67. Bleifuß

Ein Gedicht des Nobelpreisträgers – nein, nicht Grass – Winston Churchill sorgt für Medienaufmerksamkeit. Wie in jenem Fall ist es eher ein Medien- als ein Literaturereignis. (Wie schön wäre es, wenn Gedichte als Gedichte Schlagzeilen machten – ach, die DDR wollen wir nicht zurückwünschen, da gab es in den 60ern eine wochenlange Debatte um ein Gedicht von Karl Mickel („Der See“), die mit einem Machtwort des führenden Experten für ästhetische Fragen beendet wurde *.)

Die Experten sagen uns was wir schon ahnten: „Führer und Rhetoriker, kein Dichter“ (Robert Potts). – „Schwerfüßig“ (Andrew Motion).

Hier ein Auszug:

Extract from „Our Modern Watchwords“

I
The shadow falls along the shore
The search lights twinkle on the sea
The silence of a mighty fleet
Portends the tumult yet to be.
The tables of the evening meal
Are spread amid the great machines
And thus with pride the question runs
Among the sailors and marines
Breathes there the man who fears to die
For England, Home, & Wai-hai-wai.

II
The Admiral slowly paced the bridge
His mind intent on famous deed
Yet ere the battle joined he thought
Of words that help mankind in need
Words that might make sailors think
Of Hopes beyond all earthly laws
And add to hard and heavy toil
the glamour of a victim(?) cause

So. Und ich geb mir ein Antidot.

Karl Mickel

Der See

See, schartige Schüssel, gefüllt mit Fischleibern
Du Anti-Himmel unterm Kiel, abgesplitterte Hirnschal
Von Herrn Herr Hydrocephalos, vor unsern Zeitläuften
Eingedrückt ins Erdreich, Denkmal des Aufpralls
Nach rasendem Absturz: du stößt mich im Gegensinn
Aufwärts, ab, wenn ich atemlos nieder zum Grund tauch
Wo alte Schuhe zuhaus sind zwischen den Weißbäuchen.

Totes gedeiht noch! An Ufern, grindigen Wundrändern
Verlängert sichs, wächsts, der Hirnschale Haarstoppel
Borstiges Baumwerk, trägfauler als der Verblichene
(Ein Jahr: ein Schritt, zehn Jahr: ein Wasserabschlagen
Ein Jahrhundert: ein Satz). Das soll ich ausforschen?
Und die Amphibien. Was sie reinlich einst abschleckten
Koten sie tropfenweis voll, unersättlicher Kreislauf
Leichen und Laich.

……………………….Also bleibt einzig das Leersaufen
Übrig, in Tamerlans Spur, der soff sich aus Feindschädel-
Pokalen eins an (“Nicht länger denkt der Erschlagene”
Sagt das Gefäß, “nicht denke an ihn!” sagt der Inhalt).
So faß ich die Bäume (“hoffentlich halten die Wurzeln!”)
Und reiße die Mulde empor, schräg in die Wolkenwand
Zerr ich den See, ich saufe, die Lippen zerspringen
Ich saufe, ich saufe, ich sauf – wohin mit den Abwässern!
See, schartige Schüssel, gefüllt mit Fischleibern:
Durch mich durch jetzt Fluß inmitten eurer Behausungen!
Ich lieg und verdaue den Fisch

Karl Mickel: Vita nova mea. Mein neues Leben. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau Verlag, 1966. Seite 14f.

*) Hans Koch (geb. 1927) war Multifunktionär und Professor für marxistische Kultur- u. Kunstwissenschaft am Institut (später Akademie) für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED. Im Herbst 1986 erhängte er sich im Wald. In dem Gedicht „Die dunklen Orte“ schrieb Volker Braun: „Im Hochwald hängt Herr Koch / In unästhetischem Zustand“. Volker Braun: Der Stoff zum Leben 1-3. Frankfurt/ Main: Suhrkamp 1990, S. 76.

