Ein Münchner im Dichter-Himmel
Mit 13 Jahren hat Pierre Jarawan sein erstes Gedicht geschrieben. Und jetzt? Ist der 27-jährige Münchner Deutschsprachiger Meister im Poetry Slam 2012.
tz-Interview mit Poetry Slamer Jarawan:
Lehrer lieben natürlich Poetry Slam, weil die Schüler dadurch eine ganz neue Beziehung zu Lyrik bekommen – das läuft schon anders ab als im ganz normalen Deutsch-Unterricht. Ich schätze, in Deutschland können so 40, 50 Leute hauptberuflich von Poetry Slam leben.
Bitte klären Sie uns auf, Herr Ingendaay: Wer ist José Manuel Caballero Bonald, der Cervantes-Preisträger des Jahres 2012? Und womit hat er das spanische Literaturerbe so preiswürdig bereichert?
Paul Ingendaay: Guten Tag, Frau Hondl. – Wenn Sie ihn erlebten, wenn Sie ihn auch mal im Fernsehen sähen, würden Sie ihn sofort mögen: 86 Jahre alt, ein Schamane seiner selbst, wie er genannt wurde, ein guter Dichter, der aus der Generation der 50er-Jahre ist. Die sind in Deutschland wenig bekannt geworden, weil sie in der dunklen Nach-Bürgerkriegszeit gelebt haben, geschrieben haben und unter Franco sich ducken mussten und ihre Lyrik irgendwie voran brachten zwischen Melancholie und leisem Protest. Das ist er auch, ein sehr anständiger Mann, ein Flamencologe, also Andalusier, aus dem Süden, und ein Mann, der 60 Jahre lang Lyrik geschrieben hat, die schön ist, melancholisch, präzise und wirklich noch nie ins Deutsche übersetzt wurde. / DLR
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
Liebe Freunde der Kunst,
hiermit laden wir Sie herzlich zum 8. Langen Abend der Galerien in Halle ein.
Begleiten Sie das blaue Wunder auf dem Galerierundgang oder philosophieren Sie mit Bertram Reinecke am Kiosk über das Thema „Abwesenheit“.
Ab 17 Uhr – und immer zur vollen Stunde – können Sie Andrea Knoblochs Skulptur „blaues Wunder“ ausleihen und so selbst eine temporäre Kunstausstellung im öffentlichen Raum arrangieren.
Bertram Reinecke referiert, diskutiert, rezitiert, erzählt und schildert Abwesendes zu jeder halben Stunde in unserer Schaubude am Reileck.
Wir freuen uns auf Sie!
Herzliche Grüße,
Ihr hr.fleischer e.V.
Die Ausstellung läuft bis zum 6.12.2012 und wird gefördert vom Land Sachsen-Anhalt.
Ezra Pound
Entwürfe und Fragmente – Canto [CXX]
I have tried to write Paradise
Do not move
…..let the wind speak
………that is paradise.
Let the Gods forgive what I
………have made
Let those I love try to forgive
………what I have made.
[CXX]
Ich versuchte, ein Paradiso zu schreiben
Rühre dich nicht
…..Lass den Wind reden
………….so ist es das Paradies.
Lass die Götter mir nachsehn, was ich
………….hervorgebracht
Lass die, die ich liebe, mir nachsehn
………….was ich hervorgebracht.
In: Ezra Pound: Die Cantos. In der Übersetzung von Eva Hesse und Manfred Pfister. Ediert von Manfred Pfister und Heinz Ickstadt. Kommentiert von Heinz Ickstadt und Eva Hesse. Zweisprachige Ausgabe. Zürich, Hamburg: Arche 2012, S. 1188 f.
Anmerkung:
Die Herausgeber haben sich – gegen Pounds Wunsch – entschieden, den Zyklus der Cantos mit einem Entwurf zu Canto CXX zu schließen, weil er wie ein „Envoy“ selbstkritisch auf das eigene poetische Projekt zurückblickt und es zugleich der Verantwortung des Lesers übergibt.
