In welchem film hast du gelernt?

Evelyn Schlag

(Geb. 1972, lebt in Waidhoven / Ybbs)

etüden

in den vorlesungen schrieb die handschrift sich
einen neuen charakter zu. man hatte blut
an den fingern und saß
neben der romantik.

das muskelzucken des unterarms kam gut rüber.
sagte er keats sagte er den wassertod shelleys
und leichtfüßelnd über
spanische grippen.

wir lasen erlebnisgetreu auf dem weg in halbe
wohnungen. borgten einander die hände.
ruckweise tat sich ein stil auf
um die mundpartie

und die finger beim rauchen: in welchem film
hast du gelernt oder bist du ganz aus naturell?
dramaturgie kam auf und
ein privatsemester.

so also passtest du ins jahrzehnt und wie ich
war wie du warst: liebe sich schöpfend aufs
heiße rote gesicht. wörtlich
angebrochener atem

Aus: Manuskripte. Zeitschrift für Literatur. Graz. Heft 200, Juni 2013, S. 275

Rilke geht auf einen Pfennig zu

Die neue Ausgabe des Schreibheft, aufregend wie immer, mit 3 Schwerpunkten: 1. Joyce Finnegan’s Wake deutsch, 2. François Villons „Ballades en Jargon“, Anders-Deutsch und 3. Ron Padgett. Aus dem dritten hier ein Pröbchen. (Wenn ich etwas an der Zeitschrift zu nörgeln hätte, es wär, dass sie von übersetzten Titeln nicht die Originale mit abdrucken. Ich verstehe natürlich das Platzproblem, aber könnte man nicht mindestens von jedem Schwerpunkt eine Probe des Originals bringen?) Wie dem sei, hier ein Gedicht von Ron Padgett in der Übersetzung von Ralf-Rainer Rygulla aus dem aktuellen Schreibheft und dazu das Original aus dem Original.

Ron Padgett 

(* 17. Juni 1942 in Tulsa, Oklahoma) 

TAG IM HERBST

Rilke geht auf einen Pfennig zu. Sah ich.
Das war wirklich großartig. Doch jetzt
Liegt sein Schatten fest auf den Sonnenuhren.
Wie kann der Wind dann
Die Schatten daran erinnern, daß es Zeit ist?

„Wer kein Haus hat, kann jetzt nicht bauen",
Sagte Rilke zu einer Grille.

Kleine Grille,
Du mußt aufwachen, lesen, lange Briefe schreiben und
Ruhelos umherziehen, wenn die Blätter treiben.

Deutsch von Ralf-Rainer Rygulla, aus: Schreibheft 102, Februar 2024, S. 122

Autumn’s Day

Rilke walks toward a dime. I saw.
It was very great. But now
His shadow is fast upon the sundials.
How then can the winds remind
The shadows it is late?

"Who has no home cannot build now,”
Said Rilke to a grasshopper.

Little grasshopper,
You must waken, read, write long letters, and
Wander restlessly when leaves are blown.

Aus: Ron Padgett: New & Selected Poems. Boston: David R. Godine, 1995, S. 7

Rokokodichtung halt

Der Schweizer Salomon Gessner oder Geßner gilt als Erfinder des Prosagedichts. Er schrieb seine Idyllen in Prosa, daneben aber auch ein paar Gedichte in Versen, wie diese als Fragment gedruckte Verserzählung in reimlosen Jamben. In ihr wird erzählt, wie der Knabe Amor an einem See „ein nakend badend Mädchen“ sieht: „drum schlich er an das Uffer, / das Mädchen zubesehen.“ Ihr Körper wird liebevoll im Detail beschrieben. In der Mitte des Gedichts ist eine Auslassung oder nicht ausgearbeitete Stelle durch Striche markiert, aber der Schelm plaziert zugleich in die Auslassung die laszive Andeutung, dass die Wellen des Sees von den Knien aufwärts steigen … und …:

Die wällen hüpften freudig,
umschwangen ihre Knie
und stiegen in die Höhe,
– – – – – – – – – –
und hüpfeten in Kreyßen,
in silberfarbnen Zirkeln.