66. Literarischer Nationalismus

In einer materialreichen Studie widmet sich der Romanist Martin Baxmeyer der literarischen, insbesondere lyrischen Produktion der Anarchistinnen und Anarchisten während des Bürgerkriegs. Er entdeckt dabei »literarischen Nationalismus« und stellt die Frage: Wie konnte es kommen, dass »die literarische Selbstdarstellung einer Bewegung, zu deren Charakteristika jahrzehntelang ein unversöhnlicher Antinationalismus gehört hatte«, sich derart wandelte? Die Metapher »Mutter Spanien« ist schließlich keineswegs die einzige nationalistische Sprachfigur, die in der Lyrik der Libertären auftaucht. (…)

Rund 20 000 Gedichte sind während des Bürgerkriegs veröffentlicht worden. Selbst die Anthologie »Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts« im Reclam-Verlag (2003), sonst eher nicht das Format für Begeisterungsstürme, nennt das »ein Phänomen ohne seinesgleichen in der modernen europäischen Kultur«. Rund 500 dieser Gedichte, ausschließlich von Anarchistinnen und Anarchisten verfasst, hat Baxmeyer analysiert, dazu noch 125 Prosaarbeiten. Diese zumeist von literarischen Laien verfasste Literatur findet sich in kaum einer Gedichtsammlung. Zum größten Teil hat Baxmeyer die Gedichte in Archiven entdeckt. (…)

Bei unreflektierten Rückgriffen auf nationale Symbolik blieb es nämlich nicht. Dass auf Seiten Francos auch marokkanische Truppen eingesetzt wurden, veranlasste die anarchistischen Dichter, und, wie Baxmeyer nachweist, auch renommierte anarchistische Politikerinnen wie Federica Montseny, zu regelrechter rassistischer Hetze. In den verbalen Attacken gegen die »Mauren« sieht Baxmeyer daher auch den »wohl radikalsten Bruch« mit den egalitären und transnationalistischen Ideen des Anarchismus. Statt ihren eigenen Idealen treu zu bleiben, propagierte die Bewegung also eine nationale Identität. Denn das tut Literatur: Sie kann bestehende Identitätsentwürfe »spiegeln, gestalten und verbreiten«, so Baxmeyer.

Zum einen, schreibt er, ging es um die »Delegitimierung des Kriegsgegners«, also auch darum, wer mit Fug und Recht beanspruchen konnte, für Spanien zu kämpfen. Damit einher ging ein »Konformitätsdruck« in der republikanischen Zone. Auch die anderen Linken argumentierten so. Und schließlich waren auch die Schulbücher schuld, ein gründlich ansozialisiertes, positives Spanienbild zeitigte seine Effekte. Aber nicht alle Gründe lagen außerhalb des Anarchismus selbst. Zum anderen nämlich legt die soziologisch wie politisch bestens informierte Literaturanalyse eine »philonationalistische Tradition« innerhalb der anarchistischen Bewegung offen. Gemäß dieser war das spanische Volk immer schon mit einer »welthistorischen Aufgabe« betraut. War es einmal die koloniale Eroberung der Welt, sollte es nun die Revolution sein. Schließlich führt Baxmeyer noch eine kunsttheoretische Begründung an: Für die nationalistische Wende war nicht zuletzt auch das funktionalistische Verständnis von Kunst und Literatur verantwortlich, das die Anarchisten vertraten und in der das Schreiben ganz der politischen Wirksamkeit untergeordnet war. Das Gedicht war eine Waffe, die »Mutter Spanien« die erstbeste Munition. / Jens Kastner, Jungle World

Martin Baxmeyer: Das ewige Spanien der Anarchie. Die anarchistische Literatur des Bürgerkriegs (1936–1939) und ihr Spanienbild. Edition Tranvia/Verlag Walter Frey, Berlin 2012, 599 Seiten, 36 Euro

65. Entwicklungslyrik

Initiative Zonic Zwanzig & Buchhandlung Drift präsentieren

Bert Papenfuß liest „Entwicklungslyrik“
Ausgewählte Texte von 1973 bis 2013
aus dem Band „Die Mauer“ (Bilder: Antonio Saura/Worte: Bert Papenfuß/ Hatje Cantz 2012)