Ebd. S. 1427.
Ein Gericht in Katar verurteilte einen Dichter zu lebenslanger Haft wegen Aufruf zum Sturz der Regierung und Kritik am regierenden Emir, teilte sein Anwalt mit. In seinen Gedichten lobte Muhammad Ibn al-Dheeb al-Ajami den arabischen Frühling und kritisierte den katarischen Emir Scheich Hamad bin Khalifa al-Thani. Katar unterstützte die Aufstände in anderen Teilen der arabischen Welt.
Der 36jährige Ajami ist seit einem Jahr in Einzelhaft und hat seitdem seine Familie nicht gesehen. / NBC News
Ein schon etwas älterer Artikel zum Thema, in dem auch der vorige Cervantespreisträger vorkommt:
In Lateinamerika wurde und wird exzellente Lyrik geschrieben. Übersetzungen ins Deutsche gibt es heute allerdings kaum noch. Die grossen Literaturverlage und ihre Qualitätsreihen – etwa die Bibliothek Suhrkamp oder die Edition Lyrik-Kabinett bei Hanser – üben Verzicht. Mit der Edition Delta (Stuttgart) und dem Teamart-Verlag (Zürich) sind es zwei Kleinstverlage, die regelmässig Übersetzungen herausbringen, pro Jahr etwa ein bis zwei Bände. Andere wie der Rimbaud-Verlag oder Luxbooks bieten immerhin sporadisch etwas. Alles mit grossem Elan und oft in ansprechender Qualität, aber mit marginaler Resonanz in den Medien und Buchgeschäften, sodass es bei niedrigen Auflagen bleibt.
Das war nicht immer so. Bis vor wenigen Jahren noch gehörte es hierzulande wie selbstverständlich dazu, Gedichte des Chilenen Pablo Neruda (1904–1973) oder des Nicaraguaners Ernesto Cardenal (geboren 1925) zu lesen. Auch Gabriela Mistral und Octavio Paz konnten einmal als bekannt gelten. Schon etwas weniger Licht fiel auf Nicolás Guillén, César Vallejo oder Alejandra Pizarnik, auf Jorge Luis Borges und Roque Dalton. Aber immerhin, das war schon etwas.
Dennoch wurden viele wichtige AutorInnen bestenfalls in Anthologien aufgenommen oder gar nicht übersetzt. Ramón López Velarde, Leopoldo Lugones, Rosario Castellanos, Efraín Huerta oder Gilberto Owen gehören dazu, alles grosse Namen des 20. Jahrhunderts – ganz zu schweigen von zeitgenössischen LyrikerInnen. Als Nicanor Parra, Nerudas Gegenpol in der chilenischen Lyrik, im April 2012 den Premio Cervantes erhielt, die höchste literarische Auszeichnung der spanischsprachigen Welt, war sein Werk auf Deutsch nicht erhältlich.
Der Artikel von Valentin Schönherr, WOZ 19/ 2012, geht ausführlich und mit Beispielen von Mauricio Rosencof (Uruguay), Tamara Kamenszain und Alfonsina Storni (Argentinien), auf Übersetzungsprinzipien und den Unterschied spanischer und deutscher Dichtung ein.
Der spanische Schriftsteller José Manuel Caballero Bonald erhält den diesjährigen Cervantes-Preis, die bedeutendste literarische Auszeichnung der spanischsprachigen Welt, gab Spaniens Kulturminister Jose Ignacio Wert am Donnerstag bekannt.
