44. Wiener Feedback

Da nehmen sie die Poesie noch ernst. Helmut Seethaler, der Wiener „Zettelpoet“, wird für seine für Nichtwiener harmlosen Aktionen, bei denen keine Fassaden beschädigt werden, von Justiz und „Wiener Linien“ verfolgt, was ihm 1000 Anzeigen, 1 Million abgerissener Zettel und jetzt sogar eine Haftstrafe einbringt. Und Briefe wie diesen, Walter heißt er:

Du hinicha stadt-verschmutzer!
Wenn ich di amoi life seh: gibts ane in dei blede fressn! Walter heiss ich. Dass das nur wasst! Du debb du! Pickst daham auf de scheiss zeddln. du unnetiga.

43. Flexibel

Warum kaufst du das Buch, wenn du schon die Pdf hast, fragt mich der Verleger. Ist doch ganz einfach. Die Pdf hab ich gelesen, das Buch stell ich ins Regal. Wenn es nämlich ein schönes ist. Zur Not kann mans mal verschenken. Vorm nächsten Umzug??

Überhaupt, was soll das Entweder-Oder in der Debatte? Daß ich seit über 15 Jahren Dateien sammle und seit einiger Zeit einen Reader benutze, heißt doch nicht, daß ich die Bibliothek aufgebe. Ich habe viele Dateien gesammelt, eine zweite Bibliothek, aber noch habe ich mehr Bücher in Regalen.

Acht Stunden fliegt man von Paris bis New York, zurück etwas weniger. Ich hatte den Reader im Handgepäck, und zwei Taschenbücher. Eine Flugbegleiterin kam und forderte eine junge Frau auf, den Reader zu schließen (in den Start- und Landephasen sind elektronische Geräte verboten). Ich zog eine alte Reclamausgabe von Walt Whitman heraus und las fröhlich weiter.

42. Quark vom Patriarchen

Der Tag des Präsidenten beginnt mit Arbeit, Sport und Dusche. Erst sieht er wichtige Papiere durch, dann geht er in den Kraftraum, schwimmt einen Kilometer und nimmt eine Wechseldusche. Erst danach gibt es Frühstück.

Das besteht aus Brei, einem Glas Wachteleier und Quark mit Honig. Den Quark liefere ihm „der Patriarch selbst“. / Rußland aktuell

 

41. 1 frei

Ein Moskauer Berufungsgericht hat am Mittwoch das Hafturteil gegen eine Sängerin der russischen Punkband Pussy Riot aufgehoben, die Gefängnisstrafe für die beiden anderen jedoch bestätigt, melden Agenturen.

40. Bei den Maori

Im Gegensatz zur europäischen Tradition sagen die Maori, dass die Geschichte vor ihnen und die – ungewisse – Zukunft noch hinter ihnen liege. Aus ihrer Sicht kann man die Zukunft nur mit Kenntnis der Vergangenheit meistern, gestützt nicht zuletzt auf die Kraft und das Mana der Vorfahren. Die Aufforderung seitens des Staates und seiner Institutionen, endlich die Vergangenheit ruhen zu lassen und sich der Zukunft zuzuwenden, widerspricht grundlegenden Prämissen der Maori-Kultur und ist eigentlich nur aus der Geschichte der Kolonisierung verständlich: Als Maori-Häuptlinge 1840 den Vertrag von Waitangi unterschrieben, unterstellten sie sich dem internationalen Schutz der britischen Krone, was ihnen ermöglichen sollte, ihr Land weiterhin in eigener Regie zu nutzen und zu verwalten. Die englische Seite sah im gleichen Vertrag den Beginn der Kolonisierung, die zu grossem Landhunger einer wachsenden Zahl an Siedlern führte. / Ingrid Heermann, NZZ 6.10.

39. 300 Menschen

Wenn man in hier in Wellington den Buchladen „Unity Books“ betritt, wird man von einem recht eindrucksvollen Angebot neuseeländischer Lyrik begrüßt. Wer liest Gedichte in Neuseeland?
Schaut man sich die Buchverkäufe an, könnte man denken: so um die 300 Menschen. Lyrik hat in Neuseeland, wie in vielen westlichen Ländern, überhaupt keinen Warenwert. Man könnte sie nicht auf der Straße verkaufen. Ganz anders als Bananen, wahrscheinlich. Aber wenn man zu diesen großen Übergangsritualen kommt, Hochzeiten, Beerdigungen, wenn sich sehr primitive, tiefe menschliche Gefühle ihren Weg bahnen, dann kommen die Gedichte zum Vorschein.