Kulturny Dom B31
Bornaische Str.31, HH
Leipzig

DO 28.02.2013
20 Uhr

Der 1984-85 in Westberlin entstandene „Mauer“-Bildzyklus des spanischen Spät- & Post-Surrealisten Antonio Saura gehört zu den wenigen gelungenen Werken, die sich mit dem zwei politische Welten mehr als nur symbolträchtig teilenden Bauwerk auseinandersetzten. Im Verlag Hatje Cantz erschien nun als Teil einer Buchserie zur Berliner Mauer ein Band, dass diese Arbeiten mit Texten aus allen Schaffensphasen des (Ost-) Berliner Anarcho-Poeten, Kultur-Spelunkenbetreibers und Zonic-Ko-Redakteurs Bert Papenfuß zusammenfügt. Von früher radikal experimenteller Sprachakrobatik über kryptische Lyrics für DDR Post Punk-Bands bis hin zum freien Spiel mit gebräuchlicheren Textformen und prosaischen Pamphleten, zuletzt gern mit Zitaten von Barock bis Science-Fiction und entsprechenden Fußnoten-Exzessen.
Ob Früh-, Mittel- oder beginnendes Spätwerk, alles ist durchzogen von einem Geist des Dagegen und erfüllt vom machbaren Traum der Anarchie, angemischt mit Humor und Unerbittlichkeit, übervoll mit erfahrenem Leben von Rotz bis Rock´n´Roll. Ein Text-Trip, von den Mauer-Bildern des Antonio Saura gerahmt und mit diversen Vertonungen verfeinert, der nicht zuletzt als bestmöglicher Anfang der seriell angelegten Jubiläums-Präsentationen gelten darf: im zwanzigsten Zonic-Jahr!

ENTROPIE

ist einfach, umgänglich und unumgänglich:
Mich bewegt das Irrationale im Realen –
und Irrealen sowohl als auch umgekehrt;
d.h. ANARCHIE beginnt in Dir selbst,
oder ich irre unsäglich VORWÄRTS.

B.P. 2004

Mehr B.P.-Klappen-O-Ton zum Buch:

Entwicklungslyrikband, der: Im Gegensatz zu Best-of-Alben – die strukturlos, z.B. chronologisch, alphabetisch usw., die Greatest Hits eines Lyrikers versammeln – das ausgeklügelte Konglomerat einer (oft notgedrungenen bzw. -ersehnten) sog. Lebenslüge (siehe Autobiographie, S. 59), das eine vorgebliche „Entwicklung“ eines Dichters darstellt. Lyriker neigen dazu, jeweilige kreative Phasen ihres Schaffens (unter Auslassung aller Aus-Zeiten, s. S. 56) als bahnbrechend evolutionär auszugeben. Geborene Arschlöcher (oft prädestinierte Entwicklungslyriker, s S. 232 – Beispiele gibt´s noch und nöcher) hingegen gestehen hin und wieder, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, räumen Entgleisungen ein, beißen sich ins Bein, wollen dabei sein und scheren aus, über die Stränge von Erwartungen zu schlagen, die kaum die Richtigen (s. S. 667) treffen; manchmal jedoch ihr Publikum finden. Das Entwicklungsprinzip verlangt, vom Ursprung auszugehen und nach Irrungen, Scheinlösungen und Alternativen ouroboroid zu ihm zurückzukehren. Als mißlungene Versuche gelten alle bisherigen. Als halbwegs gelungenes Beispiel gilt Die Mauer von Bert Papenfuß (ex-Gorek, ex-Papenfuß-Gorek; s S. 506), ein Konvolut, das konkordial durch die Bildkunst von Antonio Sauras Mauerzyklus (s S. 402) getragen wird. – „Hauptsach´, es rockt der Band und steht wie eine Wand“, wirft beschwichtigend der Volksmund ein.
Eintrag aus: Diktatorenkollektiv (Hg.). Lohn und Saktion. Wie wir sprachen – was wir wurden. Lexikon und Idiotikon der Prenzlauer Berg-Untertagesprache. Gesamtverlag Staatssekretariat für ostdeutsche Antworten, Berlin, 2013, S. 233

Mauerzyklus, der: Mehr oder weniger beholfene Serie von Reaktionen auf physisches und psychisches Eingesperrt- bzw. Unwohlsein, künstlerisch oder (direkt) persönlich (also handgreiflich – „er/sie/es hat seinen Mauerzyklus“) ausgedrückt. Nach 1933 in Deutschland literarisch ungelungen. In der bildenden Kunst stellt Cornelia Schleimes sog. „Stasi-Serie“ Bis auf weitere gute Zusammenarbeit Nr. 7284/85 von 1993 eine bemerkenswerte Ausnahme dar. Der große Wurf gelang jedoch dem spanischen Maler Antonio Saura (1930 – 1998) mit einem 1985 in Westberlin entstandenen Zyklus von Zeichnungen und Fotoübermalungen unter dem Titel Die Mauer.

