53. Frühling der Dichter

Frankreich begeht vom 9.-24.3. zum 15. Mal das Festival „Frühling der Dichter“, das in diesem Jahr unter dem Motto «la grâce, la légèreté et la liberté» (Anmut, Leichtigkeit, Freiheit) steht. Auf einer Pressekonferenz erklärte der künstlerische Leiter des Festivals, Jean-Pierre Siméon, man wolle die Präsenz der Poesie in der Stadt bekräftigen. Er zitierte Paul Éluard: „das Gedicht ist der kürzeste Weg von einem Menschen zum nächsten“*. Er vergaß auch nicht die Krise zu erwähnen, die sich aus der Kürzung der Fördermittel ergibt und schloß mit dem Aufruf: „Das 21. Jahrhundert wird poetisch sein oder es wird nicht sein.“**

*) zur gefälligen Verwendung nicht nur am Valentinstag empfohlen

**) Kennern der französischen Literatur des 20. Jahrunderts verständlicher als Nichtkennern.

52. Das Raue

Das Raue – Aufbrüche auf ungebahnte Wege

Autoren: Angelika Janz, Jürgen Buchmann, Robert Wohlleben
Moderator: Bertram  Reinecke

Ein barocker Dichterwettstreit, die Dichtergruppe um Arno Holz, Fragmenttexte von Angelika Janz

Marino griff bewusst über den verbindlichen stilistischen Kanon hinaus und befreite die Zeichen von Ihrer Bindung an den sachlichen Gehalt. Die Eigenstofflichkeit der Zeichen beginnt sich vorlaut in den Sinn einzumischen, die Laute führen seltsame Tänze auf … Von den Zeitgenossen wurde er dafür angegriffen, sein (unterlegener) Kontrahent in einer zunächst in Sonetten ausgetragenen Fehde versuchte gar, ihn zu erschießen.

Während Marino die Konventionen des Gedichts durch Überspitzung hintergeht, beginnen Arno Holz und seine Mitstreiter sie durch radikalen Verzicht auf hergebrachte Schmuckmittel in vorher nie dagewesener Konsequenz zu umgehen. Wie macht man das Gespräch über Alltagsdinge in schlichter Rede kunstfähig?

Angelika Janz in der Konsequenz der Zuspitzung des Ingeniums eher ein Nachfahre Marionos, generiert ihre Fragmenttexte aus zufälligen Textfundstücken und setzt so auch das naturalistische Begehren auf überraschende Weise fort. Der materiale Aspekt lässt diese Textfragmente gleichzeitig zu Artefakten der bildenden Kunst werden.

Ein barocker Dichterwettstreit, die Dichtergruppe  um Arno Holz, Fragmenttexte von Angelika Janz

Veranstalter: Verlag Reinecke & Voß , Freiraum Verlag

 15.3., 21:00 Uhr

galerie KUB
kantstr. 18
04275 leipzig

 

51. Leipzig liest wieder

Artikel zu lang? Über Lyrik ganz unten

Feuerwerk der Literatur: Von ”Esti” bis ”Hola Chicas!”

Europas größtes Literaturfest ”Leipzig liest” vereint vom 14. bis 17. März 2013 rund 2.900 Autoren und Mitwirkende, 2.800 Veranstaltungen und mehr als 365 Leseorte. Das Lesefestival präsentiert hohe Literatur aus dem In- und Ausland, Thriller und Fantasyromane, Kinder- und Jugendbücher, Comics und Mangas, Sachbücher und Ratgeber sowie Hörbücher und CDs. ”Ob Starautoren oder Debütanten, Prominente oder Sternchen – die Literaturwelt lädt Leser, Zuhörer und Zuschauer nach Leipzig ein, sich auf Entdeckungsreise zu begeben und Mensch und Werk hautnah zu erleben”, erklärt Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse.

Hochliteratur aus deutschsprachigen Ländern steht ebenso auf dem Programm wie anspruchsvolle Literatur aus Frankreich, Israel, den USA oder den Staaten Mittel- und Osteuropas. Freunde deutschsprachiger Literatur können sich auf Begegnungen mit Thomas Brussig, Anna Katharina Hahn, Christoph Hein, Reinhard Jirgl, Abbas Khider, Georg Klein, Ursula Krechel, Judith Kuckart, Dirk Kurbjuweit, Eva Menasse, Clemens Meyer, Hans Joachim Schädlich, Martin Walser oder Feridun Zaimoglu freuen. Auch internationale Autoren wie Páter Esterházy und György Konrâd aus Ungarn, der Jungstar Zoran Ferić aus Kroatien, der Europäer Aris Fioretos mit schwedisch-österreichisch-griechischen Wurzeln, der französische Philosoph Andrá Glucksmann, der belarussische Philosoph Valancin Akudovic, die israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk oder Amos Oz, der britische Schriftsteller John Lanchester sowie Serhij Zhadan aus der Ukraine stellen ihre jüngsten Bücher in Leipzig vor.

