»Ich vernichte durch den kapitalismus ich da draußen im angesicht des schmerzes ökonomischen verlustes ich angesichts des lochs des anderen.« So schreit Minerva Reynosa (32) ihre Entfremdung heraus. Und bei Eduardo Padilla (35) betet ein Nihilist »für ein massives Desaster, das uns befreie von Herren und Sklaven gleichermaßen«. Von den Klassengegensätzen auszugehen, ist selbstverständlich für die junge mexikanische Dichtung, die in der aktuellen Ausgabe des Literaturmagazins poet zweisprachig vorgestellt wird. Herausgegeber ist Andreas Heidtmann vom Leipziger »poetenladen«. …
Und schließlich Rollenlyrik eines Rockstars, Antikriegssongs von Julián Herbert, als wäre hier ein Otto Dix zu Gange: »die Schenkel meiner Frau zeigen in Richtung Schlacht« oder »Langsam kam die Party in Schwung: / abgehackte Hände auf dem Monopolytisch, / im DVD-Player lief ein Neujahrsporno.« Doch plötzlich weht eine nächtliche Szene auf einem Parkplatz heran, zwei Dichter, die sich zum ersten Mal sehen. Herbert gelingt der poetische Hochseilakt, diese Begegnung so zu vergegenwärtigen, als hätten die beiden, nicht er, sie geschrieben, nur mit Bildern und streng nach Regeln der altchinesischen Dichtkunst. Im Morgengrauen malen sie das gemeinsam gefertigte Gedicht in formvollendeter Schrift an ihre zerbeulten Autos, während sie – sehr suggestiv – Wodka fließen lassen. Unentwegt. Eine Flasche. Bis der Mond ganz klar zu sehen ist. »Una botella de vodka / hace más transparente la luna.« Zwölf einfache Zeilen, die einem den Atem verschlagen. Ihr Titel? »Das Herz der Samstagnacht«. Ihre imaginären Autoren? Tom Waits und Li Po. / Antonín Dick, junge Welt
Andreas Heidtmann (Hrg.): poet nr. 12 – Literaturmagazin. poetenladen, Leipzig 2012, 90 Seiten, 9,80 Euro
Oberflächlich betrachtet geht es der Poesie gar nicht so schlecht. Die kleinen Lyrikverlage – kookbooks in Berlin, der Wiesbadener Lux Verlag, der Poetenladen in Leipzig – vermehren sich wie Hasenkolonien.
mehr in der Art in einem offenbar unter die Oberfläche blickenden Text von Joachim Sartorius im Tagesspiegel, wie gleich darauf:
Aber bei näherem Hinsehen fällt auf, dass die Poesie in ihrem eigenen Saft kocht. Es gibt keine Zuwächse in der Leserschaft. Die großen Literaturpreise, insbesondere der Deutsche Buchpreis in Frankfurt und die Leipziger Preise grenzen die Poesie aus. Damit ist einfach kein Absatz zu machen. Befragen wir die literarischen Verlage, Suhrkamp oder Hanser, so erfahren wir deprimierende Zahlen. Ein Literaturnobelpreisträger wie der karibische Dichter Derek Walcott kommt nie über 2000 verkaufte Exemplare hinaus; der bedeutendste lebende nordamerikanische Lyriker, John Ashbery, hat auch über viele Jahre hin bei uns nie mehr als 800, maximal 900 Exemplare verkauft.
als mir gegen mitte der
haelfte meines lebens
nicht gelang
von der kunst mehr zu
erwarten als hoeheren
schwindel
entschloss ich mich
die wirklichkeit nicht
fuer die wahrheit zu
halten
als mir gegen mitte der
haelfte meines lebens
nicht gelang
die wirklichkeit ohne
wahrheit zu ertragen
entschloss ich mich
meine wahrheit fuer meine
eigene und die der andern
fuer diejenige der
andern zu halten
als mir gegen mitte der
haelfte meines lebens
nicht gelang
den schwindel von der
wirklichkeit zu loesen
entschloss ich mich
die mitte der haelfte
meines lebens
fuer einen schwindel
zu halten
Gino Hahnemann, aus: Ders.: Allegorie gegen die vorschnelle Mehrheit. Mit Zeichnungen von Helge Leiberg. Berlin: Druckhaus Galrev 1991, S. 4f
(Transkription der handschriftlichen Fassung aus einer Grafik von Helge Leiberg – die Zeilenbrüche könnten durch die Grafik bedingt sein. Das Gedicht hat zumindest in dieser grafischen Fassung keine Überschrift.)
