118. Epik

Denn neben den altertümlichen Erzählformen Dramatik und Lyrik ist die Epik die Form, die wir in den westlichen Länden am meisten verschlingen. Sie ist in Romanen oder Kurztexten vorhanden und beschreibt nur die Form, wie wir sie tagtäglich konsumieren. / gamestar

117. Konkrete Welt

Ein Gedicht ist ein Stück konkreter Welt. Kein Lyriker hat dies so sehr zum Programm gemacht wie Seamus Heaney. Dass die Welt weder rund noch in der Totalen zu überschauen ist, hat der 1939 im nordirischen County Derry in eine Großfamilie katholischer Bauern und Torfstecher Hineingeborene früh mitbekommen – und der Erfahrung kolonialenglischer Bevormundung, lokaler Begrenztheit und latenten Terrors etwas Rundes abringen können: Jeder seiner Verse fügt sich – ausgehend von einer Kindheitserinnerung, der Küste bei Connamarra, dem Hochmoor oder der Londoner U-Bahnlinie „District & Circle“ – zum Daseinsentwurf. / Jan Röhnert, Tagesspiegel

Seamus Heaney: Die Amsel von Glanmore. Gedichte 1965-2006. Zweisprachige Ausgabe. Hg. von Michael Krüger. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2011. 428 Seiten, 16,99 €.

116. Joan Maragall

Am vergangenen 19. Dezember, einen Tag vor dem 100. Todestag des Dichters Joan Maragall (1860–1911), wurde mit einem feierlichen Akt im Palau de la Generalitat (dem Sitz der katalanischen Regierung) in Barcelona der offizielle Abschluss des Maragall-Doppeljahrs begangen. Eine große Zahl von Veranstaltungen und Publikationen hatten das Jubiläum des neuzeitlichen Klassikers der katalanischen Literatur begleitet (vgl. die eigens eingerichtete Website, bei der die englische und spanische Version allerdings leider nicht online sind). Nicht ganz so gewaltig endet hierzulande das Jahr, nämlich mit dieser Notiz. Auch sonst war in deutschsprachigen Feuilletons, so weit ich es überblicke, wenig bis gar nichts zu lesen (für widerlegende Hinweise bin ich dankbar), auch Wikipedia gibt sich knapp und irrt im Datum. Aber das muss nichts heißen, soll doch »der offizielle Abschluss kein Schließen bedeuten, sondern das Gegenteil«, wie es in der Presseerklärung der Institució de les Lletres Catalanes heißt, »damit sich nicht alles in Rauch auflöst«, so der Urenkel Pau Maragall in seiner Rede. In diesem Sinne. / àxel sanjosé

115. Gedicht des Tages aus Samoa

The Samoan has many different kinds of poetical compositions. Metre is altogether unknown, but the best kinds of poetry are in rhyme. They are mostly responsive, each verse being commenced by a few persons, and this is called the usu; the remaining half being taken up in chorus, and with strict attention to time, by all present; it is called the tau.

Popular songs on passing events are, as in other lands, very common. They are sung to the stroke of the paddles when on a journey, or when engaged on any work requiring united exertion.

At the time when religion was beginning to take root, the lovers of darkness thus expressed their regrets at the prospective loss of their pleasures:

Tini, tinio, tinio!
Maumau o mea faamalama,
A tia’i e le malo.

Quelle:

Title: A Grammar and Dictionary of the Samoan Language, with English and Samoan vocabulary
Author: Rev. George Pratt
Publication details: R. McMillan, 1984, Papakura
Part of: Tidal Pools: Digitized Texts from Oceania for Samoan and Pacific Studies
License: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 New Zealand Licence

114. Andere Länder

„Wenn du wissen willst, was in einer Gesellschaft los ist, sieh dir die Gedichte an, die ihre Mitglieder schreiben“.

Sagt Ahmed Rashed Thani (49), ein bekannter Autor aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. / The National

113. Nicht ohne Erregung

Welcher innere Zustand bringt ein Gedicht hervor?

