28. Adam Zagajewski

Adam Zagajewski verteidigt „das Recht auf Unendlichkeit“, gegen den nüchternen Zeitgeist, die „Notwendigkeit der Leidenschaft gegen das Diktat der Ironie“. Er fordert „Wildheit“ und den Mut, tiefgehende persönliche Erfahrungen auszusprechen. Produktion: DLF 2014

Hier (Manuskript zum Download)

Zitat

O-Ton  Adam Zagajewski
Für mich war das immer ein Symbol der Heiligkeit, das Lachen. Die Leute, die einen gewissen Grad des Heiligsten erreicht hatten, die lachten viel, die hatten diese lockere Attitüde:

Zitator Adam Z.
Ein Bibelwort, das nie geschrieben wurde: "Komm zu mir, denn ich bin widerspruchsvoll wie du selbst".

O-Ton  Adam Zagajewski
Das ist schwarzer Tee. Ich trinke selten den grünen Tee, weil der schwarze Tee gibt mir die Inspiration. Nicht jeden Tag, aber manchmal doch.

Es passiert manchmal, dass Studenten oder Leute in einer Lesung fragen: "Wie machen Sie das, wie schreiben Sie Gedichte?" Ich sage: "Man braucht zwei Sachen: schwarzen Tee und Musik. Wenn man beides hat, kann man schreiben".

27. Rätselhaft

Nachrichten sind der Treibstoff der Moderne. Wir halten es kaum einen Tag ohne sie aus, und trotzdem ist ihr Wesen uns rätselhafter als antike Lyrik.

Die Welt 8.2.

26. American Life in Poetry: Column 455

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I don’t remember ever having a blind date, but if I had, I suspect it would have gone just as the one goes in this poem by Jay Leeming, who lives in New York state.

Blind Date

Our loneliness sits with us at dinner, an unwanted guest
who never says anything. It’s uncomfortable. Still

we get to know each other, like students allowed
to use a private research library for only one night.

I go through her file of friends, cities and jobs.
“What was that like?” I ask. “What did you do then?”

We are each doctors who have only ourselves
for medicine, and long to prescribe it for what ails

the other. She has a nice smile. Maybe, maybe . . .
I tell myself. But my heart is a cynical hermit

who frowns once, then shuts the door of his room
and starts reading a book. All I can do now is want

to want her. Our polite conversation coasts
like a car running on fumes, and then rolls to a stop;

we split the bill, and that third guest at the table
goes home with each of us, to talk and talk.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Jay Leeming’s most recent book of poems is Miracle Atlas, Big Pencil Press, 2011. Poem copyright © 2011 by Jay Leeming and reprinted by permission of the author and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

25. Hashem Shaabani hingerichtet

Die US-amerikanische Poetry Foundation teilt mit, daß am 27.1. auf Anweisung des iranischen Präsidenten Hassan Rohani der Dichter und Aktivist Hashem Shaabani hingerichtet wurde. Laut Radio Free Europe habe ein Islamisches Revolutionstribunal ihn und 14 weitere Personen im vergangenen Juli zum Tode verurteilt, u.a. weil sie einen „Krieg gegen Gott“ führten. Nach Presseberichten sei die Todesstrafe durch Hängen vollstreckt worden.

Shaabani war während seiner dreijährigen Haft schwer gefoltert worden. Human Rights Voices schreibt:

Seine Freunde kannten ihn als einen Mann des Friedens und der Verständigung, der innerhalb des despotischen Khomeinisystems dafür kämpfte,  individuelle Freiheitsräume auszuweiten. In einem Brief aus dem Gefängnis, den seine Familie zugänglich gemacht hat, schrieb er, er habe nicht schweigen können, wenn Menschen willkürlich und unrechtsmäßig verurteilt und hingerichtet wurden. Er habe versucht, das Recht jeden Volkes auf ein freies Leben mit vollen Bürgerrechten zu verteidigen. „Die einzige Waffe, die ich in meinem Kampf gegen diese furchtbaren Verbrechen je benutzt habe, war die Feder.“