Die Stadt, die Orte und die Partner

”Eine Entdeckungstour wert sind die 365 Leseorte in der Stadt Leipzig – Kirchen, Anwaltskanzleien, Wein- und Delikatessenläden, Handwerksbetriebe, Shops oder Forschungszentren”, erläutert Buchmessedirektor Oliver Zille. ”Der Erfolg von Europas größtem Lesefestival beruht auf dem Engagement und der Kreativität unserer Partner.” Veranstaltet wird das Lesefestival von der Leipziger Messe in Zusammenarbeit mit der Stadt Leipzig, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., dem Mitteldeutschen Rundfunk, dem Club Bertelsmann, dem Kuratorium ”Haus des Buches” e.V. Leipzig sowie den an der Messe beteiligten Verlagen.

Zu den alljährlichen Höhepunkten gehört das ”Blaue Sofa”, eine Veranstaltungsreihe unter Regie des Clubs Bertelsmann. Literaturstars aus dem In- und Ausland geben im zentralen Eingangsbereich der Leipziger Buchmesse Einblicke in ihr Leben und Werk. Jüdische Lebenswelten gilt es in der gleichnamigen Programmreihe des Clubs Bertelsmann zu ergründen. ”Bei unseren Aktivitäten auf den Buchmessen sind uns zwei Dinge wichtig: Erstens wollen wir die Autoren herausstellen, deren Bücher und Themen wir für ungewöhnlich, bewegend, anregend und hoffentlich auch wirkungsvoll relevant halten”, erläutert Christiane Munsberg, verantwortlich für Kultur beim Club Bertelsmann. ”Da die Verlage zu den Buchmessen viele internationale Autoren einladen, freuen wir uns, dass von den 82 Autoren, mit denen wir in Leipzig Gespräche und Lesungen veranstalten, knapp die Hälfte aus dem Ausland kommen, wie Andrea Hirata, Robert Schindel und Göran Rosenberg. Zweitens wird in Leipzig unsere kuratorische Arbeit durch Kooperationen mit Medien und Institutionen aufgewertet. Gemeinsam erreichen wir so ein größeres, interessanteres und interessierteres Publikum. Beispielsweise präsentieren wir mit der Stanford University den Literaturwissenschaftler Amir Eshel, der eine neue Ethik der Geschichts- und Literaturbetrachtung entworfen hat – in Auseinandersetzung mit den aktuellen Debatten der Philosophie und Kulturkritik sowie mit wichtigen zeitgenössischen Autoren aus den USA, Israel und Deutschland”, so Munsberg.

Auch der MDR setzt auf eine Mischung aus berühmten Literaten wie György Konrâd, prominenten Autoren wie Ben Becker oder Else Buschheuer sowie Nachwuchsschriftstellern wie Florentine Joop oder Florian Freistetter. Die Palette der Veranstaltungen reicht von Autorengesprächen über Lesungen und die Literaturparty LitPop bis zu Sendungen und Live-Hörspielen sowie Konzerten im Rahmen des Musikprojektes CLARA.

Preisverdächtige Literatur

Eine Art Reiseführer für Belletristik, Sachbücher und Übersetzungen in deutscher Sprache ist der Preis der Leipziger Buchmesse. Am ersten Tag des Lesefestes werden die Gewinner ausgezeichnet. Sieger und Nominierte präsentieren sich und ihre Bücher am ersten und zweiten Messetag dem Leipziger Publikum. In der Kategorie ”Belletristik” sind nominiert: Ralph Dohrmann ”Kronhardt”, Lisa Kränzler ”Nachhinein”, Birk Meinhard ”Brüder und Schwestern”, David Wagner ”Leben” sowie Anna Weidenholzer ”Der Winter tut den Fischen gut”.

