Vom Ostseestrand nach Süden gedacht: Hans-Jürgen Heise, einer der bedeutenden deutschen Dichter der Gegenwart, ist im Alter von 83 Jahren gestorben.
Heise wurde 1930 im pommerschen Bublitz geboren und zog als Kind mit seiner Familie nach Berlin. Im Krieg floh er zunächst in seine Heimatstadt zurück, bevor er 1945 wieder nach Berlin zurückkehrte. (…)
Er veröffentlichte etwa 45 Bücher, überwiegend Gedichtbände. Er war Ehrenmitglied der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik und seit 1972 Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. 2006 erschien sein Sammelband „Luftwurzeln“ mit Gedichten aus sechs Jahrzehnten. Schon am 13. November ist Hans-Jürgen Heise nach Auskunft der Literaturplattform „Fixpoetry“ gestorben. / FAZ
Mit sparsamem Vokabular gelang es Heise, der 1990 Jahren vom Land Schleswig-Holstein zum Ehrenprofessor ernannt wurde, Alltagsbegebenheiten authentisch zu thematisieren. So auch im Gedicht „Untermieter“ aus seinem jüngst erschienenen Band „Das Zyklopenauge der Vernunft“. Darin heißt es: „Vor meinem Fenster/hinter meinem Fenster/überall/nur Hausgespenster/Mit Masken!/doch auch unmaskiert/bärtig (doch auch glatt rasiert)/Untermieter meiner Seele/greifen sie mir an die Kehle/umtanzen mich auf Rattenfüßen/lassen im Zwielicht/die Logik grüßen.“
Heise, der mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, strebte in seinen Versen, „die Entwicklung und Verfeinerung eines kritischen Intensivismus“ an. / Peter Mohr, lokalkompass
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Für den deutsch-jüdischen Lyriker aus Czernowitz war die Ermordung seiner Eltern einer der prägendsten Momente seines Lebens. Aber er wollte seine Lyrik keineswegs auf das Thema der Judenverfolgung reduziert sehen. Die Geschichte der Missverständnisse um Celans Gedichte beginnt mit dem Auftritt bei der Gruppe 47 1952, wo er bei einigen der Kahlschlag-Ideologen aus der Landser-Generation auf Ablehnung stieß.
Die Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann, dem Fräuleinwunder im 50er-Jahre-Deutschland, lud seine Person im Literaturbetrieb zusätzlich auf. Die Dreiecksbeziehung Celan, Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange, der Ehefrau Celans, wirkt selbst wie eine literarische Fiktion. Celans Gedichte, so hermetisch sie auch wirken mögen, zeigen immer wieder Spuren biografischer Erfahrungen. Gleichzeitig zeigt sein Ausspruch „Alle Dichter sind Juden“*, wie sehr er den Dichter als Auserwählten empfand.
Auch deshalb musste er sein Aufeinandertreffen mit dem bundesdeutschen Literaturbetrieb als unheilvoll empfinden. Sein Selbstmord in der Seine 1970, nach langen Aufent-halten in der Psychiatrie, setzte den Schlusspunkt unter eine exemplarische, bewegende Dichterbiografie des 20. Jahrhunderts. Doch man sollte sich Celans Lyrik nicht zu weihevoll nähern, man sollte sie einfach ganz genau lesen – und hören. / Helmut Böttiger, DLF
*) Der ist von Marina Zwetajewa – Celan zitiert es hier.
Im Frühjahr 2013 erschien eine von dem Schriftsteller und Literaturkritiker Erik Lindner herausgegebene Ausgabe der Literaturzeitschrift Terras mit Fokus auf Berlin als neues Zentrum deutscher Lyrik. Zwei bekannte Berliner Lyriker, Ulf Stolterfoht und Marion Poschmann, werden von ihren Übersetzern Ton Naaijkens und Erik de Smedt vorgestellt und aus ihren Gedichte lesen. Berlinkenner Erik Lindner moderiert die Begegnungen.