(…)

Stiftet das auch Freiheit zu wissen, dass man kaum beachtet wird?
Ja, ich glaube, der Fakt, dass Poeten weitgehend ignoriert werden, gibt ihnen die Freiheit, die Grenzen auszuloten und sich Themen zu widmen, die bisher vernachlässigt wurden. In den USA der frühen 1960er sprach niemand öffentlich über Depression, psychische Erkrankungen, Abtreibung oder Selbstmord. Und dann schrieben Robert Lowell und Sylvia Plath Gedichte über diese Tabuthemen und machten sie für alle sichtbar. Plath hätte damals sicher keinen Artikel über Suizid in der New York Times veröffentlichen können.

/ Die Frankfurter Rundschau sprach mit dem neuseeländischen Dichter Bill Manhire

38. Epiphanien von beglückender Schönheit

Poesie sei die Suche nach Glanz, heisst es an einer Stelle, an einer anderen: «Poesie ist die Freude, unter der sich Verzweiflung verbirgt. Unter der Verzweiflung ist wieder Freude.» Und geradezu lapidar: «Ein Gedicht sollte besser enden als das Leben. Dazu ist es da.»

Zagajewskis Gedichte kennen den Zweifel und die Ambivalenz, das Irren und die Unverzagtheit, sie wissen um die Melancholie des Vergehens, aber mehr noch um Epiphanien von beglückender Schönheit. «. . . Ich suchte dich lange im Labyrinth des Abends; / ich mit dem Buch in der Hand, du im Sommerkleid / (das Buch – ungelesen, dafür öffnete sich das Kleid / wie der Umschlag eines neuplatonischen Traktats). (. . .) Es war Vollmond, leise liefen die Sterne.» / Ilma Rakusa, NZZ

Adam Zagajewski: Unsichtbare Hand
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2012
128 Seiten, 14,90 Euro

Mehr: DLR

37. Wo Lyrik noch etwas relevanter zu sein scheint

Die katalanische Tageszeitung ARA gibt zusammen mit dem Verlag Edicions 62 in diesem Herbst eine 42-bändige Buchreihe »Els millors poetes catalans del segle XX« [›Die besten katalanisch(sprachig)en Dichter des 20. Jahrhunderts‹] heraus. Begleitend dazu wurde für die Ausgabe vom 11. 9. eine 44-seitige Lyrik-Sonderbeilage mit Beiträgen renommierter Journalisten, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler gedruckt.

Jede Woche erscheint ein Band zum Preis von 9,90 Euro (wer die ganze Reihe bestellt, erhält 20% Rabatt, Abonnenten der Zeitung sogar 30%). Zum Auftakt wurde die sehr bekannte Antologia general von Josep Maria Castellet und Joaquim Molas neu aufgelegt. Es folgen 41 Bücher von 33 Autor/inn/en (bei besonders bedeutenden sind es auch mal zwei Bände).

Eine bemerkenswerte Marketing-Idee: Beim Erwerb der gesamten Reihe kann die/der Käufer/in ohne jegliche Zusatzkosten einer Schule ihrer/seiner Wahl eine komplette Sammlung schenken.

Ob dadurch wirklich mehr Lyrik gelesen werden wird? Ein wenig auf jeden Fall, glaube ich, denn wer sich – und sei es aus Prestige- oder Allgemeinbildungsgründen – ein paar Bände sagen wir mal Maragall, Riba, Espriu, Ferrater oder Maria-Mercè Marçal  ins Regal stellt (und erst recht, wenn es die ganze Reihe ist), die/der wird dann doch vielleicht eher mal hineinschauen, vielleicht einfach ein Gedicht, das ihr/ihm noch in Gedächtnis ist, nachschlagen oder suchen usw.

Schön finde ich aber darüber hinaus den kultur- und literatursoziologischen Aspekt. Lyrik wird hier offensichtlich weder als marginale Erscheinung gehandelt (obwohl de facto auf zeitgenössischen Poesie-Lesungen in Barcelona oder Lleida im Schnitt kaum mehr Zuhörer anzutreffen sind als in Berlin oder Regensburg) noch als Goldschnitt-Paraphernalium des Bildungsbürgertums oder als Schulpflichtlektüre.

