Poetry in Motion, New Yorker U-Bahn:
Aus dem Gehen neben jemandem, in den heimlich man verliebt ist, kann bei Hefter durch ein neues Arrangement unversehens das Gehen zweier Betrunkener werden. Wobei in diesem Fall die Ähnlichkeit der beiden Ereignisse gar nicht so überraschend ist.
gehen
betrunken, zu zweit, nachts eine Straße entlang
Ich zeige dir gehen als Trick. Schaffen wir das ohne Patzer?
Gern in den Flieder, mit Trinken.
Ich bin nicht aus Papier.
Wertsachen wären jetzt dufte. Bleib in den Puschen,
dein Puls wirft dich um, hier sind festgetackerte Blüten,
die kannst du verkaufen.
Reden wir einfach nie wieder.
Immer surfen wir gleich
mitten unter die Schwäne, was kostet uns das?
Was wir spinnen, ist etwas zu golden.
Ich verlernte, durch Repertoires zu spazieren,
jetzt stupsen wir an die Umrisse der Wolken.
Auf spielerische Weise vermisst Martina Hefter in ihren Gedichten den Alltag genauso wie die Sprache. Jedes Gedicht ist dabei wie ein kleines Experiment: Was geschieht, wenn etwas angestoßen, verrückt, in Schwingungen versetzt wird? Den Abschluss vom Handbuch vom Gehen und Stehen bilden Gedichte, in denen Hefter ihre eigene feste, vermeintlich sichere Perspektive aufgibt.
Man könnte es ein produktives Irren nennen, das Hefter hier betreibt. Wie verändert sich Bedeutung, wenn man sich absichtlich verhört, was für ein neuer Sinn erschließt sich – erschließt sich überhaupt einer? -, wenn die Laute ein Stückchen in die eine oder die andere Richtung verschoben werden? Eine Variation des Kinderspiels „Stille Post“, wie diese Gedichte auch überschrieben sind. / Wiebke Porombka, DLF
Martina Hefter: „Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch.“ Gedichte. kookbooks, Berlin 2013. 80 Seiten, broschiert, 19,90 Euro
Der Niedergang dieser beiden einst heiligen Kühe einer Elite, der Lyrik (die heute vor allem in Poetry Slams und deutschsprachigem Pop neue Impulse erfährt) und der Neuen Musik, mag letztlich seinen Ursprung in soziologischen Veränderungen, dem Verschwinden des Bürgertums, haben. Nichtsdestotrotz gibt es so etwas wie Zurüstungen des Genres, die zeigen, dass die klassische Lyrik durchaus Chancen auf ein Überleben hat. Wenn Durs Grünbein und Thomas Kling zwei Seiten einer Münze darstellen, hier die fast schon klischeehafte Figur des bürgerlich-elitären Dichters und dort die des geilen, aber unverständlichen Avantgardisten, so meldet sich in den letzten Jahren eine neue Generation von Lyrikern zu Wort, die eine andere Linie des Gedichts in Deutschland weiterzuführen scheint, die des landläufig als Pop-Literaten bezeichneten Brinkmanns oder Borns. Die Lyriker heute sitzen denn auch zwischen zwei Stühlen: zwischen traditioneller Elite und poppiger Gegenwartskultur, zwischen Hölderlin und Blumfeld.
Dem kleinen Berliner Verlag Kook-Books kommt der Verdienst zu, dieser Art von Lyrik, die nicht mehr so recht in die Programme der sich gerade neu definierenden (oder besser: dekonstruierenden) Majors passen will, ein schon dem schicken Design der Bücher nach zeitgemäßes Gewand, ja, eine Plattform gegeben zu haben. Der Erfolg – zumindest bei den Kritikern – gibt Kook-Books Recht: Nahezu alle Lyriker, zuletzt Uljana Wolf, sind mit wichtigen Preisen ausgezeichnet worden. (…)
Steffen Popp ist ein außergewöhnliches Talent. Vielleicht hätte er in „Ohrenberg“ nur mehr auf die Funksprüche aus dem Turm der Hauptfigur hören sollen (ein Topos, der unter seinem enormen sprachlichen und erzählerischen Potenzial bleibt) als auf die Lyra alter Dichter, die oftmals zu „raunendem Schwulst“ verleitet.