Bestsellerautoren zu Gast in Leipzig

Zahlreiche Bestsellerautoren werden zum Leipziger Bücherfrühling von einem großen Publikum erwartet: Die US-Amerikaner Shalom Auslander, Dave Eggers, Joey Goebel und der Comiczeichner Chris Ware, der Israeli Edgar Keret, Sarah Quigley aus Neuseeland, die deutschsprachigen Autoren Emily Bold, Jakob Hein, Dora Heldt, Sabine Ebert, Tilman Rammstedt, Astrid Rosenfeld sowie Publizisten und Sachbuchautoren wie Götz Aly, Jakob Augstein, Margot Käßmann, Claus Kleber und Katharina Saalfrank reisen in die Sachsenmetropole. In der Veranstaltung ”buecher.macher” diskutiert Felicitas von Lovenberg unter anderem mit Jo Lendle und Judith Schalansky über nicht weniger als ”Die Zukunft der Bücher”.

Leipzig politisch

Politiker aller Parteien geben sich zum Superwahljahr ein Stelldichein in Leipzig. Spannende Debatten und interessante Geschichten bieten Claudia Roth und Antje Vollmer von Bündnis90/Die Grünen, Marina Weisband von der Piratenpartei, Johannes Beermann und Thomas de Mazière von der CDU, Gregor Gysi und Wolfgang Zimmermann, Die Linke, sowie die SPD-Politiker Egon Bahr, Hans Eichel, Burkhard Jung, Friedrich Schorlemmer, Peer Steinbrück und Wolfgang Tiefensee.

Promis, Bios und Einkaufszettel

Der Schauspieler Heiner Lauterbach zählt zu Deutschlands bekanntesten Film- und Fernsehgesichtern. Zur diesjährigen Leipziger Buchmesse wird er seine druckfrische Biografie vorstellen. Unter dem Titel ”Man lebt nur zweimal” zieht er seine persönliche Bilanz zum 60. Geburtstag und erzählt offen und selbstkritisch über seinen Lebenswandel, Liebe, Erfolg, Gesundheit und Verantwortung. Lauterbach ist nicht der einzige, der mit einer Biografie zur Buchmesse anreist: Waldemar Hartmann, Christine Kaufmann, Joy Fleming sowie Wolfgang Winkler & Jaecki Schwarz und Werner Böhm alias Gottlieb Wendehals haben ebenfalls einiges über ihr Leben zu berichten. Auch Michail Gorbatschow stellt in Leipzig seine Autobiografie ”Alles zu seiner Zeit. Mein Leben” vor. Und Egon Bahr wirft mit seinem Buch ”Das musst du erzählen” einen Blick auf seinen Freund Willy Brandt.

Laufsteg Leipzig: Unter dem Titel ”Hola Chicas!” erzählt Jorge Gonzalez, Modelcoach und Catwalk-Trainer, über seinen bisherigen Lebensweg. Einen ”Fashion Rath für die Frau” erteilt Modedesigner Thomas Rath. Beide waren Jurymitglieder der Pro7 TV-Show ”Germany’s next Topmodel”.

Die Schauspielerin Andrea Sawatzki begibt sich mit ihrem Debütroman ”Ein allzu braves Mädchen” auf neues Terrain. RTL-Moderatorin Katja Burkard möchte mit ihrem Kinderbuchdebüt ”Rundherum und hin und her – Zähneputzen ist nicht schwer” Kinder auf spielerische Weise zum regelmäßigen Zähneputzen animieren. Der Schauspieler Hanns Zischler legt einen Text- und Fotoband zu seiner Heimatstadt Berlin vor. Und Komiker Wigald Boning präsentiert dem Leipziger Publikum sein Buch über Einkaufszettel.

Unabhängig, ungewöhnlich und unentdeckt?

Unabhängige Verlage stellen in Leipzig ein Programm mit anspruchsvollen Themen und literarischen Formen jenseits des Massengeschmacks und der gängigen Hauptströmungen vor. Hierzu gehört die preisverdächtige Schriftstellerin Lisa Kränzler ebenso wie Thrillerautor Anselm Neft oder die Lyriker Thilo Krause und Nora Gomringer.

Das komplette Programm ist online auch auf mobilen Endgeräten unter www.leipzig-liest.de verfügbar.

Dieser Text ist eine Pressemeldung der Leipziger Buchmesse, alle Schreibweisen fremdsprachiger Namen sowie wertende Adjektive etc. sind Eigentum der Aussender. Lediglich bei der Verschlagwortung habe ich mich um korrekte Schreibung bemüht.