[Natürlich kann man auch Einwände formulieren. Zum Beispiel, dass hier wohl letztlich ein politischer Wille dahintersteckt. Das stimmt, aber dazu kann ich sagen, dass im Koordinatensystem der katalanischen Identität die Lyrik von jeher eine große Rolle gespielt hat (wie natürlich die Sprache überhaupt). Außerdem finde ich es immer noch besser, sich über Gedichte zu definieren als über gewonnene Schlachten. Oder dass die Sammlung nur Autoren umfasst, die bereits gestorben sind. Da denke ich, dass die Herausgeber bewusst die Rangelei vermeiden wollten, die dort (nicht anders als hierzulande) losgegangen wäre.]

Alles in allem eine tröstliche Angelegenheit im Vergleich zu dem, was in #113 vom September vermeldet wird. Und vielleicht kontert die SZ-Bibliothek nun mit den besten oder bekanntesten deutschsprachigen Dichter/inne/n des 20. Jahrhunderts?

36. Dichterin der großen Emotionen

Marina Zwetajewa, die große Moskauer Dichterin des „silbernen Zeitalters der russischen Literatur“, hat immer aus dem Vollen gelebt und geliebt. Heute wäre sie 120 Jahre alt geworden. Hier ein Porträt.

35. Straßensperrung wegen Lyrik-Lesung

… in Lorsch:

dieses Mal fanden sich neben den bewährten Dichtern auch viele Liedtexter, Erich Kästner, Marie Ebner-Eschenbach, Rainer Maria Rilke, Kurt Tucholsky, Elisabeth Lukas und sogar Reinhard Mey. mehr

34. Luxbooks

Na, wo wohl? In Wiesbaden. Nämlich:

Dabei war und ist Wiesbaden auch die Heimat unabhängiger, experimentierfreudiger Verlage mit Mut zum Besonderen, deren Wirken weit über die Grenzen der Stadt hinaus wahrgenommen wird. Hatte früher einmal der Limes Verlag, in dem Werke von Gottfried Benn, William S. Burroughs oder Raymond Queneau erschienen, seine Räume in der Taunusstraße, so logieren heute Annette Kühn und Christian Lux mit ihrem Verlag luxbooks – na wo wohl? – am Luxemburgplatz. Und haben sich als unabhängiger Kleinverlag mit besonderem Schwerpunkt auf US-Lyrik in zweisprachigen Ausgaben sowie junger deutscher Literatur einen sehr guten Namen in den Feuilletons von Zürich bis Berlin gemacht. (…)

Im aktuellen Herbstprogramm der Lyrikspezialisten sollte man vor allem ein Auge auf den Band „raumanzug“ der Dichterin Simone Kornappel, die erst kürzlich mit dem „Orphil“-Debütpreis der Stadt Wiesbaden ausgezeichnet wurde, sowie die Anthologie „40% Paradies“ der äußerst umtriebigen Berliner Lyrikgruppe G13, haben. Und wer tatsächlich immer noch meint, mit Lyrik nichts anfangen zu können, dem liefert Christian Lux ein schlagendes Gegenargument: „Gerade die kurze Form, die sich in Häppchen genießen lässt, passt doch viel besser zu unserer hektischen Zeit als Prosa. Gedichte sind die optimale S-Bahn- oder Klolektüre.“   / Sensor Wiesbaden

33. Spätes Lesen

Die zwei Bildstrecken laufen aufeinander zu: Leser und Gelesenes sind ein und dasselbe, die Briefe sind Teil der Vergangenheit dessen, der sie liest. In ihnen ist konserviert, was einmal muntere Gegenwart war. Im Gedicht schwingen die Bedenken mit, es könnte davon nicht mehr viel zu finden sein, «spätes lesen» könnte ein zu spätes Lesen werden. Die zweite Strophe ist als Frage gefasst, der das Fragezeichen fehlt und die eher einem Wunsch gleichkommt: Möge noch etwas Licht in mir brennen! / Rudolph Bussmann über Andre Rudolph: spätes lesen. Tageswoche: Wochengedicht

32. Innere Musik

TOM SCHULZ feiert mit und bei uns das Erscheinen seines neuen Gedichtbands „Innere Musik“.

