10. Lyrik führt ORF-Bestenliste an

Zwei Neuheiten unter den ersten drei finden sich auf der ORF-Bestenliste im August. Mit Fernando Pessoas Gedichtband „Mein Blick ist offen wie eine Sonnenblume“ belegt einer der bedeutendsten Lyriker Portugals aus dem 20. Jahrhundert Platz eins.

Der Erzählband „Die kleinen Widrigkeiten des Lebens“ der US-amerikanischen Autorin Grace Paley rückt auf Platz zwei vor. Die gleiche Punkteanzahl erreicht Elfriede Gerstls Textsammlung „Behüte, behütet“, der zweite Band der auf vier Bände ausgelegten Werkausgabe der Wiener Dichterin.

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9. Midtown Correspondence 6

Probleme mit Denkmälern. In Washington wurde das Lincolndenkmal besprayt. Während das für Martin Luther King von Staats wegen bereinigt wurde. Der chinesische Bildhauer Lei Yixin hatte den Auftrag, ein inkriminiertes Zitat zu entfernen. Unter den Kritikern war auch die Lyrikerin Maya Angelou. Das Zitat besagte: „I was a drum major for justice, peace and righteousness.“ Drum major, wie nennt man den Typen, der mit einem Stab wedelnd vor der Kapelle marschiert, auf Deutsch? Jedenfalls das Zitat war verkürzt und nach Meinung der Kritiker verfälscht. Wirklich gesagt hat er: „Wenn ihr mich einen Drum major nennen wollt, dann sagt ein Drum major für Gerechtigkeit, ein drum major für Frieden, ein drum major für Aufrichtigkeit.“ Die Korrekturen sollen bis zum 28. August abgeschlossen werden, den 264. Geburtstag Goethes, äh, falscher Ordner, den 50. Jahrestag des Marsches auf Washington.

Literatur geht besser wenn sie vertont, vertanzt, veropert wird. Heute hat Oscar Wilde eine halbe Seite in der Times unter der Maske einer Oper von Theodore Morrison. Sie erfüllt gleich zwei Bedingungen für öffentliche Aufmerksamkeit: zur Medialisierung kommt der Fokus auf Wildes Leben, also seine damals ungesetzliche sexuelle Orientierung. Wenn sie ein interessantes, hartes, verpfuschtes Leben haben, lieben wir die Dichter(biographien). Hier gibts eine Gemeinsamkeit mit den Politikern, deren Sexualleben die Amerikaner im Moment wieder jeden Tag beschäftigt, täglich von Seite 1 an. In der Oper, „Oscar“, tritt Walt Whitman als eine Art Zeremonienmeister auf – Whitman kannte Wilde, lebte aber zum Zeitpounkt der Handlung nicht mehr. Noch die Artikelüberschrift nachzutragen, „When a Poet’s Life And the Law Are at Odds“. Wenn das Leben eines  Dichters mit dem Gesetz kollidiert.

Rote Ampel
Rote Ampel

8. Lyrik verlegen

Julia Graf: Ich habe ja im Berlin Verlag angefangen als sehr junge Lektorin, und dort war Mathias Gatza, der inzwischen selbst Autor ist, und der hat immer die Theorie gehabt, man muss die jungen Lyriker alle in die Verlage bringen, denn die werden vielleicht auch mal Romane schreiben, und überhaupt ist die Lyrik die Königsgattung der Literatur. Und er hat damals Björn Kuhligk und Jan Wagner in den Verlag geholt, und ich habe dann eben auch mit ihnen zusammengearbeitet und bin dann über diesen Weg so dazugekommen.

Liane von Billerbeck: Über diese beiden Bände werden wir gleich sprechen, die Sie da herausgegeben haben, aber was Sie da eben sagten, das finde ich ja interessant, diese Äußerung, die über Lyrik in die Verlage bringen, damit die dann mal einen Roman schreiben. Das heißt ja, Lyrik ist so eine Art Durchgangsstadium.