Das Mädchen bemerkt den Knaben Amor und bespritzt ihn mit Wasser. Amor revanchiert sich mit einem seiner berühmten Pfeile, das Mädchen rennt erschrocken ans Ufer, um den eigenartigen süßen Schmerz zu besichtigen. Jetzt kommt die Erzählinstanz ins Spiel, es ist nämlich noch jemand am Ufer versteckt, ein junger Mann, der sich gleich erbietet, die Wunde zu heilen, etc. Rokokodichtung.

Salomon Gessner

(* 1. April 1730 in Zürich; † 2. März 1788 ebenda)

[Fragment einer Verserzählung]

Die Sonne war in Westen,
schon von den hohen Bergen,
das Gold der Abendröthe,
erblaßte an dem Himmel[,]
des Mondes schwächre strahlen,
besilberten die Erde.

Alß Amor schon bewaffnet,
in jennem düstern wäldchen,
durch dunkle Schatten irrte,
wo öfters zwey verliebte,
in grünen Schatten scherzen,
wo manches schönes Mädchen,
in Blumen ausgestreket,
den ihm getreuen Hirten,
mit Ungedult erwartet,
wo Kleiner Vögel Chöre,
der Liebe Lob besingen.

In mitte dieses Wäldchens,
versameln alle Bäche,
die sich durchs wäldchen schlängeln,
in einem See die wellen
ihr feuchtes Uffer küssend

Hier, hier sah er ein Mädchen,
ein nakend badend Mädchen,
drum schlich er an das Uffer,
das Mädchen zubesehen.

Die weißgewölbte Stirne,
umkränzten schwarze Locken,
mit denen Zephir scherzte,
und sie um Halß und Brüste,
mit sanftem säuseln schwang,
Es glühte auf den Wangen,
der purpur junger Roßen,
die Kleinen zarten Lippen,
umflatterte die Anmuth,
der schwarzen Augen Feuer,
war reitzend und entzündend,
der Leib war schön und prächtig,
geschlank, und weiß wie Lilgen,
wie man die Venus bildet.

Die wällen hüpften freudig,
umschwangen ihre Knie
und stiegen in die Höhe,
– – – – – – – – – –
und hüpfeten in Kreyßen,
in silberfarbnen Zirkeln.

Das Mädchen sah den Amor,
den es noch nie gekennt,
Es sprach, du kleines knäbgen,
Geh, oder, wann ich komme,
so spriz ich dich mit Wasser.
Doch Amor lächelt schalkhaft,
lähnt sich auf seinen bogen,
und bleibt am Uffer stehen;

Das Mädchen klatscht ins wasser,
biß Amor ganz betreufelt,
so, wie die Rose glänzte,
die ganz beperlet glänzet,
wenn sie bey hellem Morgen,
das frische Tau befeuchtet.

So wie die kleine Lerche,
wann sie die Regentropfen,
von bunten Federn schütelt,
so schütelte sich Amor
die Tropfen abzusprizen.

Drauf sagt er freundlich lächelnd,
Mein kind du kannst im sprizen,
gewiß sehr artlich treffen,
doch sieh, kann ich im schießen,
dich auch so artlich treffen.

Drauf langt er in den Köcher,
und legt auf seinen Bogen,
ein glänzend scharffes pfeilchen,
kaum zischt es durch die Lüfte,
so staks schon in dem Herzen;
des Schreken vollen Mädchens
das eilends aus dem wasser,
ans nahe Uffer flohe
und in dem düstern Wäldchen,
geheim den orth besah,
wo ihns der pfeil getroffen.

Was, sprach es, fühlt mein Herz,
Es ist kein rechter Schmerz,
Er schmerzt, doch ist er süß,
Ein plagendes vergnügen,
was ist nun dieses alles?

Ich hörte diese Worte,
Dann ich stak im Gebüsch,
wo dieses Mädchen klagte,
komm, sez dich auf die Blumen,
sprach ich mein schönstes Mädchen,
ich heil dir deine wunde.

Die Schaam mahlt seine Wangen,
mit reizend schönem purpur,
alß es mich reden hörte,
es wollte schüchtern fliehen,
allein ich hielts zurüke,
und fieng es an zuküssen,
da fieng es an zulächeln,
und foderte durch küsse,
von mir noch ville küsse,
wir küßten bis wir sinkend,
uns auf die blumen legten, etc.

