6. Unselds Rechte

trotz einer flasche racke rauchzart war ich schon um sechs uhr wieder auf den beinen. was hatte ich bisher erreicht? nichts: kein reim, der metriker alt und resigniert, und der doktor nach wie vor untergetaucht. als ich mir mit der geflügelschere ein morgenbierchen öffnete, traf mich völlig unvorbereitet unselds rechte, dann bohrte sich ein spaltkeil in mein hirn. mein dichten hatte sich für immer erfüllt.

(…)

was hält eigentlich john travolta vom lyriker BRUETERICH? „sein schreiben fühlt sich ehrlich und echt an, und ich kann der handlung folgen. ich mag das.“ und benicio del toro? „er ist phantastisch, ein veritabler dichter, sehr radikal.“ und oliver stone? „bah, ich steh auf sein zeug. es ist relevant für diese zeit und gleichzeitig hat es die hipness von pulp fiction. die scheiße kommt richtig gut rüber.“

Aus:

roughbook 029: Ulf Stolterfoht, Die 1000 Tage des BRUETERICH

1000 Tage lang, vom 10. September 2010 bis 5. Juni 2013, erschien unter der Adresse http://ulfstolterfoht.wordpress.com die linke Tageszeitung BRUETERICH TM. Allnächtlich, um genau 00:01h, fanden sich der aktuelle Beitrag und ein liebevoll ausgewähltes Musikstück in den elektronischen Briefkästen der Leser. Unter dem Motto „Und wenn man sie fragt: Wo haben Sie’s zum ersten Mal gehört? Dann sagen Sie, ganz schlicht, ganz keusch und ganz husch-husch: Auf BRUETERICH TM!“ formierten sich so tausend kleine Fünfzeiler zum monumentalen Systemgedicht. Der vorliegende roughbooks-Band dokumentiert das immer weiter ausfransende Textgeschehen erstmals und vollständig auf Papier. Statt eines Nachworts findet sich eine Listung aller neununddreißig Kammern des Systems BRUETERICH, die gemeinsam mit ihrer Speerspitze BRUETERICH TM im Juni 2013 in den virtuellen Tiefen verschwanden. Im Auftrag des Systems wurde BRUETERICH TM herausgegeben vom Verlagshaus BRUETERICH PRESS, Berlin 62 und Feistritzwald / Steiermark. Zeit seines Erscheinens stand der BRUETERICH unter Schutz und Schirm der mächtigen Lyrikknappschaft Schöneberg.

5. Europa

Von Suleman Taufiq

Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, was mich dazu getrieben hat, nach Europa zu kommen.

Zuerst einmal möchte ich festhalten: Ich bin freiwillig nach Europa gegangen. Ich habe mein Land nicht aus Hunger verlassen; mich hat auch kein Krieg vertrieben. Nein, ich wollte einfach nur eine große Reise machen. Mein Hauptanliegen war: ich wollte weg, weit weg. Ich wollte meinen Ort verlassen, weil er mir zu eng geworden war. Und ich hatte den großen Wunsch, nach Europa zu gehen. Europa war für mich ein Traum. Und das ist kein Zufall.

Ich liebte Europa, und jede Liebe ist auch ein Abenteuer.

Noch lange bevor ich hierher kam, war ich von der europäischen Stadt begeistert. Schon in Filmen und Büchern hatte ich sie kennen gelernt. Ihre großen Plätze und breiten Straßen faszinierten mich. In diesen Städten war alles offen, nichts war rätselhaft wie in einer orientalischen Stadt.

Ich komme aus einer sehr alten Stadt. Meine Stadt Damaskus erlebte in ihrer langen Geschichte viele Eroberer und Zuwanderungen verschiedener Völker. In ihrer Umgebung entstanden zahlreiche Religionen, die bis heute praktiziert werden. In Damaskus ist alles dicht beieinander, die Häuser, die Moscheen, die Kirchen, die Basare, die Handwerkstätten. Es hat den Anschein, als ob die Altstadt von Damaskus nur ein einziges Haus wäre. Die einzelnen Häuser sind wie Zimmer, und die Straßen und Gassen sind seine Korridore und Flure.

Die europäische Kultur war bei uns überall anwesend. Schon mein Großvater verehrte die französische Kultur sehr. Er konnte auch französisch lesen und singen wie auch mein Vater.

