Von 12.02. bis 12.04. 2015 in der Secession (Wien)
Ugo Rondinone ist nicht nur einer der international renommiertesten zeitgenössischen Schweizer Künstler, er ist zudem in den letzten Jahren überaus erfolgreich als Kurator in Erscheinung getreten, wobei er seine kuratorischen Projekte in erster Linie als Erweiterung seiner künstlerischen Praxis versteht.
Artists and Poets ist nach the third mind (Palais de Tokyo, Paris, 2007) und the spirit level (Gladstone Gallery, New York, 2011) die dritte Ausstellung, die Rondinone im weitesten Sinne der Beziehung zwischen Kunst und Lyrik widmet und mit der er seiner Überzeugung von der spirituellen und transzen-dentalen Macht der Kunst Ausdruck verleiht. Indem er die Begriffe „Künstler“ und „Dichter“ mit großer Selbstverständlichkeit zusammenbringt, betont Rondinone das Gemeinsame ihrer beiden Tätigkeitsfelder, getragen von dem festen Glauben, dass schöpferische Leistung – sei es in Form eines Gedichts, einer Skulptur oder eines Gemäldes – etwas im Menschen bewirken kann.
(Fast) vergeblich sucht man allerdings in Artists and Poets eine „wörtliche“ Verbindung zum Titel. Mit Ausnahme von John Giornos Dial-A-Poem gibt es in der Ausstellung weder Werke Konkreter Poesie noch andere sprach- und textbezogene Arbeiten. Rondinone postuliert einmal mehr, dass Kunstwerke – wie Gedichte – gefühlt und intuitiv verstanden werden können und keiner vorgefertigten Interpretation bedürfen.
Jede Erklärung reduziert das Gedicht und das Kunstwerk auf das Sagbare, wo jedes Gedicht und jedes Kunstwerk grundsätzlich das Unsagbare umfasst.
Mit Werken von Justin Matherly, Bob Law, Michaela Eichwald, Giorgio Griffa, Fritz Panzer, Gerwald Rockenschaub, Heimo Zobernig, Donald Evans, Andra Ursuta, Michael Williams, Fritz Hartlauer, Tamuna Sirbiladze, Andrew Lord, Gustav Klimt und John Giorno.
(…)
Mit Artists and Poets bezieht sich Rondinone auch auf einen lokalen Kontext, hat er doch von 1986 bis 1990 an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien studiert und daher ein besonderes Verhältnis zur Stadt. In diesem Sinne wird auch die Poesieinstallation Dial-A-Poem des US-amerikanischen Performancekünstlers und Poeten John Giorno für die Ausstellung adaptiert – in Kooperation mit der Wiener Schule für Dichtung wird dieser besondere „Telefonservice“ mit 30 Gedichten österreichischer AutorInnen bespielt. Dial-A-Poem ist ab dem ersten Ausstellungstag über die Wiener Festnetznummer +43 (0)1 585 04 33 abrufbar.
Allgemeine Informationen:
http://www.secession.at
Safiye Can hat gelacht und es nicht ernst genommen, als sie hörte, wie sich die CSU die Integration von Menschen vorstellt, die nicht mit Deutsch als Erstsprache aufwachsen. Die ursprüngliche Forderung, Zuwanderer sollten dazu „angehalten werden“, zu Hause und in der Öffentlichkeit deutsch zu sprechen, gehe an der Realität vorbei – an der Realität von Menschen, wie sie und ihre Eltern es sind: Menschen mit hybriden Identitäten, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben. „Ich bin froh, dass ich mit Türkisch aufgewachsen bin“, sagt die 37 Jahre alte Autorin.
Als Can eingeschult wurde, konnte sie nur wenig Deutsch. Zur Welt gekommen ist sie in Offenbach, als Tochter von Arbeitsmigranten aus der Türkei, die selbst Nachkommen von Tscherkessen sind, die vor mehr als 150 Jahren aus dem Kaukasus hatten fliehen müssen und Zuflucht an der türkischen Schwarzmeerküste fanden. Die Eltern sprachen mit der Tochter nur türkisch. In einen Kindergarten, wo sie vor der Einschulung hätte Deutsch lernen können, ging Can nicht. Keine guten Startbedingungen also für die Integration in die hiesige Gesellschaft? Aus dem „sprachlosen Kind“, das in seiner Geburtsstadt aufwuchs, Deutsch erst in der Schule lernte und dem mancher Lehrer nicht viel zutraute, ist doch noch was geworden: eine Dichterin, die in deutscher Sprache schreibt und Literatur-und-Lyrik-Workshops für Schüler leitet. / Canan Topçu, FAZ 12.2.