Der aus Jerez de la Frontera stammende Andalusier, geboren 1926 (…), hatte vor 60 Jahren seinen ersten Gedichtband veröffentlicht. Er wurde zusammen mit anderen Schriftstellern der „Generation der 50er Jahre“ zugeordnet. Von dieser Kategorisierung hielt der Autor jedoch nichts. „Solche Schubladen sind Krücken für die Historiker, die Literaturhandbücher verfassen“, sagte Caballero Bonald. „Das Einzige, was dieser Gruppe gemeinsam war, sind der Widerstand gegen die Franco-Diktatur und ein gehöriger Alkoholkonsum.“
Anfang dieses Jahres erschien sein Buch „Entreguerras“ („Zwischenkriegszeiten“), das nach Worten des Schriftstellers sein bestes und voraussichtlich sein letztes literarisches Werk ist. „Dort habe ich alles zusammengefasst, was ich geschrieben und erlebt habe“, sagte er. Das ungewöhnliche Werk ist ein autobiografisches Gedicht, das aus fast 3.000 Versen besteht. / Der Standard
Nachzutragen 1. die Preissumme beträgt 125.000 Euro, 2. der höchstdotierte Preis geht auffallend oft an Lyriker (so gleich zum Start 1976 Jorge Guillen, so im Vorjahr Nicanor Parra), 3. von dem hochbetagten Autor wurde offenbar nie etwas ins Deutsche übersetzt. (Oder fahndet noch jemand?)
»High Windows«, 1974 bei Faber and Faber erschienen, wurde ein Bestseller. Die erste Auflage war innerhalb von drei Wochen ausverkauft und musste mehrmals nachgedruckt werden. In Zahlen stellt sich das Phänomen folgendermaßen dar: Juni 1974 – 6.142 Exemplare; September 1974 – 6.632; Januar 1975 – 5.985; Januar 1976 – 6.110. Zusätzlich erschien 1974 eine US-Ausgabe sowie 1979 die erste britische Taschenbuchausgabe, die es bis 1997 auf 110.000 Ex. brachte: also ca. 25.000 gebundene + zusätzlich 110.000 als Taschenbuch verkaufte Exemplare eines Gedichtbandes. Die spinnen die Briten!
Diese Informationen bietet Klaus F. Schneider in der Rezension einer neuen bibliophilen Larkin-Ausgabe. Und vergleicht mit deutschen Verhältnissen:
Für uns unvorstellbar, selbst um ein, sogar zwei Nullen ärmer, wäre eine entsprechende Auflage hierzulande ein Prestige Erfolg. Und das – darf man annehmen – auch für namhafte Verlage, nicht nur für ein Unternehmen, wie bezeichnenderweise wieder einmal eines wie dieses, das als Ein-Mann-Selbstausbeutung nach Dienstschluss aufgezogen ist und funktionieren muss. Dementsprechend wiederum keine Ausnahme sondern die Regel, dass der bisherige Höhepunkt im Verlagsprogramm, eine vierbändige Werner-Riegel-Werkausgabe (dem früh verstorbenen Weggefährten Peter Rühmkorfs), weitgehend unbeachtet blieb.
Schließlich ein schöner Übersetzungsvergleich, der es nicht bei Behauptungen beläßt, hier der Schluß daraus:
»Aubade« (1977) ist eines der letzten Gedichte, die Larkin veröffentlicht hat, bevor er verstummte, oder – wie er es nannte – ihm der Zwang oder Druck, Gedichte zu schreiben „the compulsion to write poems“ abging. Am Schluss wendet sich der Blick der unbarmherzig weiterlaufenden Welt zu. Und der ganzen alltäglich erdrückenden, apersonalen Unerheblichkeit und Gleichgültigkeit.
In einer älteren Übersetzung liest sich das so:
Inzwischen machen sich die Telefone fertig,
in verschlossenen Büros zu klingeln, und die ganze
vernachlässigte, verzwickte Mietwelt steht nun auf.
Der Himmel, weiß wie Ton, bleibt ohne Sonne.
Die Arbeit muß getan sein.
Briefträger gehn wie Ärzte nun von Haus zu Haus.Glabotki zufolge hat Larkin das so weder geschrieben noch intendiert. Bei ihm nämlich ducken sich die Telefone („telephones crouch“), und statt von einer (passiv) „vernachlässigten Mietwelt“ spricht Larkin von der sich (aktiv) nicht kümmernden und überdies nur angemieteten Welt:
Meanwhile telephones crouch, getting ready to ring
In locked-up offices, and all the uncaring
Intricate rented world begins to rouse.
