Schlagzeile und Untertitel stehen in merkwürdigem Kontrast:
Kulturausschuss: Hermann-Stehr-Straße wird umbenannt
Ehrenrettung für einen Heimatdichter
Und es stimmt: auf Antrag der Anwohner wird die Straße in Neuenkirchen im Münsterland umbenannt:
Die Frage der Straßennamen in St. Arnold ist in den vergangenen zwei Jahren zu seinem Steckenpferd geworden. Dürfen Dichter, die den Nazis gehuldigt haben, heute noch mit einem Straßennamen geehrt werden? Diese Frage stand und steht über allem. Agnes Miegel hat es als erste getroffen, Friedrich Castelle und Karl Wagenfeld folgten. Am Montag schloss sich ihnen Hermann Stehr an. Auch diese Straße wird umbenannt; Beschluss: einstimmig.
Eine Art salomonischer Lösung. Die Straße wird einstimmig umbenannt und die „Ehre“ trotzdem nicht verletzt:
War Hermann Stehr Nazi? Die Historikerkommission in Münster unter Leitung von Professor Hans-Ulrich Thamer sieht das so. Stehr habe die Morde im Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch 1934 gerechtfertigt und sei „aktiv“ an der Bücherverbrennung beteiligt gewesen. Außerdem habe Stehr 1939 ein Gedicht veröffentlicht, in dem Hitler „in drastischer Weise wie ein Gott verherrlicht wird“.
Hauptamtsleiter Klaus Beckmann kommt zu anderen Ergebnissen. „Diese Behauptungen sind teilweise nicht belegbar beziehungsweise sogar grob falsch“, sagte er am Montag im Kulturausschuss. Die Gemeinde halte es für „richtig und wichtig, dass Menschen, die eine Ehrung nicht verdient haben, heute nicht mehr geehrt werden sollten“. Es solle aber auch niemand zu Unrecht belastet werden. „Aber Stehr war kein Verbrecher und kein Nazi, es liegt deswegen kein zwingender Grund für eine Umbenennung der Straße vor“, so Beckmann. (…)
Beckmann kämpft gegen Rufmord und kommt zu dem Schluss: „Die Wissenschaft arbeitet nicht so, wie sie sollte“ und warnt vor einer „Wissenschafts-Gläubigkeit“, der viele verfallen. „Dann steht es falsch bei Wikipedia, und alle Welt kopiert es dort – zulasten der betroffenen Person“, mahnte Beckmann.
/ Jörg Homering, Münsterländische Volkszeitung
Christoph Ransmayr und Raoul Schrott als Poetik-Dozenten an der Universität Tübingen
Mit der 26. Tübinger Poetik-Dozentur kommen Christoph Ransmayr und Raoul Schrott an die Universität Tübingen. Die Vorträge finden vom 10. bis zum 14. Dezember 2012 jeweils um 20.15 Uhr im Audimax der Universität Tübingen statt. Am 16.12. liest Christoph Ransmayr um 11.00 Uhr in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall. Die Reihe ist ein Projekt der Adolf Würth GmbH & Co. KG. Sie findet seit 1996 am Deutschen Seminar in Tübingen statt. Einmal im Jahr – in der Regel im Herbst – werden zwei Autoren eingeladen, die öffentliche Vorlesungen halten sowie Seminare und Workshops für die Studierenden der Universität anbieten. In den letzten Jahren waren u.a. Jonathan Franzen, Daniel Kehlmann, Juli Zeh, Feridun Zaimoğlu, Ilija Trojanow, Péter Esterházy, Terézia Mora, Brigitte Kronauer, Lars Gustafsson, Ruth Klüger, Amos Oz und Herta Müller zu Gast.
Atlas eines ängstlichen Mannes – so heißt Christoph Ransmayrs neuestes Werk. Dabei ist Christoph Ransmayr mitnichten ein furchtsamer Autor: Ihm und seiner „außergewöhnliche[n] Sprachbegabung“ (Süddeutsche) gehören die ganz großen Themen. In der Letzten Welt, im Schrecken des Eises und der Finsternis, im ewigen Moor spielen seine Geschichten, immer dort also, wo sich Weglaufen verbietet oder schlicht unmöglich wird. Ransmayr bekennt sich emphatisch zur Literatur als einem Ort, der nicht ins Nebensächliche ausweicht: „Es gibt wahrscheinlich kein Erzählen, jedenfalls keines, das diesen Namen verdient, in dem es nicht irgendwann um Leben und Tod ginge.“ Der Philosoph, Dichter, Bergsteiger und Kosmopolit wurde 1954 in Wels/Oberösterreich geboren. Nach einigen Jahren in Irland und unzähligen Reisen – unter anderem mit Raoul Schrott – lebt er heute wieder in Wien.