Graf: Nein, das ist missverständlich. Ich habe ja dazu gesetzt, dass es ja eigentlich die Ursprungsgattung, aus der sämtliche Literatur kommt, ist. Aber es ist natürlich so, dass viele sehr junge Autoren, wenn sie so mit ihren ersten Schreibversuchen …, ist es doch bei vielen so, dass sie zunächst Lyrik schreiben, und gerade bei Jan Wagner und Björn Kuhligk haben wir eigentlich den Fall, das sind zwei Autoren, die Vollblutlyriker sind, obwohl ja Björn Kuhligk jetzt zusammen mit Tom Schulz auch einen wunderbaren Reiseband über neue Wanderungen in der Mark Brandenburg schreibt, und Jan Wagner auch ein glänzender Essayist ist, aber sie sind doch in erster Linie Lyriker.

von Billerbeck: Diese beiden Bände haben Sie herausgegeben bei Hanser Berlin, zwei von Ihnen lektorierte Gedichtbände, Jan Wagner ist schon erwähnt worden und Björn Kuhligk, und in dem Vorwort von Jan Wagner, da schreibt er, Dichter seien so eine Art Verborgene, eben weil sie mit ihren Gedichten, auch mit ihren Gedichtbänden relativ wenige Menschen erreichen. Teilen Sie diese Ansicht, dass es Verborgene sind?

Graf: Na ja, es ist schon so, dass, wenn man so in der S-Bahn schaut, was lesen die Leute, dann sind es doch eher Romane bis Schmonzetten, die die Menschen dort auf den Knien haben. Ich glaube aber, dass allein schon so Lyrik – wie eng soll man den Begriff fassen?

Jeder hat Lieblings-Popsongs, das ist auch eine Art von Lyrik. Und ich glaube, dass Lyrik diese unmittelbare Weise, wie sie uns anspricht, dass die jeden Menschen anspricht, und sich dem Zauber eines gelungenen Gedichtes wirklich niemand entziehen kann. Also der Überzeugung bin ich ganz sicher, Lyrik nutzt sich ja auch nicht ab – es ist ja erstaunlich, dass man irgendwie einen hundertmal durch die Mangel gedrehten Eichendorff, wenn man den plötzlich hört oder so aus dem Zusammenhang genommen liest, oder plötzlich seinem Kind vorspricht, dass man das gleiche Glücksgefühl haben kann, als ob man es zum ersten Mal hört, und das zeichnet eben gelungene Lyrik aus.

Es ist ja so, dass man bei Lyrik – da zeigt sich das Misslungene, glaube ich, besonders blitzartig, aber eben auch dieses Glück eines perfekten Kunstwerkes, das kann sich natürlich in der Lyrik auch auf einen Blick sozusagen demonstrieren, durch die Kürze der Form, und das ist eben das besondere Glück, glaube ich, das man empfinden kann.

von Billerbeck: Trotzdem ist es ja so, dass nicht so viele Menschen von diesen Gedichten erfahren, weil die Lyrikauflagen sind doch eher klein. Was macht das mit Dichtern, wenn sie kaum wer kennt, und wenn sie vielleicht wollen, dass sie eine Million Leser haben, aber eben doch nicht die eine Million bekommen?

Graf: Also ich vermag es nicht ganz zu sagen, ob sie sich heimlich grämen. Aber ich glaube, dass eigentlich gerade jetzt im Moment die Lyrikszene eine Blüte erlebt, sie sind sehr vernetzt, es gibt unglaublich viele Veranstaltungen, also Jan Wagner tourt unglaublich viel durch die Landschaft und ist immerzu auf Veranstaltungen, es gibt fast in jeder Stadt ein Poetikfestival, und auch Björn Kuhligk kann sich der Anfragen oft auch gar nicht erwehren, also ich glaube, dass es vielleicht nicht die großen Millionenauflagen sind, aber dass doch die Lyriker das Gefühl haben können, dass sie durchaus wahrgenommen werden, und das ist eigentlich sehr schön. / DLR

 

7. Fähren

Ich habe in der Tat stets eine Leidenschaft für Fähren besessen; sie sind für mich einzigartige, fließende, niemals versagende, lebende Gedichte. Die Fluß- und Buchtlandschaft überall in New York, zu jeder beliebigen Zeit eines schönen Tages – die eilenden, sprizuenden Meeresströmungen – das wechselnde Panorama von Dampfern aller Größen, oft eine ganze Kette der größeren auf der Heimreise zu fernen Häfen – die Myriaden weißer Segel von Schonern, Schaluppen, Skiffen und die unglaublich hübschen Jachten – die majestätischen Sundboote, da sie die Battery umsegelten und nachmittags gegen fünf herankamen, unterwegs nach Osten – den Blick nach Staten Island gerichtet oder hinunter nach Narrows oder in die andere Richtung, den Hudson hinauf – welche Erfrischung des Geistes mir doch solche Schauspiele und Erlebnisse vor Jahren (und noch viele Male seither) gaben!

