Polyglotten-Panik

Mátyás Dunajcsik

Aus: POLYGLOTTEN-PANIK ODER DIE SPRACHE DER VÖGEL

Fáj
A fülemüle fáj
A fülemüle füle fáj

Fáj
A fülemüle füle fáj
A fülemüle feje fáj
Foga fáj füle fáj
Wenn man eine Fremdsprache nicht versteht, 
wird es zum Vogelgesang für die Ohren.
Und wenn man langsam beginnt, sie sich anzueignen,
dann ist die Melodie schnell verloren.

Nur die Fremdsprachenlernenden haben
Zugang zu diesen beiden Welten.
Nur sie wissen, dass die Vögel nicht singen,
sondern kreischen vor Schmerzen.
Meine Damen und Herren, was Sie aus den Lautsprechern hören, bedeutet Folgendes auf Ungarisch:
Weh
Die Nachtigall tut weh
Die Ohren der Nachtigall tun weh

Weh
Die Ohren der Nachtigall tun weh
Der Kopf der Nachtigall tut weh
Ihre Zähne tun weh, ihre Ohren tun weh
Weh ist ein Wort, das ich aus den Opern von Wagner 
gelent habe. Man sagt es, wenn man gleichzeitig singen 
und kreischen muss, wenn in einer weiblichen Stimme, die 
in den Weltgeist abfließende Männerhysterie ihren
Höhepunkt erreicht. Wenn die Sprache fehlschlägt und
kaputt geht. Aber wie schön das Kaputtgehen ist, wenn
man endlich ein Vogel werden kann.
Oder?

Lexical anxiety occurs when the subject lacks the vocabulary resources for satisfactory self-expression, causing a discrepancy between the individual’s abilities and the internal image of the self. On these occasions, the subject can experience in a first-hand, almost corporal manner the famous statement of Ludwig Wittgenstein, that die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. Language, and therefore the world, becomes a straitjacket one size too small, as the subject feels as if be or she has been unrightfully reduced to a lesser life-form, like that of a toad, a serpent, or a bird.

                    Wovon man nicht sprechen kann, 
darüber muss man kreischen.
Guten Morgen, liebe Studenten und Studentinnen, 
ich heiße Frau Rheingold und ich bin eure neue
Sprachlehrerin! Wir beginnen mit ein paar
sehr einfachen Diskussionsthemen,
damit wir uns ein bisschen besser kennenlernen können.

(…)

– Erkläre, warum deine Muttersprache
in deiner jetzigen Lebenssituation völlig nutzlos ist!
– Úúúúúúúúú, úúúúúúúú, úúúúúúúú, úúúúúú...

Die Muttersprache weint in der Ecke, während die neuen Gäste
die Betten machen. Az anyanyelv a sarokban sír, amíg az új
vendégek megágyaznak.

Mein Volk ist ein Gespenst, das in Europa umgeht.
Es ist nie wirklich da, wo es ist.
Dans ma bouche, il y a cing langues qui tournent.
Quelle surprise, que j'ai malà parler.
In meinem Mund drehen sich fünf Zunge.
Kein Wunder, dass es mir beim Sprechen wehtut.
Weh
Die Nachtigall tut weh
Die Ohren der Nachtigall tun weh
Der Kopf der Nachtigall tut weh
Der Hals der Nachtigall tut weh

Weh ist ein Wort, das ich aus den Opern von Wagner gelernt
habe. Das andere Ding, dem ich in Wagners Opern begegnet
bin, dass es der beste Weg ist, Vogelgesang zu verstehen,
Drachenblut zu kosten, so wie Siegfried, nachdem er Fafner
erschlagen hat.

Ei, bist du ein Thier, 
das zum Sprechen taugt,
wohl liess' sich von dir, was lernen?
Hier kennt einer das Fürchten nicht:

kann er's von dir erfahren?
Aber ich bin kein altnordischer Held, 
sondern ein Intellektueller aus Osteuropa:
das einzige, was mich die Jahrhunderte
erfahren lassen haben, ist gerade das
Fürchten. Wir haben so viele Synonymen
dafür, wie die Isländer für Schnee.