Mein Dialog mit Europa begann mit der Auseinandersetzung mit seinen Intellektuellen, Philosophen und Künstlern. Es hat mich beeindruckt, wie vehement sie ihre eigene Kultur kritisierten, wie sie die Religion in ihren Grundfesten erschütterten und die christliche Kirche attackierten. Ich las ihre Bücher gern. Abends hörte ich mit Vergnügen europäische Musik im Radio. Ich sah Filme, die die Schattenseiten Europas zeigten, ja die sogar die europäische Kultur in Frage stellten. So lernte ich allmählich Europa kennen. Und ich kann sagen, ich lernte, die europäische Kultur zu schätzen und zu respektieren.

Als ich nach Europa kam, beschäftigte ich mich intensiv mit der Gesellschaft, in der ich nun lebte. Ich lernte viele Leute kennen und traf auf junge Menschen, die wütend auf Europa waren. Ich konnte sie verstehen, aber ein Moment der Irritation war da: Gerade noch hatte ich das verteidigt, was sie jetzt beschimpften! Diesen Zwiespalt in mir musste ich klären.

Politisch gesehen besteht Europa für mich nicht nur aus den Ländern des Nordens, die wirtschaftlich und damit auch politisch das Zentrum der Macht darstellen. Aber dennoch gibt es für mich unverzichtbare Grundlagen, die zur europäischen Kultur gehören: Freiheit, Menschenrechte, Gleichheit, Säkularismus, Demokratie und die Fähigkeit, Unterschiede auf verschiedene Art politisch miteinander in Einklang zu bringen.

Vielleicht kann ich es heute für mich so zusammenfassen: Ich bin kein Europäer, aber ganz sicher ein Teil der europäischen Kultur geworden.
Europa ist keine Nation. Europa besteht aus zahlreichen Gruppen, die verschiedene Sprachen sprechen, verschiedenen Religionen und verschiedenen Kulturen angehören.

Seit über 500 Jahren gestaltet Europa unsere Geschichte in der Welt. Die bildende Kunst, der Roman, die Novelle, das Theater, die Oper und der Film, die Philosophie und die Wissenschaften sind ursprünglich europäisch. Diese europäische Kultur gilt es zu schützen und zu erhalten.

Im Grunde gibt es nur Unterschiede von Menschen, die die Freiheit lieben und die, die Freiheit verhindern.

Europa bedeutet für mich also: Unterschiede wahrzunehmen, aber auch den Kampf gegen Unfreiheit zu führen.

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4. Deutsche Hexameter

Wir haben einem ungenannten Freunde noch für eine kleine Erinnerung zu danken, die er uns wegen des achtzehnten Briefes machen wollen, in welchem der Übersetzer des Rabelais für den ersten Verfertiger deutscher Hexameter ausgegeben worden. »Das kömmt daraus, schreibt dieser Freund, wenn man die Gottschedische Schriften nicht besser gelesen hat! Schlagen Sie des Herrn Gottscheds Sprachkunst (S. 628) nach, so werden Sie finden, daß Conrad Geßner noch vor Ihrem Fischart deutsche Hexameter gemacht hat. etc.« – Hierauf antworten wir, daß uns diese Anmerkung des Herrn Gottscheds nicht unbekannt gewesen, daß wir uns aber nicht überwinden können, sechsfüßige Verse die außer dem einzigen fünften Fuße aus lauter Spondeen bestehen, für wahre Hexameter zu halten. Ein einziger solcher Vers ist zwar zur Not ein Hexameter; aber lauter solche Verse sind keine.

Lessing, Gotthold Ephraim, aus: Briefe, die neueste Literatur betreffend. Zweiter Teil, 1759. Vorbericht hier

3. American Life in Poetry: Column 444

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Our sense of smell is, as you know, not nearly as good as that of our dogs, but it can still affect us powerfully. A good writer, like Tami Haaland of Billings, Montana, can show us how a single odor can sweep us back through time.