/ Thomas von Steinaecker, Textem
Steffen Popp: Ohrenberg oder der Weg dorthin. Roman. Kook-Books 2006
Scholl: Der „Lyriksommer“ im Deutschlandradio Kultur, wir sind im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Michael Braun über politische Gedichte. Jetzt werden wir mal richtig positiv mit der Frage, was denn ein gutes politisches Gedicht ausmacht, Herr Braun, und da haben Sie uns nämlich ein Beispiel mitgebracht, das wir uns anhören wollen! Was ist das für ein Gedicht?
Braun: Ja, ich bin diesem Gedicht und seinem Autor zum ersten Mal 2004, also vor fast schon wieder zehn Jahren begegnet, und es war auf einem Poetenfest im bayerischen Erlangen und dort hat der Autor Hendrik Jackson, Jahrgang 1971, ein Berliner Lyriker, ein Gedicht gelesen, das mich erst mal verstört hat, also auch aufgeregt hat, auch genervt hat damals.
Aber mit einem gewissen Abstand, je häufiger ich das Gedicht dann wieder las, desto mehr hat es mir gefallen. Und warum hat es mich aufgestört, es ging um die Reizfigur …
Scholl: Osama bin Laden! Und das wollen wir uns jetzt mal anhören, Herr Braun, Sie wollen uns das vorlesen!
Braun: Ich lese es mal vor in dem Gestus, wie es der Autor vorträgt, auch mit Laut-leise-Wechseln:
Hendrik Jackson: „Schutz vor Nachstellung, meiner Vorstellung nach“
Bin Laden geht in die Berge,
geht bewundernswert & bärtig durchs Gebirge
im zweiten Programm und in allen.
Was ist von hier aus die Rückseite der kapitalistischen Münze?
Adler oder Eichmann, Goethe oder Lenz? Falsch, (Baudrillard).
Oha, die Medien rufen ihn an:
Höhle, hallo!
Hallo? Holla!
Ja, ja, hier Hölle! Hab ein Video!
Gut gelaunte Europäer.
Der Teufel dringt ins Detail, das Netzwerk leckt.
Ist da noch Speichelplatz unter der (vernetzten)
Zunge des Propheten?
Scholl: Verse des Berliner Lyrikers Hendrik Jackson, Michael Braun hat sie uns vorgetragen hier in unserem „Lyriksommer“ im Deutschlandradio Kultur. Herr Braun, was macht für Sie den Reiz denn dieses politischen Gedichtes aus, warum ist es gut?
Braun: Aufgestört, erschreckt, genervt hat es mich, weil ich die ersten zwei Zeilen zuerst halt hörte und sie sich festfraßen, „Bin Laden geht in die Berge, geht bewundernswert und bärtig durchs Gebirge“. Vor allem das „bewundernswert“ dachte ich, hatte ich gleich dem Autor zugeschrieben, dass hier so eine Art heimliche Faszination an dieser Gestalt des Terroristen vorherrscht. Aber wenn man dann weiter liest, merkt man, es sind, da überkreuzen sich gewissermaßen Projektionen, die in unserer Gesellschaft, auch in unserer Mediengesellschaft existiert haben, auf bin Laden projiziert wurden. Das Raubein der Apokalypse!
Und in den Text werden immer wieder – das ist ein Verfahren, das wir in der Dichtung des 21. Jahrhunderts immer wieder finden – ganz schnelle Schnitte, rasche Blickwechsel, schroffe Montagetechnik, Verknüpfung von disparatesten Bildwelten findet hier statt.
Und immer, wenn uns Gedichte solche auch Rätsel aufgeben im positiven Sinn, wenn wir uns mit ihnen beschäftigen müssen, wenn sie uns Mühe machen, hat mal Brecht gesagt, solange uns Gedichte Mühe machen, verfallen sie auch nicht und werden sie nicht gleich flach und leer und ohne Widersprüche.
Und das Gedicht hat sehr viele Widersprüche, hat sehr viele historische Schichten, die übereinandergelegt, miteinander verschränkt werden, sodass bei jeder Lektüre halt einfach neue Erkenntnisse aufblitzen.
/ DLR
Für Robert Pinsky kommt der Spaß an Lyrik aus der Musik der Sprache und nicht aus der Bedeutung der Worte. Daher stellte er eine Anthologie von 80 „modellhaften“ Gedichten bedeutender Dichter von Sappho bis Allen Ginsberg, Shakespeare bis Dickinson zusammen.
