Am Ende fragt sich der Leser, ob und wo Trost zu finden ist. Wir, die wir „auf die welt gespuckt“ worden sind, werden kritisiert und beschimpft als fette Allesfresser, als Umweltzerstörer und als triebgesteuerte Sexsüchtige. Deswegen sind diese Gedichte nichts für empfindliche Seelen. Sie rütteln den Leser nicht nur, sie schlagen ihm ins Gesicht. Er soll aufhören, sich selbst zu belügen und hernach sein Leben verändern: „mir fehlt das leben aber / ich hols mir zurück und gebe / es nicht mehr aus der hand“. So erwächst aus der blutigen Grundierung neue Kraft. Mit dem Gedichtband „Außer mir“ will Ostermaier Urteile infrage stellen, Althergebrachtes zerstören und damit ermöglichen, den Blick auf eine neue Zukunft zu richten. / Thorsten Schulte, literaturkritik.de
Albert Ostermaier: Außer mir. Gedichte.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014.
198 Seiten, 21,95 EUR.
ISBN-13: 9783518423813
Bei Buzzfeed kann man Autorenhandschriften vergleichen, darunter auch Emily Dickinsons

und Walt Whitmans

Ihr im Herbst vergangenen Jahres im nämlichen Verlag herausgekommener Gedichtband „Unter dem Wacholder“ begeisterte die von der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung eingesetzte siebenköpfige Jury offenbar so sehr, dass sie sich entschloss, neben dem Hauptpreis auch noch den Förderpreis einem Vertreter der hierzulande leider nur bedingt publikumswirksamen Gattung Lyrik zuzuerkennen.
Die Autorin entwerfe „mit großem Formgefühl Stimmungsbilder erfüllter wie verlorener Augenblicke“ und erobere „den Raum der Tradition für sich“ – und zwar „unangestrengt und mit sanfter Entschiedenheit“.
(…) In jedem Fall ist die Autorin mit ihrer Lyrik konservativer Prägung ein ideales Pendant zum stilistischen Springinsfeld Beyer.
Nadja Küchenmeister und Hauptpreisträger Marcel Beyer lesen am Sonntag um 18 Uhr in der Glocke aus ihren ausgezeichneten Werken. /
Zum 50. Todestag Jean-Pierre Schluneggers ist die Gedichtauswahl „Bewegtes Leuchten“ in einer verkorksten Übersetzung erschienen
schreibt Matthias Friedrich bei literaturkritik.de, Auszug:
Über Heinrich von Kleist hat Emil M. Cioran gesagt, der Selbstmord lasse sich aus jeder seiner Zeilen herauslesen. Eine ähnliche biographische Deutung bestimmt auch die Rezeption des Schweizer Lyrikers Jean-Pierre Schlunegger. Am 23. Januar 1965 stürzte er sich, gerade einmal 39-jährig, von einer Brücke. Sein Vater hatte im gleichen Alter den Freitod gewählt; zeit seines Lebens fürchtete sich Schlunegger, das Gleiche tun zu müssen. Seither wird die Rezeption des Werks vom Suizid des Autors überschattet, wie Barbara Traber in ihrem Nachwort zur bilingualen Ausgabe feststellt. Doch es lässt sich zum Glück nicht auf biographische Eigenheiten reduzieren. (…)
Damit bedeutet Poesie für Schlunegger zugleich Weh und Heil. Sie öffnet ihm neue Wege, versperrt aber gleichzeitig den Zugang zu ihrem Rätsel, das zugleich das Weltenmysterium ist, dem das lyrische Ich gegenübersteht. Geheimnis und Offenbarung sind die Komponenten, aus denen er seine Gedichte konstruiert, doch beide Teile weisen einander ab. Schluneggers zweigeteiltes Ideal provoziert also sein Scheitern, das aber als Grundlage der lyrischen Reflexion fungiert. Denn die durchdringende Schlichtheit der Bilder zeigt sich nur kurz, ehe sie wieder von ihrer Schwere abgelöst wird:
Ich sage: Licht, und ich sehe das zitternde Laub.
Ich sage: See, und im Einklang tanzen die Wogen.
Ich sage: Blatt, und ich spür auf den Lippen den Kuss.
Ich sage: Flamme, und schon kommst du als lohender Busch.Die Zerrissenheit des lyrischen Ichs äußert sich in seiner Introspektion und einer simultanen Außenschau. Beide Herangehensweisen an die Welt gründen in dem Wunsch, nicht mehr „von einem absurden Geheimnis belastet zu werden“. Ein visueller Kontakt mit der Umgebung beinhaltet gleichzeitig ihre Mystifizierung, weil der Blick des Subjekts niemals objektiv sein kann. Schlunegger ist trotz seiner Beeinflussung durch die Romantik ein phänomenologischer Dichter, dem es auf seine Art gelingt, zu den Dingen selbst zurückzukehren: indem er sie sowohl verklärt als auch entzaubert.