„Der Vorteil von Berlin, so der Ire Matthew Sweeney, ist, dass man nicht zwischen Mainstream und Avantgarde unterscheidet. Das verschafft Raum. Während meines einjährigen Aufenthaltes in Berlin hat es mir gefallen, wie sehr die Gegenwartslyrik auch außerhalb ihres Zielpublikums gelesen wird. Es hat mir den Eindruck vermittelt, dass Lyriker weniger in einer Nische eingeschlossen leben, dass ihr Beruf ernst genommen wird. Zugleich entscheidet sich eine große Anzahl moderner Lyriker rabiat für kleinere Herausgeber. In dieser Ausgabe präsentieren wir zehn Lyriker, die in Berlin leben und arbeiten. Ich denke, dass jeder Einzelne von ihnen etwas über Berlin erzählen kann, das wir als Besucher nicht so rasch selbst finden können“, so Erik Lindner im Vorwort zu Terras (04/2013).
Bei der Präsentation von Terras 04 in Antwerpen und Gent lesen die beiden in Berlin ansässigen Lyriker Marion Poschmann und Ulf Stolterfoht gemeinsam mit ihren niederländischen Übersetzern Erik de Smedt und Ton Naaijkens.
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In seiner Tübinger Poetik-Vorlesung spielte Hans Magnus Enzensberger gemeinsam mit dem Germanisten Dirk von Petersdorff mit den Gedichten von Rilke, Klopstock und Benn. Da war er wieder: Enzensbergers ewiger Hang zum Spiel, zum Luftigen, zum Unernst.
Im Vergleich zu dem zornigen jungen Mann der 50er-Jahre, der die Wölfe gegen die Lämmer verteidigte, ist er doch ziemlich zahm geworden. Aber kein Wunder, Hans Magnus Enzensberger ist 84, seit vielen Jahren ist er mehr als intellektueller Spieler denn als wilder Poet und politischer Polemiker in Erscheinung getreten. Er gibt in Tübingen am ersten Abend den heiteren Alten, der kostenlos Apercus verteilt, ein bisschen gegen Barthes und Derrida stänkert und Schiller gegen Nietzsche in Stellung bringt. / Christian Gampert, DLF
Er schreibt auf Französisch und lebt seit einigen Jahren in Österreich: der 1981 in Lubumbashi (Demokratische Republik Kongo) geborene Fiston Mwanza Mujila, Verfasser von Gedichten, Kurzprosa und Theaterstücken, der 2009 an den Frankofonie-Festspielen in Beirut die Goldmedaille für Literatur gewann. Auf Deutsch ist nun – in einer schön gestalteten zweisprachigen* Ausgabe – sein Langgedicht «Der Fluss im Bauch» zu entdecken, ein rhapsodisches Poem aus 102 unterschiedlichen Teilen, die alle mit «Einsamkeit» und einer Zahl überschrieben sind, wobei die Nummerierung keiner nachvollziehbaren Ordnung folgt. Aphoristische Notate wechseln sich mit Litaneien und autobiografischen Erzählstücken ab, Bibel- und Songzitate mit bilderreichen Beschwörungen und verzweifelten Klagen; der französische Wortteppich ist von Argot-Ausdrücken und Vokabeln einheimischer Idiome (Lingala, Swahili, Tschiluba) durchwirkt. / Ilma Rakusa, NZZ
Fiston Mwanza Mujila: Le Fleuve dans le Ventre. Der Fluss im Bauch. Aus dem Französischen von Ludwig Hartinger. Edition Thanhäuser, Ottensheim an der Donau 2013. 141 S., € 20.00.
*) (zweisprachig ist gar kein Ausdruck!)
Der Berliner Lyriker Christian Filips hat Lawrence Sternes Hauptwerk „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ in ein Oratorium verwandelt – und gibt sich im Interview dem Chaos hin. Hat es überhaupt stattgefunden?
Stephan Karkowsky: Zwei Bücher nur machten Laurence Sterne unsterblich: das eine „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“, das zweite „Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Von Mr. Yorick“, das war schon der Titel. Was uns diese Bücher 300 Jahre nach der Geburt des Autors noch angehen, das soll mir Christian Filips verraten! Herr Filips, guten Tag!
Christian Filips: Guten Tag, hallo!
Karkowsky: Laurence Stern, das ist einfach, war Dorfpfarrer im 18. Jahrhundert. Bei Ihnen wird es komplizierter, da brauche ich etwas länger, Sie sind Lyriker, Sie sind Übersetzer, Autor und wahrscheinlich auch immer noch Programm- und Archivleiter der Sing-Akademie zu Berlin. Und als solcher ein ziemlich verrückter Musikdramaturg, wenn die Bemerkung gestattet ist! Habe ich was vergessen?