„Für viele Menschen wurde die Lyrik infolge gutgemeinter Ausbildung zu etwas rätselhaftem, schwierigem, eine zähe Medizin, die vielleicht gut für dich ist aber nicht so gut schmeckt“, sagt Pinsky. „Daher versuchte ich eine Anthologie zu machen, die Spaß macht. Die Lyrik als Kunst vorstellt, statt als Anlaß, klug zu schnacken.“
Darin eine Meditation über die Zeit in 15 Worten von Walter Savage Landor:
On love, on grief, on every human thing
Time sprinkles Lethe’s water with his wing.
(Lethe ist der Fluß des Vergessens, einer der fünf Unterweltflüsse in der griechischen Mythologie).
Was an dem Gedicht bezaubert, sagt Pinsky, ist die anmutige Choreografie der Wörter: „Dreimal am Anfang des Gedichts muß ich die oberen Zähne an die Unterlippe legen, um zu sagen: ‚On love, on grief, on every human thing.‘ Und dreimal am Ende muß ich die Lippen schürzen um zu sagen: ‚Time sprinkles Lethe’s water with his wing.‘ / NPR
Singing School
Learning to Write (And Read) Poetry by Studying With the Masters
by Robert Pinsky
Hardcover, 160 pages
Der Kritiker muß sich nicht entscheiden. Er muß die Dichter nicht in gegnerische Lager einteilen, Paleface vs. Redskin oder Akademische gegen Avantgarde. Und das Kampffeld hallt von den Gewehrkugeln der Dichter selber. Whitman beschwerte sich, bei Poes „lurid dreams“ [wie sagt man, „grellen Träumen“? Glänzenden, schockierenden, fluoreszierenden, kühnen, übertriebenen, von allen Gegensätzen etwas, zugleich Lob und Schmäh] würde ihm schlecht. Dickinson las Whitman erst gar nicht; man hatte ihr gesagt, er wäre „schändlich“. William Carlos Williams kritisierte T.S. Eliots „Waste Land“, es habe „unsere Welt ausradiert, als wäre eine Atombombe gefallen“. Bei einer ihrer kühlen Begegnungen in Key West sagte Wallace Stevens zu Robert Frost: „Ihr Problem ist, Sie schreiben über Dinge“. Worauf Frost antwortete: „Ihr Problem ist, Sie schreiben über Lappalien, bric-a-brac.“ Selbst Lob kann zweideutig klingen, so wenn Robert Lowell an Theodore Roethke über ein paar neue Gedichte schrieb: „Etwas, was ich an ihren Gedichten schätze, ist der Eindruck, sie seien an einem zusätzlichen Halbtag entstanden.“
J.D. McClatchy, Einleitung zu: The Vintage Book of Contemporary American Poetry. 1. 1990. 2. 2003.
In der New York Times: „Manche Milliardäre mögen Autos, Yachten und private Flugzeuge. Andere eben Zeitungen.“ Historisch gesehen ein Schnäppchen. Jeffrey Bezos, der Amazongründer, zahlte 250 Millionen für die Washington Post, die einmal mehrere Milliarden wert war. John Henry zahlte für den Boston Globe, den die New York Times 1993 für 1,1 Milliarden gekauft hatte, gerade einmal 70 Millionen. Vom realen Wert her eher Wohltätigkeit. Die Zeitungen machen Verluste. Im ersten Halbjahr 2013 verlor die Washington Post 7 Prozent verkaufte Exemplare. 1993 verkauften sie 832.332 Stück, 2012 grade mal 484.85 (durchschnittlicher täglicher Umsatz).
„Ich dachte ein Gewehr wäre auf mich gerichtet / Rauhe Töne von Gewehrschüssen von fern / Eins meiner Gesichter neigte sich zum Abschied, das andere zum Leben / Ich bin auch heute nicht gestorben, Mama“. Das schrieb Ahmet Erhan 1979. Die Verse drückten die Stimmung der späten 70er aus, mit Straßenkämpfen sich bekämpfender, amoklaufender militanter Gruppen, und wurden in der Vertonung des kurdischen Sängers Ahmet Kaya zum Symbol einer Generation.