Walt Whitman: Tagebuch. Aus dem Englischen von Götz Burghardt. Leipzig: Reclam, 1985, S. 17f

 

6. American Life in Poetry: Column 434

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Those of us who have been fortunate enough to have been new parents will recognize the way in which everything seems to relate to a baby, who has by her arrival suddenly made the world surround her. D. Nurkse lives in Brooklyn.

First Night

We brought that newborn home from Maimonides
and showed her nine blue glittering streets.
Would she like the semis with hoods of snow?
The precinct? Bohack’s? A lit diner?
Her eyes were huge and her gaze tilted
like milk in a pan, toward shadow.
Would she like the tenement, three dim flights,
her crib that smelled of Lemon Pledge?
We slept beside her in our long coats,
rigid with fatigue in the unmade bed.
Her breath woke us with its slight catch.
Would she approve of gray winter dawn?
We showed her daylight in our cupped hands.
Then the high clocks began booming
in this city and the next, we counted for her,
but just the strokes, not the laggards
or the tinny echoes, and we taught her
how to wait, how to watch, how to be held,
in that icy room, until our own alarm chimed.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by D. Nurkse from his most recent book of poems, A Night in Brooklyn, Alfred A. Knopf, 2012. Poem reprinted by permission of D. Nurkse and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

5. Midtown Correspondence 5

Leserbrief an die New York Times: „Wer sind Papst Franz und seine Vorgänger, um Frauen zu beurteilen, die Priester werden möchten? Diese Tür, auf verrosteten uralten Scharnieren, bleibt zu.  Neuer Papst, alte Geschichte.“

Zu Hause, lese ich, schimpft Jan immer noch gegen diverse US-Kritiker. Gut, daß ich in den Staaten bin. In der Arts-Beilage am Mittwoch ein interessanter Artikel über die Tanzszene in Downtown Manhattan, sonst Film und Musik, Lyrik Null (Ich beobachte nur). Am Donnerstag wie immer, nur in die Musikberichterstattung schleicht sich Poesie via Singer/Songwriter ein. Bombino, eigentlich Omara Moctar, ein in Niger geborener Tuareg, der auch in Algerien, Libyen und Burkina Faso lebte, sang in seiner Muttersprache Tamaschek in Brooklyn. Tuaregmusik erinnert manchmal an Blues, sagt der Artikel. Bombino lernte in Algerien von Jimi-Hendrix-Videos. Seine Texte handeln von Liebe, Wüste und Bewahrung des Erbes.

Über eine Million Amerikaner kriegen kein Konto wegen kleiner Verfehlungen (einmal 40 Dollar überzogen). Ihre Datenbanken speichern alles und vergessen nichts. Ob den Spekulanten, die Nationen ins Unglück stürzten, die Konten entzogen wurden, bleibt unerwähnt.

Interessanter Unterschied: Wenn Busfahrer in Deutschland leer ins Depot fahren, weil sie Feierabend haben, steht dran: „Dienstfahrt“. In Amerika: „Not in Service“.

Frühstück mit Emily's
Frühstück mit Emily’s

4. Begeistern

Granderath empfindet es als großes Geschenk, dass sie Menschen für Gedichte begeistern kann. Auch wenn sich mit Lyrik nicht viel Geld verdienen lässt, wie sie aus eigener Erfahrung weiß. Die Düsseldorferin ist seit Jahren auch als Moderatorin unterwegs.

Sie steht für die Poesieschlacht im Zakk, war selbst lange als Slammerin unterwegs. In Workshops und Schreibwerkstätten bringt sie jungen und alten Menschen bei, wie aus ihren Gedanken und Gefühlen Literatur wird. „Jeder hat die Fähigkeit, Inneres aufzuschreiben“, erklärt sie. Wenn Jugendliche Wörter wie „Klappkaribik“ für Sonnenbank schöpfen, dann ist das für Granderath wertvoll. Eine Unterscheidung in richtige und nicht richtige Literatur gibt es bei ihr nicht.

