitig mit der Shortlist auf dem Höhepunkt der Londoner Occupy-Proteste bekanntgegeben. Auch das Sponsoring der Tate Gallery und anderer großen Museen durch die Erdölgruppe BP wird heftig debattiert.
Alice Oswald, die für den Band „Memorial“ nominiert war, eine Nacherzählung der Ilias, zog sich zurück und sagte, die Lyrik solle solche Institutionen nicht moralisch unterstützen, sondern in Frage stellen. Der australische Dichter John Kinsella schloß sich prompt an. Er beschrieb sich als Anarchist, Pazifist und Antikapitalist und sagte, Hedgefonds seien die Speerspitze des Kapitalismus.
Man erwartete weitere Rücktritte, doch die restlichen acht blieben im Rennen. Clarke verteidigte den Preis und das Sponsoring und kritisierte den Arts Council, der „ohne vernünftigen Grund“ seine Zuschüsse zurückgezogen habe, um die Poetry Society zu zwingen, sich um Zuschüsse der Stadt zu bemühen. „Nehmt es von den Reichen, gebt es einem Dichter und dem Leser“, schrieb sie. Der Eliotpreis wasche das Geld.* / Maev Kennedy, Guardian
[* Uff, das dachten sich die Heckenschützen, äh Heckenfondler doch auch!]
1956 erschien Allen Ginsbergs Gedicht „Howl“, 1957 Jack Kerouacs „On the road“ und 1959 William S. Burroughs „Naked Lunch“. Eine aufregende Zeit muss das gewesen sein, als die später „Beat Generation“ genannte Bewegung entstand – doch ob sie schön war? Die 50er-Jahre seien „schrecklich“ gewesen, sagt etwa John Waters, einer der Menschen, die der Regisseur Yony Leyser für seinen Dokumentarfilm „William S. Burroughs – A man within“ befragt hat.
„A man within“ ist kein wirklich kritischer Film. Über William Burroughs ließe sich durchaus böseres sagen als Leyser es tut – schließlich hat dieser verrückte Mann nicht nur unzählige Künstler beeinflusst, die noch heute von ihm schwärmen – er hat sein Leben auch unter fortwährendem Drogeneinfluss geführt und in einem seiner furiosen Exzesse seine Frau erschossen. Versehentlich, beim Wilhelm-Tell-Spielen und, natürlich, unter Drogen. / Frank Heindl, Die Augsburger Zeitung
In der englisch-amerikanischen Literatur hat sich im Laufe der letzten rund zweihundert Jahre ein Genre entwickelt, für das es im deutschsprachigen Raum weder eine Entsprechung noch einen Namen gibt: das nature writing . …
Emersons Ideen hatten Einfluss auf Walt Whitman und Henry David Thoreau. Ersterer feierte in seiner Dichtung exzessiv die Phänomene der Welt, Letzterer stellte die Natur in den Mittelpunkt philosophischer Betrachtungen vom «Wesentlichen des Lebens», und sein zwei Jahre dauerndes abgeschiedenes, nicht jedoch vollkommen isoliertes Hüttenleben («Walden», 1854) hat später zahlreiche Nachahmer gefunden, etwa Henry Beston («The Outermost House», 1928) oder Helen Hoover («A Place in the Woods», 1969). Allerdings sind Thoreaus hierzulande kaum bekannte Essays, etwa «A Week on the Concord and Merrimack Rivers», «A Winter Walk», «The Maine Woods» oder «Cape Cod», für das Nature-Writing von grösserem Interesse, weil gesellschaftskritische, persönliche Reflexionen hinter die Naturschilderungen zurücktreten. …
Die Natur ist in der amerikanischen Literatur allgegenwärtig – meist nicht nur als szenische Staffage. Der Romancier Rick Bass beschreibt in «Winter» (1991) und «The Book of Yaak» (1996) das Leben in einem kleinen Tal mit dreissig Einwohnern in Montana, und der Lyriker John Haines reflektiert in «The Stars, The Snow, The Fire» (1989) seine Aufenthalte in einer abgelegenen Hütte in Alaska. Nicht die Zivilisation grundsätzlich zu verdammen, sondern tieferen Einblick in die eigene Existenz zu bekommen, ist das Motiv solcher Texte. Kaum noch zu überschauen sind die Gedichte, die verschiedene Landschaften samt Flora und Fauna und vor allem das Meer beschreiben. Für Robinson Jeffers stellte die unberührte Natur der kalifornischen Küste das Richtmass gegen die menschlichen Torheiten dar, John Hall Wheelock besang «The Divine Insect», und Wendell Berry pries das Farmerleben. / Jürgen Brôcan, NZZ 14.1.