The sky is white as clay, with no sun.
Work has to be done.
Postmen like doctors go from house to house.In der vorliegenden neuen Übersetzung ist diese Passage sinngemäßer übersetzt und kommt so auch der Larkinschen Satzmelodie wieder nahe:
Jetzt sind die Telephone sprungbereit fürs erste Klingeln
in noch verschlossenen Büros, und ohne sich zu bekümmern,
kommt die ganze geborgte Welt aus dem Nachtschlaf heraus.
Der Himmel ist weiß wie Lehm, ohne Sonnenlicht.
Es gilt Arbeit zu verrichten.
Briefträger gehen wie Ärzte von Haus zu Haus.
/ Klaus F. Schneider, Fixpoetry*)
Philip Larkin: »Aubade. Frühmorgenlied«. Deutsch von Richard Glabotki; mit 7 Illustrationen von Max Perna. 24 Doppelseiten; handgebunden-broschiert; 1. Aufl. – Stuttgart: Literarisches Bureau Christ & Fez 2012. 111 nummerierte und vom Künstler signierte Exemplare; ISBN 978-3-933591-11-1. (Bestelladresse: Postfach 80 04 62, 70504 Stuttgart.)
Werner Riegel: Ausgewählte Werke in Einzelausgaben:
1. Der Admiral. Stuttgart: Literarisches Bureau Christ & Fez, 2006. ISBN 978-3-933591-03-6;
2. Der senkrechte Mitmensch. 2008. ISBN 978-3-933591-05-0;
3. Heiße Lyrik. 2007. ISBN 978-3-933591-04-3;
4. Porträt eines Dichters. 2010. ISBN 978-3-933591-09-8;
*) Ich empfehle unbedingt ganz zu lesen, es gibt mehr Be-denkliches zur Übersetzung! Zeitungen, stockt euer Zeilenhonorar auf und bestellt direkt bei Dichters. Die erste, die meinen Vorschlag aufnimmt kriegt von mir n Abo! Nachweis der Honoraraufstockung per Fax an mich.

Samstag, den 15. Dezember, 12-18 Uhr
Lyrik-Bibliothek – Amalienstrasse 83a hinter der Universität
Lyrik als Geschenk
Große Verschenk-Aktion im Lyrik Kabinett
mit Dank an den
Verlag im Wald (Rüdiger Fischer)
Rüdiger Fischer, geb. 1943 in Trier, war bis 2004 Lehrer für Fremdsprachen an einem Gymnasium im Bayerischen Wald. 1991 gründete er den Verlag im Wald, in dem seither 140 Titel fremdsprachiger Lyrik erschienen (in ein oder mehrsprachigen Ausgaben): 7 Anthologiebände, 58 Titel aus Frankreich, 10 aus Belgien, des Weiteren Titel von italienischen, neugriechischen, polnischen, israelischen, tschechischen, rumänischen und kolumbianischen und deutschen Verfassern.
Aus gesundheitlichen Gründen stellt der Verleger nun seine Arbeit ein und wünscht sich, dass seine Bücher in die Hände von Lesern gelangen, die sie schätzen können.
Deshalb findet im Lyrik Kabinett eine Verschenk-Aktion von ca. 100 Titeln dieses Verlages statt. U.a. können Sie dort erhalten: Lyrik aus Belgien, Polen, Luxemburg, Frankreich, den USA, der Tschechischen Republik, von Werner Lambersy, Liliane Wouters, Yves Namur, Hélène Dorion, Gérard Bayo u.v.a. Das Programm des Verlags im Wald finden Sie unter: http://www.verlag-im-wald.de/
Kommen Sie, schmökern Sie – bei Kaffee und Kuchen – und bereichern Sie an diesem Tag Ihren Bücherschrank wie Ihren Kopf und diejenigen Ihrer Freunde! Wir freuen uns auf Sie!