Sie selbst habe einen Hang zu kantigen Wörtern. Praktizieren, so etwas bleibt hängen und rutscht nicht durchs Ohr, sagt sie. Oder Krustenbraten. Manchmal kann sie auf Zuruf ein Gedicht verfassen. Und manchmal schleppt sie im Kopf einen Satz lange mit sich rum.

„Aber wenn der Lyrikspeicher voll ist, dann muss etwas abgelassen werden.“ Granderath schreibt mit Bleistiften in ein kleines Buch. Gerne unterwegs oder in der Straßenbahn. „In der Dichterstube ist eben nicht so viel los“, sagt sie. Am Versmaß arbeitet sie dann aber konzentriert zu Hause. Vieles ist konstruiert, sie begeistert sich für Konkrete Poesie. Auch die Typographie, das Erscheinungsbild ihrer Wörter und Zeilen ist der Dichterin wichtig. / Marion Troja, Westdeutsche Zeitung

3. Eberhard Häfner


Eberhard Häfner (1990) by Gérard Courant – Cinématon #1179

2. Will Staple

Am Freitag, 2. August 2013, liest der amerikanische Dichter Will Staple, der gerade in Bayern weilt.

Er wird aus seinen Büchern „Passes For Human“, „The One That Got Away“, „The Only Way to Reduce Crime is to Make Fewer Acts Illegal“, „Luminositá Numinosa“ und „Herbe Schönheit“ lesen.

Die deutsche Übersetzung dieser von Humor, Liebe und einem feinem Schmerz geprägten Gedichte liest Egon Günther (Autor von „Bayerische Enziane“ und „Watschenbaum“, beide Edition Nautilus).

Beginn: 20:30 Uhr

im Platten- und Buchladen Optimal,

Kolosseumstr. 6, München

Der Eintritt ist frei, Spenden, auch in Form von Goldnuggets, sind möglich.

Stimmen zu Will Staple:

Will Staple ist ein umsichtiger Poet aus dem Hochland. Er lebt in den Ausläufern der Sierra Nevada zwischen Kiefern und Eichen und in der Nachbarschaft von Bären und Berglöwen. Der 1945 in Colusa geborene Kalifornier hat, rein altersbedingt, nur unmittelbar mit der sogenannten Beat-Generation zu tun. Doch eine zentrale Figur dieser Bewegung, der Dichter Gary Snyder, ist während der Zeit des Free Speech Movement sein Lehrer in Berkeley gewesen. An den Häusern von Snyder und Allen Ginsberg, die legendäre Gestalt der Beat-Bewegung schlechthin, hat Staple in den siebziger Jahren als Zimmerman gearbeitet, bevor er sich nebenan eine eigene Waldhütte baute. Ihre Adresse ist Jackass Flags; der Name verdankt sich klugem Goldgräberhumor. Die Dichter, die sich in dieser vormals vom Goldrausch aufgewühlten Gegend niedergelassen haben, schürften in ihrem Gemüsegarten nach einem ganz anderen Metall. Sie versuchten, eine Art Zen-Anarchismus zu leben und sich dabei einen globalen Überblick zu verschaffen, der aus der Tiefe einer knorrigen, neoprimitiven Verbundenheit mit dem Land geschöpft wird.

„Klapperschlangenweisheit und Kojote-Integrität“ hat Gary Snyder, der Altmeister, Will Staples „einzigartiger, verschrobener, origineller Dichtung“ bescheinigt, mit der dieser sich selbst eine spezielle Nische geschaffen habe.

Will Staple wurde 1945 in Colusa, Kalifornien geboren. Er wohnt in einer Waldhütte im Vorgebirge der Sierra Nevada, dort wo ursprünglich – vor dem Eindringen der weißen Goldgräber – die Stämme der Maidu und Nishinam lebten. Unter dem Titel „Klapperschlangenfrau“ – in der amerikanischen Originalausgabe von 1977 Passes For Human – ist 2004 im Verlag der Stadtlichter Presse eine umfangreiche zweisprachige Auswahl seiner früheren Gedichte erschienen. Im vorigen Jahr erschien in der Reihe Medienstreu des Peter Engstler Verlags das ebenfalls zweisprachige Heft „Herbe Schönheit“, das neuere Gedichte aus The Only Way To Reduce Crime Is To Make Fewer Acts Illegal (1996), Luminosità Numinosa (2003)sowie The One That Got Away (2008) enthält . Der in Volcano, Hawaii verstorbene kalifornische Dichter Albert Saijo (1926 – 2011) stellte Will Staple das Zeugnis aus: „THIS DAWG CAN WRITE – ROUGH BEAUTY.“

1. American Life in Poetry: Column 433

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Here’s an observant and thoughtful poem by Lisel Mueller about the way we’ve assigned human characteristics to the inanimate things about us. Mueller lives in Illinois and is one of our most distinguished poets.