by CRAIG MORGAN TEICHER
Craig Morgan Teicher ist überzeugt, daß 2012 ein gutes Lyrikjahr wird. Wie Musik und Mode beschaue sie oft Dinge der Vergangenheit und richte sie neu her für die Gegenwart. Das durchschnittliche Gedicht von heute (wenn es sowas gebe) nehme uns mit an die Grenzen der Sprache, borge von Twitternachrichten, zufällig mitgehörten Gesprächen, Klassikern oder schlechten Spielfilmen. „Nicht gerade die Gedichte eurer Eltern oder gar der Eltern eurer Eltern.“
Teicher stellt Bücher von Lucille Clifton (The Collected Poems of Lucille Clifton) („wenn man nur ein Buch liest, sollte es dieses sein“), D.A. Powell (Useless Landscape, Or A Guide For Boys), Jorie Graham (Place), Jack Gilbert (Collected Poems), Lyn Hejinian (The Book Of A Thousand Eyes), James Tate (The Eternal Ones Of The Dream. Selected Poems 1990 – 2010), Lucia Perillo (On The Spectrum Of Possible Deaths) und Inferno. A New Translation by Dante Alighieri, Mary Jo Bang and Henrik Drescher.
Über den letztgenannten Titel schreibt er:
Where do the Rolling Stones belong in Dante’s Hell? In Canto XII of Bang’s contemporary reinvention of Dante’s epic, in which Dante and Virgil are summoned by hell’s denizens with a quote from „You Can’t Always Get What You Want“: „Each had a bow and well-chosen arrow. / One called across the distance, ‚Are you two coming down / To get your fair share of abuse?‘ “ But it ain’t all rock lyrics. Bang uses anachronisms when they’ll add some punch — hell’s hot wind is like a „massive crimson camera flash“ — but it’s still Dante, wordy, guilty and full of splinters that don’t come out. Hell is where Bang went after her National Book Critics Circle Award-winning Elegy, about the death of her son, and her Inferno is a classic recast for our age, a hell we’ll find ourselves in, an old poem made new by one of our most surprising and innovative poets.
/ npr January 13, 2012
Auf Deutsch:
Mary Jo Bang:
Eskapaden. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Amerikanischen von Barbara Thimm.
Luxbooks, Wiesbaden 2011. 220 Seiten, 22 €.
D. A. Powell: Cocktails
Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Christian Lux. Mit einem Nachwort von Kevin Prufer & Illustrationen von Mahendra Singh.
Luxbooks, Wiesbaden 2008.
– Irritierend Die Welt:
Die Schriftstellerin werde mit der 10 000 Euro dotierten Auszeichnung in erster Linie für ihren Band «Sommer vor den Mauern» geehrt, der eine herausragende Neuerscheinung des Jahres 2011 sei. Das teilte die Jury des vom Land Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk SWR gestifteten Preises am Samstag in Freiburg mit.
(In erster Linie? Na wofür denn sonst noch? Der Preis zeichnet „eine herausragende Neuerscheinung des Jahres“ aus und sonst garnix. Fällt mirn Zitat ein: „also Sie ganz besonders, in erster Linie…“ Wer kennts? Fortsetzung folgt)
Zu Beginn erklingen fünf der „Six Chansons“ von Paul Hindemith. Die weitgehend homophone Stimmführung ermöglicht ein hohes Maß an Textverständlichkeit, welche durch die vorbildliche Artikulation der Sänger noch unterstützt wird. …
Bei der wunderbaren Vertonung des jungen amerikanischen Komponisten Joshua Shark von „Autumn“ trifft Rilkes Text über den Herbst auf großes musikalisches Einfühlungsvermögen. …
Solistische Sopranstimmen über wortlosen Akkorden und getragene Rhythmik verdeutlichen den Entzug der Freiheit: „Der Panther“ zählt zu den berühmtesten Gedichten Rilkes. In den drei von Julian Wachter (*1960) vertonten Strophen gelingt es den Sängern eindrücklich, über die äußere Beschreibung des Tieres sein stummes Inneres offen zu legen. / Schwäbische Post 15.1.