64. Was Poesie sei

„Ich traf eins und fragte es, was Poesie sei. Es versetzte mir, Nützlichkeit sei das Letzte. Und dieses heißt Reißwolf und jenes heißt Ökoöl. Oder Poesie per Livestream. Oder Life Conditioner. Eine seltene Säure. Jeder Engel geht einem schrecklich auf die Nerven. Andere Gerichte sind Elegien. Viel Glück beim Sampling! Oder bei der Engführung. Da falle ich aus den Wolken. Wir, das Volk, Ich das Ich, lebendig und auf jedem Dokuspaßkanal. Wer Geschichtsknoppers liebt, sollte jetzt besser gehen. Zu wünschenswert. Sagt ‚Tschüss‘ dem dreifach gesattelten Pferd.“

Ames, Bresemann, Genschel, Kornappel und Lange lesen Gedichte & der Josquin-DJ macht Musik.

 

Samstag, 23.2.
20:00

playing with eels

Urbanstraße 32, 10967 Berlin

 

63. Fälscherpoet

»Oskar Huth – Orgelbauer, Maler, schreibunwilliger Poet – war über vier Jahrzehnte in Berliner Künstler- und Literatenkreisen geschätzt für seine treffend-skurrilen Wortprägungen wie für die Kunst, zu mitternächtlicher Stunde auf einem verstimmten Klavier den Geist Schuberts zu beschwören.« So sah ihn der Fotograf und Zeichner Alf Trenk im Nachwort zum »Überlebenslauf«. In der postum aus Tonbandmitschnitten montierten Quasi-Autobiographie läßt er auch wissen, wer sonst ihn literarisch verarbeitete: Günter Grass, Robert Wolfgang Schnell, Matthias Koeppel, Günter Bruno Fuchs. (…)

In Wilmersdorf dann unter den Augen von Blockwart und Nachbarn gleich neben dem Luftschutzkeller Pässe und Buttermarken für versteckte Juden und andere Verfolgte zu fälschen – nach dem 20. Juli 1944 auch für die Mitverschwörer Kunrat und Ludwig von Hammerstein –, erinnert an Edgar Allan Poes »Entwendeten Brief«: Das Corpus delicti liegt offen herum und wird nur deshalb nicht entdeckt. An die 60 Juden rettete Huth so vor den Mördern. Wobei er die Marken selber einlöste und die Butter – stets zu Fuß – in den Verstecken ablieferte. / Eike Stedefeldt, junge Welt

62. Gestorben

Der Kabarettist Dietrich Kittner ist tot. Er starb am Freitag im Alter von 77 Jahren in Bad Radkersburg in der Steiermark, wo er seit längerem lebte. Aber was heißt schon Kabarett? »Kabarett ist ja nur in Dikaturen verboten«, erzählte er 2010 dieser Zeitung, »die BRD ist aber bekanntermaßen eine Demokratie! Da gibt es einen Trick: Man sendet Comedy und Klamotte, Komiker und Kunstfurzer unter dem Oberbegriff Kabarett. Es gibt ja begnadete Komiker und Comedians, aber Kabarett ist das eben nicht. Übrigens, es muß ein Beamter gewesen sein, der das Wort Kleinkunst erfunden hat.« / Christof Meueler, junge Welt

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61. Poetopie

schreiben – die Kunst, die voraus und davon eilenden Gedanken im entscheidenden Moment wieder einzufangen