Things

What happened is, we grew lonely
living among the things,
so we gave the clock a face,
the chair a back,
the table four stout legs
which will never suffer fatigue.

We fitted our shoes with tongues
as smooth as our own
and hung tongues inside bells
so we could listen
to their emotional language,

and because we loved graceful profiles
the pitcher received a lip,
the bottle a long, slender neck.

Even what was beyond us
was recast in our image;
we gave the country a heart,
the storm an eye,
the cave a mouth
so we could pass into safety.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Reprinted by permission of Louisiana State University Press from Alive Together by Lisel Mueller. Copyright ©1996 by Lisel Mueller. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

121. Midtown Correspondence 4

Die Beilage „The Arts“ der New York Times vom 30.7. enthält 8 Seiten, davon 1 TV-Programm, 1 Wetter + Werbung, 2 für Dinosaurer + TV, 4 Seiten für Musik, not a word of or on poetry.

Das Boulevardblatt New York Post dagegen nennt auf der dritten Seite eine klassische Autorin, nämlich Jane Austen, und druckt daneben das ganzseitige Foto einer anderen  Autorin. Und zwar so. In London wurde ein Mann verhaftet, der einer Feministin Drohungen getwittert hatte.  Caroline Criado-Perez hatte eine – erfolgreiche – Kampagne gestartet, um eine Frau auf britischen Banknoten abzubilden. Vergangene Woche teilte die Bank of England mit, daß Jane Austen auf neuen 10-Pfund-Noten abgebildet wird. Seitdem habe sie Twitter-Drohungen bekommen, darunter Androhungen von Vergewaltigung und Mord.

Das Autorinnenfoto daneben zeigt eine Sängerin und Songwriterin. Taylor Swift ist im Bikini beim Surfen oder Paddleboarding abgebildet. Vor ihrem Haus auf Rhode Island, das sie im April für schlappe 17 Millionen erworben hatte. Soweit die Poesienachricht im Zeitungsmachern und -käufern verkraftbaren Maß.

Eine Platte im Batterypark mit dem Sonett von Emma Lazarus, das auch den Sockel der Freiheitsstatue ziert. Nur wegen des Gedichts also brauchte man nicht rüberzufahren, was mit langen Schlangen, überfüllten Booten und flugzeugähnlichen Kontrollen verbunden ist. Jeder darf seine halbautomatischen Knarren haben, aber mein Schweizer Messer bedroht die Würde und Sicherheit der Vereinigten Staaten und muß draußenbleiben.

lazarus

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120. Mara Genschel im Radio

Deutschlandradio mit einem Beitrag über Mara Genschel. Oliver Kranz schreibt:  “Willkommen im lyrischen Sprachlabor. Die Künstlerin Mara Genschel schreibt und sammelt Geräusche.”

Weiter entdecken kann man dann auch auf Genschels Blog Höhere Vasen.

Der Perlentaucher hat seine Meldung dazu mit einem Video versehen.

(gefunden bei Patrick Hutsch, open mike)

119. Eigenbrötler

Gute Gedichte provozieren immer erneut die Frage: Was also ist Lyrik, hier und jetzt, im Augenblick des Gedichts? Gedichte, wenn sie gut sind, entwickeln ein Eigensein, das Zuordnungsgewohnheiten sprengt, ästhetische Gewissheiten entwertet.

Die 100 Gedichte in E. A. Richters neuem Band Schreibzimmer sind solche Eigenbrötler: Sie sind ziemlich immun gegen das traditionelle Schmeichelidiom der Lyrik; kommen mit einem prosanahen Duktus zu ihrer lyrischen Qualität; beweisen, dass es auch eine poetische Schönheit des Begrifflichen gibt; Richters Gedichte sind meist nominal geballte, verbarme Intensiväußerungen.