Rüdiger Fischer
Dr. Maria Gazzetti
Esther Ackermann
Ursula Haeusgen
Christiane Gerber
(Also nix wie hin! Leider im Norden unabkömmlich, oh oh!)
Das Haus Erich Fried in Staufen ist nach jenem Lyriker benannt, den die Nachwelt als großen Humanisten erinnert und dessen schönstes Gedicht, „Was es ist“, jeder kennt, für den Lyrik kein Fremdwort ist. / Badische Zeitung
Für wen schreibt der Autor: Nur für sich? Dann hört der Spaß schnell auf. Ein Massengeschmack existiert auch in der Demokratie. Der unpopuläre Autor ist ein Widerspruch in sich, und eine prekäre Existenz. Ich will ein Gedicht auf Jean-Claude Juncker versuchen, den Vorsitzenden der Euro-Gruppe. Sollte es mir gelingen, habe ich mich wirksam in die Demokratie eingebracht. Warum sollte man nur in Nordkorea für die Massen schreiben?
Erster Versuch, ein Gedicht auf Jean-Claude Juncker zu schreiben
Du Sohn eines Hüttenwerkspolizisten
Und stolzer Lenker der Euro-Gruppe
Mit 49 Preisen geehrt
Verteidige die Währungsunion
In diesen stürmischen Tagen
Gib uns sicheres Geld
Der wir dir unsere Stimme geben
Dass nicht nur Luxemburg
Sondern ganz Europa Steueroase wird
Dafür wählen wir dich und
Rufen deinen klingenden Namen
Jean-Claude Juncker
/ Jan Decker, fixpoetry
Derjenige, diejenige, die bloß sagen kann: ich bin Flüchtling, ist Flüchtling. Das nichts begründet den Flüchtling wohl; weniger als fünf Worte begründen ihn.
Das nichts ist eine gute Begründung. Welche Begründung aber verlangt die Genfer Flüchtlingskonvention vom Flüchtling? Die Konvention, in ihrer deutschen Fassung, verlangt – definiert nicht, sondern verlangt -, daß der Flüchtling seine Furcht – die Furcht vor Verfolgung – wohl begründet. Soweit ich die Sache verstehe, gab es einen Originaltext der Genfer Flüchtlingskonvention und dieses Original ist in englischer Sprache verfaßt. Die wohlbegründete Furcht heißt im englischen Original well-founded fear. Well-founded bedeutet nicht unbedingt, daß der, der sich fürchtet, die Furcht mit einer Begründung versehen muß. Von den guten Gründen der Furcht ist zwar die Rede, nicht aber vom Begründen. Dem Furchtsamen ist hier keine Aufgabe gestellt – es wird nicht gesagt, daß er begründen soll. Die englische Version sagt, sagt möglicherweise, daß es gute Gründe geben soll – nicht aber, daß der sich Fürchtende die Aufgabe hat, sie aufzuzählen. Mit well-founded ist keine Aussage von dem sich Fürchtenden gefordert. Es soll da nur eine solide, substantielle Basis geben: well-founded, aber nicht notwendigerweise ausführlich und mühsam begründet, gegen Einwände und Zweifel. Die Alternative zur wohlbegründeten Furcht ist nicht die schlecht oder unzureichend begründete Furcht; die Alternative ist die unbegründete Furcht, die Furcht, zu der es gar keinen Grund gibt, die unbegründbar ist. Hören wir in dieser Sache Shakespeare, ‘Macbeth’, Akt III, 4. Szene: “Then comes my fit again. I had else been perfect, whole as the marble, founded as the rock.” Doch kam mein Anfall wieder. Vollkommen wär ich sonst gewesen, wie der Marmor ganz, wie der Fels gegründet. Bei diesem Felsen geht es nicht darum, daß ihn jemand begründet. Ich denke mir: Keine Beweislast oder Begründungslast liegt bei dem Flüchtling.