24. Neuer Gedichtband von Franz Hodjak

Die deutsche Literatur aus Rumänien ist ausgewandert nach Deutschland, und eine ganze Weile sind ihre Dichter hier angelegentlich willkommen geheißen worden. Da waren neue Stimmen, sie kündeten von einer merkwürdigen, bisweilen bösen alten Welt, und man genoss, dass diese untergegangen und doch in Texten so aufgehoben war und man einen wohligen Schauer zu beziehen vermochte, weil man sie so vermittelt erhielt und nicht unvermittelt hatte erleben müssen. Dieser auch als „Exotenbonus“ (Peter Motzan) apostrophierte Aufmerksamkeitsvorschuss ist verbraucht, die Securitate-Wirrnisse haben die Szenerie vernebelt, der Widerhall schwillt ab zum Nachhall. Der „Betrieb“ wirft früher oder später einen jeden auf sich selbst zurück, viel Selbstbewusstsein, ja Eigensinn ist nötig, im literarischen Tun noch einen Sinn zu sehen – und viel Gelassenheit gegenüber dem Markttreiben.

Der Eigen-Sinnigsten und Gelassensten einer ist Franz Hodjak. Er war und ist so sehr Dichter, dass er es auch im Überdruss noch vermag, mit seinem sanften kargen Wort die sirrende und dröhnende Wirklichkeit hüben und drüben, die alte und die neue, zu übertönen und dem Leser, den er freundschaftlich zum Komplizen macht, ein paar Verse lang das Empfinden zu schenken, er wäre ihrer enthoben, ja stände über ihr. Hier ist ein Therapeut am Werk, der Hoffnung gibt, die er selbst nicht mehr hat. (…)

Wäre da nicht die streng stilsichere – gleichsam vom „Meißel“ geführte – Hand des Dichters, der sich jeden Überschwang versagt, sich zurücknimmt und die Bilder diszipliniert, indem er sie weiterdenkt oder -spinnt, immer allerdings auf eine eigentümlich gegenständliche und zugleich transzendierende Art: „Es gibt Tage, da rollen dir bloß / Sellerieköpfe über den Weg wie Gesichter // aus einem Märchen mit bösem Ausgang“ („Grammophon“). Das Furchtbare ist wirklich und umgekehrt – und das ist das Märchenhafte dran! Bei Franz Hodjak kann man lesen, wie Unerträgliches erträglich geschrieben wird.

Man muss sich nur einlassen darauf, er macht es einem leicht. Er schreibt eine Lyrik, die nicht allein Selbstaussage ist, sondern einbezieht, den Leser allemal – und dann die anderen, denen die Texte zugeeignet sind. Der Dichter bekennt sich eingangs zu den „auffallend viele(n)“ Widmungsgedichten, tatsächlich beherrschen sie den Band. All diese Menschen, einmal in sein „Leben getreten, sind … nicht mehr wegzudenken“. Ist da ein Widerspruch? Einerseits praktiziert der Poet die Auflösung der Wirklichkeit im Gedicht, andererseits holt er per Widmung Menschen aus derselben in selbiges herein, „erdet“ und konkretisiert also seine Verse mit den mitdichtenden Gedanken an mitmenschliche Existenzen. / Georg Aescht, Siebenbürgische Zeitung

Franz Hodjak: „Der Gedanke, mich selbst zu entführen, bot sich an“. Gedichte. Lithographien von Hubertus Giebe. Verlag SchumacherGebler, Dresden 2013, 100 Seiten, 22,50 Euro, ISBN 978-3941209-28-2

23. Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Poetry Fellowships

The Poetry Foundation Welcomes Submissions to the 2014 Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Poetry Fellowships

Submissions Accepted March 1–April 30

CHICAGO – Five Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Poetry Fellowships in the amount of $25,800 each will be awarded to young poets through a national competition sponsored by the Poetry Foundation, publisher of Poetry magazine. Submissions will be accepted from March 1 through April 30 of this year.