A Colander of Barley

The smell, once water has rinsed it,
is like a field of ripe grain, or the grain held
in a truck, and if you climb the steel side,
one foot lodged on the hubcap, the other
on the wheel, and pull your body upward,
your hands holding to tarp hooks, and lift toes
onto the rim of the truck box, rest your ribs
against the side, you will see beetles
and grasshoppers among the hulled kernels.
Water stirs and resurrects harvest dust:
sun beating on abundance, the moist heat
of grain collected in steel, hands
plunging and lifting, the grain spilling back.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. “A Colander of Barley” from When We Wake in the Night by Tami Haaland, ©2012 WordTech Editions, Cincinnati, Ohio. Poem reprinted by permission of Tami Haaland and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

2. Poetopie

woher nimmt die Blütenknospe der Amaryllis die Energie, trotz der nasskalten Jahreszeit so feurig rot zu explodieren?

Hansjürgen Bulkowski

1. Total sozial

Elke Erb im Gespräch mit Dorothea von Törne, Die Welt:

Die Welt: Welche Texte sind Ihnen jetzt unverzichtbar?

Elke Erb: Fast alle. Mein Schreiben ist eigentlich politisch orientiert. Aber jetzt habe ich von den frühen Texten einen so merkwürdig stillen Eindruck gehabt. So als ob es um gar nichts weiter geht. Jetzt habe ich gemerkt, dass diese genau die prinzipiellen Texte sind.

Die Welt: Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen beiden?

Erb: Ich schreibe über Themen, wo es schmerzt. Bei Politik schmerzt es sowieso. Aber es ist wiederum nicht so, dass die anderen Texte eine heile Welt haben. Es ist eine aktive Welt und es kommt darauf an, wie man spricht. Es ist doch ganz egal, wovon man spricht, Hauptsache, es wird anständig erzählt.

(…)

Die Welt: Schreiben Sie nach der Wende 1989 anders als zuvor?

Erb: Man sagt mir nach, dass ich seit der Wende umgänglicher geworden bin. Aber wenn Sie sich die Gedichte vor der Wende ansehen: die sind sehr lebendig. Nur ist da noch viel Klage: Über die Umwelt und die Mängel der Außenwelt. Es ist nicht so offensichtlich, aber es ist da. Wir Schriftsteller wurden von den Ideologen immer angesehen als welche, die nicht am „Klassenkampf“ teilnehmen oder gar „Klassenfeinde“ sind. Als ich einmal für einen Amerikaner aus meinen ersten Büchern Gedichte aussuchte, konnte ich nachträglich sehen, wie viel Reaktionen auf DDR-Realität darin war. Das überraschte mich. Später zeigte mir auch mein Buch „Sonanz“ wieder, dass ich total sozial orientiert bin.

Die Welt: Seit „Sonanz“ mehren sich lockere Rede und Ironie?

Erb: Ja, ich gebe meinem Hirn jetzt diesen kleinen Schwung – Schwapp: „tja“, „jesses“ „ach?“, „wie nicht?“. Seit den „Sonanz“-Gedichten ist kein Halten mehr. Das war eine totale Befreiung. Es ist ja wirklich alles automatisch geschrieben. Da ist kein Text vorher überlegt worden. Die Notate sind natürlich bearbeitet worden. Du weißt nur das Datum. Zuerst war ich von Leitmotiven überrascht. Zum Beispiel trat unter anderem immer wieder das Motiv „Kante“ auf.

(…)

Die Welt: Im Prenzlauer Berg kamen die jungen Samisdat-Dichter zu Ihnen. Waren Sie Mittelpunkt der „Prenzlauer Berg-Connection“? Nach 1989 wurde sie von manchen als „elitärer Zirkel“ abgetan. Wie sehen Sie das heute?

Erb: Die Initiative war bei den Jungen. Ich habe nur etwas dazugegeben. Ich sollte das Lyrik-Jahrbuch 1986 mit herausgeben und habe dafür Texte eingesammelt. Außerdem habe ich sie auch herausgegeben in der Anthologie „Berührung ist nur eine Randerscheinung“. Ich wollte, dass sie etwas haben, wo sie sich selber als Versammlung sehen.

Die Welt: Da herrschte eine kreative Atmosphäre?

Ja, das waren neue Texte für Menschen mit geistigen Bedürfnissen.

Die Welt: Haben Sie das als Opposition gesehen?