Jetzt, mitten in einem neuen politischen Aufbruch, ist Ahmet Erhan im Alter von 55 Jahren gestorben. In den letzten Jahren kämpfte er einen anderen Kampf, gegen Kehlkopfkrebs. In seinem letzten Gedichtband schrieb er: „Ich hatte die Poesie vor langer Zeit aufgegeben“ – freilich in Versen. „Nun schreibt mein Schatten.“
/ Hürriyet
Avantgarde geht immer – in der Kunst. Eine neue Galerie in 909 Madison Avenue spielt eine historische Performance nach. Zur Eröffnung der Galerie am 18.9. wird die „Monotone Silence“-Sinfonie von Yves Klein unter Leitung des Schweizers Roland Dahinden aufgeführt. Sie besteht aus einem einzelnen Akkord, der 20 Minuten gespielt wird, gefolgt von 20 Minuten Stille. Das Orchester besteht aus 32 Instrumenten und einem Chor von 30 – 40 Sängern. Bei der Uraufführung 1960 ließ Klein 3 Modelle sich in blaue Farbe wälzen und den Körper auf weiße Blätter am Boden und an Wänden pressen. Als die Musik aufhörte, mußten die Modelle (er sprach von „nackten Bürsten“) die jeweilige Stellung einfrieren. In der Neuaufführung gibt es keine nackten Modelle.
Jay Sanders, ein Kurator am Whitney Museum of American Art, bereitet eine Ausstellung vor: „Rituals of Rented Island. Object Theater, Loft Performance, and The New Psychodrama. Manhattan 1970-1980“. Der Titel entstammt – als Spottname für Manhattan – aus einer Performance von Jack Smith 1976. Die Ausstellung soll sich mit „einer verlorenen Generation“ beschäftigen, die nach Happenings, Fluxus und John Cage, aber vor Punk kam. Zu den behandelten Künstlern gehören Vito Acconci, Laurie Anderson, Mike Kelley und John Zorn. Die Ausstellung werde den „coolen Underground“ von New York präsentieren.
Die New York Times Book Review bespricht diesmal zwischen Fiction auch Lyrik. Auch gemixt: Paul Rudnick bespricht David Rakoffs letztes Buch „Love, Dishonor, Marry, Die, Cherish, Perish“. Der Rezensent füllt eine Spalte mit Hochachtung vor dem an Krebs gestorbenen Autor und beginnt dann seine Rezension so: „Bei allem was recht ist sollte ich dieses Buch hassen, nicht nur weil es schrecklich ist, sich eine Welt ohne neue Rakoff-Bücher vorzustellen oder ohne Rakoff. Nein, ich sollte es hassen, weil es komplett in Versen geschrieben ist und ich ein ausgemachter Poesiephober bin. Ich bin ein ignoranter Mensch, der alle Poesie von Shakespeare abwärts für einen vollständigen Hoax hält. Wie ein Langweiler bei einer Party sprechen die meisten Gedichte nur vom Wetter, ihren Gefühlen und dem kleinen grauen Vogel, den sie auf dem Weg zur Arbeit sahen. Es ist wie mit Joghurt und Mathematik, nach meiner Überzeugung lügt jeder der behauptet, daß er Lyrik mag.“
Nun also tut er sich einen Roman in Versen an, und siehe, er gefiel ihm. „Er bringt mich nicht dazu, Lyrik zu lieben, aber bekräftigte meine Liebe zu Rakoff.“ Alle von Rudnick zitierten Stellen enthaltben Paarreims, ich zähle sie auf: here/fear, Kansas/Francis, calm/palm, heart/art, warehouse/their house, bubble/trouble, all/wall, scintilla/vanilla, horas/Torahs, wall/all, Ohio/Putumayo. Zwei der aufgeführten Parrreime beziehen sich auf die Homosexualität des Helden. Sein sexuelles Erwachen beginnt, als er in der Kunstklasse einen männlichen Akt zeichnen soll und in Ohnmacht fällt: „“A vaguely elating but frightening bubble,/ He felt buoyant and free and yet somehow in trouble.“
Rakoffs Erzählstil, durch die Paarreime hindurch, erinnert den Rezensenten an Dorothy Parker, Ogden Nash oder Frank O’Hara: „Das sind meine Dichter, zugänglich und unpretentious.“ Die Verse verliehen, meint er, dem Roman einen „homerischen Anstrich“: wenn nur Homer (ich übersetze mal so:) amerikanischer gewesen wäre.