The original Ruth Lilly Poetry Fellowships were established in 1989 by Indianapolis philanthropist Ruth Lilly to encourage the further study and writing of poetry. Earlier this year, the Poetry Foundation received a generous gift from the Dorothy Sargent Rosenberg Memorial Fund to create the Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Poetry Fellowships, which increase the fellowship amount from $15,000 to $25,800.

The new fellowships honor two extraordinary women and their commitment to poetry and give five young poets a more auspicious start to their careers. The awards are among the largest offered to young poets in the United States.

“From Harriet Monroe’s founding of Poetry in 1912 to our constant search for fresh new voices today, Poetry has always discovered work that enlivens our sense of what poetry is worth and what it can do,” says Don Share, editor of Poetry magazine. “The Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Poetry Fellowships are especially inspiring because they identify emerging writers whose promising work shows how poetry helps compose our lives.”

The fellowships are open to all U.S. poets between 21 and 31 years of age. Visit poetryfoundation.org/foundation/prizes_fellowship for information on how to submit.

The winners of the fellowships will be announced in September 2014 and featured in the November 2014 issue of Poetrymagazine.

The Poetry Foundation’s annual awards to poets include the $100,000 Ruth Lilly Poetry Prize, which honors a living U.S. poet whose lifetime accomplishments warrant extraordinary recognition, and the new $7,500 Pegasus Award for Poetry Criticism, first given this year, which honors the best book-length works of criticism published in the prior calendar year, including biographies, essay collections and critical editions that consider the subject of poetry or poets.

***

About Poetry Magazine
Founded in Chicago by Harriet Monroe in 1912, Poetry is the oldest monthly devoted to verse in the English-speaking world. Monroe’s “Open Door” policy, set forth in Volume 1 of the magazine, remains the most succinct statement of Poetry’s mission: to print the best poetry written today, in whatever style, genre or approach. The magazine established its reputation early by publishing the first important poems of T.S. Eliot, Ezra Pound, Marianne Moore, Wallace Stevens, H.D., William Carlos Williams, Carl Sandburg and other now-classic authors. In succeeding decades it has presented—often for the first time—works by virtually every major contemporary poet.

About the Poetry Foundation
The Poetry Foundation, publisher of Poetry magazine, is an independent literary organization committed to a vigorous presence for poetry in our culture. It exists to discover and celebrate the best poetry and to place it before the largest possible audience. The Poetry Foundation seeks to be a leader in shaping a receptive climate for poetry by developing new audiences, creating new avenues for delivery and encouraging new kinds of poetry through innovative literary prizes and programs. For more information, please visit poetryfoundation.org.

Follow the Poetry Foundation and Poetry on Facebook atfacebook.com/poetryfoundation or on Twitter @PoetryFound.

POETRY FOUNDATION | 61 West Superior Street | Chicago, IL 60654 | 312.787.7070

Media contacts:
Elizabeth Burke-Dain, eburkedain@poetryfoundation.org, 312.799.8016
Kristin Gecan, kgecan@poetryfoundation.org, 312.799.8065

22. Stadtnomadin

In der „Staatsgalerie“ des Prenzlauer Bergs stellt Sarah Marrs ihre „Stadtnomadin“ vor – Mit und außer ihr lesen Sylvia Koerbel, Robert Mießner, Bert Papenfuß und Uwe Preuß (…)