Erb: Das ist schwierig. Sie waren schon irgendwie Aussteiger. Ich weiß noch, dass der Verlagslektor fragte, ob diese jungen Autoren Versager seien gegenüber der Realität. Und ich sagte: Nein, die Realität hat versagt. Diese Jungen haben neu angefangen, und zwar grundsätzlich. Da spielten jetzt Dinge im Denken eine Rolle, die vorher nicht zählten oder nicht da waren. Besonders gut in Ableitungen von einem Wort zum anderen war Stefan Döring, der dann aufgehört hat, als die DDR aufgehört hat. Diese Einheit von Sozialem, Politischen und neuer Sprache. Im Westen Deutschlands gab es nur einen noch, bei dem ich das so gefunden habe: Thomas Kling.

Die Welt: Was bedeutete diese Entdeckung für Sie?

Erb: Ich war nicht das Zentrum. Ich bin einfach nur hingegangen und meinte: Die werden jetzt das machen, was ich versäumt habe.

120. Kritiker

(…) die Furcht vor den gar bissigen Kritikern, die zwar nichts schreiben, worüber man urteilen könnte, die dafür aber über das Ingenium anderer ein Urteil fällen. Es ist dies eine höchst unverschämte Leichtfertigkeit, die sich eben nur im Schweigen sicher fühlt. Wer mit gefalteten Händen am Strande sitzt, dem fällt es leicht, wie er will, ein Urteil über die Steuermannskunst abzugeben.

Francisco Petrarca, An Socrates in Avignon (Padua, 13.1. 1350). In: Dichtungen Briefe Schriften. Frankfurt/ Main: Fischer Bücherei, 1956, S. 71.

119. American Life in Poetry: Column 443

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

There are thousands of poems about caring for the old, but I have never before seen one like this, in which a caregiver wades with an elderly person out into deep water, literally and figuratively. It’s by Marie Thurmer, a poet now living in Nebraska.

A Grandfather

We waded in the shallows,
holding his hands, then just
fingertips, as his feet
slowly lifted off the bottom.
The land did not stop
at the waterline, but simply
became unreachable.
His worn face bobbed above
the waves, breath in an O
as our words, fistfuls
of shimmering minnows,
scattered, lost on their way
to him. The tide carried
him out, then back a bit,
a gradual letting go into dark
waters, and we, still
in the ebb, could almost
mistake that O
for the response we wanted—
on the ins, I’ll remember you,
on the outs, goodbye.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Marie Thurmer, and reprinted by permission of the poet. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

118. Heimat

Mit einer bezaubernden kleinen Anthologie, bestehend aus hundert deutschen Gedichten, meldet sich der Banater Autor Richard Wagner als Herausgeber zu Wort. Erschienen ist das Buch im Aufbau-Verlag mit dem Titel „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus“, einem berühmten Vers aus Joseph von Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“. Auf dem blauen Band, das das Buch umschließt, prangt die holde Versprechung: „Lyrik schenkt Heimat“. / Edith Ottschofski, Siebenbürgische Zeitung

Richard Wagner (Hg.): „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus. Hundert deutsche Gedichte“, Aufbau Verlag; Berlin, 2013, 186 Seiten, 12,99 Euro, ISBN 978-3-351-03549-5.

117. Quartett

DAS LYRISCHE QUARTETT VOM 20.11.2013
Mit Gast Nora Gomringer

In der letzten Ausgabe des Jahres 2013 komplettierte Nora Gomringer das Lyrische Quartett. Sie stellte Gedichte des brasilianischen Lyrikers Ricardo Domeneck vor, die in der Übersetzung von Odile Kennel im Verlagshaus J. Frank erschienen sind. In der Diskussion ging es ungewohnt deutlich zur Sache. Schon Gomringer betonte, es sei wichtig zu wissen, Domenecks „wunderbare“ Gedichte seien „wie die Männer, die er liebe: lang und schlaksig“. Die Runde lobte die „Anmut, Grazie und Lässigkeit“ der Gedichte genauso wie ihre Übertragungen ins Deutsche. Doch sie blieb nicht frei von streitbaren Aussagen. Harald Hartung formulierte den von ihm selbst so bezeichneten altmodisch-reaktionären Standpunkt, ein „normaler heterosexueller Mann“ finde hier „nicht so viel Nahrung“.