Er war ein aufstrebender Lyriker, verkehrte in höchsten Künstlerkreisen – und zerbrach noch vor der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes am Leben. Ernst Goll stürzte sich am 13. Juli 1912, gerade einmal 25-jährig, aus einem Fenster der Grazer Universität. „Wir haben wahrscheinlich an ihm einen bedeutenden Dichter verloren, ohne ihn zu besitzen“ schrieb Peter Rosegger, der Zeus im Literatenhimmel der damaligen Steiermark, zwei Monate später in einem Nachruf.
Golls engster Freund, der Murecker Autor Julius Franz Schütz, brachte noch im selben Jahr den Großteil seiner Gedichte unter dem bezeichnenden Titel „Im bitteren Menschenland“ heraus. Der im Berliner Fleischel Verlag erschienene Band verkaufte sich offenbar recht gut und zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg hatten Golls Texte nicht nur in der Steiermark einen Fixplatz in so mancher lyrischer Hausapotheke. …
Nicht, ohne vorher die romantischsten und melancholischsten seiner Gedichte auszusortieren, bemächtigte sich 20 Jahre nach seinem Tod die nationalsozialistische Propaganda des Goll’schen Werkes. Er landete in der Schublade der die Fahne deutscher Kultur hochhaltenden Grenzland-Dichter. Während andere, ideologisch tatsächlich gefärbte steirische Dichter wie Ottokar Kernstock und Hans Kloepfer sich auch noch in der Nachkriegszeit großer Beliebtheit erfreuten, geriet Golls Dichtung weitgehend in Vergessenheit.
Erst mit dem Erscheinen einer zweisprachigen Ausgabe von „Im bitteren Menschenland/V trpki dezeli cloveka“ im Jahr 1997 in der Übersetzung von Vinko Oslak begann die Wiederentdeckung. / Salzburger Nachrichten
In der Nacht zum 17. Juli 1987 wurde der Schriftsteller Jörg Fauser auf der Stadtautobahn bei München von einem LKW überfahren und starb. Es war sein 43. Geburtstag. Die genauen Umstände sind bis heute nicht geklärt. Fauser gehörte zu den herausragendsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Seit der Alexander Verlag in Berlin vor knapp zehn Jahren mit der Herausgabe von Fausers Gesamtwerk begann, wird der Schriftsteller nach und nach wieder entdeckt. Anlässlich seines 25. Todestages zeigt das Lichtblick Kino in Berlin noch bis zum 18.7. Christoph Rüters Dokumentation „Rohstoff – Der Schriftsteller Jörg Fauser“ (2006) sowie Hans-Christof Stenzels „C’est la vie Rrose“ (1976) – eine experimentelle Hommage an Marcel Duchamp, für die Fauser allabendlich während der Dreharbeiten die Dialoge schrieb.