mit dabei sind außerdem:

  • HANNA LEMKE.prosa
  • MARIE T. MARTIN.lyrik
  • RON WINKLER.lyrik

Mehr Informationen und Texte der Autoren unter:

http://kreuzwortberlin.wordpress.com/2012/09/28/kreuzwort-am-08-10-hanna-lemke-marie-t-martin-tom-schulz-und-ron-winkler/

8. 10.
Im Damensalon
Reuterstraße 39
Berlin

31. Dürrson, Szymborska, Hauge

1959 erschien sein erster Gedichtband, „Blätter im Wind“, viele weitere sollten folgen. Zudem übersetzte er aus dem Französischen: Rimbaud, Michaux und Yvan Goll.  Dürrson, der 2008 auf Schloß Neufra bei Riedlingen starb, blieb zeitlebens der große Ruhm versagt. Sein aus dem Nachlass von Volker Demuth publizierter Band „Denkmal fürs Wasser“ (Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2012) bietet nun eine gute Gelegenheit, den Dichter Dürrson neu- und wiederzuentdecken.

Dürrson hat mit diesem Buch dem alles umspannenden Raum des Wassers ein Denkmal gesetzt, das sich, darf man so sagen, „gewaschen hat“. Dabei wäre ihm das Material zu diesem weitausgreifenden Projekt beinahe außer Kontrolle geraten: einmal wurde das Manuskript von einem Windstoß über die Reling eines Schiffes gefegt, ein anderes Mal samt dem Fahrzeug, in dem es sich befand, gestohlen. Dürrson versuchte, das Möglichste aus seinem Gedächtnis zurückzugewinnen, aber freilich, die ursprüngliche Fassung blieb, wie er in einer Nachbemerkung zum Buch schreibt, „uneinholbar“.

Wir können nicht darüber richten, wie viel von der „Gurgelsprache der Quellen“ Dürrson tatsächlich noch zu retten gelang. Bei diesem Dichter jedenfalls begegnet uns das Wasser in vielerlei Gestalt, wird es nahezu zu einem eigenen Charakter: mal unbezwinglich, mal vom Menschen domestiziert. Und Dürrson warnt: „wer ihm Rhythmen / austreiben will und // also den Fluss begradigt / verkrümmt stattdessen / die Erde.“ Dürrsons großer Zyklus „Denkmal fürs Wasser“ ist zugleich Lehrgedicht und Formenlehre des Meeres, seiner „Ur-Hohlformen“, „Wellungen Faltungen Ein- und Aus- / stülpungen“.

(…)

Mehr Ruhm zu Lebzeiten abbekommen hat eine Dichterin, von der es jetzt ebenfalls Gedichte aus dem Nachlass gibt: Wislawa Szymborska. Die 1996 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Polin hat das Buch „Glückliche Liebe und andere Gedichte“ (Suhrkamp Verlag, 2012) noch zusammen mit dem Verlag geplant; nun ist es allerdings zu ihrem Vermächtnis geworden, denn Szymborska starb im Februar diesen Jahres. Sie sei, schreibt ihr Kollege Adam Zagajewski, stets um das „Originelle, Spannende“ bemüht gewesen: „Sie liebte Konversation, gab sich ausgefallenen Lektüren hin und war an den unterschiedlichsten Wissenschaften interessiert.“

Die sie freilich auch hinterfragte, wie etwa ihr Gedicht „Träume“ verrät: „Wider das Wissen und die Lehren der Geologen, / ihrer Magneten, Kurven und Karten spottend – / der Traum türmt im Bruchteil einer Sekunde / Berge vor uns auf, so steinern, / als stünden sie in der Wirklichkeit.“ Über Teenager, alte Professoren, Verkehrsunfälle, Blinde und über Scheidung schreibt Szymborska in ihrem letzten Buch, und sie tut es so heiter und sarkastisch, wie man es seit je von ihr gewohnt ist.