Quelle:
Salomon Gessner: Idyllen. Stuttgart 1973, S. 141-144.
Permalink:

http://www.zeno.org/nid/20004828062

Glückliche Hand

Ich bleibe beim Visuellen. Seit 1959 veranstaltete die Stadt Leipzig zusammen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels (DDR) alle 6 Jahre eine Internationale Buchkunst-Ausstellung in den Messehallen. Ab 1971 erschienen insgesamt 3 Kataloge einer Sonderschau unter dem Titel figura 1-3. Figura 3 (1982) hatte das Thema Zyklen, mit einem Beitrag von Juri Lotman: „Die grafische Folge: Erzählung und Gegenerzählung“ und einem weiteren von Paul Raabe sowie, Premiere für die DDR, einen Katalog „Sa-um – Visuelle Texte“ mit einem Beitrag von Carlfriedrich Claus und der erstmaligen Übersetzung eines Textes von Alexej Krutschonych: „Deklaration der sa-umnischen Sprache“. (Kein Wunder: Mitarbeiter des Katalogs waren Carlfriedrich Claus und Valeri Scherstjanoi). Ausgestellt waren Arbeiten von Frédéric Baal (Belgien), Carlfriedrich Claus (DDR), Christian Dotremont (Belgien), Ilse und Pierre Garnier (Frankreich), Arrigo Lora-Totno (Italien), Alain Arias-Misson (Belgien / USA), Franz Mon (BRD), Sophie Podolski (Belgien), Warwara Stepanowa (Sowjetunion), Shohachiro Takahashi (Japan), Hendrik Werkman (Niederlande) und anderen. Es war eine Sensation für mich.

Ich präsentiere hier aus dem Hauptteil der Ausstellung ein Blatt von Gregory Masurovsky, geboren 1929 in Bronx/ New York,  gestorben 2009 in Paris. Es ist eine Radierung mit einem handgeschriebenen Text von Michel Butor: Die glückliche Hand, Bleistift, 1978/79. Deutscher Text von Helga Bergmann.

Aus: Mayer, Rudolf (Bearb.): figura 3. Zyklen. – Sonderschau der Internationalen Buchkunst-Ausstellung Leipzig 1982. Dresden: Verlag der Kunst, 1982, S. 104f.

Mehr über die Kataloge hier https://lyrikwiki.de/mediawiki/index.php/Figura.

Ruth Wolf-Rehfeldt (1932-2024)

Ruth Wolf-Rehfeldt

(Geboren am 8. Februar 1932 in Wurzen bei Leipzig; gestorben am 26. Februar 2024 in Berlin)

Ruth Wolf-Rehfeldt: Gedenkblatt [Forgotten], 1976
Zinkografie

Aus: Marvin und Ruth Sackner: Schreib/ maschinen/ kunst//. Mit über 570 Abbildungen. Aus dem Englischen von Claudia Kotte. München: Sieveking, 2015, S. 162.

Ruth Wolf-Rehfeldt (geb. 1932) wurde in Wurzen bei Leipzig geboren und zog 1950 als Studentin nach Ostberlin. 1954 traf sie den Grafikdesigner Robert Rehfeldt und heiratete ihn ein Jahr später. Sie arbeitete in der Ausstellungsabteilung der Deutschen Akademie der Künste in Ostberlin, genoss jedoch keinerlei künstlerische Ausbildung. Anfang der 1970er Jahre begann sie, Gedichte zu verfassen und Zeichnungen und Collagen anzufertigen. Um sich ihrem Mann anzuschließen, der seine Grafik in internationalen Mail-Art-Kreisen austauschte, wandte sie sich der Schreibmaschine als künstlerischem Ausdrucksmittel zu. Die Schreibmaschinengrafiken, die sie von 1972 bis zur Auflösung der DDR 1989 produzierte, wurden zu ihrem künstlerischen Markenzeichen. (Ebd. S. 343)

kiev stingl (1943-2024)

Kiev Stingl 

(* 15. März 1943 in Aussig, Sudetenland, heute Tschechien; † 20. Februar 2024)

wenn
der schwanz
erlischt,
gehen schweigsame
soldaten
durch das museum
der wälder.
in einem käfig
steht
der krieger
mit einer hand
voll krieg.
er schlägt
den kopf
der medusa
gegen einen willen
aus fels.
er schlägt
blond blau,
er schlägt
die fliederrote see.
er schlägt
der seele
hieroglyphische lust
zu brei.
bevor
der schwanz
erlischt,
trägt er
das martyrium
in die musik,
die schlingt sich
wasser um den hals,
zu überfließen,
was nur nasse
flecken hinterläß
t: rosenasche
aus meiner hosen
tasche.