1992 reist Sarah Marrs mit „Novemberklub“ nach Bitterfeld zur „Kunst. Was soll das?“-Konferenz. Die Stadt hat geschlossen. Überall wird „Novemberklub“ abgewiesen. Schließlich zwingt Sarah Marrs einen Wirt, ihrer Band Toast Hawaii zu servieren. Das betrifft die knurrenden Mägen von Bernd Jestram, Ronald Lippok, Mario Mentrup, Bert Papenfuß und Brad Hwang. Sarah Marrs findet dann auf einem Plakat manches erklärt. Was darauf grafisch zusammenwächst und aufblüht in der Landschaft, ergänzt Wurst mit Banane.
Es ist heiß in Bitterfeld, A. R. Penck baut in der Hitze ab. Er behauptet, der „Denver Clan“ sei kulturpolitisch weiter als Maxim Gorkis „Mutter“. Penck erinnert daran, dass Stalin seine Erkenntnisse aus dem amerikanischen Kino gewann. Er lobt „die Philosophie des amerikanischen Kleinbürgers“, in der Staatsgalerie wird die Story mit verteilten Rollen gelesen. Uwe Preuß ist der Penck des Abends.

Immer wieder Penck, wie er im Halbschlaf zuckt, und auch dann nicht wach wird, wenn Durs Grünbein der Versammlung vermeintlich linken Zynismus mit Negativer Dialektik erklärt. Schön auch die Einlassung vom ostaffinen Westmann Ulf Erdy Ziegler: „Das gemeinsame Klagen hat uns (linke Wessis und Ossis) immer wieder subversiv zusammengebracht mit vielen Getränken. Das war stets schön.“ / Jamal Tuschick, Faustkultur (http://faustkultur.de/1389-0-TEXTLAND-von-Jamal-Tuschick.html)

Sarah Marrs: „Stadtnomadin. Wilde Tage in Chicago, lange Nächte in Berlin“. Eden Books

21. Zuß und Ames suchen Streit / V. Teil

literaturlabor in der Lettrétage

Zuß und Ames suchen Streit und begegnen sich in Berlin; in der Art in der ein Freistoßschütze dem Torwart begegnet; wer wer ist, ist egal, weil es wechselt. Es geht um Kollegialität, um Polemik, Poetik, um zwölf coole Arbeiter im Lyrikstandort Berlin, um Unzufriedenheit und andere Beweggründe und „Konsonanz ist nur ein Teil künstlerischen Schaffens; Dissonanz, Digression und Überraschung die anderen. Wir beobachten hier das Verfahren der Anreicherung neben forcierter Flapsigkeit […] und harte Zäsuren und weite Sprünge neben zarten Zoten.“
(Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. S. 6f.)

Teil V – Die Kommunikation der Literatur: Knall sitzsamen Ultramontanisten einen Fortschritt hin – und erwarte ein Wunder in Zwischen

Zuß, u.e. Leutnant, und Ames, suspendierter Hilfsinspektor, mussten das Büro räumen und wechselten die Stadt, so routiniert wie eine volle Windel. In ihren Augen rollt ein Text, so wie ein frisch aufgeschlagenes Ei in der Pfanne rollt, die nicht erhitzt ist, wie ein Pennälerköpfchen voller Rechtschreibregeln und Beschulungsbedürfnis. In Zwischen hoffen Zuß und Ames ein Treffen mit Morgenstern arrangieren zu können, wenn nur nicht …

avec un accent

connais-tu le land, où le Regenbogen steigt? ça n’est pas à
Sarrelouis, où des Lorrains doing shopping comme des
Allemands de l’Est à Pologne.

on (ichchen) ne trouvait pas certains élégies à Mayence ou à
Coblence ou dans la Metze de Metz: Bouzonville (zu Sapphos
Verdruss)
on les trouvait à Eisenhüttenstadt (Cité du Stalin, jusqu’au
13eme novembre 1961) 2013 verzagt und fast stumm in einem
Pferdepo (cul-de-sac) avec l’air de Mme. de Staël (Merci pour les
Dichter et Denker! c’est trop gentil!)