Für den deutschsprachigen Leser zu entdecken ist endlich auch der Lyriker Olav H. Hauge. Hauge kannte jeden Grashalm seiner norwegischen Heimat, er bedichtete das Borstgras ebenso wie den Goldhahn, einen Fichtenwald oder einen einfachen Hauklotz. Nichts Geringes unter der Sonne, alles konnte dem 1908 in Ulvik Geborenen, der so sehr in der bäuerlichen Kultur seiner Heimat verwurzelt war, im Dichten bedeutsam sein. Aber Hauge übersetzte auch: Hölderlin, Trakl, Brecht und Celan ins Norwegische. Und er wusste: „Ein gutes Gedicht / soll riechen – nach Tee / oder nach roher Erde und frischgespaltenem Holz.“ Es mutet ein wenig seltsam an, dass viele norwegische Kritiker das 4000 Seiten umfassende Tagebuch des Dichters als sein Hauptwerk betrachten. Denn immerhin ist auch Hauges Poesie in über 100 Sprachen übersetzt und wird gelesen. Die 340 Seiten starke, von Klaus Anders in der Edition Rugerup (Gesammelte Gedichte, 2012) herausgegebene, übersetzte und kommentierte Auswahl schliesst da nur eine Lücke, von der man bislang nur nicht wusste, dass es sie gab. Weit ist Hauges poetischer Kosmos: „Frage den Wind, / voran den sachten. / Er schweift weit / und kommt oft zurück / mit guter Antwort.“

/ Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 8.10.

  • Werner Dürrson: „Denkmal fürs Wasser“ (Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2012)
  • Wisława Szymborska: „Glückliche Liebe und andere Gedichte“, aus dem Polnischen von Renate Schmidgall (Suhrkamp Verlag, 2012)
  • Olav H. Hauge: „Gesammelte Gedichte“, Hrsg. Klaus Anders (Edition Rugerup 2012)

30. Spielerisch

Nicht nur Hartung und von Petersdorff schreiben Sonette! Hier ein Buch, das zeigt, daß das Sonett auch jenseits des Hartungkanons geht (oder überhaupt nur da? Schließlich ist es eine Spielform). Vielleicht ist es eine gute Übung für Kritiker oder Leute, die Geschmack und Urteil schärfen wollen, diese beiden Bücher vergleichend zu studieren? Oder einfach nur Spaß haben (Leute wie Lothar Klünner und HEL stehen dafür). Überhaupt hat es keiner der beteiligten Autoren (ich nenne noch Klaus M. Rarisch und Gisela Kraft) in den Feuilleton- und Akademiekanon geschafft, zu recht? „In hundert Jahren wird man weitersehn“ – Thomas Kunst, auch in einem Sonett, nicht aus dem Band, sondern aus seinen streitbaren Gedichtgedichten. Man kann die Lebenden auch bei Lebzeiten lesen. Lothar Klünner ist 80, nur Gisela Kraft ist früh verstorben. Hier eine Rezension von Ralf Julke aus der Leipziger Internet-Zeitung:

Er trifft sie auch in diesem Büchlein, das sich einer kleinen Anzettelei aus dem Jahr 1995 widmet. So etwas zettelt freilich nur an, wer so eine seltene Spezies wie das Sonett mag. Etwa einer wie Herbert Laschet Toussaint (HEL, heute 55), der 1995 eine Vortragsreihe zum Sonett startete. Und Kollege Lothar Klünner (80) schrieb ein Sonett darüber, das sowas gar nicht mehr ginge. Und Klaus M. Rarisch (76) antwortete mit einem Sonett, das wieder ein Sonett herausforderte – und am Ende beschlossen Klünner und Rarisch einander ein Frühjahr lang mit Sonetten, in denen es auch heftig zur Sache ging, weil echte Sonettisten natürlich sofort sehen, wenn andere zwar so tun, als könnten sie Sonette schreiben – aber die strengen Regeln nicht einhalten.

Zwischenbemerkung: Nach den strengen Regeln der Sonett-Kunst sind einige der schönsten Sonette der Weltliteratur auch keine Sonette.

Was gar nichts macht, auch wenn die beiden in diesem Sonett-Dialog, den sie Tenzone nennen, einander fast die Köpfe abzureißen scheinen. Wobei augenscheinlich auch die „Tenzone“ nicht ganz hinhaut, denn anfangs geben sie sich gar nicht die Mühe, die Endverse ihres Kontrahenten aufzugreifen, um damit ihr eigenes Sonett zu beginnen.

Lothar Klünner und Klaus M. Rarisch & al., Hieb- und stichfest. Streitsonette, Reinecke & Voß, Leipzig 2012

Hier eine Rezension von Dirk Uwe Hansen