Félelem – snjór. Rettegés – sna. Iszonyat – mjöll. Ijedtség – fönn.
Aggodalom – drífa. Rémület – skafl. Ijedelem – glæra. Riadalom –

fjúk. Reszketés – bálka. Szorongás – hörsl. Borzalom – bjarn. Félsz –
svell. Majré – bylur. Para – hregg. Pánik – él.

Jede Sprache ist zwangsjackenschön und
schneeballblütenschwer.
Jede Sprache ist ein anderer Planet,
und man muss um den Sauerstoff kämpfen, um zu atmen.
I've seen things you people wouldn't believe.
Attack ships on fire off the shoulder of Orion.
I watched C-beams glitter in the dark
near the Tannhäuser Gate.
I have heard trolls sing poetry
on faraway glaciers.

(...)

Aus: Mátyás Dunajcsik: Verlorene Gedichte. Mit Zeichnungen von Krizbo. Köln, Leipzig, Olsztyn: parasitenpresse, 2023 (Die nummernlosen Bücher), S. 35-41

Mátyás Dunajcsik. Polyglott. Punk. Poet. Ex-ungarischer und neudeutscher Autor. Geboren 1983 in Budapest und lebt seit 2023 in Berlin. Wanderdichter in Emigration seit 2074. MA in Ästhetik (Kunsttheorie) und französischer Literatur. (Ebd.)

An eine Stadt, die schlief

Camill Hoffmann 

(auch: Kamil Hoffmann; geboren 31. Oktober 1878 in Kolín, Österreich-Ungarn; gestorben Oktober 1944 im KZ Auschwitz) war ein böhmisch-tschechoslowakischer Journalist und Schriftsteller. https://de.wikipedia.org/wiki/Camill_Hoffmann

Drei kleine Balladen, III

Ein Tor schlug zu, der Mond hing schief,
Der Brunnen schlief, die Stadt war tot,
Der Ringplatz schlief, die Gasse schlief,
Der Mond hing schief und rot.

Ein Schrei zerriß die tiefe Ruh,
Ein Mensch, der heiß um Hilfe rief.
Der Mond hing rot, ein Tor schlug zu,
Die Stadt war stumm und schlief.

Der Schlaf der Stadt war tief und gut.
Ein Mensch in Not um Hilfe rief.
Vom Monde fiel ein Tropfen Blut
Auf eine Stadt, die schlief.

Aus: Camill Hoffmann (1878-1944). Zuflucht. Späte Gedichte und Erzählungen. Mit einem Nachwort herausgegeben. von Dieter Sudhoff (Vergessene Autoren der Moderne XLVIII. Herausgegeben von Marcel Beyer und Karl Riha). Universität-Gesamthochschule Siegen, Siegen 1990, S. 8

lösungsansatzweise

Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd

"Es ist nicht meine Sache, zu beschönigen oder zu provozieren, sondern meinen Teil 
an Erfahrungen und Einsichten zu liefern. Aber man entgeht weder sich selbst noch
der Zeit. Noch vor dreißig Jahren habe ich mehr Leidenschaft in meine Schriften
gelegt, vor fünfzig Jahren mehr Hoffnung oder auch Naivität. Heute weiß ich, daß
vom Menschen und seiner Geschichte nichts zu erwarten ist."
Claire Goll: Ich verzeihe keinem, 1976


Tanja 'Lulu' Play Nerd, 3.4.2024
© kunstyoga.de & weltlyrik.de

lösungsansatzweise

das allergrößte und allerletzte rätsel
der literatur lautet: warum...
wurden bis heute noch keine genialen
reime verfasst durch deren lektüre
die welt gerettet werden kann? oder
anders gefragt: worüber...
muss eine dichterin schreiben damit
es die herzen der leser derart berührt
dass sie sich alle sofort und für immer
umarmen wollen und in jedem
mitmensch die antwort auf
die ultimative sinnfrage sehen?
handelt ein solches gedicht von
der luft die alle atmen? oder
vom reis den alle kochen? oder
müsste ich über die wohnungen
schreiben in denen alle
auf bessere zeiten warten? die autos
in denen alle zur arbeit fahren?
die bücher die alle (nicht) lesen?
und die liebe die alle machen? oder
den tod den alle verdrängen?
alle menschen sind tun denken
glauben & erhoffen zu 99% dasselbe!
trotzdem ist mir kein gedicht bekannt
das alle menschen so begeistert
dass sie es auf ihre schilder schreiben
und bei demonstrationen für
"mehr menschheit" skandieren
sind wir womöglich unfähig?
einfach schlechte dichter? oder
fallen uns die richtigen worte
noch nicht ein weil die zeit noch
nicht dafür gekommen ist? aber
wie viele jahrhunderte soll es noch
dauern bis der erlösende reim über
uns kommt? wie viele autoren müssen
noch über die 1% hürde springen um
etwas brauchbareres zu formulieren
als all die schöne poesie die in den
zerbombten bibliotheken verstaubt?

