18. The only begetter

Die Shakespeare-Forschung ist um eine These reicher: Der amerikanische Forscher Geoffrey Caveney will mit einem im Journal «Notes and Queries» der Oxford University Press erschienenen Essay möglicherweise den Adressaten der Widmung identifiziert haben, die der 1609 erschienenen Ausgabe von Shakespeares Sonetten vorangestellt ist. Bis dato fand sich keine plausible Erklärung dafür, wer sich hinter dem nur mit den Initialen «Mr. W. H.» bezeichneten Widmungsträger verbarg, der als «onlie begetter» (einziger Erzeuger) der folgenden Gedichte angesprochen wird. Der erotische Unterton des Wortes «begetter» wie auch die Tatsache, dass «W. H.» ein Fortleben in der «eternitie promised by our ever-living poet» verheissen wird, legten immerhin die Vermutung nahe, dass jener schöne Jüngling gemeint sein könnte, dem die Sonette ausgiebig huldigen und dessen Identität ebenso wenig gesichert ist wie diejenige der im letzten Teil der Gedichtsammlung angesprochenen «Dark Lady».

Caveneys Recherche hat nun eine wesentlich nüchternere Variante ergeben: Er liest aus der Widmung eine Hommage des Verlegers der Sonette, Thomas Thorpe, an seinen 1607 verstorbenen Kollegen William Holme. / Neue Zürcher

17. Gefallen

Im Donbass fiel der russische Dichter und Musiker Arkadi Bragin aus Satka (Gebiet Tscheljabinsk, Russland), berichten russische Medien. Er sei erst vorige Woche dorthingegangen, um an der Seite der selbsternannten „Donezker Volksrepublik“ zu kämpfen. Der Sarg sei heute in Tscheljabinsk eingetroffen. Sein letztes Gedicht „Begräbnis des Clowns“ war am 6.1. veröffentlicht worden.

16. Neuste slowakische Poesie

Die meisten Werke aus der Zeit um die Jahrtausendwende lassen sich konzeptuell vier Entwicklungslinien zuordnen, wodurch die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Aktivitäten der etwa seit Ende der 80er Jahre neu erscheinenden DichterInnen und Poetiken deutlich werden. Die ersten beiden, die Poesie des nonkonformen Individualismus und die Poesie des Privaten, formierten sich noch unter den Bedingungen des kommunistischen Regimes. In den 90er Jahren entstanden zwei weitere, zunächst die spirituelle Poesie, dann die experimentell-dekonstruktive Poesie. Mit Ausnahme der letzteren hatte die Poesie jener Zeit einen Subjektivismus zur Grundlage, der sowohl durch die thematische Verankerung des lyrischen Subjekts in der konkreten Erfahrung, als auch durch die Arbeit mit anerkannten Ausdrucksmitteln hervortrat, indem diese einer betonten Stilisierung des Dichtersubjekts entsprachen. Die expressive Poesie des nonkonformen Individualismus (J. Urban, I. Kolenič, P. Bilý) ging vom Konflikt zwischen dem freiheitlich denkenden Subjekt und der Mehrheitsgesellschaft aus und knüpfte insbesondere an den poetischen Gestus der Beatniks an. Die sehr viel nüchternere Poesie [der in Tschechien und der Slowakei gebräuchliche Begriff der „zivilen“ Poesie wurde zur besseren Verständlichkeit durch den der „nüchternen“ ersetzt, Anm. d. Ü.] des Privaten (M. Brück, M. Hatala, M. Vlado) reflektierte Alltägliches, wobei die Autoren sich auf überzeitliche, traditionelle Werte zu stützen suchten. Die spirituelle Lyrik (E. J. Groch, R. Jurolek, M. Milčák) war im Prinzip eine reflexiv-philosophische Poesie, die in nüchterner oder allegorisch-mythologischer Form das Leben aus der Sicht des christlichen Glaubens spiegelte. Impulse erhielt sie aus weltweiten Quellen konfessioneller und meditativer Poesie.