Wenn es so etwas wie eine Archäologie der Literatur oder der Kultur gibt, dann ist Raoul Schrott ihr einziger legitimer Vertreter. Schrott verteidigt seinen Gestus des Universalgelehrten gegen die moderne Spezialisierung. Seine Provokation liegt in der Überzeugung, die imaginären Fundamente der Wissenschaft mit Hilfe der Poesie zu erschüttern. Raul Schrott wurde 1964 in Landeck (Tirol) geboren. 1988 promovierte er mit einer Arbeit über den Dadaismus zum Dr. phil. Er habilitierte sich am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Innsbruck und hat sich einen Namen als Herausgeber, Lyriker, Romanautor, Übersetzer und als Essayist gemacht.
Eine ausführliche wissenschaftliche Debatte löste er 2008 aus mit einer neuen These zu Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe. Ebenfalls 2008 erschien seine neue Übersetzung der Ilias.
Alle Vorlesungen finden im Audimax der Universität Tübingen in der Neuen Aula (Geschwister-Scholl-Platz) um 20.15 Uhr statt.
Die Veranstaltung richtet sich an alle Interessierten, der Eintritt ist frei.
Weitere Informationen zu den Autoren und zur Veranstaltung finden Sie unter
www.poetik-dozentur.de.
Termine:
Vorlesungen Christoph Ransmayr
Montag, 10.12., Dienstag 11.12., Mittwoch, 12.12.
Vorlesungen Raoul Schrott
Donnerstag, 13.12., Freitag, 14.12.
16.12.2012 (11.00 Uhr)
Lesung mit Christoph Ransmayr in der Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall
/ idw
Die Ausgabe Nr. 24 der Literaturzeitschrift – Der Dreischneuß – mit dem Thema Geständnisse bringt Lyrik und Prosa als Erstveröffentlichungen folgender Autoren:
Willi Achten, Eva Austin, Rolf Birkholz, Jan Decker, Monika Dieck, Alex Dreppec, Elke Engelhardt, Axel Görlach, Brigitte Halenta, Rouven Hehlert, Sandra Hlawatsch, Klará Hurkvá, Deike Lautenschläger, Herbert-Werner Mühlroth, Angelica Seithe, Michael Spyra, Armin Steigenberger, Rolf Stolz.
Die Federzeichnungen sind von Karin Tauer. Rezensionen von Regine Mönkemeier
Der Dreischneuß, Marien-Blatt Verlag, Lübeck
„Warum die Tage kleiner werden weiß / ich nicht liegt es an Sparmaßnahmen“, fragt der Augsburger Lyriker Max Sessner in seinem neuen Gedichtband „Warum gerade heute“. In seinen Texten wird alles zur Poesie: vom Fußballplatz über die Toilette bis eben zu den Sparmaßnahmen. Es schwebt eine aufmerksame, ja sorgsame Melancholie über seinen Versen, die eine geistige Verwandtschaft mit dem Hainichener Andreas Altmann nahe legt, der gerade mit dem sächsischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet wurde und in seiner Lesung anlässlich der Preisverleihung auch einen Text von Max Sessner zitierte. / Matthias Zwarg, Freie Presse 28.11.
Max Sessner „Warum gerade heute: Gedichte“. Wien, Literaturverlag Droschl; 100 Seiten für 16 Euro.
Preisverleihung: Morgen, 18 Uhr, Festsaal der Stadtwerke Klagenfurt.
Und das war „eine totale Überraschung“, so die 39-jährige: „Als Josef Winkler (Anm.: der Autor ist Jurymitglied) mir das telefonisch mitgeteilt hat, konnte ich es erst gar nicht glauben.“
Denn auch wenn das Schreiben für die Kommunikationsberaterin und Werbetexterin das tägliche Brot ist, war Lyrik für sie ein „absolutes Neuland“: „Ich musste sogar nachschauen, was für eine Gattung das eigentlich genau ist“, gesteht die Klagenfurterin. „Aber die Ausschreibung hat mich so angesprochen, dass ich gedacht habe: Das muss doch zu machen sein.“ (…)
Insgesamt konnte Anna Baar rund 260 Mitbewerber hinter sich lassen. Vergeben wurde von der Jury unter Vorsitz von Manfred Posch auch der Sonderpreis des Landes Kärnten, der – auch für ihr bisheriges Wirken als Lyrikerin – an Delphine Blumenfeld geht.