„Mr. Indecision [in dem gleichnamigen Gedicht] liebt es, auf Parkbäumen / solipsistische Ironieschleifen / aufzuzeichnen, mit dem Argument / der Gefahrlosigkeit“, ein begrifflich dominierter Prosasatz, der seine Lyrizität erst als Teil des Gedichtganzen zeigt; auch strenge Fremdwörter können eine spezifische Melodie entwickeln und taugen mitunter fast zu Märchensprache: Immer wieder taucht (in Besuch) eine kleine Frau auf, direkt aus dem Boden, eine kleine Märchenfee, macht aus Wasser Wein oder Tee, „dreht sich im Kreis, drückt sich aus“, versprüht Tee oder Farbe oder Nebel und am Schluss „klärt [sie] ihre fluide Emergenz“, Fremdwörter als Klangkörper; „ihr Kleid ist patschnass“, alle Sprachebenen beweisen ihre Lyrikeignung. / Helmut Gollner, Literaturhaus.at

Zweitabdruck. (Die Rezension erschien erstmals in KOLIK Nr. 59

E. A. Richter: Schreibzimmer
Gedichte.
Wien: Edition Korrespondenzen, 2012.
160 S., Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen
€ 20,00
ISBN: 978-3-902113-94-8

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Werke

118. American Life in Poetry: Column 432

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

One of the most distinctive sounds in small-town America is the chiming of horseshoe pitching. A friend always carries a pair in the trunk of his car. He’ll stop at a park in some little town and start pitching, and soon, he says, others will hear that ringing and suddenly appear as if out of thin air. In this poem, X.J. Kennedy captures the fellowship of horseshoe pitchers.

Old Men Pitching Horseshoes

Back in a yard where ringers groove a ditch,
These four in shirtsleeves congregate to pitch
Dirt-burnished iron. With appraising eye,
One sizes up a peg, hoists and lets fly—
A clang resounds as though a smith had struck
Fire from a forge. His first blow, out of luck,
Rattles in circles. Hitching up his face,
He swings, and weight once more inhabits space,
Tumbles as gently as a new-laid egg.
Extended iron arms surround their peg
Like one come home to greet a long-lost brother.
Shouts from one outpost. Mutters from the other.

Now changing sides, each withered pitcher moves
As his considered dignity behooves
Down the worn path of earth where August flies
And sheaves of air in warm distortions rise,
To stand ground, fling, kick dust with all the force
Of shoes still hammered to a living horse.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2007 by X.J. Kennedy. Poem reprinted from In a Prominent Bar in Secaucus: New and Selected Poems, Johns Hopkins University Press, 2007, by permission of X.J. Kennedy and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

117. He doesn’t like it

Tonight, Will Oldham, aka Bonnie ‘Prince’ Billy, is performing at Town Hall. Among other things, he is an enemy of poetry.

His sharpest and most prominent attack came in an essay in Poetry, in the June 2012 issue, in one of my favorite sections of the magazine—a feature each month in which non-poets write about poetry. I suppose it was generous of the editors of Poetry to allow what could be called a dissenting voice. Faith, after all, necessitates doubt. But it was not so much a dissenting voice as a voice that said we should shut down the proceedings. It made me ponder canceling my subscription but that would be giving in to an anti-poet and, further, might seem harsh to Poetry.

What did he say? He said poetry is stupid. In most cases condensing an argument would mean simplifying that argument and analyzing but in this case it will mean that I must expand on it somewhat, because there isn’t much to it to begin with. Poetry, he argued, makes him feel dumb because poetry doesn’t make sense. Poetry is just words on paper, and when read aloud it is worse:

Even recited, words expressively coded and adjacented are like a miracle of phonetics but do not mean what they should. It’s about the structure, but a poem holds nothing up and nothing in. It sits there. And in a public space, a read poem fills the air with signs that I cannot use to direct myself anywhere except the restroom or the sidewalk, or inside of myself.

Poetry, he „argues,“ fails in the face of, for example, a song. (By the way, Oldham uses „quotes“ in his „essay“ so when I use them, I’m merely taking it to his level, that’s all.) The songwriter is—guess what?—OK with songs:

Give me a melody—give me, better, a harmonized melody—and those words will become a part of me. This is what I, a child of the age, need.

Poetry, he continues, is intentionally obscure and thus worthless. He quotes a Shakespeare sonnet then dismisses it:

Unfortunately, the full sonnet made no sense to me, and even that quoted couplet became scrambled and indecipherable without the guidance of a critic to give it meaning—because it is poetry, and poetry is something that points to something else.

/ The awl