Wenn die Intellektuellen schwätzen, sprechen die U-Bahn-Verantwortlichen. Poetry is back!
„Ihre Prosa ist lyrisch, ihre Lyrik erzählerisch.“ So heißt es von den Texten der 1973 in Kroatien geborenen Schriftstellerin. Als Zehnjährige kam sie nach Deutschland. Aus ihrer Zweisprachigkeit entwickelte sie einen eigenen Stil, dessen Ausprägung sie in dem Buch „Sterne erben, Sterne färben – Meine Ankunft in Wörtern“ beschreibt. / ndr kultur
Der marokkanische Dichter Abdesslam Zitouni starb in Meknès im Alter von 79 Jahren. Er war „eine Ikone der marokkanischen Poesie“, schreibt der Schriftstellerverband. Sein Werk schwebe zwischen Moderne und Traditionalismus und sei von Romantik und Patriotismus geprägt. / lnt
Jedes Jahr beklagt jemand den Tod der Lyrik – 1993 war das nicht anders. John Singletons Film Poetic Justice bewies, dass Lyrik immer noch relevant ist. Er bereitete Filmen wie Slam (1998) den Weg, der Poetry Slam in den Mainstream bugsierte. Auch 2013 wird geklagt – aber viele junge, begabte, schwarze Dichter blamieren die Neinsager. Lese ich hier*. Actually nicht in Midtown, sondern unter der Brooklynbridge sitzend bei gutem Bier, gutem Essen, Wetter, Musik, Umgebung – alles gut.
Übrigens: When you’re alone and life was making you lonely you can always go Downtown & Brooklyn.**
*) mit Links und Bildern
**) sonst natürlich auch.
Karkowsky: Sie hören Yoko Tawada im Lyriksommer 2013 im Deutschlandradio Kultur. Frau Tawada, ich finde, dazu passt auch Ihr Gedicht „Die zweite Person Ich“. Auch das würden wir gerne hören, und das lasse ich mir dann auch von Ihnen erklären.
Tawada: Die zweite Person Ich. Als ich dich noch siezte, sagte ich ich und meinte damit mich. Seit gestern duze ich dich, weiß aber noch nicht, wie ich mich umbenennen soll.
Karkowsky: Das lässt sich natürlich erklären aus dem, was Sie mir gerade erzählt haben, dass, wenn jemand ein Buch gibt, dann gibt er das Buch, und es ist nicht wichtig, dass er es mir gibt, sondern es ist wichtig, dass er gibt, richtig? Mit dem Ich ist es so ähnlich.
Tawada: Ja, genau, und vor allem die Richtung des Gebens, das kommt ja aus dem Körper heraus, das spürt man, auch wenn man das nicht ausspricht. Und in diesem Gedicht habe ich mir auch gedacht: Komisch, es gibt ja Beziehungen zwischen zwei Menschen, also es ist ja nicht einseitig, es ist die Beziehung. Wenn das Wort Du von Sie zu Du ändert, dann muss ich auch zu etwas ändern, das geht ja nicht, dass man einseitig etwas ändert, und ich bleibt immer ich. Das ist doch komisch.
(…)
Tawada: Ich glaube, in der deutschen Sprache stehen die Dichtung und die Philosophie sehr nahe aneinander. Und das ist, finde ich auch, sehr spannend. Das ist halt Denken mit Dichten zusammen, das ist dann, das erlaubt auch diese Sprache, und das hat auch diese Geschichte, das ist sehr vorteilhaft. Die japanischen Gedichte haben eine ganz andere Tradition, da ist es nicht das logische Denken, was als Nachbarschaft der Dichtung steht, sondern etwas anderes.
In der Haiku-Dichtung, was ja nur eine Form der vielen Formen ist, aber trotzdem eine wichtige Form, da ist es das Japanische quasi, das heißt, eine Welt ohne Ich, also Dichter als Ich, der die Welt wahrnimmt und die Welt oder die Natur, die wahrgenommen wird, diese Trennung nicht mehr existiert, dass es vollkommen verschwindet. Ich meine, die japanische Sprache tendiert zwar dazu, aber in der Alltagssprache gibt es immer noch natürlich die Menschen, die etwas machen und sehen, und die Dinge, die gesehen werden. Aber das braucht man gar nicht mehr, wenn man ganz extrem in diesen Bereich der Haiku hineintritt. Und das ist das Spannende. / DLR
Die literarische Landkarte des schwarzen Kontinents wäre entscheidend leerer ohne die im Heidelberger Wunderhorn Verlag herausgegebene Reihe „AfrikAWunderhorn“. Nach Einzelstimmen aus Uganda und Zimbabwe nun eine Lyrikanthologie aus Südafrika: Verse von vier Dichterinnen und vier Dichtern, geboren zwischen 1958 und 1983. Aus Charl-Pierre Naudés Gedicht „Hausrezept“ stammt der Titel: „Ankunft eines weiteren Tages“.