Charles Bernstein
liest aus seinen Gedichten Amerikan. englisch
Lesung der deutschen Texte: Norbert Lange, Übersetzungen von Tobias Amslinger, Léonce W. Lupette, Mathias Traxler und Norbert Lange. Die Lesung moderiert Christian Lux.
Mittwoch, den 25. Januar 2012 um 20 Uhr
Veranstaltungsort: Lyrik Kabinett München
Tel.: +49 (0)89 34 62 99 | Eintritt: € 7,- / € 5f-
Mitglieder: freier Eintritt
Charles Bernstein, geb. 1950, erlangte als Lyriker, Theoretiker und Lyrikvermittler eine ungemeine Bedeutung in den USA- Er wird zur Strömung der Language Poets gerechnet, die in den frühen 1970er Jahren auftraten: Politisch links orientiert, subversiv gegenüber der Tradition des gefühlsbestimmten lyrischen „Ich“, verfochten diese Dichter, dass die Sprache die Bedeutung generiert und diktiert und dem Leser eine entscheidende Rolle in der Sinn-Stiftung eines Textes zukommt. Als Gründungsherausgeber der Online-Archive epc (epc-buffalo.edu) und penn.sound machte Bernstein die experimentelle Lyrik zur meistwahrgenommenen Lyrikströmung im Netz. Er unterrichtet derzeit an der University of Pennsylvania.
Norbert Lange, geboren 1978 in Gdingen (Polen), studierte zunächst Kunstgeschichte, Philosophie und Judaistik in Berlin und 2002-2006 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er veröffentlichte in Anthologien und Zeitschriften, produzierte Poetry-Filme und verfasste ein Libretto für eine Kurzoper. 2005 erschien sein erster Gedichtband „Rauhfasern“ (Lyrikedition 2000), 2010 der Aufsatzband „Das Geschriebene mit der Schreibhand“ (Reinecke & Voss).
Nach einer anderen Sprache verlangen
die nicht geschriebenen Sätze
Essay von Christiane Kiesow (Greifswald)
Der folgende Text ist eine Reaktion auf Bertram Reineckes Essay „Verstehen noch einmal“ zur Debatte um Ulf Stolterfohts Beitrag1 im Jahrbuch der Lyrik 2008. Wie für seinen Beitrag gilt auch für das Verständnis meines Kommentars, dass man die Debatte mitverfolgt haben sollte (siehe Jahrbücher der Lyrik 2008/2009).
Je nachdem, worin man Bertram Reineckes Ziele beim Schreiben des Essays vermutet, kann man ihn als gelungen oder aber ergänzungsbedürftig empfinden. Wenn es sein Anspruch war, die Positionen der nicht eben einheitlichen Reaktionsfront wohlkommentiert zusammenzufassen und an (s)einen Verstehensbegriff zu erinnern, ist sein Essay vielleicht erfolgreich gewesen. Aber hat sein Beitrag das „Stolterfoht‘sche Theorem“ wirklich plausibler gemacht? Ich finde: noch nicht ganz.
Reineckes Essay ist erst einmal attraktiv, weil es eine vielleicht in Vergessenheit geratene Vielfalt des Verstehensbegriffes zurück ins Bewusstsein holt. Verstehen ist eben nicht nur, sondern auch. Wer Stolterfoht angreifen oder ihm zustimmen will, soll sich also nach Reinecke erstmal besinnen.
Meines Erachtens wird mit Verstehen immer mindestens Zweierlei assoziiert: Einmal gedacht als Ergebnis einer (womöglich intensiven, [heraus]-fordernden und mit Willenskraft verbundenen) Denkoperation, die mit Überwindung eines Widerstandes einhergeht. Nach dem Prinzip: Licht ist Arbeit. Verstehen dann aber auch andererseits als intuitive Einsicht, eine Art „Seelenwahrnehmung“ während des Lesens, weit vor jedem kognitiven Reflexionsakt. Denkt man sich „Seele“ kurz als Sinnesorgan wie etwa Augen, so ist das Verstehen – gedacht als Wahrnehmung – hier natürlich genauso anfällig, einer Art optischen Täuschung zu unterliegen. (Aber, weg von diesen begrifflichen Hilfsprovisorien!)