Lustig (also signifikant) scheint mir die (unfreiwillige?) Opposition Hochliteratur – anspruchsvolle Literatur in diesem Satz: „Hochliteratur aus deutschsprachigen Ländern steht ebenso auf dem Programm wie anspruchsvolle Literatur aus Frankreich, Israel, den USA oder den Staaten Mittel- und Osteuropas.“ Auch der Platz der Lyrik in der langen Meldung ist korrekt im Sinne von ihrem Platz im Denken der Aussender – also in der Wirklichkeit – entsprechend: am unteren Rand. Diese Passage ist so schön (verräterisch), daß ich sie hier noch einmal komplett einrücke:

Unabhängig, ungewöhnlich und unentdeckt?

Unabhängige Verlage stellen in Leipzig ein Programm mit anspruchsvollen Themen und literarischen Formen jenseits des Massengeschmacks und der gängigen Hauptströmungen vor. Hierzu gehört die preisverdächtige Schriftstellerin Lisa Kränzler ebenso wie Thrillerautor Anselm Neft oder die Lyriker Thilo Krause und Nora Gomringer.

Freuen wir uns auf die Entdeckung Nora Gomringers durch die Leipziger Messe!

50. Para-Riding

Filips und Rinck sind Übersetzer – ein Übersetzer sieht ein Gedicht anders als ein Leser. Der Leser liest das Gedicht, liest im Gedicht, liest durch das Gedicht. Der Übersetzer ist mit all den Gedichten konfrontiert, die nicht da sind, die knapp neben dem Gedicht liegen, den spannenden Anklängen, den naheliegenden Wörtern, die es alle nicht, aber nur fast nicht ins Gedicht geschafft haben, er sucht sich eine Wortfolge zusammen, die er zur Übersetzung des Werks kürt, oft bedauernd, vermute ich, denn um viele der abgeschlagenen Bedeutungssplitter ist es schade. Lässt sich nicht ändern? Decisions, my friend?

Warum nicht mal anders. Warum nicht mal aus dem Naheliegenden nehmen, das auch-richtige, das anders-richtige verwenden? Ach was – warum da stehen bleiben? Konsumenten füttern – ist das alles, was Gedichte können? Dieses Sprühen neben dem Text, wem gehört es? Muss man das abstellen, nur weil es nicht mehr Übersetzung des alten Textes ist sondern neu, Gegenwart mit demselben Keim?

So lese ich das Para-Riding: mit den Facetten eines Textes spielen, sie bewegen, sie auf die Zunge legen, am Gaumen reiben und nachspüren, was alles am und um den Text herum sprudelt und flüstert. Nicht mehr übersetzen, sondern rüberholen, überholen, neu machen:

What is to start?
It is to have feet to start with.
What is to end?
It is to have nothing to start again with,
And not to wish.

What is to see?
It is to know in part.

Was ist Starten? Füße haben. Starten.
Enden? Keine Ahnung. Neustart. Bums.
Sehen? Sieh halt hin. Denk dir dein Teil.

/ Franz Hofner, Fixpoetry

Para-Riding von Laura (Riding) Jackson. Übersetzung: Christian Filips und Monika Rinck, roughbook 015, Berlin und Solothurn, September 2011

49. Formbewusste Kollektivgedichte

Trotz Google-Word-Dokumenten und aller technischen Finesse, die das Herz der Kollektive höher schlagen ließe: Es gibt gar nicht so viele Autoren, die ernstzunehmend in literarischen Arbeitsgemeinschaften produzieren. Dabei hat das italienische Kollektiv Wu Ming, eine Nachfolgegruppierung der anarchischen Luther-Blissett-Bewegung, vorgeführt, wie solche Formationen Literaturgeschichte schreiben können. Das Berliner Lyrikkollektiv G13 geht bescheidener zu Gange. Seit fünf Jahren treffen sich seine nach 1980 geborenen Mitglieder, um ihre Gedichte zu diskutieren und gemeinsame Formen von lyrischer Performativität auszuprobieren. Nun haben die derzeit vierzehn Berliner Orpheuse die Anthologie „40 % Paradies“ herausgebracht, mit deren Qualität sie ihrer Gruppendidaktik ein großes Kompliment machen. Die Gedichte sitzen. Dabei sind sie weder großspurig noch experimentell angelegt, sondern auf tastende Art formbewusst, als suchten sie zumindest nach formalen Schutzräumen, „irgendwas, an dessen wundgescheuerter innenseite man einschlafen könnte“. / Astrid Kaminski, Berliner Zeitung 9.2. S. 10

G13: 40 % Paradies Luxbooks, Wiesbaden 2012. 152 Seiten, 24 Euro.