Aber auch die Stadtwerke selbst dürfen sich über einen Preis freuen: Zum dritten Mal werden sie für ihr Engagement in Sachen Lyrik mit dem Kunstsponsoringpreis Maecenas ausgezeichnet.
Seine Gedichte sind ganz und gar unpersönlich. Sie beerben Objektivisten wie George Oppen und Dingdichter wie den von Yang mehrfach zitierten Francis Ponge: jeder Text ein aus Lautmaterial, zoologischer Terminologie, philosophischem Gedankengut geborener und schillernd in sich verschlosser Mikrokosmos. Yang, schreibt Eliot Weinberger in seinem Vorwort, führt die US- Dichtung jenseits aller Ironie „auf ihre lyrischen und epischen Funktionen zurück. Episch: als ein Warenlager voller Informationen, gefüllt mit all dem, was eine Kultur von sich und der Natur, von den Göttern und anderen Menschen weiß. Lyrisch: als Feier und vernichtende Kritik zugleich, als Bewunderung der Welt und Empörung darüber, wie sie häufig ist.“ Yangs Bewusstseinsmeer wird durchkreuzt vom hinduistuischen Vishnu und daoistischen Zhuangzi, aber auch von völlig unerwarteten Bewohnern wie Google, Intelligent Design oder den U.S. – letztere „ein kleiner Fisch / mit falschem Kopf, oder ein großer Fisch / mit falschen Schuppen; oder ein Traum / vom perfekten Fisch, / der zum Alptraum wird“. / Gregor Dotzauer, Potsdamer Neueste Nachrichten 27.11.
Jeffrey Yang: Ein Aquarium. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender. Berenberg Verlag, Berlin 2012. 96 Seiten, 19 €. – Autor und Übersetzerin stellen den Band am heutigen Dienstag um 20 Uhr in der Berliner Literaturwerkstatt vor.
Lydia Daher bekommt den bayrischen Kunstpreis, meldet die Welt.
Aber hatten wir das nicht schon mal? Im exakt gleichen Wortlaut der längere Artikel von Hermann Weiß im August in der gleichen Zeitung. Mit dem gleichen Start, laut dem er „zu den Geschlagenen gehört, die Lyrik – wie Mathematik – als gehobene Form der Körperertüchtigung erdulden mussten“. (Und nur bei Brechts Liebeslyrik und Lydia Daher eine Ausnahme macht). Sowas merken wir uns doch. Easy writing mit Copy and Paste. Anscheinend zahlen die gut.
Heute wird der Preis überreicht. L&Poe gratuliert.
Bist du was, wirst du doch gleich anders wahrgenommen:
Als Detering vor acht Jahren seinen Lyrikband „Schwebstoffe“ veröffentlichte, galt der Germanist, Kritiker und Übersetzer bereits als Meister seines Faches.
So in einer FAZ-Rezension des nunmehr dritten Gedichtbandes.
Bereits ein Meister – das schafft wahrlich nicht jeder. Der Rezensent sagt nicht genau welches Fach er meint, das Germanisten- oder Lyrikerfach, und auch nicht bei wem er als Meister galt. Er muß das nicht sagen, er spricht im (Hoch-)Feuilleton, das Allgemeingültiges verkündet. Bist du was in dieser Welt, wird gleich dein erster Band beachtet und belobt. Und es bleibt ja nicht dabei:
Seither hat sich viel verändert: Leibniz-Preis, Präsidentschaft der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der zweite Gedichtband „Wrist“. Den neuen Gedichtband scheint das beeinflusst zu haben.
Und vielleicht gar seine Wahrnehmung. Wenn man Meister steigern kann.
Tatsächlich, Goldschnittlyrik geht noch:
Detering mag sich dem Schattenreich zuwenden, er pflegt dennoch eine zugängliche Sprache, einen unprätentiösen, leichten, humorvollen Ton. Seine Gedichte wirken wie Treffen mit alten Bekannten. Nach einem ersten Überraschungsmoment entspinnt sich ein vertrautes Gespräch, das alte Fäden aufnimmt und Neuigkeiten in den vorhandenen Wissenshorizont einordnen kann. In manchen Momenten parlieren die Gedichte derart stil- und formsicher auf der Bühne literarischer und kultureller Größen, als stünden sie in diplomatischen Diensten. Adorno hat solche poetische Eleganz einmal mit dem Begriff der „Goldschnittlyrik“ geschmäht. Noch im selben Atemzug hat er jedoch davor gewarnt, diese Gedichte einfach abzutun. Immerhin könne sich hinter der glatten Oberfläche eine eigentümliche Rauhheit verbergen, die erst eine Auseinandersetzung mit dem einzelnen Gedicht herausfordere.