Nachdem Reinecke den polemischen Kunstgriff von Axel Kutsch entlarvt hat, liest er Hans Thill eine Spur anders als ich. Ich finde, Thills Sorge ist nicht etwa, dass in der Schule Verstehen als überwundenes Missverstehen gelehrt wird, sondern, dass Schule von Anfang an die utopische Vorstellung vermittelt, dass das Verstehen und damit einhergehend Erkennen und Erkenntnis dem Menschen als fortwährend greifbare Option gegenüber der Welt zur Verfügung steht. Es wird also – im Gegenteil – immer viel zu schnell „verstanden“ (was auch immer das im Einzelfall heißt). Woran sich der Schüler gewöhnt. „Ist die verständliche Welt eine Verheißung der niederen Pädagogik, so gestaltet sich das verständliche Gedicht als Pennälertraum.“ Um noch einen Schritt weiterzugehen: Das Problematische an dieser Idee vom Verstehen ist, dass sie immer schon eine verstehensmögliche Sache voraussetzt. Verstehen ist in diesem Fall ein Prozess, der nur dort funktionieren kann (oder als Missverstehen scheitern), wo etwas Verstehbares vorhanden ist. In der Schule wird uns gewissermaßen die Möglichkeit vorgegaukelt, wir hätten es ständig mit einer potentiell verständlichen „Welt“ zu tun. Eine Welt, deren Nachvollziehbarkeit l e d i g l i c h noch aufgedeckt werden müsse (in maximal ein bis zwei Schritten). Das heißt, wir werden darauf ausgerichtet, jedes Phänomen als auflösungsfähiges Problem zu denken, also immer schon einseitig wahrzunehmen. So auch Gedichte. Und alles, was etwas be-deuten soll. Aber was wäre denn das für eine faszinationslose Welt? Oder, um es mit einem leider hervorragenden Deutschlehrer zu sagen: „Diese Welt benötigt dann doch wirklich nicht mehr als tausend Begriffe, um vermessen zu werden. Mir wird diese Welt zu rund.“ Warum also mit Thills Beitrag für Stolterfohts Satz „Das Verstehen in der Lyrik hat der Teufel gesehen.“ eine Erklärung angeboten ist? Weil er Stolterfoht vielleicht zu recht unterstellt, dass Verständlichkeit als Kriterium (für Kunst und speziell für Gedichte) überbewertet wird. Allein, dass (wie mein Lyrikdozent2 es neulich in einer Vorlesung formulierte) viele Leser „Gedichte in verständliche und unverständliche unterteilen“, als sei damit irgendeine Qualifikation vorgenommen, i s t schon das Ergebnis einer zugrundeliegenden Fehlorientierung.
Und „auch in der Tradition galt der Text immer schon als geheimnisvoll. Ein altes Wort aus der Kabbala weiß, dass die Schrift siebzig Gesichter hat.“ Ich frage mich an der Stelle heimlich, ob etwa Konfirmanden sogar besser mit Gedichten umgehen können, ist doch zumindest das Bewusstsein vom immerhin vierfachen Schriftsinn Teil der Bibelexegese. Hat mir mein Religionsunterricht letztlich mehr genützt als der Deutschunterricht? Sollte sich der Germanistik-NC zukünftig auch an der Religionsnote orientieren?
Noch ein Seitenast: Wo argumentiert wird, der Autor schere sich mit unverständlichen Gedichten einen Dreck ums Verstandenwerden, „also um den Leser“, wird Kunst als Kommunikationsmedium verstanden. Kann man machen. Mit einigen Texten, Gedichten. Mit vielen vielleicht. Aber Stolterfoht sprach ja gar nicht vom Autor. Er sprach von G e d i c h t e n, die sich einen Dreck ums Verstandenwerden scheren. Gisela Trahms streicht für sich diesen Unterschied. Ob das zulässig ist, darüber kann man sich streiten. Aber es ist immer schwierig, eine Position zu widerlegen, wenn man die aufgemachte Differenzierung unterwandert, ohne diesen Schritt ausreichend zu begründen.