Arthur Rimbaud (1854-1891) führte mit zwei Gedichten aus den „Illuminations“, „Marine“ und „Mouvement“, den freien Vers [in die französische Dichtung] ein. Etwa 1872 hörte er mit dem Schreiben auf.
Diese zwei Sätze leiten die Ankündigung eines Programms mit Rimbauds Gedichten im Pariser THEÂTRE de L’ESSAÏON ein.
aus: Lyrikwiki
Seit über tausend Jahren leben Juden auf deutschem Gebiet, zuerst im Rheinland. Aschkenas (hebr. אשכְּנז) ist ein Personenname und der Name eines Königreichs in der hebräischen Bibel (mit den Skythen oder nach anderer Auffassung den Phrygern gleichgesetzt).
Das Wort Aschkenas bezeichnet das Rheinland und dann ganz Deutschland, Aschkenasim (Pl.) sind die Juden in Deutschland, Nordfrankreich und anderen Ländern (später auch Osteuropas) im Unterschied zu den Sephardim aus Spanien (Andalusien), die nach der Vertreibung nach Nordafrika und ins Osmanische Reich flohen. Die Sephardim sprachen das vom Spanischen anverwandelte Ladino, die Aschkenasim Jiddisch. Natürlich dichteten sie auch in diesen Sprachen (manchmal auch in der Landessprache). Süßkind (Süezkint) von Trimberg war der einzige jüdische Minnesinger, von dem mittelhochdeutsche Sangsprüche in der Heidelberger Liederhandschrift (Manesse-Handschrift) überliefert sind. In der Neuzeit war Isachar Bär Falkensohn der erste jüdische Dichter, von dem Gedichte auf Deutsch veröffentlicht wurden: „Gedichte von einem polnischen Juden“ (1772).
Aber es gab auch hebräische Dichter in Deutschland. Zu ihnen gehören:
In der Neuzeit dichteten die deutschen Juden meist in Deutsch. Heinrich Heine, Else Lasker-Schüler, Jakob van Hoddis, Nelly Sachs oder Paul Celan waren Teil der deutschen Literatur, wenn auch viele emigrieren mußten oder wie van Hoddis im deutschen Machtbereich ermordet wurden. Erst mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung gab es wieder eine Reihe von Autoren aus dem deutschen Sprachraum, die nach der Emigration nach Palästina Hebräisch dichteten:
Increasingly I write out of a sense that language, any language, is multiple, poly. Americans don’t speak and write English. They speak and write a language comprised of multiple other languages, creoles, pidgins. We think of English as primarily composed of Germanic and Latin languages, but what about Arabic, which entered—via various power matrices, de- and re-coloniziations—numerous Romance languages (and Latin itself). Do we already always speak and write Arabic? There are hundreds of Arabic words that we use. Candy. Tangerine. Mattress. Zero. These poems take as their point of departure English words of clear Arabic origin. Algebra. Garble. Spinach. Ream. Monolingualism is ideological; it obscures the facts. Sugar. Popinjay. Tuna. Gerbil. / Christian Hawkey, New Museum
Meistens ist es ja so, daß sich sowohl die abstrakte Malerei wie die abstrakte Lyrik von der Realität entfernt und das Publikum, sofern es nach einer Deutung und Darstellung der Realität verlangt, im Stich läßt. Andererseits sind rein realitätsbezogene Gedichte und Bilder einem modernen Geschmack oft zu bieder und einfallslos. In „Guernica“ und in der „Todesfuge“ schließt sich ein Kreis, das Wort und der Pinsel finden zu ihren Anfängen, zum Erlebnis, zurück, aus dem dann die Kunst dieses Erlebte nicht in seiner Ganzheit, sondern im Gegenteil, in seiner Brüchigkeit wiederauferstehen läßt. Der Dichter nimmt Wortgefüge, wandelt sie ab, verwebt sie miteinander, setzt sie immer neu zusammen, jedesmal mit einer kleinen Änderung. Diese neuen Gebilde sagen nichts Neues aus, das Gedicht „informiert“ nicht, im Gegenteil, es setzt voraus, daß der Leser oder der Hörer mit der jüngsten deutschen Geschichte vertraut ist. Das Gedicht klagt und führt die Klage von einer Stufe zur nächsten.