Filips: Ach, allerlei, ja.
(…)
Karkowsky: Sie hatten sich im Vorfeld gewünscht – ich darf das hier verraten –, dass unser Gespräch über Laurence Sterne im Chaos enden möge, das würde dem Roman am ehesten gerecht. Insofern dürften Sie ja auch die chaotische „Tristram Shandy“-Verfilmung von Michael Winterbottom genossen haben, oder die bislang … war es die bislang einzige, soweit ich weiß?
Filips: Ah, das Chaos kann man sich ja gar nicht wünschen, wie soll man sich das denn wünschen, das ist ja da!
Karkowsky: Man kann es ordnen oder man kann es sein lassen mit dem Ordnen!
Filips: Das Chaos zu ordnen, das kann nur Gott, das schaffen wir nicht! Diese Verfilmung, ja, ich glaube, das ist die einzige Verfilmung. Aber das ist ja auch keine Verfilmung. Also, was, wie soll man eine Verfilmung von diesem Buch machen? Das ist ein Film über einen Film.
Karkowsky: Über einen Film, der versucht, etwas zu verfilmen, was eigentlich unverfilmbar ist. Es heißt, „Tristram Shandy“ sei unverfilmbar. Warum eigentlich?
Filips: Ja, weil es das Buch nicht gibt. Es gab auch dieses Oratorium nie, das war ein Oratorium, das es nie gegeben haben wird.
Karkowsky: Dürfte.
Filips: Dürfte? Na ja, also, verboten ist es nicht, wir haben es uns nicht verbieten lassen.
Karkowsky: Aber es war nicht Konjunktiv, es existierte nicht.
Filips: Nein, es hat nie existiert. Wir machen eine Sendung darüber, aber die Sendung ist eine Sendung über einen Gegenstand, der nie existiert hat.
Karkowsky: Eigentlich existiert diese Sendung auch nicht, denn ich kann Ihnen jetzt verraten, dass wir dieses Gespräch gerade aufzeichnen und vermutlich nicht senden werden. Wären wir jetzt live hier, dann würde es jetzt über den Sender gehen!
Filips: Ja, das stimmt, aber ich kann jetzt Ihnen sagen, dass vor dem Funkhaus gerade ein Mann in einem blauen Pullover um die Ecke geht, er hat eine weiße Kappe auf und es ist jetzt genau 14:16 Uhr.
1897 wird erstmals einer seiner Gedichte veröffentlicht und 1898 folgte seine erste Lyriksammlung „Romantische Lieder“
Allerdings sind diese ersten Gehversuche als Dichter von wenig Erfolg gekrönt. Von den 600 gedruckten Ausgaben wurden nur einige verkauft, und seine Mutter fand Hesses Gedichte „schlicht geschmacklos“. Auch seine weiteren literarischen Versuche „raubten der gestrengen Mutter den Schlaf“, und zu seinem ersten Erzählband „Eine Stunde hinter Mitternacht“ schrieb sie ihm empört: „Das ist das Unanständigste, was ich jemals gelesen habe.“ / Jürgen Spiess, Südwestpresse
hhesse.de ergänzt:
Hesse hatte sich mit 175 Mark an den Herstellkosten beteiligt.
Nun hat der 18-jährige Teenager mit einem Lyrikband heftig zurückgeschlagen, er rechnet ab mit dem Vater und mit seiner frömmelnden Mutter, und er attackiert vor allem die muslimischen Zuwanderer, «die zum Freitagsgebet gehen, aber alle anderen Tage stehlen, hehlen, saufen und huren». Hassan spricht offensichtlich für die junge Generation von Neudänen muslimischer Abstammung, die nicht in der Monotonie ihres Unglücks leben wollen und mit Allah allein nichts anfangen können.
«Ich bin fucking zornig auf die Generation meiner Eltern», sagte er in einem Interview der Tageszeitung «Politiken», das zum meistverbreiteten Artikel in den sozialen Medien Dänemarks wurde. Hassan kritisiert die mangelnde Bereitschaft der Einwanderer zur Integration. «Wir hatten keinen Plan, denn Allah hatte Pläne für uns», heisst es in einem seiner Gedichte. Er wettert gegen die Elterngeneration, die «Sozialhilfe erschwindelt» und «Kinder verprügelt».