…
1984 war Fauser für den Bachmann-Preis nominiert, in der Jury saßen unter anderem Marcel Reich-Ranicki und Walter Jens. Sie stampften ihn in Grund und Boden, sie tobten über seine „schlechte Literatur“, verlachten ihn – während Fauser in sich hinein lachte, während das selbsternannte deutsche Literaturestablishment sich selbst demontierte. Es war der Tag, an dem man hätte aufhören müssen, diese traurigen Figuren ernstzunehmen./ Gerrit Wustmann, cineastentreff
Mein erster Text war eine Kontrafaktur von einem Gedicht des rumänischen Nationaldichters Mihai Eminescu. Ich hatte erstmals Rumänisch-Unterricht in der Schule und wollte meine Lehrerin beeindrucken. Wahrscheinlich war er es, bei dem ich früh ein wichtiges Prinzip begriff, dass es bei einem Gedicht auf die Sprachmelodie ankommt. Ich habe Eminescu auf der Lautebene imitiert. Für mich waren Rhythmus, Pausen, Synkopen, Kontrapunkte die eigentliche, strukturelle Ebene. Auf den Inhalt kam es mir nicht an; es war, glaube ich, ein romantisches, revolutionäres Liebesgedicht. Doch über das Melos habe ich begriffen, wie so ein Gedicht funktioniert – auch, oder gerade, über das Rumänische, das im Vergleich zum Deutschen eine ganz andere Klangtiefe, eine andere Grundmelodie hat. Später habe ich Heinrich Heines Gedichte in der Bibliothek meiner Mutter entdeckt – und mit ihm auch die Musik der deutschen Sprache. / Klaus Hensel im Gespräch mit faustkultur.de
Siehe auch klaushensel 2.0
Sie schreibt Gedichte über gynäkologische Situationen – ein Gynäkologe hat das Gedicht tatsächlich an der Decke seiner Praxis postiert, wo die Frauen während der Inspektion hinblicken. Eines ihrer kürzesten Gedichte mit dem Titel Landleben lautet: „Vater, Mutter, Rind“. Das ist stellenweise gar nicht so weit von Jandl oder der natürlich wieder ganz anders gearteten Vaterlyrik weg, die Nora Gomringer bei der Lesung im ausverkauften Hölderlinturm zur Hälfte ihren eigenen Texten beigesellt – auch wenn der Papa gar nicht dabei ist. Wunderbar konkretpoetische Schwiezerdütsch-Miniaturen vom alten Herrn sind darunter. Alter Herr – Eugen Gomringer ist Jahrgang 1925, da darf man so was schon mal sagen. / Peter Ertle, Schwäbisches Tagblatt
Vortragsgespräch mit Klaus Briegleb
– Fr 13.07.2012 – ACC, 20:00 Uhr –
»Unbestritten ist Heines Literatur ›die eines Aufbegehrens gegen Überkommenes‹ ist kritischer Widerspruch gegen ›die bestehende Ordnung.‹ Insofern dieser Widerspruch der universal-revolutionären Ordnung Vollendung des mit 1789 begonnenen Umsturzes gewidmet ist und Heines Schriften daher unter dem Titel ›Revolutionsliteratur‹ subsumiert werden können, lassen sie sich in mancher Hinsicht als ›Wörterbuch der Revolution‹ untersuchen.« [Jutta Nickel]
Ihr beider Liederabend war nicht nur gesanglich und pianistisch ein Ereignis. Er war auch eine entdeckerische Tat. Denn wer hat die „Liebeslieder des Hafis“ oder gar das posthum erschienene Lied „Das Grab des Hafis“, die der hellhörige polnische Großmeister Karol Szymanowski aus Bethges Nachdichtungen schöpfte, je (so) gehört?
Oder hat auch nur eines der raffiniert abgetönten „Poèmes chinois“ von Albert Roussel, der – als ehemaliger Leutnant der französischen Marine Fernost-erfahren – in dem moralfesten Lied „Réponse d’une épouse sage“ (Antwort einer weisen Gattin) gar eine Hindu-Skala nutzt? Wer hätte – last not least – überhaupt nur von den „Songs from the Chinese Poets“ eines Granville Bantock gehört: eines Zeitgenossen von Edward Elgar, dessen Chinoiserien mir ein bisschen zu kunstgewerblich klingen?
Trotz aller Entdeckungsfreuden: Johannes Brahms‘ klaviergetragene Liedkunst ist und bleibt das Sonnengeflecht – hier in Gestalt der Lieder und Gesänge op. 32 nach Platen und Daumer, der sich auch an Hafis versuchte. / Lutz Lesle, Die Welt
„Klein, schwarz, untersetzt, unruhig, mit dunklen stechenden Augen, ausladende Gesten, kleine Füße und kleine Hände“. So beginnt das Gedicht „Picasso“, in dem Max Jacob, der Künstlerfreund und zeitweilige Zimmergenosse Pablo Picassos, 1935 nicht nur das Aussehen sondern auch das Naturell Picassos ausführlich beschreibt. / kunstmarkt.de
Die Ausstellung „Ichundichundich – Picasso im Fotoporträt“ läuft vom 13. Juli bis zum 21. Oktober. Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg hat dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro; für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre ist er frei. Der Katalog ist im Hatje Cantz Verlag erschienen und kostet 34 Euro.