Voltigez, Mme. Taupe!
Voltigez au travers

(des élégies pour nouvelles verreries« 24.10.2013)

Vorhergehender Teil

Die Reihe „Zuß und Ames suchen Streit“ ist eine e-Polemik und Bestandteil des literaturlabors in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat. Das Lettretagebuch ist hierbei als eine Art Fortsetzung des Raumes “Literaturhaus” mit digitalen Mitteln zu verstehen. Wir schließen auf, stellen die Biere kalt und sprechen offen miteinander. Beiträge herzlich willkommen!

20. Uwe Hübner

Dem Band Jäger Gejagte des Dresdner Dichters Uwe Hübner, meine ich, ist in der deutschsprachigen Literatur der letzten Jahre nichts Vergleichbares entgegenzusetzen – weder an erzählerisch verdichteter Qualität noch an Radikalität der Faltung von Zeiten und Räumen. Die Einzige, die auf diesem Level ihren Sound gefunden hat, scheint mir Ann Cotten zu sein. Sein leider zu wenig beachtetes Debüt hat Uwe Hübner mit Pinscher und Promenade 1993 bei Galrev gegeben. Vor also genau 20 Jahren!

Angefangen zu schreiben hat er vor 40 Jahren. Zwei Bücher in vierzig Jahren! Der 1951 im Erzgebirge geborene, sein bisheriges Lohn-Leben als Heizungsmechaniker in den Kellern der Technischen Universität Dresden abgespult habende und auch als Rentier weiterhin in Dresden lebende Schriftsteller ist wahrlich kein Vielschreiber. Keiner, der aus jedem Scheiß gleich ein Gedicht quetscht. Was noch lange nicht heißt, dass nicht jeder im Weg liegende Haufen eins wert wäre. Denn das wird in Jäger Gejagte offensichtlich, dass es nichts gibt, das es nicht wert ist.

Auf Seite 90 des 112 Seiten starken Bandes steht: „Pleitier zu sein … puh … das ist schon was / schrieb der Finanz- und Sprachexperte, aus dem Nichts / wird dies keiner“, womit wir das drei Verse lange Motto des Weltbürgers, des Kompagnons, des Niemands und Odysseus’ (siehe S. 100) – alles Aliasse des in Welt-Er-Kenntnis gespiegelten Autoren – ausgegraben und aufgedeckt hätten. / Sascha Anderson, Der Freitag 4/14 vom 23.01.2014 (http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/pleitier-zu-sein-puh)

Jäger Gejagte GedichteUwe Hübner Poetenladen 2013, 109 S., 16,80 €

19. Why, what, how?

In der TLS (http://www.the-tls.co.uk/tls/public/article1371516.ece) erklärt der Papyrologe Dirk Obbink,

why is the discovery important, what do the poems tell us about Sappho, and how do we know they are genuine?

Darin u.a. eine Übersetzung des neuen Brüder-Gedichts durch Christopher Pelling.

18. Booklets & Quadriga

Für zeitgenössische Lyriker gibt es Publikations­möglich­keiten in einschlägigen Zeitschriften zuhauf, aber regelrechte Gedichtbände bringen nur noch ganz wenige Verlage heraus–und ihre Zahl nimmt stetig ab. Zwei neue Reihen, die im letzten Jahr gestartet wurden, versuchen sich gegen diesen Trend zu stemmen. Das ungewöhnlichere Unternehmen ist das des pensionierten Kunsterziehers Carl-Walter Kottnik, der im Zeichensaal seines Hamburger Gymnasium von 1999 bis 2013 hundert Autorenlesungen veranstaltet hatte, bis die Schule diese weithin beachtete Initiative nicht mehr unterstützte. Es lasen dort unter anderem die Lyriker Elisabeth Borchers, Heinz Czechowski, Gerhard Falkner, Ulla Hahn, Norbert Hummelt, Wulf Kirsten, Ulrich Koch, Richard Pietraß, Steffen Popp, Hendrik Rost und Ron Winkler.