Für jemanden, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen es gehört, anderer Gedichte zu parodieren, ist die Erklärung: Verstehen heißt so viel wie „Ich traue mir zu, in seiner Art [sinnvoll] weiter zu sprechen.“ – natürlich eine vorteilhafte Positionierung. (Man ist ja hilflos gegen seine eigenen Stärken.) Klingt sie auch erst einmal einleuchtend, ergeben sich für mich aber mit dieser Behauptung sofort mindestens drei Probleme:
Erstens. Damit ist das Phänomen der Überprüfung durch andere („Immer ist ein Experte zugegen, der bewerten muss, ob das Gesagte stichhaltig ist.“) nicht aus der Welt geschafft – Gut. Jetzt wird nicht mehr g e s a g t, was man gesehen hat, sondern g e z e i g t. Aber was verändert das? Zum Beispiel zeigt dieser Kommentar zu Milautzckis Parodie, dass die Bewerter immer genau ein Widerwort weit entfernt sind. Wer soll hier entscheiden, ob nun sinnvoll weitergesprochen wurde? Und was bedeutet das Angebot Reineckes im Umkehrschluss für die Voraussetzungen und Fähigkeiten des Lesers? Was wird aus dem armen Germanistikstudenten, der nun nicht einmal mehr mit antrainiertem Fachprosa-Sixpack an die Gedichte herantreten kann, sondern selbst zum Dichter werden muss, um sein Verständnis unter Beweis zu stellen. (Bertram, hast Du nicht neulich mir gegenüber noch behauptet, Parodieren sei eine Kunst?) Wie sieht es dann mit dem Leser aus? Muss er „Künstlerpotential“ haben, um verstehen zu können? „Ein kundiger Leser könnte kunstreich Variationen in den Text einflechten.“, schreibt Reinecke. Das ist mir ein bisschen viel Konjunktiv. Dann wären wir ja genau da, wohin die Lyrik gern verortet wird: im Elfenbeinturm. Dichter schreiben für Dichter.
Wie kaum einem anderen Dichter seiner Generation ist es Alois Hergouth gelungen, den Begriff „Heimat“, durch den Nationalsozialismus seiner Würde beraubt, neu zu beseelen und ihm einen neuen, grenzüberschreitenden Inhalt zu geben.
Der Leserin, dem Leser seiner Gedichte empfahl er, den Namen des eigenen Landes leise und verhalten auszusprechen, ohne Pathos, ohne die Trommel zu rühren und die Fahne zu hissen. „Nenn es so einfach, wie du Mutter sagst und Brot“. / CHRISTIAN THEISSL, Kleine Zeitung
Wo früher ein paar Regalmeter Lyrik zu finden waren, ist jetzt auf ein kleines Regal Lyrik mit Drama gemischt gedrängt.
Wo früher anspruchsvolle Literatur zu finden war, dort sind jetzt ganze Regalreihen mit Esoterik-Mist zu finden / mehr
Der Peter-Huchel-Preis 2012 geht an die Berliner Lyrikerin Nora Bossong. Sie erhält die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihren Gedichtband „Sommer vor den Mauern“. Das hat eine siebenköpfige Jury am Vormittag in Freiburg entschieden.
Die Jury begründete ihre Entscheidung unter anderem mit Bossongs großer Beobachtungsgabe und ihrem präzisen Stil. Mit ihrem „neugierigem und erfahrungshungrigem Blick“ spüre sie „literarische Szenen in der Wirklichkeit auf und verleihe ihnen auf meisterhafte Weise sprachliche Form“. Zudem verfüge sie über ein breites Repertoire poetischer Mittel. Dabei spanne sich ihr Horizont vom Heimatgedicht über das Liebesgedicht bis zur Reise- und Bildbeschreibung. Mit Witz und Sensibilität lasse Nora Bossong in „Sommer vor den Mauern“ Gefühl sprechen, ohne sich in weltabgewandte Innerlichkeit zurückzuziehen.
Die 30-jährige Schriftstellerin stammt aus Bremen, studierte in Leipzig und lebt mittlerweile in Berlin. Der Huchel-Preis wird gemeinsamt vom Land Baden-Württemberg und dem SWR finanziert.
Zu den Preisträgerinnen und Preisträgern gehörten unter anderen Ulf Stolterfoht, Gerhard Falkner, Friederike Mayröcker und Marion Poschmann. Der Preis wird am 3. April in Staufen überreicht. Der Tag ist der Geburtstag des Lyrikers und Kulturredakteurs Peter Huchel. / SWR
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