Hansjürgen Bulkowski

60. Trotzdem

Ihren Unterhalt verdient die Dichterin mit Lektoraten, ab und an eröffnet sie Ausstellungen oder bekommt ein kleines Salär für eine Lesung. Doch alles, was Kerstin Becker tut, entspringt einer Begeisterung für Sprache, Kunst und Literatur. Im letzten Jahr erschien ihr poetisches Debüt „Fasernackte Verse“, eine Sammlung eigenwilliger Texte von bemerkenswerter sprachlicher Vielfalt, im Verlag Fixpoetry bei der engagierten Herausgeberin Julietta Fix in Hamburg. Zudem ist sie seit Langem für TextTour, eine Veranstaltungsreihe zum literarischen Austausch zwischen Dresdner Autorinnen und Autoren aktiv. Und im letzten Sommer wirkte sie an einer herrlichen „Freiluftanthologie“ in Dresden-Gohlis mit, die in Zusammenarbeit mit dem Kunsthof Gohlis und einem Dresdner Unternehmer, der wind- und wasserdichte Hüllen sponserte, entstehen konnte. Dort nämlich wurden Gedichte ganz unterschiedlicher Dichter aus ihren Buchdeckeln und dem Reservat unter der Leselampe befreit, und wehten in Bäumen und Sträuchern. Dass einige von ihnen sogar gestohlen wurden, freut die Dichterin.

Nach ihrer eigenen Poetik befragt, lächelt sie versonnen und antwortet: „Jemandem ans Herz gehen können – das ist zwar nicht angesagt, aber trotzdem.“ / Undine Materni, Sächsische Zeitung 11.2.

Kerstin Becker, Fasernackte Verse. Verlag Fixpoetry, Hamburg 2012; 12 €

59. Kurzgeschichte

Zwei Sätze reichen, um den kulturellen Hintergrund des Haiku zu erläutern: «Winzig erscheinen uns der Japaner selbst, seine Frauen, Häuser, Geräte, Gedichte. Aber er hat das Menschenmögliche in der Prägnanz, Plastik und Schärfe des Kurzgedichtes geleistet.» (…)

Auch Schiller bezieht im Vorübergehen zarte Prügel: «Das Rosa seiner Liebeslyrik ist staubig.» (…)

Natürlich hat Klabund wild kompiliert, natürlich sind zumal die völkerpsychologischen Betrachtungen von abenteuerlicher – allerdings zeittypischer – Leichtfertigkeit. Auf der anderen Seite betont der aufrechte Pazifist unermüdlich die Bedeutung des kulturellen Austauschs und verteidigt die Autonomie der Literatur gegen jede politische Inanspruchnahme. / Manfred Koch, NZZ 13.2.

Klabund: Literaturgeschichte. Die deutsche und die fremde Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. von Ralf Georg Bogner. Elfenbein-Verlag, Berlin 2012. 380 S., Fr. 55.–.

58. Das unmögliche Epos

Der Leser ist dabei in einem fast schon skandalösen Mass gefordert, das vielsprachige Palimpsest zu entziffern und den verborgenen Zusammenhang der Textfragmente aufzuspüren. Kein Wunder, dass dieses moderne Epos, definiert als «längeres Gedicht unter Einschluss von Geschichte», mit seinem hybriden Anspielungsreichtum inzwischen eine wahre Pound-Industrie alexandrinischer Quellenjäger und Deuter ins Brot gesetzt hat. (Gegen die dabei zutage geförderte Detailflut hilft am besten der Blick in Hugh Kenners grosse und bleibende Synthese «The Pound Era», 1971.)

Die wichtigsten Schlüssel für das Verständnis der scheinbar disparaten Montagepartikel stellen gleich die ersten Cantos bereit: Mythos, Metamorphose und Autobiografie. Der Auftakt erweist sich als verknappte Übertragung von Odysseus‘ Hadesreise bei Homer; angereichert mit Echos der altenglischen Elegie «The Seafarer» und übersetzt nach einer lateinischen Version der Renaissance. Damit projiziert Pound drei epochale Neuanfänge in seinen eigenen modernistischen Aufbruch und thematisiert die «Übersetzung» als Prinzip kultureller Regeneration: Pound als Odysseus, unbehauster Seefahrer und Kulturmittler, der die Schatten der Vergangenheit durch seine Opferblutspende zum Reden bringt. (…)

Gerade in seiner Gänze zeigt es sich: Das grosse Experiment ist weit mehr als ein museales Exponat. Es ist, in seinen Himmel- und Höllenfahrten, seiner synthetischen Kraft und Verstiegenheit, das unmögliche Epos des 20. Jahrhunderts und zugleich ein ungeschminktes Selbstporträt, «warts and all», seines poetischen Odysseus. Die Kohärenz liegt im Fragmentarischen, wo sonst? «It coheres all right / even if my notes do not cohere.» / Werner von Koppenfels, NZZ 16.2.