Die Gedichte regen den Rezensenten auch zum Blick über den Buchrand an:
Haben wir Obama nicht so betrachtet wie Büchner einst das Genie Lenz? Haben wir in ihm nicht etwa einen Mann gesehen, der sich in seiner Gestaltungskraft vollkommen frei fühlt? „Müdigkeit spürte er keine“, heißt es von Lenz, „nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“
Na gut, den „Lenz“ lesen wir noch mal genauer, gelt? Nämlich des is a Schmarrn issas.
Die Rezension von Christian Metz steht in der FAZ vom 26.11. und hier im Netz.
Heinrich Detering: „Old Glory“. Gedichte.
Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 74 S., geb., 16,90 [Euro].
Die auf fünf kurze Kapitel verteilten Gedichte werfen sich niemandem an den Hals, aber genau wie die eingangs erwähnten Zeitschriften und Anthologien vermag auch „im toten winkel des goldenen schnitts“ als formidable Fundgrube herzuhalten – als eine Fundgrube für stimmungsvolle, an vielen Stellen extrem plastische Bilder, für steile Einstiege und schön gewählte Titel, für Passagen mit phonetischem Wohlklang, für stimmige und gleichzeitig überraschende letzte Zeilen, so wie hier:
balcke & heym
überm winter die landschaft durch watte & licht-
schrulle leer. eisiger werder. er wolle den raureif
feiern. wenn er sterbe seien die menschen tot. Wie
stottern sei das nur dass nichts hängen bleibe denn
da werfe man ja die silben in eine art doppelten
boden. die welt klappe nach hinten. aber eigentlich
stottere niemand. das sei nur reminiszenz an die
rememorierte gegend zwischen havel & havel.
/ Stefan Heuer, Cineastentreff
Ich bewundere Schriftsteller, die trotz offensichtlicher Schwächen Größe erlangt haben: den Polen Stanislaw Ignacy Witkiewicz, der 1939 gestorben ist, die Amerikaner Walt Whitman und Robinson Jeffers und den Russen Boris Pasternak. Auf die Frage, welches die Kriterien der Größe in der Literatur sind, antworte ich: kosmische Weite der Vision und Großzügigkeit.
Übersetzt von Eva Rottenberg, in: Czesław Miłosz: Zeichen im Dunkel. Poesie und Poetik. Hrsg. v. Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1996 (1. 1979), S. 116.
Google bildet. Ungemein. Fünf Fundstellen für „Deutsche Grashalme“, unverändert eingefügt:
In einer Pressemitteilung der Stadt Dresden zum Dresdner Lyrikpreis im redaktionellen Teil das Übliche (Renommiersprache gepaart mit Ungenauigkeit). Löblich aber, daß der Text der Laudatio beigefügt ist, hier ist er:
„Nach der eindrucksvollen Lesung aller neun durch die Vorjury Nominierten aus Deutschland und Tschechien brauchte die gleichfalls zweisprachig besetzte neunköpfige Hauptjury nur eine Stunde zur Entscheidung. In intensivem und konstruktivem Austausch wurde klar, dass der Preis in diesem Jahr nicht geteilt werden sollte. In geheimer Abstimmung entschieden wir uns, in klarem Votum mit sechs von neun Stimmen für Hartwig Mauritz. Mit ihm küren wir einen 1964 in Eckernförde geborenen, heute in Vaals in den Niederlanden lebenden, Autor mit einer eigenen, unverwechselbaren Stimme, die ein Gutteil ihrer Eigen- und Besonderheit seiner naturwissenschaftlichen Bildung durch eine Studium der Elektrotechnik und Tätigkeit als Wissenschaftler und berufsbildender Lehrer technischer Fächer verdankt.