Um die Sache verzwickter zu machen, heißt es in der deutschen Fassung: “… aus Gründen der Rasse etc. verfolgt zu werden.” Es sieht so aus, als ob diese Gründe die Gründe sind, die die nach Europa Geflüchteten in ihrer Begründung wohl-begründen sollen. Diese Vermischung von wohl-begründen und Gründe findet sich im englischen Text nicht. Dort heißt es well-founded und reasons. A well-founded fear scheint mir eine tiefgehende oder tiefreichende Angst zu sein. Es ist damit wohl eine große Angst gemeint, die so groß ist, daß jemand aus seinem Land flüchtet und alles ihm Wichtige zurückläßt oder verliert.
/ Peter Waterhouse : FÜGUNGEN. Versuch über Flucht und Recht und Sprache, in|ad|ae|qu|at : mitSprache 2012 Dokumentation
2001 erlag Amado vier Tage vor seinem 89. Geburtstag einem Herzinfarkt, seine Asche wurde unter dem Mangobaum in seinem Garten verstreut. Seine Utopie der Mischkultur ist nicht wahr geworden. In Brasilien gibt es immer noch über 140 Namen für die eigene Hautfarbe. Von sehr weiß, blass-weiß, ein bisschen braun, zimtbraun, kaffeebraun, halb-braun, halb-schwarz bis fast schwarz. Und noch immer geht es darum, ein klein bisschen weißer zu scheinen.
/ Michaela Metz, Süddeutsche Zeitung 21.11.
In dieser Besprechung einer Neuübersetzung zum 100. Geburtstag Jorge Amados geht die Autorin auch auf die Rezeption Amados in beiden Deutschlands ein.
In Westdeutschland schätzte man die Romane Amados, der sich spät doch noch vom Kommunismus abwandte, als eine Art Soft-Porno-Folklore mit braunen Brüsten, prallen Kreolinnen, geschmeidigen Mulattinnen, Samba, Hexerei, Zauber und Fetisch.
Andersherum, man ahnt es, in der DDR:
Wegen seiner politischen Haltung war er in der DDR wohlgelitten.
Das leuchtet so ein (obwohl ich mich erinnere, daß auch wir nach den einschlägigen „Stellen“ suchten). Dann stutze ich doch etwas:
Die Übersetzungen waren jedoch den politischen Vorgaben angepasst, ohne Kenntnis der brasilianischen Kultur und Sprache aus dem Französischen fehlerhaft ins Deutsche übertragen.
Wirklich? Das muß ich überprüfen. Ich nehme die drei ersten Bände in die Hand und finde: Werkstatt der Wunder. Aus dem Portugiesischen von Kristina Hering. Kapitän auf großer Fahrt. Aus dem Portugiesischen von Sigurd Schmidt. Das Nachthemd und die Akademie. Aus dem Portugiesischen von Andreas Klotsch.
Nanu? In meinem Regal stehen 12 Romane Amados im Hardcover, bestimmt noch was in Paperback. Ich ziehe noch einen heraus: Das Land der goldenen Früchte. Aus dem Portugiesischen von Roland Erb.
Das sind Bände aus einer Reihe „Ausgewählte Werke in Einzelausgaben“. Wetten, daß jedes aus dem Original übersetzt wurde?
Meinung statt Recherche, denke ich mal. Das Übliche.
Vielleicht komme ich mal dazu, die Übersetzungen zu vergleichen – auch wegen der eingestreuten Gedichte oder Kultsprüche.
ENZENSBERGERS JUNI-LEKTÜRE
Der Spiegel 6.6. 1962 *)
GOTTFRIED BENN
„AUTOBIOGRAPHISCHE UND VERMISCHTE SCHRIFTEN“
Limes Verlag, Wiesbaden; 524 Seiten; 25,50 Mark
Gottfried Benn hat sich zeit seines Lebens für einen Denker gehalten. Er neigte zum Pathos der Präzision und nannte sich gern einen „Intellektualisten“: „Das ist wohl jemand, der Begriffe liebt, scharf wie Brotmesser.“ Leser und Kritiker ließen sich blenden und übersahen, was an Benns Gedanken schartig und verrostet war.