Nachdem Kottnik eine Fortführung seiner Dichterlesungen versagt worden war, entschloss er sich zur Herausgabe einer Lyrikreihe. Die Booklets, wie er sie nennt, umfassen um die 30 Seiten und bieten meist nur 15 Gedichte, sind aber sehr schön gedruckt und sämtlich von Malern der Gegenwart illustriert. Auf dieses Zusammenspiel von Text und Bild kommt es dem Herausgeber besonders an, nicht hingegen auf Einheitlichkeit, denn jedes der ansehnlichen Bändchen hat ein anderes Format. / Mehr bei Fixpoetry 27.1. (http://www.fixpoetry.com/feuilleton/notizen/2014-01-27/zwei-neue-reihen-mit-gegenwartslyrik)

17. Wie formalistisch sollen Rezensionen sein?

Ein Kommentar von Simone Kornappel und Michael Gratz 

Was ist besser: Wenn sie Lyrik mit Klischees zuschütten, also immerhin bedenken, irgendwie ernstnehmen, abhandeln – oder sie ignorieren? Die Tageszeitung junge Welt neigt just zur ersten Sorte. Dort (http://www.jungewelt.de/2014/02-04/048.php) schreibt Martin Rautenberg über „zwei Büchlein aus dem Distillery-Verlag“ und hat unsere Aufmerksamkeit. Wie soll man das nicht loben? Wenigstens kommt Lyrik vor. Sogar die Bestelladresse wird mitgeteilt. Leider aber verheißt die doppelte Überschrift kaum Gutes: „Die Pointe zurückdenken. Wie formalistisch sollen Gedichte sein?“

Tatsächlich ist der erste Absatz der informativste. Genauer der einzige informationshaltige. Deshalb hier in voller Länge:

Ein Verlag, der sich ganz der Veröffentlichung heutiger Gedichte verschrieben hat, nennt sich Distillery und wird von Alexander Krohn in Berlin betrieben. In unregelmäßigen Abständen bringt er kleine, schön gestaltete Hefte heraus; jüngst erschienen »Mengenleere« von Katja Horn und »ineinandersetzung« von Tone Avenstroup.

Alles soweit richtig. So geht es jedoch nicht weiter. Die Gedichte sind kurz, heißt es; das geht noch als Beschreibung durch. Es gebe „keine Strophen“, na okay, „und selbstverständlich auch keinen Reim“. Selbstverständlich? Lassen wir mal Theorie und Geschichte des Reims beiseite. Das Wort „selbstverständlich“ verrät, worum es dem Kritiker geht. Er hat ein Bild vom „heutigen Gedicht“ und will es – siehe Überschrift – an beiden Büchern vorführen. „Selbstverständlich“ gibt es ja im „heutigen Gedicht“ auch nicht wenig Gereimtes. Sogar bei Katja Horn, in einem anderen Heft von Distillery. Was also wäre damit gesagt? Aber weiter im Text, denn „Es herrscht konsequente Kleinschreibung“. Diese Gedichte seien durch Kürze, Reimlosigkeit und Kleischreibung gekennzeichnet. „Tone Avenstroup bietet ebenfalls die schon erläuterte formale Struktur: Kleinschreibung, Kürze, kein Reim.“

Offenbar soll dies eine feste Struktur sein, ein Pattern. Und wofür es steht wird sogleich detailliert entwickelt:

(…) konsequente Kleinschreibung – ein möglicherweise heute als Marotte zu beschreibendes Gestaltungsprinzip, das in der Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg, und zwar insbesondere in linken Kreisen, die Konzentration auf die wesentlichen Inhalte ermöglichen sollte. Zugleich steckt – übrigens analog zur Begründung der Zwölftonmusik – ein die Unterschiede nivellierender, gleichmacherischer Ansatz dahinter. Also eine Art formalistische Übertragung aus der politischen Sphäre.