48. Nicht zweideutig

Lieber Ton,

die Doppeldeutigkeit ist nicht vorsätzlich, sondern natürlich, nicht listig. Sie ergibt sich beim Schreiben, in der Schreib-Energie selbst und wirkt miteinander, gleichzeitig. Die Vielfach-Ladung von hält es an ist mir vor Deiner Frage gar nicht aufgefallen. Sie wirkt ja im Text auch nicht preziös, nicht z,B. „zweideutig“, man versteht sie augenblicklich (ehe man sich dessen versieht), wenn man sich nicht daran hindert, nicht wahr?

/ Elke Erb an ihren Übersetzer, mehr

(Hervorhebung aus immer gegebenem Anlaß, M.G. (nach Diktat zurück zur Prüfung eilend)

47. Zahlen & Fakten

Das sagte der Minister für Kultur und islamische Unterweisung in Teheran der Presse:

  • 2037 Dichter „wetteiferten“ beim Internationalen Fajr-Festival, das am 5.2. auf der Insel Khark eröffnet wurde. Das sei weit mehr als im Vorjahr (1451).
  • Die Insel sei ausgewählt worden, weil sie während der „Heiligen Verteidigungsära“ (1980-88) oft vom Feind angegriffen und von Islamischen Kämpfern tapfer verteidigt worden sei.
  • 27 Länder hätten sich für eine Teilnahme beworben, von denen 15 angenommen worden seien.

/ IRNA

Eine andere Nachricht ergänzt:

  • Die Teilnehmer wetteifern in verschiedenen Kategorien miteinander: Kritik und Foschung, Klassische Poesie, Abteilung Kinder und Jugendliche, Moderne Poesie, Lieder. Eine neue Kategorie ist „Der Prophet des Islam“.
  • 2012 hätten Teilnehmer aus mehreren europäischen und asiatischen Ländern teilgenommen, darunter Usbekistan, China, Georgien, Polen, Afghanistan, Pakistan, Dänemark, Indien, Kirgistan, Türkei und Südkorea.

/ presstv.ir

46. Ich fühlte mich schuldig

In frühen Jahren orientiert sich Šalamun an slowenischen Dichtern wie Dane Zajc, Vasco Popa oder auch an Baudelaire, befragt als Mitherausgeber der Zeitschrift „Perspektive“ kritisch die Dichtungen und Philosophien der Moderne und sucht dann den Kontakt zu amerikanischen Dichtern wie dem damals noch jungen John Ashbery. Diese wiederum zeigen sich fasziniert von dem freien, fast rebellischen zu nennenden Stil von Šalamuns ersten Gedichten aus dem Band „Poker“ (1966).

Šalamun Track: „Ich arbeite vollkommen intuitiv. Als ich jünger war, habe ich eine Menge Theorien gelesen, auch in den späten 60ern. Ich bin auf eine Weise frankophon erzogen worden und habe immer erwartet, dass ich dadurch aus diesem slowenischen Ghetto ausbrechen könnte, aus diesem kleinen Land, eben durch Frankreich. Barthes und der junge Derrida beeinflussten mich, aber das war auch ein ungemeiner Druck. Als ich 1971 nach Amerika kam dachte ich, ja, das ist Freiheit, vergiss die Theorien.“

In Šalamuns Dichtung werden Zeitebenen und unzugehörige Wortfelder zusammengebracht, ohne einen Anspruch auf Kohärenz. Die Leichtigkeit, die oft mit viel Humor einhergeht, offenbart jedoch an vielen Stellen eine Abgründigkeit, die sich oft in einfachen Sätzen spiegelt. (…)

„Ich habe von 1989 bis 1994 überhaupt nicht geschrieben, ich lebte in totaler Angst vor der Dichtung und fühlte mich schuldig wegen meiner furchtbaren Sprache. Meine Sprache ist wild, manchmal absolut gewalttätig, und viele entsetzliche Dinge geschehen in meinen Gedichten. Es war die Zeit des Balkankrieges und Karadžić war einer von den jungen bosnischen Dichtern. Ich wurde in den 80er-Jahren in Jugoslawien als ein Kopf der jugoslawischen Avantgarde angesehen und Josip Ostić hatte mich mehrfach zu dem Poesiefestival nach Sarajevo eingeladen. Und Karadžić war auch da. Er war ein sehr untalentierter Dichter – aber ich dachte – oh- vielleicht bin ich schuldig, ich bin ein Teil dieser furchtbaren Geschehnisse, die jetzt stattfinden. Also war ich absolut still, ich war einfach verstummt.“