Der wütende Ton hat Yahya Hassan zum jüngsten Star der dänischen Literaturszene gemacht. Während andere Lyriker froh sein können, wenn sie 200 Bücher verkaufen, hat Hassan einen Bestseller gelandet. Seine etwa 150 Gedichte kamen am 17. Oktober auf den Markt und haben sich in den letzten vier Wochen über 40’000-mal verkauft, wie die Tageszeitung «Jyllands-Posten» meldet. (…)
Nachdem er in einem dänischen Fernsehsender ein Gedicht vortrug, erhielt er fast 30 Morddrohungen. Diese Woche wurde er im Hauptbahnhof von Kopenhagen tätlich angegriffen – von einem Islamisten, der 2007 wegen eines geplanten Terroranschlags zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden war. / Enver Robelli, Basler Zeitung
… ist der Originaltitel des Gedichts von Sylvia Plath aus der vorigen Meldung. Und schon begegnet mir das Wort erneut. Im Gespräch Jan Kuhlbrodts mit Günther Plessow folgendes frühe Sonett von e.e. cummings:
SONNETS––REALITIES XVII
of this wilting wall the colour drub
souring sunbeams,of a foetal fragrance
to rickety unclosed blinds inslants
peregrinate,a cigar–stub
disintegrates,above,underdrawers club
the faintly sweating air with pinkness,
one pale dog behind a slopcaked shrub
painstakingly utters a slippery mess,
a star sleepily,feebly,scratches the sore
of morning. But i am interested more
intricately in the delicate scorn
with which in a putrid window every day
almost leans a lady whose still–born
smile involves the comedy of decay,
(veröffentlicht in & [AND], 1925)
SONETTE––REALITÄTEN 17
von dieser welken wand den anstrich splittert
die sonne,die vom foetusduft verdrossen
zu wackeligen blenden,unverschlossnen,
wandert,ein zigarrenstumpf verwittert,
oben erschlagen unterhöschen mit
ihrem rosa die leicht schwüle luft,und
fein säuberlich entledigt sich ein hund,
ein falber,hinterm busch von seinem schitt.
ein stern,verschlafen,kraftlos,kratzt die wunde
des morgens. Doch mich fasziniert imgrunde
der delikate spott der dame,der
s im mürben fenster täglich fast gefällt;
ihr totgebornes lächeln sagt mir mehr
als die komödie des verfalls enthält,
Hier mehr (mehr Sonette und Kommentare)
e.e. cummings: was spielt der leierkasten eigentlich? Die frühen Sonette, Übersetzung: Günter Plessow, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2009
Sylvia Plath ||| Totgeboren ||| Übersetzt von Judith Zander
Diese Gedichte leben nicht: eine traurige Diagnose.
Dabei wuchsen sie gut, ihre Zehen- und Fingertriebe.
Ihre kleinen Stirnen schwollen vor Konzentration.
Wenn sie es nicht schafften herumzulaufen wie Menschen,
Lag’s nicht an einem Mangel an Mutterliebe.
Ach, ich kann nicht verstehn, was mit ihnen passiert ist!
Sie sind richtig in Form und Anzahl und allem Drumrum.
Sie sitzen so nett in der salzigen Flüssigkeit!
Sie lächeln und lächeln und lächeln mir zu.
Und doch füllen die Lungen sich nicht und das Herz bleibt stumm.
Sie sind keine Schweine, sie sind noch nicht einmal Fische,
Obwohl sie ein schweiniges, fischiges Wesen haben –
Es wär besser, wären sie lebendig, und das ist’s, was sie waren.
Doch sie sind tot, und die Mutter fast tot vor Verzweiflung.
Und sie starren blöde und wollen nichts von ihr sagen.
