Die Stadt Köln vergibt Stipendien in Höhe von je 10.000 Euro an junge Künstler verschiedener Kunstrichtungen. Dazu gehört auch das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium. In diesem Jahr geht es an Julia Trompeter.
Über die Stipendiaten entscheidet jeweils eine Fachjury. 1971 wurde das erste Stipendium nur für Kölner ausgeschrieben, seit 2010 gilt es für ganz Nordrhein-Westfalen, Altershöchstgrenze sind 35 Jahre, also Jahrgang 1977 und jünger. (…)
Insgesamt gingen 154 Bewerbungen ein, mit 73 die meisten für das Friedrich-Vordemberge-Stipendium für bildende Kunst. Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes betonte, dass die Stadt trotz Sparzwangs an den Stipendien festhalte: „Nur eine kontinuierliche Förderung ohne Abstriche ist eine ernstgemeine Förderung.“ (…)
Julia Trompeter, 1980 in Siegburg geboren, „blickt mutig genau dahin, wo die eigene Schreiblust angesichts der großen meister gemeinhin versagt: auf die literarische Tradition. Kunstfertig und mit charmantem Trotz geht sie in Dialog und stößt sich zugleich ab. Mit Witz eignet sie sich Erzählstile an und findet in der Auseinandersetzung mit Vorbildern zu einem eigenen Ton“, urteilt die Jury. Um der Einsamkeit des Schreibens zu entkommen, tritt Trompeter „in der Tradition Gerhard Rühms“ auch mit „Sprachduetten“ auf. / Köln Nachrichten
Jeder Kanon hat einen Gegenkanon.
Wer nur den offiziellen Kanon kennt, der könnte schließlich auch zu der Auffassung kommen: Die deutsche Literatur ist von der Moderne weitestgehend unbeleckt geblieben. Nach wie vor stehen Romanmuster aus dem vorletzten Jahrhundert hoch im Kurs, nach wie vor wird metaphernselig gedichtet, klappern Sonette. Die Berliner Ausstellung mit dem Titel »Poetry goes art«, die aus einer weit umfassenderen Präsentation gleichen Titels schöpft, zeigt, wie wichtig die Rezeption der avantgardistischen Literatur von Gertrude Stein für Autoren wie Helmut Heißenbüttel bereits in den fünfziger Jahren war, wie früh es einen internationalen Austausch von Produzenten konkreter und visueller Poesie bis nach Brasilien gab und auf welch hohem Niveau ein Dialog zwischen avancierten Autoren und Wissenschaftlern stattfand, wofür zentral der Name von Max Bense steht. …
Seit den achtziger Jahren wird dieser innovative Teil der deutschen Literatur zunehmend aus der Wahrnehmung gedrängt. Jüngere Autoren und Kritiker kennen sie häufig gar nicht mehr und entblöden sich nicht selten, diese avantgardistischen Positionen als historisch und überholt zu bezeichnen, während sie selbst mit Mustern aus dem 19. Jahrhundert operieren. Die Ausstellung in der Fasanenstraße – lebendig gestaltet mit Film- und Tondokumenten, erarbeitet von Studierenden der FU Berlin – ist eine hervorragende Einführung und zeigt eindrucksvoll, wie weit die besten Köpfe des literarischen Experimentes schon vor Dezennien waren. Dabei werden auch Außenseiterpositionen wie die des notorischen Quertreibers Dieter Roth berücksichtigt, der es nach konkreten Anfängen vorzog, zu schmieren und zu wüten. / Florian Neuner, junge Welt
Noch bis 3. August, Fasanenstr. 23, Berlin-Charlottenburg
Keine drei Monate ist es her, dass der unglückliche „Krone“-Dichter Wolf Martin gestorben ist, da mehren sich die Anzeichen dafür, dass sein Handwerk – Poesie zu Themen des Tages – auf höherem Niveau eine Renaissance erlebt. Zuerst hat Günter Grass uns über die „Süddeutsche Zeitung“ mit den Gedichten „Was gesagt werden muss“ und „Europas Schande“ versorgt; nun folgt Hans Magnus Enzensberger in der „FAZ“ mit einem Gedicht, das eine große Frage zum Titel hat: „Warum wiegt etwas etwas und nicht vielmehr nichts?“
Es geht, erraten, um die am 4. Juli vom Forschungszentrum CERN verkündete Beobachtung eines Elementarteilchens. „Sagenumwoben wie einst das Einhorn“, schreibt Enzensberger, „ist das Geschöpf, das ihre Namen (der Physiker Bose und Higgs, Anm.) trägt: das Higgs-Boson, denn so heißt es. Ein Gottesteilchen, sagen die Spötter.“ / Thomas Kramar, Die Presse
Ossip Mandelstam: DIE FLIEGE
Wo bist du denn reingeplumpst?