Ich kann nicht ohne eine gewisse Erregung anfangen, ohne ein Versprechen, dass irgendetwas geschieht. Hin und wieder beginne ich ein Gedicht zu früh, manchmal halte ich eine Idee, ein Bild oder die initiierende Energie zu lang zurück und verpasse den richtigen Moment des Anfangs. Für einen alten Lyriker wie mich ist es am besten, auf Teufel komm raus loszulegen, sich einfach mit Begeisterung oder Vertrauen kopfüber in die Sache hineinzustürzen – Risiken einzugehen, immer wieder bereit zu sein, Änderungen vorzunehmen, ein wenig herumzuspielen. Einen Großteil der Zeit ist man natürlich sehr ernst und mürrisch gegen sich selbst.

(…)

„Die Strichelspur von Vaters Eschenstock/ Auf dem Strand von Sandymount/ Ist gleichfalls etwas, was die Flut nicht tilgt.“ Für „Der Strand“, das kürzeste der Gedichte, die Sie für die unlängst in Deutschland erschienene Anthologie „Die Amsel von Glanmore“ ausgewählt haben, scheinen Sie nur mal eben vor die Tür getreten zu sein.

Das Gedicht ist auf ganz eigene Weise hermetisch und spielt auf den „Ulysses“ an, wo Stephen Dedalus über den Strand von Sandymount spaziert. Seine Spuren werden von der Flut nicht getilgt, weil sie für immer in Joyces Roman bewahrt sind. Hier in Dublin ist man sich der Präsenz von James Joyce auf Schritt und Tritt bewusst, und ich hätte nicht über den Strand vor meiner Haustür schreiben können, ohne mich dabei vor Joyce zu verbeugen.

/ FAZ-Gespräch mit Seamus Heaney

112. Siebenbürgische Lieder

Einleitend ist das wohl berühmteste und älteste, von Friedrich Wilhelm Schuster aufgezeichnete und 1865 in Hermannstadt veröffentlichte, von Gottlieb Brandsch 1931 in seine Volksliedersammlung übernommene, auch in mehreren Liederbüchern in Deutschland nachgedruckte Lied aus dem 12. Jahrhundert „Et saß e klin wäld Vijeltchen“ zu hören. Es erscheint hier – im Vergleich zu der auf Volksüberlieferungen fußenden Referenzedition von Brandsch – im durchgehenden Dreivierteltakt, ohne Taktwechsel und mit einigen rhythmischen Eigenheiten, die aber plausibel und vertretbar sind: Niemand weiß, wie die ursprüngliche Melodiegestalt ausgesehen hat. Leider aber ist die mit Bestimmtheit vorauszusetzende äolische Tonart auch hier, wie in allen chorischen Aufnahmen und Liederbüchern, gemieden worden. / Karl Teutsch, Siebenbürgische Zeitung

Sanj ta mer mi – Siebenbürgische Lieder. CD, Tonstudio Pfitzenmaier, Bad Honnef, 2011, zum Preis von 16 Euro, zuzüglich 2 Euro Porto, erhältlich bei Hildegard Bergel-Boettcher, ­Telefon: (0221) 394605, E-Mail: h.bergel-boettcher [ät] gmx.de.

Google-scan: Zur Metrik der Siebenbürgisch-deutschen Volksweisen – Gottlieb Brandsch

111. Meine Anthologie: Donnerstagsgedicht

Thursday
by Edna St. Vincent Millay 

And if I loved you Wednesday,
   Well, what is that to you?
I do not love you Thursday—
   So much is true.

And why you come complaining
   Is more than I can see.
I loved you Wednesday,—yes—but what
   Is that to me?

 

Lesetip:

Lyrik Kabinett Bd.4
Rudolf Borchardt und Edna St. Vincent Millay
Die Entdeckung Amerikas
Gedichte, Übertragungen, Essays. Herausgegeben von Gerhard Schuster. Mit Beiträgen von Barbara Schaff und Friedhelm Kemp. Zweisprachig englisch/deutsch
306 Seite, Broschur
Buchgestaltung und Typographie von Friedrich Pfäfflin (Marbach).
Lyrik Kabinett, München 2004
ISBN 978-3-9807150-3-4, 28,00 EUR

110. Rebell im alten Bahrain

Der Schriftsteller Qassim Haddad (Bahrain) im Gespräch mit Matthias Hanselmann, DLR:

Hanselmann: Ihr neuestes Buch beschäftigt sich mit einem Dichter aus vorislamischer arabischer Zeit. Er lebte im 6. Jahrhundert. Was ist für Sie interessant an diesem Dichter?