Mit Definitionen hielt der Meister sich ungern auf: „Geistanthropologischer Geist, arthaftes Prinzip, Entelechie, Ursein, Bewußtsein.“ Das ist verblasen gedacht und schlammig formuliert. Oder: „Mich sensationiert eben das Wort … rein als assoziatives Motiv, und dann empfinde ich ganz gegenständlich seine Eigenschaft des logischen Begriffs als den Querschnitt durch kondensierte Katastrophen.“ Überhaupt diese unglückliche Liebe zu Fremdwörtern: „Autopsychisch solitär, faulig monokol“; „syndikalistisch-metaphys“: vor derartigen Unfällen hätte den Denker jedes Wörterbuch bewahren können. „Alles ist monistisch, alles ist transzendent.“ Hat sich denn nie jemand gefragt, was solche Sätze bedeuten sollen? Philosophie als Rührei, und im nächsten Atemzug dann die prophetische Gebärde: „Soweit ich viertausend Jahre Menschheit übersehe -“
So ward Benn, der die Feuilletonisten mit Hohn übergoß, selbst zum Musterstück der Gattung. „Schriftsteller, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind“, schrieb er, „nennt man in Deutschland Seher.“ Benn indessen war seiner Sprache intellektuell nicht gewachsen: sie lief ihm auf und davon. „Stil“, verkündete er, „ist der Wahrheit überlegen.“ Aber die Wahrheit nahm Rache an seinem Stil. 1932 sinnierte er über die Wirtschaftskrise und kam zu dem Schluß, „daß alle Dinge ihren Widerspruch in sich tragen, daß auch der Weizen umschlagen kann vom Vorteil in die Vernichtung, daß auch die Kornfrucht nicht losgelöst ist aus dem Lebensgesetz tragischer Dialektik“.
Ein Jahr später war die Verfinsterung der Gedanken vollkommen. Die Sprache ging dabei vor die Hunde: die Machtergreifung Hitlers war „eine der großartigsten Realisationen des Weltgeistes“, Treue „das Mark der Ehre“, „‚unerschöpflich“ der „Schoß der Rasse“. „Gegenargumente lagen eigentlich gar nicht vor.“ Hilflosigkeit: „Nun hatte ich mich ja in gewissem Sinne entschieden gehabt, mich der Volksgemeinschaft anzuschließen, aber doch nicht in diesem Sinne.“ Zehn Jahre später, angesichts des Trümmerhaufens, dankte der „Radardenker“ endgültig ab, der einst auf Hegel, auf die „Anstrengung des Begriffs“ sich berufen hatte: „Man kommt den Dingen mit Gedanken nicht mehr nahe.“
*) Tja, damals war ich für den Spiegel zu jung. Heute ist er für mich zu alt. So kommen wir nie zusammen. M.G.
Nicht zuletzt weil ein Liebesgedicht meistens angewandte Kunst ist (das heißt geschrieben, um das Mädchen zu kriegen), entführt es den Autor in ein Extrem der Gefühle und wohl auch der Sprache. Die Folge ist, daß er sich selbst – seine psychischen und stilistischen Parameter – besser kennt als je zuvor, wenn er aus einem solchen Gedicht wiederauftaucht, was die Beliebtheit dieses Genres unter seinen Anwendern erklärt. Außerdem kriegt der Autor manchmal das Mädchen.
Joseph Brodsky, in: Der sterbliche Dichter. Über Literatur, Liebschafen und Langeweile. Aus dem Amerikanischen von Sylvia List. Frankfurt/ Main: Fischer 2000 (1. Hanser 1998, am. Ausg. New York 1995).
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