Auch die Besprechung von Steffen Popps mittlerweile drittem Gedichtband „Dickicht mit Reden und Augen“ (kookbooks) gestaltete sich kontrovers. Heinrich Detering, der das Buch vorstellte, sprach von „ungeheuer intellektuellen“ Gedichten, die ihn ganz im Gegensatz zu Popps Debüt „Wie Alpen“ enttäuscht hätten. Wieder fielen drastische Aussagen. Detering postulierte: „Er will da hin, wo Monika Rinck ist, aber die kann’s besser, und er sollte woanders hin.“ Kristina Maidt-Zinke hielt dagegen. Es gebe Vieles in den Texten, was in ihr Bilder und Vorgänge auslöse, die nachhaltig seien.

Dies alles sowie die Diskussion zu Sylvia Plaths Gedichten in der Übersetzung von Judith Zander („Der Koloss“, Suhrkamp) und den ‚Haltbarkeitstest‘ von Sarah Kirsch („Sämtliche Gedichte“, DVA) können Sie hier in Gänze nachhören.

116. Gestorben

Der marokkanische Schriftsteller Mohamed Sibari starb am 28.11. im Alter von 68 Jahren. Er schrieb in spanischer Sprache. 2003 verlieh ihm der spanische König Juan Carlos das offizielle Verdienstkreuz und 2004 erhielt er als einziger Marokkaner den chilenischen Pablo-Neruda-Preis. Er wurde 1945 in Ksar el-Kébir geboren. Er studierte in Granada und war einer der Gründer des Bundes marokkanischer Schriftsteller spanischer Sprache und sein Generalsekretär . / Medias24

115. zeit der redensarten

Denn dieses Buch ist ein Glücksfall. Ein Glücksfall wohlgemerkt für uns Leser, denn für das Gelingen solcher Texte ist sicher mehr als Glück nötig. 31 Prosatexte hat Igel in dem schmalen Band versammelt, „reminiszenzen, ausgelöst durch träume oder einen gedankengang“ nennt die Autorin sie selbst, kurze Texte, meist nur eine oder zwei Seiten lang (ein hübsches Detail dabei sind die am Ende der ungeraden Seiten gesetzten Reklamanten in längeren Texten). Wie häufig bei solchen Prosaminiaturen ist die Gattung schwer zu bestimmen: Narrative Passagen wechseln mit lyrischem Sprechen, die konsequente Kleinschreibung (außer am Satzanfang) verleitet einmal mehr, die Texte (auch) als Gedichte zu lesen. Immer wieder werden die Texte auch in Zeit und Raum verortet (die sechziger, siebziger, achtziger Jahre werden erwähnt, Städte, Straßennamen) und verführen dazu, Autobiographisches darin zu sehen.

Doch niemals belässt es Igel dabei, autobiographisches Erleben und Beobachten nur zu behaupten. Zu der Stimme des „Zeitgenossen“, die uns — wie in einem Tagebucheintrag — ein Geschehen vor Augen stellt („Unter den baldachinen der platanen eingangs der karl-liebknecht-straße in l“ oder „Ich erinnere mich, wie wir abkopierten, von der landkarte„) gesellt sich immer noch eine zweite, spätere, die das im „steinbruch des tagebuchs“ gefundene Material verarbeitet, weitertreibt und (man erlaube mir das Paradoxon) zugleich auffächert und verdichtet, wie etwa zu der Metamorphose des Schaffners im Nachtzug nach r. (Radebeul?) in „Nachtfahrten“.

Dabei lösen die beiden Stimmen sich nicht nur ab, sie umkreisen einander, verflechten sich immer wieder, fließen bisweilen ineinander, ohne dabei je ihre Individualität zu verlieren. Etwa in „Zwischen Nadelarbeiten und Nadelwäldern“:

Das Kind hat an die nadelarbeiten in der unterstufe denken müssen — Mit dickem faden, rot, blau, grün, gelb … strickte es mäandernde bänder, drang es mit der nadel durch das dickicht einer geschichte, deren erklärung erst jahre später folgen sollte, bemächtigte es sich ihrer zeichen, stickte sie ein in das linnen, das grau war und von grober struktur ...“.