Erscheint in der Gesamtwerkausgabe "LYRIKVIRUS - NEUE WELTLYRIK ENGAGIERTER EMOTIONALITÄT", BoD 2024

Lesen mit Google Lens

Der österreichische Lyriker und Übersetzer Martin Winter schreibt Gedichte auf Deutsch, Englisch und Chinesisch. In seinem Gedichtband „Der Mond muss perfekt sein“ gehen die Sprachen durcheinander. Manche Gedichte gibt es in einer, manche in zwei oder drei Sprachen. Wenn nur in einer, ist es nicht immer Deutsch. Heute ein Gedicht, das es nur auf Chinesisch gibt. Mehr noch, der Autor schreibt:

Dieses Gedicht gibt es nur auf Chinesisch. Ich hab oft versucht, es zu übersetzen, aber es geht nicht. Man kann es erklären, aber wenn man nicht Chinesisch kann, wirkt es nicht, oder kaum.

Zeitungsverkäufer treten auf, es geht um Morgen- und Abendzeitungen, um spätes Karma bzw. sehr, sehr späte Berichte, die irgendwann kommen werden.

Der Mond muss perfekt sein, S. 67

Das weckt natürlich die Neugier. Handy gezückt und mit Google Lens fotografiert ergibt etwa dies:

Es wird Nachrichten geben. Die Zeit ist noch nicht gekommen. 
#MartinWinter
Screenshot

Da die KI nicht ein für allemal fertige Übersetzungen liefert, kann man abweichende Fassungen erhaschen – es lohnt sich, es mehrmals zu versuchen und auch mal schnell Zwischenergebnisse aufzuschnappen. Hier zwei dieser Fassungen.

Es ist nicht so, dass ich nichts verstehe. Es ist nicht so, dass mir die verschiedenen Versionen nicht bekannt vorkommen – aus meinem Leben als Leser und, ja, aus meinem DDR-Leben auch.

Folgt noch der Originaltext.

晚报

挽报!
挽报!
早有早报
晚有晚报
不是不报
时间未到

Unterzeichnet: W. Martin 1999 Chongqing

Aus: Martin Winter: Der Mond muss perfekt sein. She has to be perfect. [Wagen Sie es nicht, unvollkommen zu sein] (Googleübersetzung des chinesischen Titels). Mit 27 Übersetzungen von Yi Sha. Wien: fabrik.transit, 2016, S. 67

Cover gesehen von Google Lens

Aber der Herr Walther spricht

Der Dichter Uwe Greßmann wurde manchmal ein naiver Dichter genannt, aber das war er nicht. Er, der nicht studieren konnte, hat autodidaktisch die Literaturgeschichte und Philosophie studiert. Seine Gedichte und Briefe legen Zeugnis ab.

Heute ein Gedicht, das er kurz vor seinem Tod schrieb und das damals im kleinen Land DDR nicht publizierbar war. Erst 1982 gelang es Richard Pietraß, es als Kassiber im Anhang einer Auswahlausgabe des schon 1969 gestorbenen Dichters herauszuschmuggeln. Die Freude der aufmerksamen Leser war diebisch. Das Buch erschien in hoher Auflage als Reclam-Taschenbuch zum Preis von 3,50 Ostmark. Greßmann hatte das Gedicht dem tschechischen Lyriker und Übersetzer Ludvík Kundera in einem Brief geschickt. Kundera hat das Augenzwinkern des Dichters sicher genauso goutiert wie wir 13 Jahre später.