[aus: Sylvia Plath, Übers Wasser/Crossing the Water. Zweisprachig, übersetzt von Judith Zander. Luxbooks.Americana] mehr
Lord Lässig, 19.11.2013, metasoziale Antipoetik, Teil 2
“Eigentlich geht es in der Kunst nicht um die Bilder sondern deren Inhalt. Diesen ins Leben umsetzen bedeutet plastische Bilder zu finden, deren sozialer Selbstzweck heilsam ist. (…) NICHT AN BILDERN KLEBEN SONDERN HINDURCH BEWEGEN! FREIE MENSCHEN VERNETZT EUCH UM DAS LEBEN ZU POETISIEREN! Gegen diese schöne alte Plastikwelt und gegen die esoterisch-positivistisch halbierte Zweckemotionalität!”
De Toys, in: KÄMPFE KÜNSTLER (Manifest von 1990)
(Quelltext: Teil1= http://www.POETOPIE.de ; Teil2= http://www.POETISIERT.de)
EPIGONALE, EXISTENZIELLE, EKSTATISCHE & ENGAGIERTE LYRIK
(DIE METASOZIALE ANTIPOETIK IST KEINE BILLIGE BAUSTELLE!)
Metasoziale hyperreflexionen als fortsetzung von lord lässigs sOMatoform 29:
Ausgehend von der zivilisatorischen hypothese einer NARZIßTISCH-ASYMPTOTISCHEN OBJEKTKULTUR als motivationsmatrix der„identitätssuchenden“ menschheit unterscheide ich 4 sorten von lyrik, in denen der urschizophrene „kreative druck“ seinen literarischen niederschlag findet: die epigonale bejubelt die klassischen (oder/und „klassisch modernen“) formen des betriebskanons aus mangel an selbständiger sehnsucht; die existenzielle bespiegelt das ich ohne umwege mit seinen spirituellen selbstfragen nach identität, gott und sinn des lebens; die ekstatische bestaunt die intensität der begegnung zwischen einem abstrakten ich und dem projizierten du; und die engagierte beschreibt die real-utopischen konsequenzen aus den diversen begegnungen. Dabei besteht immer die grundhoffnung in dem metaphysischen irrglauben an die magische macht der wörter als objekthafter ersatz für die eigentlichenonverbale identifizierung des eigenen selbst mit sich selbst anstatt des wortes „ich“ und all seinen handlangern. Mit ausgestreckter hand & zunge wühlt sich das entfremdete ich durch den verlust seiner mitte, um eine PERFEKTE PROJEKTION seiner selbst zu inszenieren, weil das bewußtsein dafür verloren ging, daß das gesuchte „paradies“ nicht nur vom hintereingang aus theoretisch zurückerobert werden kann sondern vorallem pragmatisch-sensualistisch durch eine überwindung der dualistischen illusion, daß sich die welt in ein innen und außerhalb ihrer selbst einteilen ließe. Die dementsprechend INTEGRALE ERWEITERUNG ALLER SINNE zu einer holistischen weltfühlung erfordert zunächst einmal das scheitern der literarischen mittel auf höchstem niveau: die inflation der hypertrophierten verwechslung aller ausgesprochenen objektivierungen mit der identität des sprechers, um den zwangsphilosophischen mißbrauch der sprache zu spüren. Erst diese arationale anerkennung der prinzipiellen absurdität aller versuche, mit etwas anderem als sich selbst als das eigentliche subjekt identisch zu sein, öffnet den spielraum für eine ganz andere gattung von lyrik als perinzendentalen „fünften weg“, nämlich der mystisch-materiellen mischform aus allen vier sorten ohne die bisherige motivation der ontologischen objektivierung von wörtern. Der feine, doch radikale unterschied zwischen zwei zeitgenössischen lyrikertypen mit scheinbar derselben antinarzißtischen deobjektivierungsmethode besteht lediglich in der bewußtseinsverfassung hinter den poetologien: während der eine als entweder pubertär ichloser oder rational ichgläubiger streng sachlich und sprachverliebt die psychoide komponente von vornherein ablehnt, weil seine lebensumstände den ich-zweifel als sprachzweifel (noch) unterdrücken und mangels mystischer selbsterfahrung nur quasimythologische metaphern erfinden lassen, die sich im wettstreit der wortspiele neologistisch verausgaben, erlaubt sich der irgendwann ichbefreite lyriker die unendliche leere hinter der fassade aller erscheinungen mit in sein künstlerisches konzept einzubeziehen, indem er sie nicht mehr „dahinter“ ansiedelt sondern ein jedes einzelne wort wie die glaslosen fensterrahmen einer entkernten fassade als selbständigen