Sprache ist eines der großen Themen dieses Bandes, das noch sprachlose Staunen (eines Kindes) über Redensarten als Anfang der Arbeit an der Sprache:

Nein, nicht einmal mit dem gedanken daran, eine frage zu formulieren, tastete sich das ich durch die zeit der redensarten, der ver oder beleumdungen — Der mund der straße schien niemals stillzustehen…“ (in „Zeit der Redensarten“). Wie im Dazwischen zwischen zwei Sprechern halten die Texte auch hier mit Leichtigkeit die Balance zwischen Sprachforschung und Sprachspiel, zwischen Staunen und Wissen:

‘Jedes Wort birgt einen widersinn in sich‘ notierte ich ins tagebuch, und der auslöser für diesen gedanken war, daß ich kurz zuvor das wort flußläufe gelesen und dabei die läufe eines tieres vor augen hatte …

/ Dirk Uwe Hansen, Signaturen

Jayne-Ann Igel: Umtriebe. Frankfurt/M (Gutleut Verlag) 2013, 60 Seiten, 11 Euro.

114. Candirt

„Grünbein ist derzeit der tauglichste Anwärter auf das Amt des Nationaldichters“ (Die Zeit)

(poet. nat. cand.)

In Ordnung, wenn ihr einen braucht, sucht ihn euch aus. Wie lange dauert  die Kandidatenzeit? Sind noch Bewerbungen möglich? Was sind bzw. woran erkennt man untaugliche Bewerber? Wie wird ihre Bewerbung behandelt? Ich hätte noch mehr Fragen, zuvor aber einen dringenden Rat. Bitte vergeßt nicht vorher den Geltungsbereich eurer Nation zu bestimmen. Oder zumindest eine Übergangszeit festzulegen, damit ich vorher austreten kann. Ende der Ansage.

Geistige Gummibärchen ist eine Kolumne zur Poesie des Medienspeak

113. SOUNDOUT!

Lettrétage, Berlin, November 2013

We are happy to organize the „SOUNDOUT! Award for New Forms of Presenting Literature“, which takes place in May 2014 in Berlin, Germany.

We know that there are tons of interesting ideas and approaches all over Europe out there, we wanted to get to know them, so we wanted to organize an opportunity for all those european literary activists to meet, share and get in further contact with each other, we wanted to put the public focus on all those activists, their ideas and approaches! So we asked the LOTTO STIFTUNG Berlin Brandenburg and the Berliner Senat for financial help, and they granted us the opportunity to make our dream come true.

The SOUNDOUT! Award for New Forms of Presenting Literature includes prize money of 5000 €. Come to Berlin and turn the city into a laboratory of literary presentation!

Folks, here we are, looking forward to your proposals.

Lets meet, share, rethink, reread and rehear text: SOUNDOUT!

112. Mariniert

Den notwendigen theoretischen Hintergrund legte er dabei mit den poetischen Überlegungen Emmanuele Tesauros, einem der bedeutendsten Rhetoriker des Barock. Die zugehörige Praxis illustrierte Stillers anschließend anhand dreier ausgewählter Texte aus dem umfangreichen Werk Marinos. (…) Als besonders kunstvoll präsentierte sich so beispielsweise ein Text aus Marinos erster Gedichtsammlung, La Lira, der die Angebetete des lyrischen Ichs beim Kämmen beobachtet, wobei es die goldenen Fluten ihrer Haarpracht mit den wilden Wogen des Meers gleichsetzt.
Zwar vermochte Stillers auf diese Weise nach eigener Aussage „nur einen winzigen Ausschnitt“ der Barockliteratur zu beleuchten – die Leitfrage der Vortragsreihe „Was ist Barock“ konnte er jedoch bravourös beantworten, indem er diese besondere Form der Dichtkunst klar von der Renaissance abgrenzte und im Vergleich mit zeitgenössischen Kollegen Marinos stilistische Besonderheiten des „Marinismus“ hervorhob.
Am Ende eines spannenden Vortragsabends war es Stillers gelungen, den Eichstättern neue Perspektiven auf die vermeintlich „schwülstige“ Lyrik des Barock zu eröffnen und die ihr oftmals unterstellte Künstlichkeit als veritable Kunstfertigkeit zu enthüllen.

/ Barbara Hefele, Donaukurier