Es dominierte also eine Vorstellung von Poesie als Werkzeug eines authentischen Ausdrucks des autonomen Subjekts. Bald jedoch tauchten auch DichterInnen auf, die sowohl Zweifel an der so hoch bewerteten subjektiven Empirie, als auch an den kommunikativen Fähigkeiten der Literatur hatten. AutorInnen der experimentell-dekonstruktiven Poesie ließen sich von ausländischen künstlerischen (Post-)Avantgarden inspirieren, reagierten auf Impulse der (post)modernen Philosophie, namentlich des französischen (Post-)Strukturalismus, und verarbeiteten mintunter auch popkulturelle Importe.

/ Auszug aus: Kontexte und Konturen der neuen Entwicklungen in der Slowakischen Poesie. Feldnotizen von Jaroslav Šrank
übersetzt von Lena Dorn

Komplett bei Babelsprech

15. poesiefestival berlin

Investitionen in Lyrik: poesiefestival berlin 2015

Das 16. poesiefestival berlin widmet sich dem poetischen Kapital, den Ressourcen, auf die die Lyrik zurückgreift, den Traditionen, aus denen sie schöpft, und der Zukunft, in die sie investiert.
Das von der Literaturwerkstatt Berlin ausgerichtete Festival in der Akademie der Künste im Hanseatenweg beschäftigt sich vom 19. – 27. Juni 2015 unter anderem mit dem sprachlichen Wirken Martin Luthers, zeigt die chinesische Dichtung im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, und diskutiert in einem Kolloquium die Zukunft der Poesie. Im Rahmen einer szenischen Einrichtung und unter Beteiligung von Vertretern der drei großen Weltreligionen wird den poetischen Strukturen und Gemeinsamkeiten der Bibel, des Korans und der Thora nachgegangen.
Eröffnet wird das poesiefestival berlin wieder mit „Weltklang – Nacht der Poesie“, den Abschluss bildet der große Lyrikmarkt. Bei der Neuausgabe des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel werden niederländischsprachige Dichter zu Gast sein.

Das 16. poesiefestival berlin findet statt vom 19. – 27. Juni 2015 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg. Weitere Informationen unter http://www.literaturwerkstatt.org

Das poesiefestival berlin ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit der Akademie der Künste und wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

Fr 19. – Sa 27. Juni 2015
16. poesiefestival berlin
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Unter anderem mit den Autorinnen und Autoren:
Han Bo (China), Kwame Dawes (Ghana), Ming Di (China), Zang Di (China), LaTasha N. Nevada Diggs (USA), Kenneth Goldsmith (USA), Yang Lian (China), Márió Z. Nemes (Ungarn), Christian Prigent (Frankreich), Lisa Robertson (Kanada), Warsan Shire (Somalia), Jiang Tao (China), Lü Yue (China)

14. Was siehst du? Und was machst du mit dem, was du siehst?

Aus einem Gespräch, das Viktor Fritzenkötter und  Sarah Schuster auf Faustkultur mit Marcus Roloff über seinen in Kürze erscheinenden vierten Band führten

Wie finden Sie Ihre Themen?

Ich bin etwas traumatisiert, so habe ich zumindest das Gefühl, aber im besten Sinne. Ich bin zu DDR-Zeiten noch übergesiedelt. Meine Eltern haben ‘85 den Ausreiseantrag gestellt, der im Sommer ‘89 bewilligt wurde, d.h. ein Vierteljahr vor der Öffnung. Dieses „Rübergehen“ war so ein aufgeblasenes, auch semantisch aufgeblasenes, wichtiges Ding. Wir wurden mit der Ansage rausgelassen: »Ihre Kinder können zehn Jahre nicht hierher zurück«. Meine Eltern, glaube ich, 15 oder 20 Jahre nicht. Das führte zu einem komischen Katastrophengefühl. So sind wir mit zehn Koffern ausgereist. Das kommt in einem Gedicht vor, das eigentlich in den alten Band hätte kommen sollen, das ich aber noch einmal überarbeitet habe. Es heißt „zu hause²“ und hat genau das zum Thema. Das zählt wiederum zu den alten Themen, die ich jetzt kaum mehr behandle. Dieses eine aber kommt noch rein in den neuen Band. (lacht) Es hat mich in jedem Fall lange bewegt, dass ich rausgeschmissen wurde. Das war ein Bruch. Über die Gedichte habe ich versucht herauszufinden, wie tief dieser Bruch war. Schreiben soll natürlich nicht zum psychoanalytischen Laienspiel werden, kann aber zumindest die Schichten abtragen und schauen, was für einen wirklich wichtig ist und was nicht. Was ist nur Quatsch, was ist nur Konvention? Immer weg von den Konventionen, begrifflich, gedanklich, total – so dass man eben nicht die Erzählungen nachquatscht, an die man selber mal glauben wollte.