ausdruck der transdualistischen leereempfindet, soll heißen: der sinn eines wortes liegt dann nicht mehr in seiner symbolik als fingerzeig auf einen weiß leuchtenden -taoistisch andächtigen- vollmond (dazu lese man läuternd erläuternd die subtile selbstfolterszene bei benjamin peret: eine noch so pervers weit herausgestreckte zunge wird den per se fernen mond niemals erreichen können!), sondern erschöpft sich in seiner detranszendentalen direkten mehrdimensionalität [=perinzendenz]*, die wir in den gemälden von lyonel feininger weit eher dargestellt sehen als bei picasso, den dadaisten oder den trivialkonkreten. Aber nicht nur bei den malern gibt es die sogenannten frühwerke und spätwerke, denn auch jeder lyriker macht selbstverständlich im laufe des lebens als mensch einige wandlungen dank kritischer erkenntnisse & ereignisse durch, die ihn vom epigonalen fetischismus über den experimentellen fanatismus allmählich zu seiner eigenen freien sprachlichkeit führen, wobei man sich nicht allzu voreilig aufgrund des rein biologischen alters und der dadurch suggerierten abgeklärtheit täuschen darf: Eine befreite (und dadurch auch sprachfreie statt sprachlose) begegnung zwischen dem früher oder später „erlösten“ (in sich selbst ruhenden), konkretisierten ICH und dem entprojizierten DU findet nur statt, wenn die entscheidenden fragen vom ich an sich selber gestellt & gelöst wurden, und zwar epigonal, existenziell, ekstatisch und engagiert! Manch ein gefeiertes spätwerk kann daher als unreifes, fast peinliches spätfrühwerk entlarvt werden, während auch „frühvollendete“ jugendwerke die anmutige alterweisheit eines lebenserfahrenen ausstrahlen können. Auch hier kann womöglich die eigendynamik des rezipienten weit mehr interpretationsspielraum eröffnen als sich der lyriker selbst jemals erträumt oder gewünscht hätte. Aus einem neurotischen narren kann der betrieb ein genie machen, und ein genie kann vielleicht in der medialen zeitgeisthypnose übersehen werden, ja manchmal sich selbst nicht erkennen, weil das gesagte so naheliegend gesagt werden muß, daß sich der sagende selbst dabei nicht sonderlich sagenhaft vorkommt. Aber worüber sich jeder, der denkt und poetisch schreibt, einigermaßen rechenschaft abzulegen bereit sein sollte, sind die psychologischen grundausstattungen seiner eigenen wahrnehmung von welt & seele, um diegenerelle motivation zur kreativität nachzuvollziehen, damit weder der dichter noch seine leser vom werk etwas verlangen, was rezensionen behaupten oder der klappentext einem verklickert. Weder lektoren noch journalisten verfügen über die autorität als sekundäre autorenschaft, um werke zu definieren, als stünde das arme gedicht vor gericht und hätte keinen mund, um sich selbst zu verteidigen. Letztendlich spricht jedes werk für sich selbst in seiner eigenen sprache, ganz gleich, ob die botschaft neurotisch beeinflusst, klassizistisch beschönigt, avantgardistisch bereinigt oder brutal innovativ erscheint. Wenn es dem leser in dessen gesamtsituation irgendwie gut tut, ja hilft, seinen persönlichen bezug zur seele & welt ein stück weit besser zu verstehen, hat es als literaturtherapeutisches produkt mehr bewirkt, als das idealistisch anmaßend „antitherapeutische“ selbstzweckgedicht jemals im stande wäre. Von diesen bemühten gedichten, deren geschmack an den teuren hustensaft erinnert, den man nach einigen ferngesteuerten, örtlich betäubten sekunden wieder erbrach, habe ich nichts zu erwarten, sie können mir gerne gestohlen bleiben…
* der Neologismus „Perinzendenz“ (per & in stehen für „durch“ & „drin“ statt der religiösen Hoffnung eines Etwas „hinter den Dingen“) ist inspiriert durch HEL ToussainT, der in einem Gespräch mit De Toys (im Jahre 2002) anmerkte, daß dessen Ergänzung vieler klassisch-mentaler Begriffe mit der Vorsilbe „trans“ (zwecks Überwindung ihrer dualistisch-idealistisch-illusionären Inhalte hin zu einer parallelistisch-mehrdimensionalen Spektralwahrnehmung) bei dem konservativen Glaubensbegriff der Transzendenz ad absurdum geführt wird.