– In die Milch, in die Milch.
Altes Flieglein, wie geht’s sonst?
– Nicht so leicht, oh, bitte hilf!
Kriech ein bisschen, hilf dir selber.
– Ich schaffs nicht, ich schaffs nicht.
Ich helf dir dann mit der Kelle
Raus ans Licht, raus ans Licht.
– Hab doch Mitleid, aus dem Nassen
Rette mich, rette mich.
Gieß die Milch in eine Tasse –
Hier bin ich, hier bin ich.
In: Ossip Mandelstam, DIE BEIDEN TRAMS. Kinder- und Scherzgedichte, Epigramme auf Zeitgenossen 1911-1937. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. Ammann Verlag, Zürich 2000, S. 52/53 (russisch & deutsch) Der Text wurde freundlicherweise vom Übersetzer zur Verfügung gestellt.
Zur politischen Dimension von Mandelstams Kindergedichten vgl. das Nachwort von Ralph Dutli: EIN KLEINES GEDICHT AUF EINEN SCHNEIDER. Scherzartikel mit Hintergründen: Poesie und Kinderei, Ulk und Kultur bei Ossip Mandelstam, ebendort S. 213-231.
Das Gedicht „Die Fliege“ wurde in Ossip Mandelstams Kinderbuch „LUFTBALLONS“ (Šary) veröffentlicht, mit Illustrationen von N. Lapšin, im Staatsverlag GIZ (Gosudarstvennoe Izdatel`stvo), Leningrad 1926.
Муха
— Ты куда попала, муха?
— В молоко, в молоко.
— Хорошо тебе, старуха?
— Нелегко, нелегко.
— Ты бы вылезла немножко.
— Не могу, не могу.
— Я тебе столовой ложкой
Помогу, помогу.
— Лучше ты меня, бедняжку,
Пожалей, пожалей,
Молоко в другую чашку
Перелей, перелей.
Мандельштам Осип
Wer Kraus‘ Gedichten zum ersten Mal begegnet, ist geneigt, sie ihres Vokabulars wegen für unübersetzbar zu halten. Das Gedicht „genfer see“ etwa leitet erwartungsgemäß den Blick übers Wasser, über Schiffe und Möwen. Doch nicht von Booten ist die Rede, sondern von „pardune“, „bilge“, „tartane“, „schlenge“ – keine Neologismen, sondern maritimes Fachvokabular, wie die Landratte googelnd entschlüsselt. Um sich am Ende zu fragen, wie wichtig die neu gelernten Bedeutungen überhaupt sind. Ob die Entschleunigung des Leseprozesses durch Rätselwörter das Ziel ist. Und was für eine Rolle die Tatsache spielt, dass Elisabeth von Österreich auf der Genfer Uferpromenade von dem bettelarmen Luigi Lucheni mit einer Feile erstochen wurde. Zwar düstert ein „totmann“ und eine Leiche wird aufgebahrt. Dennoch spielen die historischen Hinweise eher Versteck als Zeigefinger. Distanz statt Drama, Andeutung statt Gemälde, Collage statt Geschlossenheit: das versteht sich, als Regel des poetischen Verfahrens, heute von selbst. Statt der bis zum Überdruss betexteten kaiserlichen Ikone weitere Verse an den Rocksaum zu heften, lenkt die Autorin das Interesse auf Wörter, die wie fremdartige Schwimmkörper gegeneinander klackern („möwengepudel / kostal vor der bilge“).
Auf Verständlichkeit seien ihre Texte nicht aus, sagt Dagmara Kraus. Vielmehr seien sie „laut geschrieben“ und sollten auch laut gelesen werden. / Gisela Trahms, Poetenladen
Dagmara Kraus
kummerang
Gedichte
Berlin: kookbooks 2012
80 S., 19,90 €
Im Oktober feiert die „Stafette“ ihr 20-jähriges Jubiläum. Dr. Annemarie Podlipny-Hehn plant zu diesem Anlass eine Großveranstaltung in Temeswar. Zu den eingeladenen Gästen gehören bedeutende Schriftsteller aus Siebenbürgen wie Joachim Wittstock und Eginald Schlattner, der Literaturforscher und Schriftsteller Ingmar Brantsch, der Dichter und ehemaliges Mitglied des Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreises Horst Samson u. a. …
In diesem Jahr fanden bereits mehrere Veranstaltungen statt. Im Frühjahr las in der Nikolaus-Lenau-Schule der deutsche Dichter Paul Jeute. Der Dresdner veröffentlichte in Hermannstadt den Gedichtband „Stay punk, stay free, stay gipsy“. Der junge Schriftsteller studiert zur zeit am Deutschen Literaturinstitut Leipzig „Kreatives Schreiben“. Jeute verwendet oft das Pseudonym „Micul dejun“.