/ Anja Kampmann, DLF

Tomaž Šalamun: „Rudert! Rudert!“
Gedichte, zweisprachig, Übersetzt von Gregor Podlogar und Monika Rinck
Edition Korrespondenzen, Wien, 160 Seiten, 21 Euro

45. Test

„Der Text als Test“ hat der neue Poetikdozent seine Vorlesung überschrieben. Und er lässt seine Zuhörer an seinem Prozess des Dichtens teilnehmen. Was fällt mir ein, wenn ich dieses oder jenes Wort höre? fragt er. Und warum überhaupt „ich“? Hans Thill hat einen Band Gedichte („Zivile Ziele“) geschrieben, in denen das lyrische „Ich“ überhaupt nicht vorkommt – und keinem Leser sei das aufgefallen! Das Gedicht ist ein autonomer Prozess, es entwickelt sich selbstständig, es ist ein Aufbruch ins Unbekannte, und ob zuletzt die Pythia gesprochen oder nur ein Papagei geplappert hat – das müsse sich zeigen. Konkretes Beispiel: Was gibt das Wort „Text“ her? Hans Thill beginnt zu assoziieren: Text, textile Struktur, Rückseite des Teppichs, fester Boden – Verständigung? Kann auch ein dressierter Hund ein „Textversteher“ sein? His masters voice? Noch vielschichtiger ist das Wort Test, das nicht nur vom Psychotest über den Alkoholtest bis zum Reifentest in zahllosen Zusammensetzungen vorkommt, wie Hans Thill einfallsreich nachweist, sondern das ihn auch an das lateinische Wort für den „Zeugen“ erinnert – legen Texte also Zeugnis ab? / Rotraut Hock, Allgemeine Zeitung

44. Was das Netz weiß

€ 331 + 32 Cent ist die Lyrikzeitung wert. Ein „urlspion“ hat das errechnet. Noch höher ist die Rangzahl:

6.141.035 Platzierung in Deutschland

Wenig vertrauenswürdig scheinen dagegen diese Zahlen:

Monatliche Seitenimpressionen < 300
Monatliche Besuche < 300
Wert pro Besucher
Geschätzter Wert € 331,32 *
Externe Verweise 25
Anzahl der Seiten

Nanu? Laut WordPress-Zähler hab ich allein heute bis jetzt 226 Besucher aus 12 Ländern, die insgesamt 466 mal geklickt haben. 820.477 Klicks seit dem Wechsel zu WordPress im August 2009.

Auch sonst ist dieser Spion wenig zuverlässig. Weder heißt meine Adresse lyrikzeitung.de noch ist mein Server in Bayern ansässig. Ich sitze in Vorpommern und mein Server in Kalifornien, und (Eigenwerbung WordPress) selbst wenn ein Erdbeben den ganzen Staat Kalifornien ausradierte, bliebe das so, und basta!

43. Dichtung / Dichter

Die Kunst ist mir ein so Hohes und Erhabenes, sie ist mir, wie ich schon einmal an einem anderen Orte gesagt habe, nach der Religion das Höchste auf Erden, so daß ich meine Schriften nie für Dichtungen gehalten habe, noch mich je vermessen werde, sie für Dichtungen zu halten. Dichter gibt es sehr wenige auf der Welt, sie sind die hohen Priester, sie sind die Wohltäter des menschlichen Geschlechtes; falsche Propheten aber gibt es sehr viele. Allein wenn auch nicht jede gesprochenen Worte Dichtung sein können, so könnten sie doch etwas anderes sein, dem nicht alle Berechtigung des Daseins abgeht. Gleichgestimmten Freunden eine vergnügte Stunde zu machen, ihnen allen bekannten wie unbekannten einen Gruß zu schicken, und ein Körnlein Gutes zu dem Baue des Ewigen beizutragen, das war die Absicht bei meinen Schriften und wird auch die Absicht bleiben. Ich wäre sehr glücklich, wenn ich mit Gewißheit wüßte, daß ich nur diese Absicht erreicht hätte.