Noch ein Lyrikexperte:
Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Wolfgang Tiefensee, hat den Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit kritisch bewertet. „Die Lyrik des Berichts entspricht nicht immer den harten Fakten“, sagte Tiefensee kurz vor der Vorlage des Papiers der „Berliner Zeitung“. „Schönfärberei hilft aber niemandem weiter.“ / Die Welt
Hans-Jürgen Heise ist 83jährig in Kiel gestorben, meldet Fixpoetry und erinnert mit einem Poetryletter an den Dichter.
In einer Kritik von Peter Engel von 2009 heißt es:
Eine verknappte Sprache, die nah an der zeitgenössischen Wirklichkeit ist, und Bilder von prägnanter Eindeutigkeit – das sind bestimmende Merkmale der Lyrik von Hans-Jürgen Heise, der im nächsten Jahr seinen 80. Geburtstag feiern kann. Gewissermaßen als Vorklang dazu hat der in Kiel lebende Autor, einer der produktivsten im Lande, jetzt zwei neue Gedichtsammlungen herausgebracht. Zum einen ist das unter dem Titel „Luftwurzeln“ eine neuerliche Lese aus seinem umfangreichen lyrischen Gesamtschaffen, zum anderen handelt es sich um Heises Übersetzungen von Gedichten Federico Garcia Lorcas, die stark auf sein eigenes Werk eingewirkt haben. (…)
Die zweisprachige Edition bietet erstmals Heises Übersetzungen von solchen Texten Garcia Lorcas, die in den 80er Jahren aus dem Nachlass des Dichters auftauchten und die dem autorisierten deutschen Übersetzer seines Werks, dem 1974 gestorbenen Enrique Beck, nicht vorgelegen hatten. Es handelt sich um Proben aus den Sammlungen „Gedichtbuch“ (1918-1920), „Jahrmarkt“ (1921) und „Suiten“ (1921-1923).
Dieter Hildebrandt war entsetzt über die Entwicklung in unserem Land, über den Verfall des Geistes, Korruption, maßlose Bereicherung und öffentliche Niedertracht. Dieter Hildebrandt war alarmiert und hatte das dringende Gefühl, dass etwas Dramatisches passieren muss, um das Ruder herumzureissen. Dieter war angriffslustig – und er hat angegriffen.
Und wie! Dieter hat sich auch außerhalb der Bühne immer vehementer eingemischt. Er hat sein ganzes Gewicht als moralische und geistige Instanz in die Waagschale geworfen. Er das Projekt StörsenderTV aus der Taufe gehoben. Das wird uns bleiben und das ist ganz wichtig: der Störsender muss weiterleben und weiterwachsen!
Bleiben wird uns auch das Werk und die Erinnerung an einen grandiosen Kabarettisten, Schauspieler, Autor und fabelhaften Menschen – aber plötztlich fehlt da ein Freund, ein Vorbild, die Ehrlichkeit, der Anstand, der Scharfsinn und die Klugheit des Dieter Hildebrandt. / Konstantin Wecker, mehr hier
Die Vorjury hat
Konstantin Ames, Berlin
Eric Giebel, Darmstadt
Alexander Gumz, Berlin
Dirk Uwe Hansen, Greifswald
Anja Kampmann, Leipzig
Andra Schwarz, Leipzig
zur dritten Lesung am 13. Dezember,
um 19:30 Uhr, ins Münchner Literaturbüro,
Milchstraße 4, eingeladen.
Die Abendjury:
Bettina Hohoff, München
Jan Kuhlbrodt, Leipzig
Àxel Sanjosé, München
Tom Schulz, Berlin
Bis jetzt sind ins Finale (am 22. Februar) gewählt:
Dominic Angeloch, Berlin
Kerstin Becker, Dresden
Odile Kennel, Berlin
Birgit Kreipe, Berlin
Martin Piekar, Bad Soden
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