…
Wie jedes Jahr nahm die „Stafette“ an den Reschitzaer Literaturtagen teil. Dort stellte Balthasar Waitz seinen Prosaband „Krähensommer und andere Geschichten aus dem Hinterland“ vor. Waitz gehörte zum Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis in den 1980er Jahren. Aus diesem Kreis ging die Nobelpreisträgerin Herta Müller hervor. Genau wie Müller kommt auch Waitz aus der Bantater Gemeinde Nitzkydorf. Sein Buch wurde von der Presse gelobt. Hans Liebhardt nannte es das beste Prosabuch, das im Banat in den letzten 20 Jahren erschienen ist. / Robert Tari, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien
In dem Gedichtband „Bäuchlings legt sich der Himmel“ unternimmt der Herausgeber Bertram Reinecke den Versuch, biografische Details und die Gedichte möglichst aus ihrer Verklammerung zu lösen. Aus circa 150 Gedichten, die im Nachlass erhalten sind, hat Reinecke eine Auswahl getroffen. Die Gedichte sollen, so Bertram Reinecke, eben nicht einfach auf ein Dokument „poststalinistischer Zwangsverhältnisse“ reduziert werden.
Bertram Reinecke:
„Es würde mich stören, wenn unter der politischen Debatte der Dichter Hoprich nur noch als Stichwortgeber, Anlassgeber für politische Auseinandersetzungen fungierte, ich wollte das Werk wieder in den Vordergrund rücken.“
Ein großer Verdienst des Bandes ist es, auch Texte, die in der Ausgabe von 1983 aus politischen Gründen nicht erscheinen durften, nun für den Leser zugänglich zu machen. Für die Neuedition greift Reinecke auf Typoskripte zurück; Arbeitsvarianten einiger Texte sind mit Fußnoten markiert, auch zwei Übersetzungen aus dem Moselfränkischen leuchten den Hoprischen Sprachkosmos aus. Der Gedichtband ist in sechs Abschnitte untergliedert, die dem Leser einen Zugang zu den sprachlichen Bildern erleichtern sollen. Bertram Reinecke:
„Georg Hoprich ist von relativ konkreten Gedichten übergegangen zu einem sehr abstrakten Sprechen, ein Sprechen, das aber immer im Blick hat verallgemeinerbar sein zu wollen, und er ist dann zu dunklen Metaphern gekommen, zu Chiffren gekommen.“
/ Anja Kampmann, DLF
Georg Hoprich: Bäuchlings legt sich der Himmel – Gedichte
Verlag Reinecke & Voß, 100 Seiten, 10,00 Euro, Broschiert
Beim Poetenladen macht Elke Erb Entdeckungen, indem sie ein Gedicht von Ossip Mandelstam wörtlich übersetzt. Großartig! Zitat:
Ich spüre beim Wörtlich-Übersetzen eine eigentümliche Klarheit. Das Unfertige nimmt der Text-Präsenz etwas von ihrer Geschlossenheit/Geläufigkeit. Geläufigkeit = Geschlossenheit, lerne ich (dankbar). Man liest sonst „darüber hinweg“. Auf einmal öffnet sich der Wortlaut und läßt erkennen:
In dem Spieltext werden die Grund-Teile geprüft, dinglich. Reduziert auf Dinglichkeit.
Aus wie einfachen Bestandteilen steigt auf: Poesie! Hier: aus absichtlich einfachen, primitiven, d.i. sprachmateriell – prinzipiellen, elementaren!
Und am Ende wird mir klar, daß der elementare Gang am Schluß, mit der dem poetischen Resultat entspringenden Poesie, auch den politischen Sinn pointet. Der Nonsens des „umgieß, umgieß“ spricht: die Tasse taugt nichts, die ganze Tasse taugt nicht, und ganz gleich, ob Milch, ob Tasse …
»In schier endlosen Folgen entwickelt Anders rhythmisch wiederkehrende Bilder, die sich, versucht man ein Ende zu greifen, wie der Faden eines Gewebes zurückziehen, bis keine einzige Schlinge mehr vom Ganzen übrigbleibt und nur noch ein Anfang in der Hand liegt.« Cornelia Jentzsch
/ Mehr beim Poetenladen
Wer mit dem Kopf denkt, muss auch mal seine Meinung ändern. Dem Arschdenker kann das nicht passieren. Er fängt praktischerweise immer gleich bei der Gewissheit an.