Adalbert Stifter: Bunte Steine. Vorrede (1853) hier

Einige Zeilen darüber:

Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, daß ich nur das Kleine bilde, und daß meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien. Wenn das wahr ist, bin ich heute in der Lage, den Lesern ein noch Kleineres und Unbedeutenderes anzubieten, nämlich allerlei Spielereien für junge Herzen. Es soll sogar in denselben nicht einmal Tugend und Sitte gepredigt werden, wie es gebräuchlich ist, sondern sie sollen nur durch das wirken, was sie sind.

42. Dieter Lampings Lyrik-Kolumne

Lyrik gilt als Liebhaberei. Das ist gut so – auch wenn es nicht unbedingt als Kompliment gemeint ist.

Aber wie die Dinge liegen, gibt das wenigstens den Liebhabern die Gelegenheit, über die freieste literarische Form frei zu sprechen: über ihre Eigenarten, ihren einzigartigen Reiz, ihre Unentbehrlichkeit.

Das ist das Prinzip dieser Kolumne, die zunächst ein Jahr lang monatlich erscheinen soll, zu den unterschiedlichsten Aspekten der Lyrik, aktuellen und weniger aktuellen, dafür nicht minder wichtigen.

Man darf diese Kolumne auch lesen, wenn man kein Liebhaber ist, aber die Hoffnung nicht aufgegeben hat, es noch zu werden. Verächter der Gattung hingegen werden hier keine Unterstützung finden.

Bisher erschienen:

Lyrik-Verachtung. Bei Alfred Döblin und anderen (Februar 2013, siehe #28)

/literaturkritik.de

 

Dieter Lamping ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Von ihm sind u.a. erschienen: Die Idee der Weltliteratur. Stuttgart: Alfred Kröner 2010; Wir leben in einer politischen Welt. Lyrik und Politik seit 1945. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008; Moderne Lyrik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008; Das lyrische Gedicht. Definitionen zu Theorie und Geschichte der Gattung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2001; und als Herausgeber: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Stuttgart: J.B. Metzler 2011.

41. Solidarität

271 bekannte Dichter, unter ihnen Nobel- und Pulitzerpreisträger ebenso wie Gewinner kontinentaler und nationaler Literaturpreise, Präsidenten von internationalen Poesiefestivals, PEN-Clubs und Schriftstellerverbänden aus 88 Ländern unterzeichneten einen offenen Brief an führende Politiker der Welt, in dem sie ihre Solidarität mit dem Volk der Hazara bekunden. Seit über hundert Jahren wurden die Hazara in Afghanistan und Pakistan Opfer systematischer Verbrechen wie Völkermord, Sklaverei, sexueller Mißbrauch, Kriegsverbrechen und Diskriminierung.

Der Hazaradichter Kamran Mir Hazar, der den Brief entwarf, erklärte, daß die Hazara in Afghanistan trotz der Anwesenheit internationaler Truppen regelmäßig von den Taliban und Regierungskräften angegriffen werden. Straßen der Hazara werden blockiert, Autos angehalten und die Reisenden ermordet. Millionen Hazaras flohen aus Afghanistan nach Ländern wie der Türkei, Griechenland, Australien und Indonesien. In Pakistan wurden kürzlich, am 10.1., bei einem Anschlag mehr als 100 Hazaras getötet.

Der Offene Brief ist auf Englisch, Spanisch, Italienisch, Hazaragi/Dari und Azeri auf http://www.HazaraRights.com zugänglich.

/ San Francisco Chronicle

40. Zuviel Reime

Anna Achmatowa

Mein Gott, wie’s hier von Versen wimmelt,
Von Reimen ist die Welt verstellt.
Die Stille komme über uns – als Himmel,
Und jeder nehme sich ein Lied als Zelt.
Das Schweigen gelte als Erkennungszeichen,
Das insgeheim uns eint als Gleiche
Unter Gleichen …

Aus dem Notizheft Nr. 11, Moskau 1962.

In: Felix Philipp Ingold (Hrsg.): ‚Als Gruß zu lesen‘. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch – Deutsch
Dörlemann Verlag, Zürich 2012
. ISBN 9783908777656
. Gebunden, 352 Seiten, 33,00 EUR
S. 6.

Das Gedicht steht als Mottogedicht in Ingolds Anthologie (und deshalb als einziges Gedicht der Anthologie nicht zweisprachig). Der Herausgeber stellte mir freundlicherweise den Originaltext zur Verfügung.

Aus: Anna Achmatowa, Zapisnye knizhki (1958-1966), Torino 1996.