Tobias Amslinger hat in einer Rezension Ihres 2006 im Gutleut-Verlag erschienen Bandes Gedächtnisformate von poetischer Kartographie gesprochen.

Das hat er auch toll gesehen, weil gerade in den „Formaten“ sehr viel Mecklenburg drin ist. Ich benutze das Gedicht eben nicht dafür, eine sogenannte höhere Wahrheit in irgendeiner Form auszustellen wie ein Pfau seine Federn. Ich will einfach ein paar Sachen so, wie sie sind, im Gedicht haben, ohne sie zu verschönern. Ich will die Realität, ja, das ist auch so ein Ding, die Realität, Gott, aber eben das, was wir für real halten, genau anschauen. Das Sehen ist eine tolle Sache bei der Zusammenführung von Kunst und Gedicht, die ich immer wieder versuche. Was siehst du? Und was machst du mit dem, was du siehst?

13. Bairisch, jung, wild

Zusammen mit Eva Bauerfeind und Kristina Pöschl hat Hubert Ettl die Anthologie „Vastehst me“ herausgegeben – ein Überblick über bairische Lyrik der vergangenen 40 Jahre

Interview in Süddeutsche Zeitung vom 27.1.: Sabine Reithmaier

SZ: Ihr Sammelband konzentriert sich auf Lyrik aus den vergangenen 40 Jahren. Warum ausgerechnet 40 und nicht 50 Jahre?

Hubert Ettl: Weil in den Siebzigerjahren eine neue bairische Lyrik entstanden ist. Mit neuen Themen und einer völlig anderen Art, den Dialekt einzusetzen. Die jungen Wilden – ich denke an Autoren wie Josef Wittmann, Karl-Ludwig Reichert, Bernhard Setzwein – nahm der Friedl-Brehm-Verlag unter seine Fittiche und sorgte dafür, dass sie veröffentlicht wurden.

Aber es gab doch auch schon vorher bairische Lyriker?

Aber nur traditionelle. Und wenn ich noch einige Jahre weiter zurückgehe, fallen mir sehr national gesinnte ein, bairische Lyrik und Blut- und Boden-Ideologie waren sich da sehr nahe. Das ist natürlich nicht unsere Richtung.

Hatten Sie, als Sie Ihren Verlag gründeten, auch schon vor, die gesamte Bandbreite der Lyrik abzubilden?

Ursprünglich haben wir uns schwerpunktmäßig auf Oberpfalz und Niederbayern konzentriert. Aber irgendwann waren diese regionalen Grenzen nicht mehr wichtig. Auch wegen der Autoren: Margret Hölle aus Neumarkt lebt seit vielen Jahren in München. Umgekehrt lebt Bernhard Setzwein, eigentlich ein Münchner, seit Jahren in der Oberpfalz.

Hat sich die bairische Lyrik-Szene seit Beginn Ihrer Verlegertätigkeit verändert?

Meiner Beobachtung nach haben sich die Gegensätze verwischt. Als wir anfingen, gab es auf der einen Seite die eher traditionellen Autoren, als Beispiel nenne ich jetzt die Münchner Turmschreiber. Auf der anderen Seite standen die jungen Autoren des Friedl-Brehm-Verlags. Zwischen diesen Fraktionen gab es richtig Knatsch. Als der Brehm-Verlag die ersten Bücher herausbrachte, hieß es von Seiten der Konservativen sofort, das ist doch keine Lyrik, das ist der reinste Dreck, das hat überhaupt nichts Positives. Dieser Zwist hat sich durch unsere ersten Jahre gezogen.

Wie hat sich das geäußert?

Die Brehm-Autoren gingen nicht zu Lesungen der Turmschreiber. Die wiederum betrachteten die Brehm- und Lichtung-Autoren mit großem Misstrauen. Vor allem Erich Jooß und Alfons Schweiggert öffneten die Turmschreiber und beriefen manche unserer Autoren in ihre Vereinigung, beispielsweise Margret Hölle oder Gerd Holzheimer.