Charles Lewinsky: Der A-Quotient. 9,95 €. 124 Seiten. Zweitausendeins
Ich meinerseits wollte nicht Intimitäten aufdecken zwischen Ingeborg Bachmann und ihrem ersten literarischen Förderer und Liebhaber Hans Weigel meinetwegen, zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, denen es offenbar das ein und andere Mal ziemlich gut ging miteinander (man stelle sich den 27jährigen Paul Antschel-Celan vor, der 1948, im dritten Frühling des Überlebens und, nachdem er dem stalinistischen Bukarest entronnen ist, das Zimmer der 21jährigen Studentin Ingeborg Bachmann mit Blüten füllt, es in „ein Mohnfeld“ verwandelt), und die es sich erst danach, sichtbar in den Briefen, schwer machten, aber in den Gedichten zum Glück nur auf die fruchtbringende Weise. Ich wollte nicht Intimitäten wissen zwischen Ingeborg Bachmann und einigen X, Y und Z, zwischen Bachmann und Frisch schon gar nicht. Es reicht, was wir wissen, was in dem Brief an Hans Werner Henze vom 4. Januar 1963 steht, „dass das Leben der letzten Jahre zuende ist“. Das haben andere getan, offensichtlich, sie haben davon zu reden begonnen, die Erben haben die Briefe peu à peu freigegeben. Sonst wüsste ich nichts davon. So aber, ein Geständnis: Ich weiß wirklich nichts, das sind nicht meine Forschungen, und: Ich brauche es auch nicht. Ich lese ja alles in den Gedichten zwischen dem Ich und dem Du, nicht minder in dem Wir, dem Uns, dem Unser, das unermüdlich aufgerufen wird, das immer wieder spricht: „O Leiden, die unsre Liebe austraten, / ihr feuchtes Feuer in den fühlenden Teilen.“ Wie gesagt, ich brauche die Taschenlampe nicht, welche Licht in das verbleibende Dunkel dieses Lebens bringt, die in diesen Schoß leuchtet, selbst gegen meine eigene voyeuristische Anlage brauche ich sie nicht. Denn: Es steht, wie wir hören, alles in den Gedichten. Das Leben steht in ihnen, soweit es wert ist, etwas davon zu wissen, soweit es umzuwandeln ist in Poesie, mit dem Handwerk des Schreibens zu übermitteln dem Anderen, Ihnen, mir, uns. Es steht alles ganz genau in Bachmanns wie in Sapphos wie in Hölderlins wie in Trakls Gedichten. In Celans Gedichten steht es sowieso, dass er sie liebte, dass sie sein Schreibgrund war von der ersten Begegnung an: „Du sollst zu Ruth und Mirjam und Noemi sagen: /Seht, ich schlaf bei ihr! Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.“ Das Gedicht ist berühmt, weil er es ihr als erstes widmete und, weil es die Welt der Todesfuge für immer verbindet mit der Liebe zu der Tochter eines Mannes, der schon 1932 in Kärnten in die Nazipartei eintrat. Viel interessanter aber ist nicht dieser Umstand, sondern das Direkte, dieses „ich schlaf bei ihr“, das so natürlich ist und so biblisch, dass es einen nur freut, diese Sprache des Menschen.
Uwe Kolbe: Über den Nachteil. Dichtung, Liebe, Größenwahn und die „Lieder auf der Flucht“. Eine Art Rede für Ingeborg Bachmann Mehr
Heute um 10:15 Uhr beginnt die erste Lesung. Zum Programm
Ruth Klüger eröffnete Mittwochabend mit einer Rede über „Bachmanns Wahrheit & Dichtung“ die Tage der deutschsprachigen Literatur. Die Kleine Zeitung veröffentlicht Auszüge:
Sprache sollte Vermittlerin der Wirklichkeit, ihre Verwandlung in Wahrheit sein. Doch Ingeborg Bachmann ist die Dichterin der Gleichnisse, die nicht aufgehen. Wir suchen nach dem Sinn und sie verweigert ihn, nachdem sie uns lockt und glauben macht, dass sie ihn uns auf Bestellung kredenzen wird. Und diese Verwirrung ist was sie anstrebt um uns zu weiterem Suchen zu bringen. Von den Gedichten, die sie berühmt gemacht hatten, hatte sie dann schließlich genug und versprach, nie wieder welche zu schreiben, weil es zu leicht geworden war. „Ich habe aufgehört, Gedichte zu schreiben, als mir der Verdacht kam, ich ‚könne‘ jetzt Gedichte schreiben, auch wenn der Zwang, welche zu schreiben, ausbliebe.“
Hier der Text als pdf
Das ORF-Landesstudio Kärnten, wo Mittwochabend die 36. Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnet werden, präsentiert sich erstmals als Galerie. Ein Künstler-Duo fertigt 1-Wort-skulpturen. Und: Smartes Lesevergnügen lockt.Video von Marko Petelin. …
Fast gleichzeitig mit den Lesungen zum Ingeborg-Bachmann-Preis startete ein Netzkulturprojekt, das die ganze Stadt zu einer virtuellen Bibliothek macht: pingeb.org heißt es, dockt also phonetisch an die berühmte Dichterin an und lädt mit 70 auffallenden gelben Stickern (50 davon an Stadtwerke-Bushaltestellen) zum Down-load von E-Books ein. / Kleine Zeitung
Lyrikzeitung muß nachdenken. Ich denke. Also ich denke.