„Immer werd ich schreiben, süß und herb, / immer werd ich schreiben, bis ich sterb.“ Diese Verse stammen von einem der bedeutendsten österreichischen Exillyriker, nämlich von Theodor Kramer. Und er schrieb tatsächlich mit einer Leidenschaft und Intensität, die seinesgleichen sucht. Nach 61 Lebensjahren waren es weit über 10.000 Gedichte.
Sein Nachlass, der diese Gedichte und nahezu ebenso viele Briefe umfasst, gelangte nun durch eine großzügige Schenkung von Erwin Chvojka an die Österreichische Nationalbibliothek, wo er im Literaturarchiv archiviert und bearbeitet wird. / bücher.at
Der Meister der politischen Elegie zeigt sich hier in seiner ganzen Vielfältigkeit: Schwermütig-hintergründige Reisezyklen sind in dieser Compilation ebenso enthalten wie lakonische Gedichte, die sich unmittelbar aus urbanen Alltagsrealität speisen. Schulz’ Blick ist dabei niemals denunziatorisch, sondern immer empathisch. Ohne propagandistische Anflüge macht diese Lyrik auch gerade heute wieder die aktuellen Verwerfungen dingfest, die aus der allzu leichtfertigen Preisgabe gesellschaftlicher Errungenschaften für die Einzelnen resultiert. / Matthias Hagedorn, KuNo
copymetrien
copymetrie eines von hand
behauenen steins
ein-stein
zeit-alter
wird bezichtigt
da hat der wachturm gestanden
das haben wir nicht gewollt
schuld als kopie
unerfüllbaren wunsches
die kopiergesellschaft
steht kopf,
sich kopieren zu lassen
auch dieses gedicht
ist die kopie eines eigenen
copyright
Gino Hahnemann: Exogene Zerrinnerung. Texte Fotos. Berlin: Gerhard Wolf Januspress 1994, S. 5.
Gino Hahnemann, 1946 Jena – 2006 Berlin
Mehr: Literaturport
Natürlich ist Jan Kuhlbrodt absolut im Recht, wenn er Aloysius Bertrands Gaspard de la Nuit als unermessliche Entdeckung feiert (poetenladen.de 21.4.2012). Denn der Wert dieser Sammlung von Prosagedichten wurde über 150 Jahre massiv unterschätzt. 1842 und somit ein Jahr nach dem Tod des Autors erstmals erschienen, gilt Bertrands Werk heute als ein Schlüsseltext der Moderne in Frankreich. Ohne ihn wären Charles Baudelaires Les fleurs du Mal nicht denkbar gewesen und auch André Breton würdigt Bertrand im Manifest des Surrealismus von 1924 als „surréaliste dans le passé“, als Surrealist in der Vergangenheit. Als Leser des 21. Jahrhunderts muss man sich deshalb fragen, wie ein solcher Autor, ein solcher Text derartig in Vergessenheit geraten oder gar ignoriert werden konnte.
Bertrands Gaspard de la Nuit lässt sich wohl am besten als Werk des Übergangs begreifen. Es bildet ein Scharnier zwischen Romantik und Moderne, Lyrik und Prosa, bildender Kunst und Literatur. Aus dem 19. Jahrhundert heraus geschrieben, bilden die 54 Gedichte eine Zeitreise in das 14. und 15. Jahrhundert. / Mario Osterland, Poetenladen
Aloysius Bertrand
Gaspard de la Nuit
Phantasien in der Manier Callots und Rembrandts.
Aus dem Französischen übertragen von Jürgen Buchmann mit einem Nachwort des Übersetzers. Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2012
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