Fragmentartig tauchen die Teile, die Hinweise auf die Vernichtungslager auf, entziehen sich der Logik, aber nicht der Trauer, die sie auslösen. Als Hörer und Leser sind wir hin- und hergerissen zwischen einer aus den Fugen geratenen Welt und einer, die sich wie eine Fuge zusammenfügt und musikalischen Trost gewährt. Die Bildsprache ist unheimlich, nicht eigentlich entsetzlich, doch die Worte, die Metaphern und Bilder sind zutiefst beunruhigend und können Entsetzen auslösen, während im Kontrast dazu im hochmusikalischen Zauber der Form ein gewisser Trost liegt. / Ruth Klüger, literaturkritik.de
Lydia Whirlwind Soldier, a poet who learned the beauty of the Lakota language from listening to tribal elders as a child, said she writes in both Lakota and English to keep the language alive. But she also writes essays in English to speak to the mainstream culture.
(…) “If you understand the Lakota language, it’s a poetic language,” she said. “I’ve always been amazed at the way they were able to tell stories. I loved to hear the old men get up and talk. Their speeches were beautiful.”
And the message, quite apart from what they said, was that a young Lakota girl, too, could learn to use the Lakota language that way – it was her instrument.
Today, as a poet in two languages, Lydia Whirlwind Soldier realizes that having deep roots in the Lakota language has paid off in more ways than just giving her a deeper appreciation for her own culture. It has also helped her shape better poems in English. / Lance Nixon, Capital Journal
Der Bastardslam im Berliner »Ritter Butzke« ist seit langem eine Institution der Poetry-Slam-Szene. Seit 1994 findet er in wechselnden Locations statt und hat sich für manchen als Sprungbrett erwiesen. (…)
Man mag sich fragen, ob Slam Poetry ihre Wirkung nur abseits der klassischen Clubveranstaltungen entfalten kann. Poetry Slams werden schließlich häufig dafür kritisiert, dass die Künstler mit ihren Darbietungen primär auf Zugänglichkeit, Massentauglichkeit und Amüsement abzielen – eine Eigenheit, die letztlich in den Spielregeln festgeschrieben ist: Wenn das Publikum mittels Beifall darüber entscheidet, wer als Gewinner des Abends hervorgeht, geht es dann nicht primär darum, Einverständnis zu erzeugen?
Hahl betont, es gehe ihr nicht darum, mehrheitsfähige Texte zu schreiben. Für sie stehe der Wettbewerb längst nicht mehr im Vordergrund, eine Entwicklung, die sie auch bei anderen Slam-Poeten beobachtet hat. Sie habe schon erlebt, erzählt sie, dass sich die Teilnehmer am Ende des Abends nicht mehr daran erinnern konnten, wer eigentlich gewonnen hatte.
Dennoch habe sich die Szene in den vergangenen Jahren nicht nur zum Positiven entwickelt. Heun bestätigt, dass Poetry Slams immer größer und professioneller geworden sind. Eine Beobachtung, die nicht für die Präsenz gesellschaftskritischer Inhalte spricht. Damit die Szene nicht selbstreferentiell wird, seien die Künstler auf Inspiration von außen angewiesen, sagt Heun. Häufig werden lediglich Stile imitiert, dabei könne man sich beispielsweise vom Theater noch einiges abgucken.