12. Ein Abend für Joan Vinyoli im Lyrik Kabinett München

Die Stiftung Lyrik Kabinett wird am 11. Februar 2015 die kürzlich erschienenen Übersetzungen des katalanischen Lyrikers Joan Vinyoli vorstellen. Bei der Lesung werden deutsche Gedichtfassungen sowie die Originale von einem katalanischen Lyriker, Miquel de Palol, der auch eigene Gedichte vortragen wird, vorgestellt.

Joan Vinyoli (1914–1984) gilt im katalanischsprachigen Raum als der einflussreichste Dichter der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts neben Espriu. War in seiner Lyrik anfangs das Echo der Vorbilder Riba und Rilke noch deutlich vernehmbar, entwickelte sie sich allmählich zu einer völlig eigenständigen Stimme, in der existentielle Gedanken und lapidare Alltagsbetrachtungen, bekenntnishafte Notate und sinnliche Evokationen ein unverwechselbares Ganzes bilden. Vinyoli fand seitens der Literaturkritik erst spät Anerkennung, als seine Relevanz für die nachfolgenden Generationen schon längst feststand.

Miquel de Palol (geboren 1953) hat mit seinen Romanen bereits narratologisch Geschichte geschrieben und wurde für sie mit den wichtigsten katalanischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Er gehört zu den wenigen europäischen Autoren, bei denen Lyrik und Erzählkunst gleichberechtigte Schwerpunkte bilden, und ist darüberhinaus ein Kenner des Werks von Joan Vinyoli, mit dem er freundschaftlich verbunden war.

Àxel Sanjosé (geboren 1960) lebt in München. Er ist Lyriker sowie Übersetzer katalanischer und spanischer Lyrik.

Am Mittwoch, dem 11. Feb. 2015 um 20:00 Uhr
Veranstaltungsort: Lyrik Kabinett
Amalienstraße 83a (U3 und U6: Haltestelle Universität)

In Zusammenarbeit mit dem Institut Ramon Llull Mit freundlicher Unterstützung des Instituto Cervantes

11. Eichendorff-Preis für Nico Bleutge

Der Eichendorff-Literaturpreis geht in diesem Jahr an den 1972 in München geborenen und in Berlin lebenden Lyriker und Essayisten Nico Bleutge.

Die jährlich verliehene Auszeichnung, die vom Wangener Kreis − Gesellschaft für Literatur und Kunst e.V. vergeben wird, ist mit 5.000 Euro dotiert und wird im September in Wangen (Allgäu) überreicht, wie der Verlag C. H. Beck mitteilt.

In der Jury-Begründung heißt es: „Nico Bleutge findet über die Ränder aller bisherigen Wahrnehmung hinaus Neues und erstaunlich Konkretes in bislang ‚verdecktem gelände‘ (Titel des Gedichtbandes von 2013) und führt seine Leser in ein Neufundland der Poesie, wo er jenes ‚Inzwischen‘ der Worte auf unerwartete Weise auslotet. Seine Gedichte sind unentbehrliche Talismane gegen das Verbleichen der Dinge sowie das Abstumpfen der Sinne.“ / Börsenblatt

10. Über den Reim

(u.a.) sprach Jan Kuhlbrodt mit Volker Sielaff, dessen neuer Gedichtband Glossar des Prinzen im Frühjahr bei Luxbooks erscheinen wird.

Kuhlbnrodt: (…) Wir bräuchten ja keinen Reim, wenn er nicht auf seine Art eine Aussage formulierte. Insofern könnte man ihn auch als Ausweg bezeichnen, oder?

Sielaff: Ja, das ist schön ausgedrückt: Irritieren des Sinns. Der Reim hat ja auch, gegenüber dem freien Vers, das größere Potential zu täuschen, zu korrumpieren. Er ist ein Freund des Propagandistischen, das den Adressaten gefühlsmäßig zu korrumpieren versucht. Mit Floskeln, einer Art administrativen Hyperstil und eben – durch den Reim. Als Beispiel nenne ich „Das Lied von Stalin“ von Surkow, das übrigens von Heiner Müller ins Deutsche übersetzt wurde. Das ist natürlich genau das Gegenteil von dem, was du mit „Irritieren des Sinns“ meinst. Ich vermute, dass die Irritation beim Reim aus der Überraschung und aus dem Klangmaterial herrührt. Ich erinnere mich noch an meine helle Freude, als ich bei einer Lesung von Judith Zander in Helsinki vor einigen Wochen die Dichterin ihren Namen auf „selbander“ (dieses schöne alte Wort!) reimen hörte. Und nachgerade dem eigenen „inneren Sound“ abgelauscht scheinen mir viele Reime von Thomas Kunst, bei dem auch das Enjambement eine Rolle spielt. Kunst ist so einer, der mit der Sinnlichkeit des Reims im besten Sinne irritiert. Das sind Wege und Auswege gleichermaßen, insofern würde ich deine Frage mit einem eindeutigen Ja beantworten.    / Signaturen