Wenige zeitgeschichtliche Anmerkungen voraus. Das Gedicht spricht vom Minnesänger Walther von der Vogelweide und zitiert den mittelalterlichen Sängerkrieg auf der Wartburg: „Herr Walther spricht“. Natürlich wusste jeder, dass es im Mittelalter keine Faustaufführung gab. In der DDR dagegen sehr wohl – die Kulturpolitik hatte zwei gegensätzliche Tendenzen. Eine war die Orientierung an der klassischen deutschen Literatur. Partei- und Staatschef Walter Ulbricht hatte den Faust im Arbeiterbildungsverein studiert – es ging darum, dass die Arbeiter die „Höhen der Kultur“ erstürmen sollten. Ulbricht lernte die Lektion, hielt die Klassik hoch und forderte die jungen Schriftsteller auf, einen dritten Teil des Faust zu schreiben. Der sollte zeigen, wie die DDR die Ideale der deutschen Klassik verwirklichte. Was sie erdichtet und erträumt, wird in der sozialistischen DDR Wirklichkeit, „mit freiem Volk auf freiem Grunde“. Mehrere junge Schriftsteller, darunter Volker Braun und Uwe Greßmann, machten sich sogleich daran. Die Ergebnisse waren nicht so, dass sie damals in der DDR druckbar gewesen wären. – Die andere, gegenläufige Tendenz seit den 60er Jahren bestand darin, die Schranken zwischen den Arbeitern und Bauern und der hohen Kultur einzureißen. Die Arbeiter sollten Bücher lesen und ins Theater gehen und auch selber schreiben und malen. Auf der zentralen Deutschen Kunstausstellung der DDR 1967 wurden auf Geheiß des Staatschefs Arbeiten von Laienkünstlern neben denen der Berufskünstler ausgestellt. Die Künstler und Schriftsteller ihrerseits sollten in die Betriebe gehen und das „echte Leben“ in der sozialistischen Produktion kennenlernen. „Bitterfelder Weg“ hieß das (es kommt im Gedicht vor). – Und dann die Faustaufführung. Als im Herbst 1968 am Deutschen Theater Wolfgang Heinz und Adolf Dresen Goethes „Faust“ inszenierten, saß Ulbricht in seiner Loge. Die Aufführung gefiel ihm aber nicht. So hatte er sich den sozialistischen „Faust“ nicht vorgestellt. Wütend verließ er die Loge. Die Aufführung wurde abgesetzt. „Diesen Faust, den mag ich nicht.“ – Eduard von Winterstein: berühmter Film- und Theaterschauspieler (1871-1961), von der DDR-Führung hochdekorierter Schauspieler am Deutschen Theater in Ostberlin (er erhielt die Nationalpreise von der III. bis hoch zur I. Klasse und den Orden Banner der Arbeit).

Uwe Greßmann, Brief an Ludvík Kundera, 25.3.1969

Da mich gegenwärtig die deutsche Dichtung des Mittelalters bewegt, so bitte ich Sie, gewissermaßen als Gesprächsgrundlage, meine dem größten aller Minnesänger gewidmeten Ausführungen in einigen Punkten anzuhören.

Herr Walther auf der Vogelweide 
in Anbetracht einer Faust-
aufführung
insbesondere ihres ersten Teils


Herr Walther spricht:
Den Faust den mag ich nicht
Der nicht gewaltiglich sich ballt
Und wie von einem Arbeiter
Erhoben hoch hinausstrebt hoch
Ja über Kopfes Höhe! doch!
Und überhaupt: was solls?
Es heißt: die Faust!

Herr Walther bittet daraufhin
Die Vögelein auf der Weiden
Ästen hin und her zu schreiten
Und den Weg nach einem
Bittern Feld ja Bitterfeld* von Rinden
Blättern zu besingen
Zu bepicken

Da plaudern die Kritiker vom Pressebaum
Mit einigen Schauspielern und Zuschauern
Vom Schildaschen Theater
In Anbetracht einer dort aufgestellten Statue

Doch Herr Walther spricht:
Was solls? Ist es nicht
Stahl des Arbeiters der hier
Vorstellt dieses Raumes Zier
So aufgestellt?

O nein! Der Held
Unserer Betrachtungen ist
Herr von Wolken- oder Winterstein
Denn als ein Schauspieler hob er
Wohl den Becher und sagte Worte
Dieses Dichters
Nicht etwa draus zu trinken;
Aber der den Minnesang beendete
Saß er überhaupt im Parkett?,
Da Herr Walther auf einem Steine
Saß und Bein legte auf Beine
Und sprach: Was solls?