Aus: kiev stingl: sink skin. gedichte. markus lüpertz: skulptur apoll. radierung. Berlin: Galrev, 1995, S. 73

Nachruf in der Untergrundzeitung Neues Deutschland

Vor 100 Jahren

Hendrik Werkman 

(* 29. April 1882 in Leens, Niederlande; † 10. April 1945 in Bakkeveen, Niederlande) 

1924

Das 481. Schaltjahr wird uns die Erlösung von der faden
Strapaze der Kunst als Parfüm nicht bringen.
Dazu ist sie zu stark mit der mächtigen Organisation der
Fettmäster, in der jeder sein Glück versucht und Anwälte ein
Auskommen haben.
Der Künstler in der Gesellschaft ist der gefesselte Handwerker im
Großbetrieb.
Instinktiver Trieb zum Schachern und gerissene Überlegung zum
Nachgehen von Kauf und Verkauf mit Profit seine Verdienste.
Willst Du Dich erniedrigen, indem Du Dich den
Unzulänglichkeiten der Gesellschaft anpaßt? Der Lebensbetrieb
fragt nicht nach Lebensbekenntnis.
Die Kunst in der Gesellschaft ist zivilisierte Schau.
Überschwenglichkeit ist konventionelle Kundgebung des
Totenabmarsches ohne Takt.
Lust ist Grundsatz.
Enttäuschung ist das Ende aller Dinge und die Tage brechen das
Leben weiter ab.
1924 erfordert engeren Zusammenschluß Gleichgesinnter, von
denen zu erwarten ist, daß sie sich noch gegen das
Negativprogramm der Reaktion erheben können. Bekundend mit
Wort, mit Schrift, mit Tat.
Mit Pickel, Hacke und Mistgabel.

Aus: Hendrik Werkman (1882-1945). Travailleur & Cie. Texte 1923-1944. Mit einem Nachwort herausgegeben von Hubert van den Berg und Walter Fähnders (Vergessene Autoren der Moderne LXIII. Herausgegeben von Marcel Beyer und Karl Riha). Universität-Gesamthochschule Siegen, Siegen 1995, S. 12 (Aus dem Niederländischen von Hubert van den Berg)

Am 13. März 1945 wird Werkman vermutlich wegen seiner illegalen Drucktätigkeit von einem deutsch-niederländischen Überfallkommando des Sicherheitsdienstes verhaftet, seine Drucke werden als „bolschewistische Kunst“ und „surrealistische Schweinerei“ beschlagnahmt. Werkman wird am 10. April 1945 zusammen mit neun anderen niederländischen Antifaschisten – hauptsächlich Mitglieder des bewaffneten Widerstandes – ohne Prozeß in einem Waldstück in der Nähe des friesischen Bakkeveen hingerichtet. Als wenige Tage später Groningen befreit wird, fallen Werkmans konfiszierte Bilder und Drucke einem Brand zum Opfer. Eine von Willem Sandberg initiierte Werkman-Retrospektive findet November/Dezember 1945 im Siedelijk Museum statt und festigt definitiv Werkmans Namen als avantgardistischer Künstler.