 

9. Brechts legitimer Erbe

Von der Neuausgabe seiner „Gesammelten Gedichte“ sollten Impulse für eine Neubefassung mit dem Werk des ostdeutschen Dichters Heiner Müller (1929 -1995) ausgehen. Sichtbar werden die Konturen des einzigen „legitimen “ Bertolt-Brecht-Erben

meint Ronald Pohl im Standard. Mehr

8. Die Neunte von Béjart

In der französischen Arte-Videothek noch da: Maurice Béjarts Version von Beethovens Neunter mit Texten von Friedrich Nietzsche und Friedrich Schiller, getanzt vom Béjart Ballet Lausanne und Tokyo Ballet, Sänger: Kristin Lewis, Mihoko Fujimura, Kei Fukui, Alexander Vinogradov und der Ritsu Yu Kai Chor. Es spielt das Israel Philharmonic Orchestra. Hier

7. Thomas Rackwitz Stadtschreiber in Halle

Der Kulturausschuss des Stadtrates Halle (Saale) hat die Vergabe des Stadtschreiber-Stipendiums für das Jahr 2015 an den Schriftsteller Thomas Rackwitz beschlossen.

Thomas Rackwitz wurde 1981 in Halle (Saale) geboren. Er hat Germanistische Literaturwissenschaften, Geschichte, Anglistik und Zeitgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg studiert. Seit 2013 lebt er als freier Autor, Lektor, Übersetzer, Nachdichter und Songwriter in Blankenburg (Harz).

Erste Werke hat Rackwitz 2002 veröffentlicht. Neben Kurzprosa sind von ihm vor allem Lyrik und Nachdichtungen erschienen. Er ist Mitglied der Interessengemeinschaft deutschsprachiger Autoren e.V. (IGdA), des Friedrich-Bödecker-Kreises des Landes Sachsen-Anhalt und des Förderkreises der Schriftsteller in Sachsen-Anhalt e. V.

Das Stadtschreiber-Stipendium wird in diesem Jahr zum 15. Mal vergeben. Es ist mit 5100 Euro dotiert. Übergeben wurde die Auszeichnung am 30.1.

6. American Life in Poetry: Column 512

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I’ve read lots of poems about the loss of beloved pets, but this one by J.T. Ledbetter, who lives in California, is an especially fine and sensitive one.

Elegy for Blue

Someone must have seen an old dog
dragging its broken body through
the wet grass;
someone should have known it was lost,
drinking from the old well, then lifting
its head to the wind off the bottoms,
and someone might have wanted that dog
trailing its legs along the ground
like vines sliding up the creek
searching for sun;
but they were not there when the dog
wandered through Turley’s Woods looking
for food and stopped beneath the thorn trees
and wrapped its tail around its nose
until it was covered by falling leaves
that piled up and up
until there was no lost dog at all
to hear the distant voice calling
through the timber,
only a tired heart breathing slower,
and breath, soft as mist, above the leaves.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by J. T. Ledbetter, from his most recent book of poems, Old and Lost Rivers, Lost Horse Press, 2012. Poem reprinted by permission of J. T. Ledbetter and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

5. Hochstadter Stier

Es ist 22.18 Uhr, als Felizitas Leitner ein Novum verkündet: Erstmals seit Bestehen des Lyrikwettbewerbs „Hochstadter Stier“ kommt es im Rennen um den 2. Publikumspreis zu einem Stechen. Moderatorin Leitner, Ehefrau des Verlegers Anton G. Leitner und Mitorganisatorin der zum siebten Male ausgetragenen Dichter-Konkurrenz, lässt erneut Stimmzettel austeilen, und die beiden Aspirantinnen tragen noch einmal ihre preiswürdigen Zeilen vor. Die Berlinerin Jo Lenz setzt sich danach mit 59:29 gegen Verena Liebers aus Bochum durch. Die Frühlingshoffnung ihres kräftig „berlinernden“ Gedichts „Schneesehen“ obsiegt gegen die rhythmische Kindheitserinnerung vom „Trampolinsommer“.