Da klatschten die Zuschauer vom Schildaschen Theater
Zunächst in Anbetracht einer die Faust hebenden Dar-
stellerin Beifall

Inzwischen traten die andern Schauspieler im Foyer auf
Eben um an der Faustdiskussion teilzunehmen dem
Ergebnis jener Aufführung
Und bekamen auch was davon ab ja vom Vorhang
Denn der Beifall dauerte noch ein Weilchen
Und das obwohl die Künstler plauderten
Ja die Kritiker vom Pressebaum baten
Die Zensur der Urteilenden lieber fallenzulassen

Doch was hilfts Herr Walther spricht:
Diesen Faust den mag ich nicht
Doch ihr lieben Vöglein auf der Weiden
Baum Wie schön habt ihr den Weg
Nach einem bittern Feld ja Bitterfeld*
Von Rinden Blättern
Besungen und bepickt!

*) Vielleicht einer der zahlreichen von Herrn Walther besuchten
mittelalterlichen Fürstenhöfe, vorausgesetzt, daß
unser großer Dichter dort auf seinen Wanderungen auch
etwas vortrug, seinen fürstlichen Gönner damit zu erfreuen.

Aus: Uwe Greßmann: Lebenskünstler. Gedichte. Faust. Lebenszeugnisse. Erinnerungen an Greßmann. Herausgegeben von Richard Pietraß. Leipzig: Reclam, 1982, S. 196ff

Robert Schindel 80

Robert Schindel

(* 4. April 1944, heute vor 80 Jahren, in Bad Hall in Oberösterreich)

Vorm Hölderlinturm spätmittags

Hölderlin isch it Verrückt worra
Graffiti am Turm

Und rundherum und eingesperrt
Und vertikal und unbewehrt
Und morgenstreifig umgetrieben
Ist er it alleingeblieben

So endet jede Schweigezeit
Schon zu Beginn der Ewigkeit

(Für C.)

it: Schwäbisch für: nicht

Aus: Robert Schindel, Geier sind pünktliche Tiere. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1987, S. 97

Trauerrefrain

Anja Utler

(* 24. Juli 1973 in Schwandorf; lebt in Leipzig) 

Aus: Es beginnt. Trauerrefrain

Es beginnt der Tag.
Er ließ sich nicht umgehen.
Die Pflanzen stranden
im Licht; reagieren

Es beginnt der Tag.
Tasse geht zu Boden und
der Tee. Auch ich bin
abwaschbar; von innen nicht

Es beginnt der Tag
in Handschuhen, greift nach den
Organen, wiegt sie
alle einzeln in der Hand.

Für das Buch „Es beginnt. Trauerrefrain“ (Edition Korrespondenzen 2023), aus dem diese drei Gedichte stammen, erhält Anja Utler heute in Staufen den Peter-Huchel-Preis für 2023.

dass nichts von dir bleibt außer ungeschriebenen Büchern

Iryna Vikyrchak

(ukrainisch Ірина Вікирчак; * 17. Mai 1988 in Salischtschyky, Oblast Ternopil; lebt in Wrocław)

***

es kann auch alles damit enden
dass nichts von dir bleibt
außer ungeschriebenen Büchern

außer ein paar fremden Versen
der letzte Strohhalm
hunderte Male gehört
erst heute plötzlich verstanden

Zeit ist zäh wie ein Mus aus Schattenmorellen
der innere Kern lebendig und zart
wie der Stiel einer Gladiole

dann, in der allergrößten Not
strömt in die Stille zwischen uns
unverhofft ein Regen

Aus dem Ukrainischen von Jakob Walosczyk, aus: Iryna Vikyrchak: Algometrie – Anthropologie – Amnesie. hochroth Leipzig 2024, S. 26f

***

а може все скінчитись так,
що з тебе нічого не лишиться,
окрім ненаписаних книг

окрім чужого вірша
останньої соломинки,
що чула сотні разів раніше,
але тільки сьогодні раптом збагнула

час густий, як повидло з липневих морелей
внутрішній стержень живий і ламкий
ніби стебло гладіолуса