Da haben wir den Salat, den formalistischen. Ein bißchen wirr vielleicht, forsch sowieso, wie hier „linke Kreise“, „nivellierende“, „gleichmacherische“ Ansätze mit „heutiger Lyrik“ und „übrigens analog“ Zwölftonmusik (sic) verkoppelt werden. Liests das anbetroffne Publikum mit ehrfürchtigem Staunen? Oder erinnert es sich an Stefan George, der die „gleichmacherische“ Kleinschreibung vor über 100 Jahren einführte – in einem eher elitären und kaum links zu nennenden Milieu? 

Diese „Rezension“ sagt fast nichts über die Gedichte, dafür viel über den Rezensenten. Er hat einen ideologischen Aufriss im Kopf, eine Blaupause dessen, wie Gedichte sein oder „funktionieren“ „sollen“. Jedenfalls nicht so wie die „heutigen“ Gedichte der genannten Distillery-Autoren. Und die eingängliche Frage nach der formalistischen Obergrenze will per point-out beantwortet werden. Der Elefant im Raum aber ist in diesem Fall der Rezensent selbst, wenn er formale oder gestalterische Aspekte derart gewichtig als die Information begreift, die den besprochenen Texten zuvorderst innewohnt. Und nicht nur das,  „Tone Avenstroup bietet ebenfalls die schon erläuterte formale Struktur: Kleinschreibung, Kürze, kein Reim. Dann auch noch zweisprachig; auf der linken Seite findet sich das norwegische Original, die deutsche Übersetzung gegenüber.“ Ist das jetzt links oder was? Thematisches, Inhaltliches der Gedichte wird lediglich im groben Ansatz ver- oder abgehandelt: hier wittgensteinsches Sprachspiel und irgendwie was mit Écriture automatique, schließlich gar Dadaismus, als wär das alles eins; dort Hermetik, die keine Hermeneutik zulasse und das Klischee des Kryptizismus, das es dem Rezensenten leider verunmöglicht, näher auf die Texte einzugehen, aber dann doch nicht so unübersetzbar ist, als dass es ihm nicht möglich wäre, mit gutem Willen und sinngemäß Gedanken zu erkennen, die „so noch niemand gedacht hat“. Framedropping statt Beschau, pffff nicht Feuilleton… oder wie man nichts sagt, wenn man Besprechung meint. Wäre für die Leser allemal besser, wenn sie von beiden Autoren eins der Gedichte abgedruckt hätten statt einer Besprechung, die die Gedichte nur für ihre eigenen Zwecke benutzt. Entweder es gefällt (interessiert) oder irritiert: beides wär mehr als nichts.

Katja Horn: Mengenleere, Neunundzwanzig Gedichte, Mit fünf Zeichnungen von Mareile Fellien, Distillery 39, Berlin 2013, ISBN 978-3-941330-35-1, 6 Euro

Tone Avenstroup: ineinandersetzung/samstemmelse, Gedichte norwegisch/deutsch, Übersetzung in Zusammenarbeit mit Bert Papenfuß, Distillery 38, ISBN 978-3-941330-34-4, 6 Euro

Bestellen: a.krohn@distillerypress.de

16. Johannes Kühn 80

Modern ist das nicht, wenn auch reimlos und in freien Rhythmen daherkommend, genau beobachtet hingegen schon und immer wieder so gebrochen, dass sich die Naturschilderung mit einem melancholischen Kommentar zum Lauf der Dinge, einem ironischen Einwurf, einer Reflexion auf Alter, Beruf oder Stand bricht. Der Kreis, den diese Dichtung um sich selbst schlägt, ist klein, eng gebunden an die eigene Erfahrung und dieser ohne große Umstände abgerungen. Fast zehntausend Gedichte von Johannes Kühn soll es geben, entstanden wie ein Tagewerk und manchmal auch auf Bestellung. Nichts wäre ihnen fremder als das Genialische: „Wenn ich berühmt wäre, würde ich es wohl können, / mit Steigeisen / den Himmel hochsteigen“, schreibt der Lyriker, wenn er, wie so oft als „Winkelgast“ (den Namen gibt er sich selbst) im Schankhaus sitzt. Fast würde man ihm so viel Bescheidenheit glauben: „Lieber dicht ich / das Gras wächst und brauchst keinen Stock wie die Rede“, wenn da nicht auch das Selbstbewusstsein eines zeitgemäßen Bänkelsängers wäre, dem die Moritat zur lyrischen Bestandsaufnahme seiner Heimat und der von ihr beförderten Lebensumstände wurde.