(Ebd. S. 48)

Hier eine Komposition Werkmans aus dem Jahr 1924 https://www.rijksmuseum.nl/nl/collectie/RP-P-2013-18

Postoperativ

Tom de Toys, 21.2.2024
©POEMiE™ @ arbeitsdichte.de


POSTOPERATIVE PARANOIA
(HÜFTHALLUZINATIONEN)


erschöpft und erleichtert im
eigenen bett liegend inmitten
des leeren schalldichten raums
ohne fenster mit der perfekten
narbe an einer hüfte als taube
zeugin daß ich nicht wochenlang
im koma halluzinierte ich sei an
einem wintermorgen mit einem
taxi zum krankenhaus gefahren
wo mir clowns im weißen kittel
die knochen zersägten und das
bein verdrehten ohne daß ich
schmerz verspüren konnte war
ich wirklich weg oder war es nur
ein wimpernschlag mit kurz
aufflackernder fantasie über
keramikknochen plastikgelenke
und titanstifte ganz tief in den
hohlen knochen gerammt ohne
daß jemand den lärm hörte in
diesem hotel auf verschneitem
berggipfel mit cyborgs auf
krücken die freiwillig in zeitlupe
zur neon beleuchteten folter-
kammer torkeln um sich dort
mit eisluftpistolen zu beschießen
und sich in glühende matten
einwickeln zu lassen von aliens
die mal mit erregter und mal mit
beruhigender stimme unablässig
gebete murmeln damit man erst
gar nicht zu denken beginnt aber
ist heute überhaupt januar oder
vielleicht doch schon frühling es
scheint mir ein dunkles stummes
geheimnis in meinem kopf zu
geben denn nur diese narbe lässt
sich nicht abkratzen als sei sie
ein tattoo mit dem historischen
hinweis darauf daß es in echt
geschah während ich einmal
kurz blinzelte um luft zu holen
und dann die knospen um mich
herum erblickte als sei alles
normal und bliebe sogar vor den
augen der autobahn unentdeckt
die sich in meiner vision direkt
gegenüber am berghang entlang
geschlängelt hatte und beweist
daß nur meine zeit still stand ich
esse aus protest alle marzipankugeln


Gewidmet der Aggertalklinik in Dank für fünf heilsame Wochen

Jeder ein Schamane

Hadayatullah Hübsch 

(* 8. Januar 1946 in Chemnitz als Paul-Gerhard Hübsch; † 4. Januar 2011 in Frankfurt am Main)

Wir waren nicht schmutzig, 
Denn wir wollten rein sein,
Rein sein und unschuldig.
Nicht schuldig, wie unsere Väter,
Verfault, wie unsere Mütter,
Heuchlerisch, wie unsere Priester,
Strahlend wollten wir
In den Morgen des Wunderbaren gehen,
Liebend und voller Hoffnung,
Im weißen Land des Inneren
Den Gral zu entdecken, das Herz
Des Heiligen, das Wort, das befreit,
Gott.

Wir waren nicht schmutzig.
Auch wenn unsere Kleider aus Brokat
Ungewaschen, die langen Haare
Ungeföhnt, uns kam es nicht auf
Die Schönheit der Körper allein an,
What's the ugliness
Of your body.
I think it's your mind,
Sang Frank Zappa und wir spielten Freak Out!.
Höher als die Sterne
Wollten wir fliegen,
Tiefer als die Meere
Wollten wir tauchen,
We want to show the world what it means
To love.
Jubelten die Jefferson Airplane,
Und so zogen wir aus
Mit Om-Fahnen aus Katmandu
Und den farbigen Blättern aus San Francisco,
Um neu zu werden, bunt und frisch
Wie eine ungeahnt herrliche Zukunft.
Was hatten wir entdeckt?
Dass der Weg nach innen
Berauschender ist als jeder Feldzug,
Um Reiche aus Gold zu erobern?
Unsere Stadt aus Gold
Lag abseits der Autobahnen,
Über die wir rasten,
Unermüdlich, in der fünften Dimension,
Abseits der gepflasterten
Bürgersteige, über die wir schritten
Mit dem Joint im Mund,
Dem Sakrament, das wir uns erwählten,
Weil wir nichts besseres kannten,
Weil wir nicht wussten,
Wie schöner werden
Als der Diamant der Suche
Nach dem alles offenbarenden Geheimnis.
Das wir waren,
Wir ganz allein.