Auch Hahl befürchtet, dass die Kommerzialisierung und die Professionalisierung der Szene sich auf die Qualität der Texte auswirken. Ihr zufolge werde der Poetry Slam in Deutschland immer mehr zu einer Comedy-Veranstaltung. Dagegen könne man nur eines tun, »einfach nicht aufgeben, sondern weitermachen«. Weiterschreiben, wendig sein: »Vielleicht geht man ja verloren in jeder banalen Begegnung, doch verlorengehen ist immerhin eine Art der Bewegung.« / Marie Gronwald, Jungle World
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Kwame Dawes is the editor of Prairie Schooner and one of my colleagues at the University of Nebraska. Had I never had the privilege of getting to know him I still would have loved the following poem, for its clear and matter-of-fact account of a sudden loss.
Coffee Break
It was Christmastime,
the balloons needed blowing,
and so in the evening
we sat together to blow
balloons and tell jokes,
and the cool air off the hills
made me think of coffee,
so I said, “Coffee would be nice,”
and he said, “Yes, coffee
would be nice,” and smiled
as his thin fingers pulled
the balloons from the plastic bags;
so I went for coffee,
and it takes a few minutes
to make the coffee
and I did not know
if he wanted cow’s milk
or condensed milk,
and when I came out
to ask him, he was gone,
just like that, in the time
it took me to think,
cow’s milk or condensed;
the balloons sat lightly
on his still lap.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Kwame Dawes, “Coffee Break,” from Duppy Conqueror: New and Selected Poems, (Copper Canyon Press, 2013). Poem reprinted by permission of Kwame Dawes and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Ein Gegenwartsgedicht des Kölners Manfred Enzensberger mit Bezug zur österreichischen Stadt Klagenfurt beim Kölner Stadtanzeiger – eine Probe aus der siebten Ausgabe der von Axel Kutsch herausgegebenen Anthologie „Versnetze“ (Verlag Ralf Liebe, 326 Seiten, 22 Euro).
Enzensperger liest am 11 Februar um 20 Uhr im Niederrheinischen Literaturhaus Krefeld.
Sein Gedicht beginnt so:
sprachfleischverrichtungszimmer. gänsefett und rückporto
vierzehn nestlinge tirillieren vor ihren zaunkönigen.
in ihren gärten grasen poussierende hasen.
Beim Recherchieren über neue Mitglieder im Exil-PEN (neu: Christian Kracht, Axel Reitel, Boris Schumatsky) sehe ich die Mitgliederlisten durch und finde u.a. folgende Lyriker: Irène Bourquin, Roland Erb, Uwe Friesel, Christine Koschel, Günter Kunert, Reiner Kunze, Werner Lutz, Marko Martin, Utz Rachowski, Lutz Rathenow, Dieter Schlesak, Peter Wortsman, Magali Zibaso. Empfehlenswert wegen der Bibliographien. Hier
Auch in Ruanda, lese ich, schätzt man die Poesie in Sonntagsreden, aber liest man sie?
No celebration of a social or public event will be complete if there is no poetry recitation. Organisers of such events search for talent – and there is plenty of that – and tell them what the theme or purpose of the occasion is, and lo and behold, a wonderful poem is ready.
All present – dignitaries and ordinary people alike – are suitably entertained and applaud the poet/performer.
The most entertaining are those recited by little girls especially if they have a quaint regional accent. They also sound genuine perhaps because of their rustic simplicity and earnestness, qualities missing from urban populations where cunning and calculation sometimes set in very early.
Marking celebrations with poetry recitations is, of course, a good thing. It confirms the primacy of poetry in Rwandan culture even today. It is a popular literary (more appropriately, oral) form – appreciated by everyone, not just those schooled in the arts.
But this is where the good about this form of poetry that can be called public poetry ends.
What happens to the poems and poets after that? No one knows. (…)
And the poets – they seem to be forgotten the moment the event ends. They have served their purpose and are no longer needed. At the next public event another poet will be selected. The unwritten rule for public performance of poetry seems to be: no one is picked more than once.
(…)
First, Rwandan poetry must extend from the occasional and public to a more individual and permanently available form. It must move from the purely oral to a written form.
Secondly, those that have already been performed should be collected, compiled and published as anthologies. We are always lamenting that Rwandans do not read or that they have nothing to read. The material is there. All that is needed is to make it available.
Thirdly, poetry and other forms of Rwandan literature should be taught in our schools for their enjoyment as well as a depository of our national heritage.