„To think is to find the right quotation.“
Ah danke, Herr Paul de Man. Also mache ich weiter!
„Penser,“ de Man remarked in his last seminar with more than a note of irony, „c’est trouver la bonne citation.“ („To think is to find the right quotation.“)
Ian Balfour: „Difficult Reading“: De Man’s Itineraries. In: Responses: On Paul De Man’s Wartime Journalism. Hrsg. Werner Hamacher, Neil Hertz, Thomas Keenan. University of Nebraska Press, 1989, S. 10.
Insekten und ihre Lebensformen überhaupt stiegen im 19. Jahrhundert zu sozialen Paradigmen auf, nicht zuletzt durch das bahnbrechende Werk Jean-Henri Fabres, dem „Homer der Insekten“ (Victor Hugo). Um die Jahrhundertwende überschlugen sich dann die sozialen Phantasmen. Der spätromantische Dichter Maurice Maeterlink verfasste einen regelrechten Kulturbestseller unter dem Titel „La vie des abeilles“ (1901); 1912 erschien Waldemar Bonsels Weltbestseller „Die Biene Maja“. Den Gipfel dieser Fantasmen erreichte Rudolf Diesel, Erfinder des Dieselmotors, den Dutli allerdings nicht mehr behandelt. 1903 erschien das lebensreformerische Hauptwerk über den „Solidarismus“, mit dessen Proklamation Diesel den Klassenhass besiegen und die Gesellschaft quasi als funktionstüchtigen Apparat einrichten wollte. Die geplante neue Gesellschaft sollte aus selbstverwalteten Genossenschaftsbetrieben bestehen, die Arbeiter am Gewinn beteiligen und sämtliche Lebensbedürfnisse kostenlos befriedigen. Geleitet von den wunderlosen Geboten des Christentums sollten Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit herrschen, Friedfertigkeit, Barmherzigkeit und Liebe. Das schlagende Modell für all dies fand Diesel im Bienenstock. Für seine Reform erfand er eine groteske und rückblickend eher angsterregende Terminologie: „Bienenpreise“ im Sinne von Billigpreisen sollte es geben, „Bienenkarten“ zwecks Identifikation jedes Einzelnen sollten eingeführt und „Bienenakten“ zu jedem Mitgliedsleben angelegt werden, und so weiter. Auch wenn uns heute vieles durch elektronische Technologie eingelöst erscheint, die vollständige „Erlösung des Menschen“, die Diesel mit seinem „Solidarismus“ betreiben wollte, musste scheitern. Die von ihm angesprochenen Arbeiter wollten keineswegs alle „Bienenstöcke errichten“ oder gar „Bienen werden“.
Ralph Dutli hat kein Fachbuch geschrieben, weder ein biologisches, noch ein kulturhistorisches mit Anspruch auf Vollständigkeit. Aber er hat, auch als Anregung für die neueren Animal Studies, den wohl elegantesten Familienroman seiner Zunft verfasst, eine Geschichte der Naturpoesis, die in den höchsten Rängen beginnt und nun, ähnlich wie die Griechen heute in Europa, gerade vom Verfall, vom Aussterben bedroht ist. Allerdings gibt es Chancen: Laut Dutli leben inzwischen gesündere und produktivere Bienenstöcke auf städtischen Dächern als auf dem verpesteten Lande. / Claudia Schmölders, literaturkritik.de
Ralph Dutli: Das Lied vom Honig. Eine Kulturgeschichte der Biene.
Wallstein Verlag, Göttingen 2012.
208 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783835309722
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