Was kümmerten uns Börsenkurse,
Geld spielt keine Rolle
War die Losung, die ich ausgab,
Und die Anthem oft he sun
Der Grateful Dead unser nationaler Gesang.
Auf, auf, die Pforten der Wahrnehmung
Zu stürmen, einzubrechen in die
Dunkelheit des Unterbewusstseins,
Tower opens fire sangen die Fugs,
Break through in grey room
Rief Burroughs,
Hier und jetzt zu sein, auf ewig on the road,
Unterwegs zu Stränden
Der hübschen Mädchen mit ihren Perlenkränzen,
Der unbekümmerten Jungs mit ihren Stirnbändern.
Jeder ein Schamane,
Jeder ein Künder froher Botschaft.
Es gibt ein Leben,
Das nicht verschimmelt,
Es gibt Liebe in all der Grausamkeit
Der Kriege und Schlachten um Schätze und Macht,
Wir sind es, vor denen uns
Unsere Eltern gewarnt haben,
Riefen wir auf Demonstrationen,
War es nicht ein Wellenflug der Erkenntnis,
Durch die Sphären zu streifen,
Good Vibrations von den Beach Boys um uns,
In uns und um uns herum,
Can't buy me love von den Beatles,
Turn your love light on von den Dead,
Who do you love mit den Quicksilver Messenger
Service singend.

(…)

Aus: Hadayatullah Hübsch: Schau zurück in Liebe. Gonzo Verlag: Verstreute Gedichte I, 2012

blicke der schrift

Yevgeniy Breyger

(* 26. Juli 1989 in Charkiw, lebt in Frankfurt am Main)

         +blicke der schrift

rücken als zeichen des kinds. antrieb, nach außen zu kehren
was die mutter schrieb wie brücke ins diesseits : jenseits lacht
ein name klingt, name innig umarmt mit der trägerin
in die grube gebettet, bezeichne frühlingsgefärbte helle, blatt-
werk oder geruch nach anfang. blumen, die sich aufbäumen

64

     "Ich habe Vira beschriftet für den Fall, 
dass uns etwas passiert und jemand
sie als einzige Überlebende aufnimmt."


SASHA MAKOVIY, DIE DEN RÜCKEN IHRER TOCHTER ZUR IDENTIFIZIERUNG MIT
NAMEN, GEBURTSDATUM, TELEFONNUMMER UND KONTAKTADRESSE BESCHRIFTETE,
IST LAUT THREM INSTAGRAM-ACCOUNT MITTLERWEILE AUS DER UKRAINE
GEFLÜCHTET. AM DIENSTAG, 5. APRIL, POSTETE SIE EIN BILD VON DEM BLONDEN
MÄDCHEN – LÄCHELND, MIT EINEM STRAUSS GELBER FRÜHLINGSBLUMEN.

65

Aus: Yevgeniy Breyger, Frieden ohne Krieg. Gedichte. Berlin: Kook, 2023, S. 64f

Baumwollstilzchen, ukrainisch: Bavovnyatko

Margret Kreidl

(Geboren 1964 in Salzburg, lebt in Wien)

Es reißt nicht, zerreißt nicht, zerspringt nicht, 
es schmilzt nicht, es filzt nicht, es ist flauschig,
flauschig und rastlos, es zischt und wischt
durch die Nacht, es spielt mit dem Feuer,
es knallt, der Knall ist aus Baumwolle,
ein Baumwoll-Vorfall, ein Baumwollknäuel,
das auf Waffendepots und Munitionslager fällt,
es setzt alles in Brand, es ist klein, ein Fitzchen,
ein Witzchen, es macht aus dem Feind ein Feindlein,
das Baumwollstilzchen, ukrainisch: Bavovnyatko.










Die ukrainische Künstlerin Svitlana Olsevska hat ein Fabelwesen geschaffen, das
russische Militärinfrastruktur angreift.

Aus: Margret Kreidl, Mehr Frauen als Antworten. Gedichte mit Fußnoten. Wien: Edition Korrespondenzen, 2023, S. 29

Du marschierst über Ölfarben

K. O. Götz 

(* 22. Februar 1914 in Aachen; † 19. August 2017 in Wolfenacker)

Francis Picabía

Deine Bilder sollen keine Bilder sein
Sie wollen mehr als Bilder sein
Du besteigst deine Leinwände
wie deine diversen Autos
Du marschierst über Ölfarben
und verlierst dabei deine Gummiabsätze
Du willst es so
Das fertige Opus donnert
vor den verschlossenen Augen
verzweifelter Kritiker
Deine berühmten «Transparents»
sind die Akkumulatoren
deiner Liebschaften
Du nimmst sie auseinander
und montierst sie
wie Abziehbilder auf einem
Benzinmotor
Um Mitternacht wenn du lachst
lösen sich Plakate von den Wänden
Das Leben ist für dich wie ein
Schuhanzieher
bei Sonnenaufgang
Deinen Tod hast du vergessen
Die Freunde an deinem Grab
hören dein Gelächter in der Ferne