Haddad: Der Dichter heißt Tarafa Ibn El-Abd, er lebte ungefähr 70 bis 80 Jahre vor dem Islam, und er zählt zu dem berühmtesten arabischen Dichtern der vorislamischen Zeit. Er ist einer der Dichter der sogenannten Moallakat, das sind Gedichte, die auf der Kaaba aufgehängt wurden, ganz besonders schöne Gedichte. Und meine Beziehung zu diesem Dichter hat sich aufgebaut sehr früh, und zwar seit der Grundschulzeit, da habe ich ihn zum ersten Mal kennengelernt, einmal, weil ich entdeckt habe, dass er in Bahrain gelebt hat, aber nicht im heutigen Bahrain, sondern dem historischen Bahrain – das ist eine Region, die sich von Oman bis nach Basra im Irak gezogen hat, also eine sehr große Region, die die ganze Golfregion umfasst hat.

Die andere Besonderheit, die mich an ihm fasziniert hat, war sein Standpunkt gegenüber dem Stamm, dem Stammeswesen sozusagen oder der Stammesgesellschaft. Er war ein Rebell, ein eigensinniger Mensch und war sehr aufrührerisch und hatte neue moderne Ideen sozusagen. Für diese Ideen wurde er verfolgt von dem König von Hira, das war der König, der eben in dieser Zeit in Bahrain, in dieser Region, regiert hat. Er hieß Amr Ibn el-Hem, dieser König, und er hat ihn hinrichten lassen. Außerdem hat mich fasziniert an ihm eines seiner Gedichte, und ich finde, es ist eins der schönsten Gedichte, die ich gelesen habe, in der alten arabischen Dichtung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

109. Elemente

Der Dortmunder Physik-Professor Mario Markus hat in seinem neusten Werk jedem chemischen Element ein Gedicht gewidmet / Der Westen

108. Lyrikmarkt

DLF Büchermarkt

Neue Lyrik und Literaturzeitschriften. Dennis Scheck befragt Daniela Seel über Bella triste, sprachgebunden & Co.

Sendezeit: 28.12.2011, 16:10

107. Sielaffs Tonspur

Es wäre nicht nur bei diesem Dichter interessant zu ergründen, in welcher Beziehung der Stadtalltag mit dem Schreiben korrespondiert. Erschienen ist das Buch im mittlerweile anerkannten Verlag luxbooks Wiesbaden. Die Gedichte stehen in mehreren Sektionen, denen Leitmotive vorangestellt sind. Das Verbindende der Abteilungen ist unter anderem Sielaffs eigene lyrische Tonspur, wie auch schon im ersten Buch, allerdings ist ein Vielfaches an inhaltlichen Sequenzen und philosophischen Strukturen hinzugekommen, ohne das man es sofort registriert. Da bemerkt man ein tiefes Staunen über die Welt in den Texten, die dem Leser die Möglichkeit eröffnen, ein anderes Verhältnis zu den Dingen zu entwickeln. Ob es in den Gedichten der Ausstellungsbesuch mit Kind ist oder die Frau mittags mit dem roten Plasteeimer, die Mondnacht oder das älteste Lichtbild der Welt, es ist in den Texten eine seltsame Transformation des Augenblicks zu spüren. Verse und Worte, die einen Überschuss an Bedeutung freisetzen. So auch im Gedicht „Anmerkung zu Platon“, das mit der wundervollen Zeile „ Ich habe nie eine Form für das Glück gehabt“ beginnt. Oder auch der schöne Schlussvers vom Gedicht „Die Wiese“: „ Die Tage endeten ohne zu vergehen“. Mit wenigen Worten trifft Sielaff hier Kindheitsempfindungen der meisten Menschen in der inneren Wahrnehmung. Er erinnert uns an den damaligen unerschöpflichen Zeitvorrat. Diesen Zustand der quengelnden Ungeduld auf Ereignisse, das mühsame Nachdenken über das Ticken der Uhrzeit, die in der Welt der Erwachsenen eine unabdingbare Rolle zu spielen schien. Aber es sind nicht lapidar beschriebene Textbilder, die sich verflüchtigen und einen bloßen Wiederholvorgang im Gedächtnis abrufen, sondern die Verse funktionieren im Verborgenen weiter in einer inneren Klarheit. Notwendig dafür sind Worte, die so und nicht anders auf einer Zeile komponiert sind und literarische Spannungswerte erzeugen. / Thomas Ernest, Dresdner Neueste Nachrichten 28.12.