Besonders das Frauen-Quartett lässt aufhorchen. Kabeba Baderoon zieht in ihren nachdenklichen Versen eine vorläufige Bilanz der politischen und kulturellen Umbrüche in den vergangenen 20 Jahren. „Um mich ist die Luft schwer von Geschichte“ heißt es in ihrem szenischen „Ausblick auf Schönheit und Unrecht“. (…)
Karin Schimkes Gedichte berichten von verwundeten Seelen in versehrten Körpern. „Der Wind bei Uilenkraalmond“ singt in ihren Knochen. In erotischen Gedichten wird nicht der Körper der Frau zum Objekt, sondern der Körper des Mannes. Das lyrische Ich schlüpft in die Rolle einer mörderischen Kämpferin und zerstört den Körper des eroberten „Brandschatzes“. Der Liebesakt gerät zur kannibalischen Orgie. Frau rächt sich an der Krieg führenden Männerwelt: „Du machst ein Zeughaus aus mir“. Die rauschhaft aggressive Bildlichkeit ist für Leser aus mitteleuropäischen Zonen gewöhnungsbedürftig. Auch unsere Sprache kennt Eroberungsmetaphern in Liebesangelegenheiten. Aber Schimke treibt die Bildwelt auf die Spitze. Sie setzt Schock- und Mystery- Elemente aus einer vorzeitlichen Drachenwelt ein und kombiniert sie mit Assoziationen zu neuzeitlichen Selbstmordattentaten. / Dorothea von Törne, Tagesspiegel
Indra Wussow (Hrsg.): Ankunft eines weiteren Tages.
Zeitgenössische Lyrik aus Südafrika.
Englisch-Deutsch.
Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2013. 157 Seiten, 19,80 €.
36,6° – die Körpertemperatur der Erdkugel
Hansjürgen Bulkowski
Das Gedicht heißt „zeitpunkt“ – und es besteht tatsächlich nur aus einem Punkt. Man könnte ihn auch einen schwarzen Fleck nennen. Ein anderer Text heißt „u“ und besteht nur aus einem einzigen Buchstaben: „x“.
Das ist natürlich ein bisschen wie mit den schwarzen oder weißen Bildern, auf denen nichts weiter zu sehen ist als eben schwarz oder weiß: Man muss drauf kommen, und dann kann man es aber nur einmal machen. Und was dem einen originell erscheint, entlockt dem anderen nur ein müdes Lächeln.
Dennoch beschreiben diese kürzesten seiner Gedichte die Lyrik Peter Seglers in seinem neuen band „taxi taxi – Verdichtungen“ sehr treffend. Der 1964 in Freiberg geborene und dort lebende Verleger und Fotograf reduziert seine Texte auf das Nötigste und erreicht damit oft eine überraschende, manchmal bestürzende Brillanz, erzeugt beim Leser oder der Leserin ein Staunen, ein manchmal ungläubiges Lächeln und manchmal – bewusst – auch erschrockenes Innehalten.
Denn Peter Segler sieht genau hin und er vermag die Worte auf ihr Wesen, ihre tatsächliche Bedeutung hin zu befragen oder ihnen eine überraschende neue, manchmal auch alte Bedeutung zu verleihen. Die Kleinschreibung hat dabei ihren Sinn, denn sie verschafft vielen Worten einen doppelten Boden, auf dem man beim Lesen schon mal ins Straucheln geraten kann.
Wenn der Autor etwa das „deutsche Reinheitsgebot“ beschreibt: „eine hand wäscht / die andere“, oder wenn er über „erdöl“ nachdenkt: „nie genug / zu kriegen“, dann wird Peter Segler der Forderung Franz Fühmanns gerecht, der da verlangte, ein Gedicht müsse vor allem eins sein: „dicht“. / Matthias Zwarg, Freie Presse 30.7.
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