1953

Aus: K. O. Götz, Zungensprünge. Gedichte 1945-1991. Aachen: Rimbaud, 1992, S. 58

Gute und schlechte Recensenten

Gottfried Keller 

(* 19. Juli 1819 in Zürich; † 15. Juli 1890 ebenda) 

Aus dem Schreibheft

d. 18_t. Juli 45.
An Frau Caroline Schulz, als sie in den
Jahrbüchern d. Gegenwart eine etwas übertrieben lobende
Recension über meine ersten Gedichte ergoß.


Wenn aus dunkeln Tannenbüschen
kritisch lungerndes Gesindel
schäbig feige Wegelagrer,
Die in ihres Bettelsack's
bodenlosen schwarzen Gründen
nichts als schlechte Kupfermünze,
Krummen, dürre Käserinde
und dergleichen mit sich führen –
Auf den wandernden Poeten,
der da harmlos, geht und singt,
Ihre schlechten Witze senden,
Ihres Neides stumpfe Pfeile:
O dann nimmt er von der Straße
Nur den ersten besten Stein,
Werfend ihn nach dem Gesträuche,
Und das feige Pack verkriecht sich,
Schneutzt und reibt die wunde Nase,
Froh, daß man es nicht erkannt!

Aber wenn der gute Dichter
Nächtlich durch die Straßen wandelt
Träumerisch im Mondenlicht
Und von blumigem Balkone
Hinter Ros'- u Myrthenstöcken
Oder gar aus kleinem Fenster
Mit romant'schen Epheuranken
Lauschende verborgne Frauen
Ueberschwenglich ihres Lobes
Eine ganze Sündfluth gießen
Auf den Dichterling herab:
Rosenöhl und köll'nisch Wasser,
Mandelmilch und Limonade
Und dergleichen süßes Zeug:
Ach dann bleibt ihm gar nichts übrig,
Als den nassen Kopf zu schütteln,
Dumm verblüfft empor zu schauen,
Rufend: O ich bitte sehr!

Schreibbuch Ms. GK 9, Nr. 252, https://www.gottfriedkeller.ch/GG/HG/HG_09.htm

Dichterin, Teufelin

Sophie Reyer

(Geboren 1984 in Wien, lebt dort)

:
Ich bin eine Teufelin
mit umgekehrten

Flammen ein Igel
der die Stacheln

nach Innen gerichtet
hat ich bin

das Mädchen
mit den Scherenhänden

das sich nie getraut hat
jemanden zu halten

und dafür der Welt
den Schnee schenkt, und

Worte und alle
möglichen

Welten: Dichterin,
Teufelin

Aus: Jahrbuch österreichischer Lyrik 2022/23. Herausgegeben von Alexandra Bernhardt. Wien: EDITION MELOS, 2023, S. 173

Von der Schwierigkeit, 17 Silben zu übersetzen

Heute eine Passage über das Übersetzen von (japanischen) Gedichten, gefolgt von mehreren teilweise extrem verschiedenen Übersetzungen desselben Gedichts. Die Einleitung ist von Manfred Hausmann:

Eins der bewegendsten japanischen Gedichte, verfaßt übrigens von einer Frau, lautet:

Asagao ni
tsurube torarete
morai-mizu.

Wenn man es wörtlich ins Deutsche übersetzt, ergibt sich folgende Aussage:

Von der Winde
des Zieheimers beraubt
geschenktes Wasser.

Für unser Empfinden stellt das gewiß kein Gedicht dar. Ja, man kann nicht einmal behaupten, daß der Sinn der Wörter, die in einer Art von Telegrammstil aneinandergereiht sind, ohne weiteres deutlich wird. Erst nach einigem Nachdenken beginnt man zu verstehen, was die Dichterin, Frau Kaga no Chiyo, die zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts lebte, damit dartun wollte:

Während der Nacht hat sich eine Winde um den Eimer meines Ziehbrunnens gerankt. Sie ist so schön, daß ich es nicht über mich vermag, sie zu zerstören. Ich verzichte deshalb lieber auf den Gebrauch des Eimers und hole das Wasser beim Nachbarn.