Volker Sielaff: „ selbstporträt mit zwerg“, Gedichte. Verlag luxbooks Wiesbaden, 2012, 97 Seiten, ISBN 978-3-939557-98-2.

Mehr unter www.tagesspiegel.de/kultur/verzueckungen/5917950.html und www.fixpoetry.com/feuilleton/rezensionen)

106. Gewinner des 2. Ruhrgebiets-Literaturwettbewerbs

Den 1. Platz hat die in Hamburg lebende Autorin Marie-Christin Fuchs mit ihrem Beitrag „51° 32′ 48′ N, 7° 18′ 17′ O“ gemacht. Die Jury war bei dem Text schnell einer Meinung, rundum stimmig hat die Autorin das vorgegebene Thema „Leb im Ballungsgebiet, das an Druckstellen wie Fallobst aussieht“ verarbeitet.

Artur Krutsch aus Dortmund gewinnt den 2. Platz. An seinem Kurzprosa-Beitrag „Student Samson F. in Dortmund-Nord im Monat Juni des vergangenen Jahres“ hebt die Jury den besonderen fotografischen Blick des 1987 in Kirgistan geborenen Autors hervor.

Der 3. Platz und Gewinn wird für zwei Gedichte aufgeteilt, Michael Spyra und Selin Gerlek haben mit ihrer Lyrik überzeugt. Michael Spyra, Jahrgang 1983, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, ausgezeichnet wird er für sein kunstvoll gebautes Gedicht „die stimme im käfig, das licht in der grube“. Selin Gerlek, Jahrgang 1987, studiert an der Ruhr-Universität Bochum Philosophie und Komparatistik. Sie überzeugte die Jury mit ihrem atmosphärisch dichten Beitrag „EinLeuchtendes“. / hier

105. Figure 5 in Gold

Charles Demuth war längst viel zu geschwächt – er litt an damals noch unheilbarer Diabetes –, um in den lärmenden Alltag von New York einzutauchen, als er 1928 die Ikone der Stadt schlechthin malte: „Ich sah die Zahl 5 in Gold“, benannt nach einem Gedicht des geistesverwandten Arztes und Schriftstellers William Carlos Williams. Die „5“ ist die Nummer eines „vorbeirumpelnden“ Feuerwehrautos, mit „Glockenklang und Sirenengeheul“, wie es in dem Gedicht heißt.

Der Maler und der Dichter gehörten zum Kreis um Alfred Stieglitz, dem Fotografen, Galeristen, Verleger und schließlich auch Sammler. Stieglitz, 1864 in Hoboken gegenüber von Manhattan geboren und trotz oder wegen seiner deutschen Abstammung stolz „Ich bin Amerikaner“ rufend, hatte an der TU Charlottenburg Fotografie studiert, ehe er in New York zu einem der bedeutendsten Lichtbildner heranreifte. / Bernhard Schulz, Tagesspiegel

Bild und Gedicht

104. Reife

«Bisher haben wir die Pubertät gelebt – jetzt ist es Zeit, erwachsen zu werden», erklärt auch Ñaupany Puma, ein Sonnenpriester und Nachfahre des alten Inka-Puma-Stammes, der vor etwa 500 Jahren im südwestamerikanischen Inkareich lebte. «Unsere Erde bewegt sich auf eine höhere Schwingung zu, die uns dazu anregt, in unserem ganzen Wesen feiner zu werden.» / NZZ 27.12.