Анна Ахматова

Все в Москве затрогано стихами,
Рифмами проколото насквозь.
Пусть безмолвие царит над нами,
Пусть мы с песней поселимся врозь.
Пусть молчанье будет тайным знаком,
По которому мы узнаем
Тех, кто с нами …

1962. Москва.

Es ist offenbar eine Vorstufe des folgenden Gedichts von 1963, das sich auf russischen Seiten wie dieser findet. Diese Russen, früher haben sie dicke verbotene Wälzer abgeschrieben und heute veröffentlichen sie die Werke ihrer Dichter im WWW, auch wenn sie noch keine 70 Jahre tot sind.

Все в Москве пропитано стихами…

Все в Москве пропитано стихами,
Рифмами проколото насквозь.
Пусть безмолвие царит над нами,
Пусть мы с рифмой поселимся врозь.
Пусть молчанье будет тайным знаком
Тех, кто с вами, а казался мной,
Вы ж соединитесь тайным браком
С девственной горчайшей тишиной,
Что во тьме гранит подземный точит
И волшебный замыкает круг,
А в ночи над ухом смерть пророчит,
Заглушая самый громкий звук.

1963. Москва.

39. Sonst nichts? Doch.

Warum trifft man immer wieder auf jüngere Dichterinnen und Dichter, die auf irgendeine Weise mit Westfalen verbandelt sind?

Nicht daß mich die Frage sonderlich umtreibt. Ich gucke mal lieber, ob außer Westfalen auch gutes Texte da sind. Und tatsächlich, viele gute Namen. Na also.

Dabei hatten sie es nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, auf eine historische Anthologie abgesehen – etwa von Annette von Droste-Hülshoff bis Herbert Grönemeyer – , sondern trugen junge gegenwärtige Lyrik zusammen, insgesamt zweiunddreißig Dichter und Dichterinnen in alphabetischer Reihenfolge, Herausgeber eingeschlossen, darunter mit Nicolai Kobus, Jan Skudlarek, Dagmara Kraus, Hendrik Jackson, Sabine Scho und Hendrik Rost weitere GWK-Förderpreisträger. Und es ist bereits bezeichnend für die Sinnhaftigkeit des Unternehmens, dass – würde man in dem Buch etwa nicht den geringsten Hinweis auf den Landstrich Westfalen finden – diese Anthologie trotzdem als aktuelle Sammlung deutschsprachiger Gegenwartslyrik durchgehen würde. In diesem Sinne ist der Titel „Westfalen, sonst nichts?“ auch eher augenzwinkernd zu verstehen, die Betonung liegt also schwergewichtig auf dem Fragezeichen. (…)

Eine ganz andere Saite schlägt die aus Iserlohn stammende Lyrikerin Angela Sanmann an. Sie steuert der Sammlung mit den Gedichten „mandeln und mahdia“ oder „ticken“ (Seite 130/131) bezaubernde surreale Gleichnisse bei: „du hast den wecker an den baumstamm genagelt // jetzt sitzen wir davor und fragen / uns jede stunde abwechselnd nach der uhrzeit // wir wollen so genau wie möglich sein / in der bestimmung unseres kleinsten / gemeinsamen nenners“

Den Facettenreichtum der Anthologie unterstreicht schließlich der Hammenser Jan Skudlarek, der sich als ein Meister des Enjambements erweist, dessen Texte durchgängig Überraschungsmomente bergen und eine stete Spannung bis zum Ende halten: „ich leuchte im dunkeln – wie ein hirn in seinem / tank. ein kurzer moment der unachtsamkeit und / der kirchturm perforiert den himmel“ („magische pilze, sixtinische lamellen“, Seite 153) Kurz gesagt, in diesem Buch kann jeder seine Favoriten finden, aber vor allem nichts Uninteressantes. Mein persönliches Highlight sind die fünf Gedichte des Warendorfers Daniel Ketteler auf den Seiten 79-83, die mit ihrem musikalischen Drive, ihrem Ideen- und Bilderreichtum, ihrem liebevollen Sarkasmus mich zu wiederholtem Lesen animieren. / Dominik Dombrowski, Fixpoetry

Adrian Kasnitz / Christoph Wenzel (Hrsg.): Westfalen, sonst nichts? Eine Anthologie. Gedichte, 200 Seiten, 14,00 Euro, ISBN: 978-3-9813587-2-8. parasitenpresse Köln + [SIC]-Literaturverlag Aachen, Zürich 2013