Eine solche umständliche Übersetzung vermittelt zwar den verstandesmäßig erfaßbaren Inhalt des kleinen Gebildes, kann aber nicht beanspruchen, eine Übertragung, eine Hinübertragung in die deutsche Sprache, eine lebenatmende Nachschöpfung zu sein. 

Aus: Liebe, Tod und Vollmondnächte. Japanische Gedichte. Übertragen von Manfred Hausmann. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1951, S. 5.

Es folgen mehrere Übersetzungen dieses Haikus in deutscher und englischer Sprache. Manchmal wird man Mühe haben, zu erkennen, dass es sich um dasselbe Gedicht handelt. (Auch der Name der Verfasserin schwankt – es handelt sich trotzdem immer um dieselbe Dichterin, Chiyo-ni (1703-1775).

Eine blühende Winde
hat sich um meinen Brunneneimer gerankt.
Ich schöpfe das Wasser beim Nachbarn.

Kaga no Chiyo, deutsch von Manfred Hausmann, aus: Liebe, Tod und Vollmondnächte, a.a.O. S. 28

Taubeglänzte Spinne, du verschuldest, 
Daß ich bei Fremden Wasser schöpfen muß,
Denn du hast über Nacht
Meinen Ziehbrunnen versponnen.

Kaga no Chiyo, deutsch von Werner Helwig, aus: Wortblätter im Winde. Nachdichtungen japanischer Texte. Hamburg: Goverts, 1945, S. 63

AM BRUNNEN
von FRAU CHIYO

Windenblüten schlingen sich um des Brunnens Seil,
Ich kann die zarten Blüten nicht zerstören, –
Lieber bitt ich den Nachbarn um Wasser und laß sie heil.

Deutsch von Paul Lüth, aus: Frühling Schwerter Frauen. Umdichtungen japanischer Lyrik … von Paul Lüth. Berlin: Paul Neff, 1942, S. 127

The morning glory!
It has taken the well bucket,
I must seek elsewhere for water.

Andere Version aus derselben Quelle:

morning glory!
the well bucket-entangled,
I ask for water

Quelle: https://allpoetry.com/items/read_by/Kaga%20no%20Chiyo?kind=poem&last_i=13621620&page=1. Dort gibt es auch eine ausführliche Interpretation des kleinen Gedichts. Obwohl im Text behauptet wird, es sei von Issa, steht am Kopf der Seite und in der Webadresse der Name unserer Dichterin als Kaga no Chiyo. Morning glory ist hier übrigens der Name einer Pflanze, die von anderen als Winde übersetzt wird. Oder handelt es sich tatsächlich um ein Haiku von Issa mit demselben Motiv? Dagegen spricht, dass die anderen Gedichte davor und danach von Frau Chiyo sind. Dass es sich um dasselbe Gedicht dieser Dichterin handelt, wird auf einer anderen Webseite mit mehreren englischen Versionen deutlich, die alle die Pflanze Morning Glory nennen. Hier die Übersetzungen dieser Seite mit einem kleinen Vorspruch.

One of the most famous haiku, by Chiyo-Ni – 千代尼 (1703- 2 October 1775), also known as Fukuda Chiyo-ni – 福田 千代尼, or Kaga no Chiyo – 加賀千代 (Chiyo from Kaga.)

朝顔に
釣瓶とられて
貰い水

asagao ni
tsurube torarete
morai mizu

the morning glory
took the well-bucket away from me –
I go to the neighbour for water

The morning glory!
It has taken the well bucket,
I must seek elsewhere for water.

the morning glory
beat me to it …
I go to the neighbour to fetch water
(Tr. Gabi Greve )

morning glory !
the well-bucket entangled
I ask for water
(Tr. Donegan and Ishibashi)

my well bucket
taken by the morning glory—
this borrowed water
(Tr. Ueda Makoto)

Quelle: https://suisekiblog.wordpress.com/2018/06/15/haiku-asagao/

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