зненацька, у найпотрібнішу мить
тишу між нами заллє
несподіваний дощ

was ein feiertag auslöst

Tom de Toys

FEIERTAGSATMOSPHÄRE
bevor ich zum eigentlichen thema dieses
textes überleite möchte ich nur kurz darauf
eingehen warum ich mich bei dem titel nicht
für die wörter LAUNE und STIMMUNG
entschied sondern das wesentlich längere
wort "atmosphäre" benutzte um zu betonen
was ein feiertag bei einem arbeitenden
menschen auslöst wenn er endlich einmal
ausschlafen kann und dann bei einer wohl-
duftenden tasse kaffee in seinem lesesessel
am offenen fenster sitzt durch das der ewige
frieden des autofreien vogelgezwitschers
ins aufwachende hirn strömt und eine
angenehme stille spüren lässt die dazu
verführt dem eigenen denken zu lauschen
als sei es ein fließband ohne produkte
in einer geisterfabrik ohne namen inmitten
der unendlichen landschaft ohne horizont
während die kaffeelektüre an langeweile
kaum mehr zu überbieten ist obwohl mich
das thema schon immer eigentlich brennend
interessiert und meine neugier durch den
titel des buches geweckt wurde der aber
am ende das einzige abenteuer darstellt das
mein geist zu bestehen hatte nachdem sich
die buchstabenfelder auf dem dünnen papier
in luft auflösten und mir die leeren seiten
als fächer gegen die feuchte hitze dienten
solange dieses gedicht noch nicht
als ventilator funktioniert //

29.3.2024 ©POEMiE™

@ 86.MPC (Mobile Poetryclip): https://m.youtube.com/watch?v=HxwIvi_Xv44&list=PLWe1oUWFH2ZkheI5qlQv26mmopR8BX4Lm

Der sechste Streich

Die Festtagsausgabe von Wilhelm Busch (* 14. April 1832 in Wiedensahl; † 9. Januar 1908 in Mechtshausen)

Aus: Wilhelm Busch: Und die Moral von der Geschicht. Herausgegeben von Rolf Hochhuth im Bertelsmann Lesering. Gütersloh: Bertelsmann, o.J. (1959), S. 54-62

Sündfluß

Am 30. März 1601 starb der Augsburger Meistersinger Johannes Spreng. Geboren wurde er an unbekanntem Datum im Jahr 1524. Aus Anlass des 500. Geburtstages heute ein Stück aus seiner Übersetzung und Nach-Dichtung der Metamorphosen des griechischen Dichters Ovid. Aus den breit erzählenden Hexametern des alten Griechen macht der Meistersinger, der das Dichten zunftmäßig in der Meisterschule gelernt hat und ausübt, deutsche Knittelverse. Ovid kennt keine Kapiteleinteilung. Das gesamte umfangreiche Werk ist in 15 Bücher eingeteilt, die einzelnen Geschichten, die Metamorphosen und Verwandlungen gehen ineinander über. Schon zu Sprengs Zeiten galt das als zu anstrengend, und so kürzt er die Erzählung drastisch und teilt die einzelnen Bücher in kurze Kapitel ein. Diese wiederum bestehen nach Art der damals beliebtem Embleme aus mehreren klar abgesetzten Einzelteilen. Bei Spreng sind es jeweils 5 Teile: 1. eine Überschrift, 2. ein Holzschnitt, der die Handlung verbildlicht, 3. eine Prosaeinleitung, dann 4. das eigentliche Gedicht in paarweise gereimten Knittelversen und noch obendrein 5. eine Moral oder „Außlegung“, ebenfalls in Knittelversen. Offenbar brauchen die Leser didaktisch und dogmatisch aufbereitete Geschichten. Nicht zuletzt weil Ovids Erzählung heidnisch ist und die „Außlegung“ die Kurve zur christlichen Bibel kriegen muß. Ich teile zur Jahrhundertfeier die ersten 4 Teile (also ohne die Auslegung) der neunten Verwandlung (= des 9. Kapitels) des ersten Buches mit. Es ist die Geschichte, die die Bibelleser als Sintflut kennen, bei Spreng heißt es Sündfluß. In der Originalausgabe von 1571 sind das nicht einmal 2 Seiten, wenn man die Grafik abzieht.