Es ist deswegen auch dies angemessen: dass Johannes Kühn neben den großen Auszeichnungen, neben dem Hermann-Lenz-Preis und dem Hölderlin-Preis etwa, auch einen Wanderweg durch seine Gegend gewidmet bekam, dass er in saarländischen Schulen liest, dass er Ehrenbürger der Gemeinde Tholey wurde und dass er noch immer seine Runden um den Schaumberg zieht. An diesem Montag wird der zeitgemäße Dichter Johannes Kühn achtzig Jahre alt. / THOMAS STEINFELD, Süddeutsche Zeitung 3.2.

15. Gestorben

Am 30. Januar ist der spanische Lyriker, Essayist und Flamencologe Félix Grande wenige Tage vor seinem 77. Geburtstag in Madrid gestorben. Er trat mit seiner Dichtung besonders in den 1960er und 1970er Jahren hervor. Sein Debutband Las piedras [Die Steine] erhielt 1963 den Premio Adonáis, u.a. wurde er auch mit dem Premio Nacional de las Letras Españolas (2007) geehrt.

Hier der Nachruf von rtve.

Hier ein Gedicht:

CALLE VACÍA
(Ante un cuadro de Antonio López García)

A ese a quien no se ve, yo lo conozco.
No está y es evidente como un sueño.
Por la calle vacía,
derramada en la siesta y en el cielo,
con un roce de ayer suenan sus pasos
en perfecto silencio.

A ese a quien no se ve, yo lo conozco.
Va hacia el final o vuelve o está quieto
mientras la calle en sol arde callada,
secreta y clara, enharinada en tiempo.

A ese a quien no se ve, yo lo conozco,
o yo lo reconozco, o lo recuerdo,
o lo busco sin fin… ¡Dios lo bendiga,
tan solo como va, tan lejos!

(Aus:
La noria [Das Schöpfrad], 1986)

Leere Straße
(Vor einem Gemälde von Antonio López García)

Diesen, den man nicht sieht, den kenne ich.
Er ist nicht da und doch offensichtlich wie ein Traum.
Auf der leeren Straße,
vergossen über Mittagsschlaf und Himmel,
klingen mit dem Vorbeistreifen von gestern seine Schritte
in vollkommener Stille.

Diesen, den man nicht sieht, den kenne ich.
Er geht bis zum Ende oder kehrt zurück oder steht still,
während die Straße schweigend in der Sonne brennt,
heimlich und hell, bestreut mit Zeit.

Diesen, den man nicht sieht, den kenne ich,
oder ich erkenne ihn wieder oder erinnere mich an ihn
oder suche ihn ohn’ Unterlass … Möge Gott ihn segnen,
da er so allein geht, so weit weg!

[Übers. à.s.]

14. Die Stimme

Er gilt als die schönste Stimme der deutschen Lyrik, ja er ist die Stimme der deutschen Lyrik…

Aber den Namen verrate ich nicht. Wenn Sie nicht wissen wer gemeint ist, müssen Sie schon selber klicken. *(http://www.lokalkompass.de/wesel/kultur/stellers-wunderbare-lyrik-zitate-gesang-und-gesprochenes-im-preussen-museum-d396571.html)

Geistige Gänseblümchen ist eine Kolumne zur Poesie des Medienspeak 

*) Ich zähle dann die Klicks.