/ Joseph Rwagatare, The New Times
Daß Jan Wagner mit seinem jüngsten Werk “Regentonnenvariationen” auf der Shortlist steht, ist wahrscheinlich keine große Überraschung. Leipzig hat den großen Vorteil, alle literarischen Formen berücksichtigen zu dürfen. Anders als der Frankfurter Platzhirsch, der irreführenderweise “Buchpreis” heißt, aber, ein elementarer Geburtsfehler, nur Romane meint. Und diese Nominierung ist konsequent, denn Wagner vollzieht mit der Poesie einen Perspektiv- und Gesprächswechsel auf unsere Welt. Er ist ein Lyriker, der es wie kaum ein anderer versteht, sich die klassischen Gedichtformen und -traditionen zu eigen zu machen. Wagner steht in der Tradition der Naturlyrik, deren Zentralmotive Naturerscheinungen wie die Landschaft, das Wetter und die Pflanzenwelt sind und die auf dem Erlebnis der Klimaveränderung aufbauen. Bereits die ersten namhaften Dichter bedienten sich der Natur als Projektionsraum und sprachen ihr nicht selten menschliche Attribute zu. Im Barock wurde die Natur religiös aufgeladen und heilsgeschichtlich gedeutet, während sie selbst eher im Hintergrund stand. Innerhalb der deutschen Lyrik erfolgte eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Natur seit dem 18. Jahrhundert. Die Gedichte in diesem Band sind voller Beobachtungen und Beschreibungen, überbordend von Sprachlust. Man bewegt sich in ihnen gleichsam als Botaniker durch Flora und Fauna, Stadt und Garten, Ereignisse und Biographien. Eine Entdeckungsreise.
KUNO hofft, dass er nicht noch einmal zehn Jahre dauert, bis ein Lyriker nominiert wird. / Matthias Hagedorn, Kuno
Regentonnenvariationen, Gedichte von Jan Wagner. Hanser Berlin, Berlin 2014
Am 10. Februar 1890 (nach dem damals in Rußland geltenden julianischen Kalender wars ein 29. Januar), heute vor 125 Jahren, wurde der Dichter Boris Pasternak geboren. DLR schreibt:
… der vielfältig begabte Künstler geht 1912 nach Marburg, um Philosophie zu studieren, bevor ihn die Begegnung mit moderner Lyrik zu seiner wahren Berufung führt, wie Susanne Frank, Professorin für Ostslawische Literaturen an der Berliner Humboldt-Universität, erklärt:
„Der Futurismus war eigentlich eine erste ganz wichtige Etappe, er war sehr, sehr inspiriert von Majakowski in den 10er-Jahren, und hat versucht, dann angeregt durch die futuristischen Gedichte, selbst zu schreiben. Aber so richtig futuristisch wurde das eigentlich nicht, weil es zu wenig experimentell, zu wenig krass experimentell war.“
Einen ganz eigenen Ton findet er mit dem Band „Meine Schwester, das Leben“. Die Sammlung entsteht im Sommer 1917 zwischen Februaraufstand und Oktoberrevolution, kann jedoch erst 1922 nach den Wirren des Bürgerkriegs veröffentlicht werden. Diese Gedichte voller kühner Bilder treffen bei Kritik und Publikum auf begeisterte Zustimmung:
„Eine schwüle Nacht
Es tröpfelte, doch standen stille
Die Gräser im Gewittersack,
Der Staub nur schluckte es zu Pillen,
Eisen in sachtem Pulver nackt.Nicht hoffte da sein Heil zu finden
Das Dorf, Mohn war wie Ohnmacht tief.
Der Roggen brannte in Entzündung,
Gott schwoll im Ausschlag, fieberte.“In den Jahren des stalinistischen Terrors lebt Pasternak von Übersetzungen fremdsprachiger Literaturen. So bemüht er sich um Dichtung aus dem Kaukasus, jener beinahe mythischen Gegend, die in der klassischen russischen Literatur des 19. Jahrhunderts eine so wichtige Rolle gespielt hat … / Florian Ehrich
Pasternaks Gedicht „Der Nobelpreis“ im Original und zwei deutschen Fassungen bei Textkette
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