Ezra Pound: Die Cantos. In der Übersetzung von Eva Hesse und Manfred Pfister. Ediert von Manfred Pfister und Heinz Ickstadt. Kommentiert von Heinz Ickstadt und Eva Hesse. Zweisprachige Ausgabe. Arche-Literatur-Verlag, Zürich – Hamburg 2012. 1480 S., Fr. 166.–.

57. Sterne wie Blumen

Die Unwirklichkeit der Bilder, ja ihre Surrealität kulminiert in dem Vers „Sterne er wie Blumen pflückt“, mit dem Brentano eine poetisch-existentielle Formel anklingen lässt, die er mehrfach in verschiedenen Gedichten eingesetzt hat: „O Stern und Blume, Geist und Zeit/Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!“. / Hans-Joachim Simm über ein Gedicht von Clemens Brentano, Frankfurter Anthologie der FAZ

56. Geheul

Schließlich werden die Sätze von „Howl“ (zu Deutsch: „das Geheul“) in einem surrealen Comic zum Leben erweckt – auf leichte, unbekümmerte Weise schweben Gedanken durch die Luft, wandeln sich zu Skeletten oder brennenden Körpern, vermengen sich zu einem verträumten Videoclip, der einen roten Faden bildet und nebenher zeigt, wie absurd es ist, Literatur objektiv zu bewerten. / Hans Czerny, Weser-Kurier

55. Preis für Rothmann und Camenisch

Ralf Rothmann erhält den mit 20.000 Euro dotierten Friedrich Hölderlin-Preis 2013 der Stadt Bad Homburg. Der Förderpreis in der Höhe von 7.500 Euro geht an den Schweizer Arno Camenisch.

Die Jury ehrt Rothmann „für sein literarisches Werk, das sich in Gedichten, Erzählungen und Romanen durch atmosphärische Dichte und sprachliche Genauigkeit auszeichnet.“ Sein Œuvre weise über den Tag hinaus und habe sich auch dadurch repräsentativen Rang erworben, heißt es in der Begründung weiter. Die Jury setzte sich aus Jochen Hieber (FAZ), Oberbürgermeister Michael Korwisi, Kulturdezernentin Beate FleigeAnne Bohnenkamp-Renken (Freies Deutsches Hochstift), Heinz Drügh (Johann-Wolfgang-Goethe-Universität), Gerhard Kurz (Hölderlin-Gesellschaft) und Klaus Merz (Vorjahrespreisträger) zusammen. (…)

Arno Camenisch erhält den Förderpreis „für die sprachartistische Erzähltrilogie über Landschaft und Leute seiner Graubündner Herkunft. Souverän spielt der Autor in den so kurzen wie konzisen Romanen Sez Ner, Hinter dem Bahnhof und Ustrinkata mit den Idiomen, die ihn prägten: mit dem Rätoromanischen, dem Schweizerdeutschen und mit unserer Hochsprache.“ / buecher.at

54. Kommentiertes Wörterbuch

Der kleine Berenberg-Verlag fügt seinen großen Verdiensten um abseitige und schön gemachte Bücher nun weitere hinzu: Jetzt erscheint hier auch Lyrik – und, wie zu erwarten war, solche jenseits des Mainstreams und im besten Sinne eigenartig.

Neben dem jungen US-Amerikaner Jeffrey Yang wird der Argentinier Sergio Raimondi, von dem hierzulande bislang kaum ein Mensch gehört hat, mit Auszügen aus seinem „kommentierten Wörterbuch“ vorgestellt: von A wie „Architecture, vers une“ (wie eine der ersten Publikationen von Le Corbusier 1923 hieß) bis Z wie „Zafra“ (das durch die kubanische Planwirtschaft bekannt gewordene Wort für Zuckerrohrernte). / Katharina Döbler, DLR

Sergio Raimondi: Für ein kommentiertes Wörterbuch
Aus dem Spanischen von Timo Berger 
Berenberg Verlag, Berlin 2012
95 Seiten, 19 Euro