Neben seiner norddeutschen Herkunftslandschaft sind es in den hier eingereichten Gedichten besonders Erfinder wie Galvani mit seinen Froschschenkelexperimenten, und Telephonie- und Fernsehpioniere wie Marconi, Reis und Nipkow, der Erfinder des Fernsehens, von denen er sich angezogen fühlt. Dieses physikalische Weltbild erhält seine poetische Aufladung und Inspiriertheit durch einen gehörigen Schuss Metaphysik, der erst aus dem Nüchternen das Wunderbare, aus Wissenswerten den Zündfunken von Geheimnissen werden lässt, der den Gedichten ihr transzendentes Ingenium verleiht. In diesem 48jährigen Dichter, der nahe Aachen gleich hinter der niederländischen Grenze lebt, haben wir einen poetischen Nachfahren von Dichtern wie Hans Magnus Enzensberger und dem Schweden Lars Gustafsson. Fasziniert von Grenzüberschreitungen im Wissensdurst wie im Lebenshunger, von Biografien und Lebensleistungen, die Türen öffneten in neue Erkenntnis- und Erlebensräume, schreibt Hartwig Mauritz lakonisch und doch voller transzendenter Feinheiten, die uns zu fesseln vermögen wie in diesem Gedicht:
philip reis nimmt den hörer in die hand, sein schädel begabt
aber nicht begehbar heut. der hund bellt durch den draht
den apparat leckt seine zunge die zähne in der stimme
schlägt der atem seines hern an, krächzt, raucht, knackt
elektrische impulse. das mikrofon aus kohle glüht vor stimmen
die frau ist aus dem haus, der erfinder aus dem häuschen
nur die nacht zieht ihren dunklen leib ihm vors gesicht
kratzt, rauscht, schreit elektrische ekstasen. sein mund ist eine quelle
für den schall, das ohr, seine senke gehört zum inventar des herrn
der hund, sein hecheln zuckt durch den draht lauscht er der stimme
in der hand: was in der sprache ihn vorantreibt, knurrt, kratzt, knistert
in den draht gesprochen, geruchlos und sein ohr auf zigarrenkistengröße
aufgebläht, kann es hören, das stille atmen seines herrn.
Wouw! Was in Menschensprache heißt: herzlichen Glückwunsch!“
Carl-Christian Elze ist von Januar bis Ende März der erste „poet in residence“ in Dresden-Loschwitz. Vergeben wird das Lyrikstipendium, das freie Unterkunft im Gästehaus des KulturHauses Loschwitz beinhaltet, vom Verein „Literarisches Dresden“.
Carl-Christian Elze konnte sich bei einer öffentlichen Lesung durchsetzen, und darf nun vom 6. Januar bis 31. März 2013 im KulturHaus Loschwitz wohnen. Bei einem monatlichen Stipendium von 900 Euro. …
Die in den drei Monaten entstehenden lyrischen Arbeiten sollen einen Bezug zur Stadt Dresden oder der sächsischen Kulturlandschaft erkennen lassen. / Börsenblatt für den deutschen Buchhandel
Der mit 5000 € dotierte Dresdner Lyrikpreis geht an Hartwig Mauritz.
„In diesem 48jährigen Dichter, der nahe Aachen gleich hinter der niederländischen Grenze lebt, haben wir einen poetischen Nachfahren von Dichtern wie Hans Magnus Enzensberger und dem Schweden Lars Gustafsson. Fasziniert von Grenzüberschreitungen im Wissensdurst wie im Lebenshunger, von Biografien und Lebensleistungen, die Türen öffneten in neue Erkenntnis- und Erlebensräume, schrieb Hartwig Mauritz lakonisch und doch voller transzendenter Feinheiten, die uns zu fesseln vermögen“, so der Laudator Richard Pietraß.
Ebensfalls für das Finale nominiert waren Thomas Böhme (Leipzig), Anna Brikciusová (Prag), Petr Čermáček (Brno), Daniela Danz (Kranichfeld), Renatus Deckert (Lüneburg), Radek Fridrich (Decin), Michal Šanda (Prag) und Irena Šťastná (Dobroslavice).
Die Ausschreibung für den Dresdner Lyrikpreis 2014 beginnt am 15.3.2013.
In der Sächsischen Zeitung schreibt Undine Materni:
Der Leipziger Dichter Thomas Böhme bekannte, dass er vorwiegend gegen die Angst anschreibe, gegen die Angst und gegen das Vergessen. Daniela Danz aus Thüringen möchte in ihren Texten die Komplexität der Sprache bewahren, Renatus Deckert, der als Lyriker, Essayist und Herausgeber in Lüneburg lebt, gestand, dass er Idealen misstraue und im Gedicht hinter die Fassaden schauen möchte. Radek Fridrich möchte seine Stimme im Gedicht eher anderen Personen leihen, als sich selbst ins Zentrum zu setzen, Michal Šanda lässt sich gern im Alltäglichen vom Gedicht finden.
Der in den Niederlanden lebende Hartwig Mauritz denkt viel über die Entstehungsgeschichte der Dinge nach, Petr Cermácek schreibt gegen das Vergehen der Zeit an. Die Cellistin und Dichterin Anna Brikciusová lässt sich zuweilen von der Musik inspirieren, und Irena Štastná schreibt oft unter Hochdruck und liebt das kurze Gedicht.
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