Sündfluß.

NAch dem Jupiter in der Götter beyseyn vnd versamlung sich berahtschlagt / mit was pein oder straff [Strafe] das Menschliche Geschlecht fürnemlich heimzusuchen vnd außzutilgen were / Hat jm endtlich (von wegen deß Lycaonis gewaltthätigen handlungen / auch umb der andern Menschen boßheit willen / die mit jren lastern die Götter selbs anreitzen / vnd vilfeltig versuchen) gefallen / den gantzen Erdboden mit reichlichem vnauffhörlichem wasser zu vbergiessen / vnd alles was darinnen zu versencken / In welchem gewässer alles Menschlich fleisch (außgenommen zwo Personen) ist vnder[ge]gangen.

P. Ouidij [Ovids] Verwandlung /
Weitere Erklärung.


NAch dem in sünden vngerecht
Sich vmbweltzet Menschlich Geschlecht
In das verderben / auch zu hauff
Thet [tät] rennen gar mit vollem lauff
Darneben mutwillig vorab
Weder vmb straff noch warnung gab
Da kam bald vber sie die rach
Deß Jovis [Jupiters] zoren [Zorn] gar anbrach
Sein meinung was [war] der Menschen schar
Mit wasser außzutilgen gar
Vnd diesen seinen raht beysich
Thut er vollziehen schnelligklich
Schickt ein grossen Regen vom Himmel
Zu hauff die Wasser mit gewimmel
Werden oben gegossen auß
Fallen hernider nach der bauß
Schier gantze flüß kommen von oben
Das Meer facht [fängt] an hefftig zu toben /
Laufft vber / thut die Leut erschrecken
Die Flüß das Erdterich [Erdreich, Erderich] bedecken
Die hohe Thüren auch verschwinden
Die Berg man fort nit mehr kan finden
Im Wasser ligen sie versenckt
Durch vngewitter gantz ertrenckt
Es ist nur ein Teil Meer
Tier / Vögel / vnd das Menschlich Heer
Allda gentzlich in grundt verdirbt
Eins jämmerlichen todes stirbt /
Auß den Leuten mannicherley
Sind vberig zwen [zwei] Menschen frey
Das ander alles mit verdriessen
Allda sein leben muss beschliessen
Der große Wasserguß zu mal
Reißt alles hinweg mit vnfall.

P.OVIDII NASONIS.|| Deß sinnreychen || vnd hochverstendigen Posten/|| METAMORPHOSES.|| oder Verwandlung/ mit schönen künst=||lichen Figuren gezieret/ auch kurtzen … || Argumenten vnd Außle=||gungen/ erkläret/ vnd in Teutsche || Reymen gebracht/|| Durch || M.Johan Spreng/ von Augspurg.|| Frankfurt/Main : Rab, Georg, Weigand Han Erben, Feyerabend, Sigmund, 1571, S. 17f – Online Ausgabe: Berlin : Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Germany, 2015 PURL: http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001A6D000000000

Die Sterne sind in ihren Wangen hohl

Thomas Kunst

(Geboren 1965 in Stralsund, lebt in Leipzig)

WENN ICH MAL TOT BIN, LASST MICH BITTE RAUS,
Aus den Gesprächen über Poesie,
So gut wie Ulrich Zieger war ich nie,
Mein Überleben reichte für Applaus.

Das muss doch alles mal ein Ende haben.
Bin ich berauscht vom Glück, sterben Gedichte.
Der Alkohol auf Feldern ist Geschichte.
Die Lichtpunkte sind Rehe oder Raben.

Das Sterben auf den Höfen, Blutergüsse
Vom Zerren an den Bäumen, Brettern, Blumen
Distanz zu wahren, ja, das ist es wohl –

Die Explosionen in der Nacht sind Schüsse.
Die Drinks im Weltall haben mehr Volumen.
Die Sterne sind in ihren Wangen hohl.

Aus: Thomas Kunst, Wü. Gedichte. Berlin: Suhrkamp, 2024, S. 167

Heim

Oskar Manigk

(* 29. April 1934 in Berlin)

Der dichtende Maler Oskar Manigk wird am 29.4. 90 Jahre alt.