Für jeden scheint etwas geboten beim diesjährigen „Hochstadter Stier“, und die Wahl fällt alles andere als leicht: Dass Hans-Werner Kube mit seinem Beitrag vom unbeirrbaren Raucher nicht nur nikotingeschädigte Herzen „im Qualm“ erobern würde, darauf hätte man allerdings wetten mögen. Der aus Witten kommende Gewinner des Publikumspreises erfreute die Leute mit den kosequent zu Ende gepafften Zeilen (Auszug): „…meine Zunge ist versehrt / meine Lunge frisch geteert / schick dem linken Fuß / einen Abschiedsgruß / muss das linke Bein / denn für ewig sein? / doch solang ich hauche / auf dem Bauche krauche / rauch ich, schmauch ich / weil, das brauch ich“ – tosender Beifall nicht nur von den Privatversicherten im Raum.

Wie beinahe in jedem Jahr wich der Geschmack des Publikums beim „Hochstadter Stier“ auch heuer ziemlich weit ab von dem der Fach-Jury: „Meine Erfahrung ist es seit einigen Jahren, dass wir uns relativ rasch einig sind“, sagte Erich Joos im Namen seiner Ko-Juroren Müller-Wieland und Ludwig Steinherr, ehe er den Sieger der Experten bekannt gab: Andreas Peters, aus Tscheljabinsk stammender, in Kirgistan aufgewachsener und in Bad Reichenhall wohnender Russlanddeutscher, überzeugte mit dem Beitrag „Ewiges Feuer“, der laut Jury „formale Souveränität bis zuletzt“ bewies. / Thomas Lochte, Münchner Merkur

4. Dutch Poetry

Babelsprech setzt die Reihe der Essays zu junger Dichtung in anderen Ländern [Bisherige Beiträge umfassen Einführungen zu Finnland, Brasilien (hierhier und hier) und die Slowakei sowie ein Essay über das lyrische Ich im Internet (deutsche Übersetzung] mit einem Beitrag von Frank Keizer und Maarten van der Graaff über die niederländische (und flämische) Szene fort. Auszug:

Contemporary Flemish poetry is hard to fit into the categories that are distinguished by for example the Hotel New Flanders anthology – which put forward an essentially territorialized understanding of poetry (its rootedness in Flemish history), but also more metaphorically speaking, by confining poetry to its manifestation on the page, and disregarding the international influences that shape Flemish literature.

Contemporary Flemish poetry breaks with this logic. Poets like Maud Vanhauwaert (1987) and Lies van Gasse (1983) work across disciplines – visual arts, performance art and theater respectively – and others like Xavier Roelens (1978) and Tom Van de Voorde (1974) look towards international (especially American) rather than local traditions, as does Els Moors (1978). Emerging poets like Arno van Vlierberghe (1990) and Mathijs Tratsaert (1990) are highly conscious of the Flemish literary canon, but only use and transform it for their own goals. Literature is becoming a global practice: discussions on poetics have grown into an exchange. Precisely this communal, social aspect contributes to a growing liveliness across borders that would be wrong to suppress. But we have to admit: we will cover much less Flemish ground in this piece.

Similarly, Dutch poetry has been opening up. The old opposition between traditional and experimental, and between ‘accessible’ and ‘formalist’ or ‘conceptual’ poetry is starting to crumble. This started in the nineties, when poets actively began to cross the boundaries between anecdote and concept, between lyric voice and textuality that framed the debate for a long time. Typical poets that emerged in the nineties like Tonnus Oosterhoff (1953), Mustafa Stitou (1974), K. Michel (1958), Arjen Duinker (1956) and Astrid Lampe (1955) played an important role in this. We will refer back to these frames, even though we think they are faulty, because they are important for how poets self-identify, even if redefining and eventually displacing them is our main mission here, and Dutch poetry is far too eclectic to reduce to the terms of fossilized debates of the past.