Er wuchs in Ückeritz auf der Insel Usedom auf. 1993 erhielt er den Caspar-David-Friedrich-Kunstpreis und 2005 den Kulturpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Heute wird er mit dem Egmont-Schaefer-Preis für Zeichnung und einer damit verbundenen Ausstellung in der Berliner Galerie Parterre geehrt. Manigk lebt und arbeitet in Berlin und Ückeritz.

https://mailartists.wordpress.com/updates

Heimat
 
Sieh, ich kehre wieder heim,
heim zu Opas Flugzeugleim
und zu Mutters Klieben.
Wenn sie nicht gestorben wär
wäre ich geblieben.
 
Stand ja mal als Zinnsoldat
mitten im Gelände.
Und an Vaters Maschendraht
schien die Welt zu Ende.
 
Doch sie war zu Ende nicht,
wie wir heute wissen.
Habe doch zum Unterricht
immer drüber müssen.
 
Nun sind alle Lehrer tot,
tot bis auf den letzten.
Die mich trotz Gewissensnot,
jedes Jahr versetzten.
 
Liebe Heimat habe Dank,
Dank für deine Güte.
Auf der blauen Gartenbank,
grade als man Kaffee trank,
roch es zehn Sekunden lang
nach Holunderblüte.

Aus „Anwesend“ – ein originalgrafisches Künstlerbuch mit 21 Gedichten und ebenso vielen Grafiken in 50 Exemplaren, Berlin: Wohlrab-Verlag, 2007

die Steine haben die Weltordnung überdauert

Halyna Petrosanyak

(geboren 1969 in den ukrainischen Karpaten, lebt in der Schweiz)

Aus dem Zyklus «Brücke aus Papier. Hebräisches Galizien»

3.

In Stanislau vor dem Krieg
war ich bekannt mit der Tochter des Dr. Horn
der in der Kopernikus-Strasse wohnte
befreundet mit den Kindern des Sulim Sussman
fast verliebt in den jungen Horowitz
besuchte den Gottesdienst das Pastors Zöckler
in der Evangelischen Kirche
in der Knjahynyna-Kolonie
und von meinem Fenster aus lauschte ich des Öfteren
dem göttlichen Gesang des Kantors
der Tempel-Synagoge
Ich habe mir die Vergangenheit in Erinnerung gerufen
aber in der Kopernikus-Strasse steht wahrhaftig
bis heute das Horn-Haus
unweit des jüdischen Friedhofs an der Bahnstrasse
liegt der Grabstein von Sulim Sussman
und das Horowitz-Haus ist bis heute
eine Zierde meiner Stadt
die Steine haben
die Weltordnung
die Leichen überdauert
Mich hält die Hoffnung
dass die Seelen
auch die härtesten Steine
überdauern werden.

Villa Waldberta, 2011

Aus dem Ukrainischen übersetzt von Alois Woldan, aus: Halyna Petrosanyak, Exophonien. Gedichte. Mit einem Vorwort von Ruth Schweikert. Zürich: alit – Verein Literaturstiftung, 2022, S. 58 (essais agités, Band #8, Reihe Weltenliteratur)

©

Krieg

Manfred Winkler 

(* 27. Oktober 1922 in Putilla, Bukowina, Rumänien; † 12. Juli 2014 in Jerusalem)

Der Krieg ist grausam

Töte nicht ich, so tötest du,
Pardon wird nicht gegeben!
Ich weiß, du liebst die dörfliche Ruh,
du liebst wie ich das Leben

Doch töte nicht ich, so tötest du,
Pardon wird nicht gegeben!
Deckt dich die kalte Erde zu,
vielleicht bleib ich am Leben

Ich weiß, es hat gar keinen Sinn,
im Frieden wären wir Brüder.
Ich zöge vielleicht zu den Deinen hin,
doch jetzt knall ich dich nieder!

Zum Denken hab ich keine Zeit,
es sind nur alte Scherben.
Das Heim ist so unendlich weit,
leb ich, so mußt du sterben!

Ich töte nicht in wildem Haß,
doch schieß ich nicht daneben:
deckt dich die kalte Erde zu,
vielleicht bleib ich am Leben

Aus: Manfred Winkler, Im Schatten des Skorpions. Gesammelte Gedichte. Aachen: Rimbaud, 2006, S. 121