Es ist schwer, diese poetologische Doppelbewegung im Deutschen nachzuverfolgen. Christoph Ferbers Übersetzungen sind daran grundlegend gescheitert. Sie decken das ganze Spektrum von ,falsch‘ bis ,unfreiwillig komisch‘ ab: „Der brennende, feine Regen setzt dir die Krone auf“ heißt es beispielweise dort, wo es ein simples „krönen“ auch getan hätte. Die Poetizität einzelner Bilder verschwindet unter einer dicken Schicht Sachlichkeit: „La forêt coule vers les cailloux des grèves.“ Bei Ferber steht Folgendes: „Zu Uferkieseln führt hinab der Wald.“ Das ist falsch, da „couler“ besser mit „rinnen“ wiederzugeben wäre; Schlunegger beschreibt hier keinen Weg, sondern den feinen Übergang zwischen Wald- und Flusslandschaft. Außerdem missachtet Ferber die französische Metrik im Allgemeinen und die Musikalität der Verse im Besonderen.
Jean-Pierre Schlunegger: Bewegtes Leuchten. Lueur mobile.
Limmat Verlag, Zürich 2014.
183 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783857917554
Die Dichterin und Zeichnerin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur gilt als eine der schillerndsten Figuren der deutschen Literaturgeschichte. Sie nannte sich »Tino von Bagdad«, »Liebling des Pharaos« oder auch »Dichterin von Arabien«. Bis zu ihrem Lebensende blieb sie zudem »Prinz Jussuf von Theben«. / Andreas Rehnolt, Jüdische Allgemeine
30 Bücher wurden für den Preis des US-amerikanischen National Book Critics Circle nominiert, der die besten Bücher des Jahres 2014 auszeichnen soll. Der Preis wird in 6 Kategorien vergeben: Autobiographie, Biographie, Kritik, Prosa, Sachbuch und Lyrik. Der Gedichtband “Citizen: An American Lyric” von Claudia Rankine ist in 2 Kategorien nominiert, Lyrik und Kritik. / Alexandra Alter, artbeats
Die Liste für Lyrik:
Die mexikanische Literaturzeitschrift Letras Libres veranstaltete [im Jahr 2005] eine Umfrage unter ihren Lesern nach den 10 besten lebenden Dichtern des Landes. 283 auswertbare Antworten gingen ein (immerhin deutlich mehr als bei einer Umfrage einer bayrischen Lyrikzeitschrift in den 90ern, die damals als Agenturmeldung lief und die als Tatsache vermeldete, Benn habe Brecht überholt). Die Mexikanern fragten nur nach Lebenden, es kamen auch unseriöse oder veralbernde Antworten, es passierten Fehler (einer der vermeintlich Lebenden war schon 13 Jahre tot), und es gab Dichter die sich selber vorschlugen sowie organisierte Manipulationsversuche. Am Ende aber hatten sie eine Liste der 10 Besten:
1 José Emilio Pacheco
2 Eduardo Lizalde
3 Alí Chumacero
4 Gabriel Zaid
5 Rubén Bonifaz Nuño
6 David Huerta
7 Ramón Xirau
8 Francisco Hernández
9 Homero Aridjis
10 Coral Bracho
Am 15. Februar feiert die „Hate Poetry“ im „Hebbel am Ufer“ in Berlin ihren dritten Geburtstag. Neben Kazim werden acht weitere Journalisten mit Migrationshintergrund, wie das neudeutsch heißt, auf der Bühne sitzen. Sie werden Leserbriefe vorlesen und vor dem Publikum darum wetteifern, wer die absurdesten Beschimpfungen erhalten hat. In der Kategorie „Sehr geehrte Frau Fotze, lieber Herr Arschloch“ geht es um Anreden, in der der „Spiegel“-Journalist beispielsweise „Kazim, du Karzinom“ aufzubieten hat. Hassschreiben in epischer Länge finden in „Die große Oper“ ihren Platz.
„Man merkt, dem Publikum bleibt das Lachen am Anfang schon im Hals stecken“, sagt Kazim. „Aber am Ende ist es eine Riesengaudi für alle.“ Seit Jahren würden er und die „Hate Poetry“-Kollegen von rassistischen Lesern beschimpft. „Diese Briefe zu kriegen ist furchtbar. Kein Mensch freut sich darüber. Aber wir wollen mit dieser Scheiße nicht alleine bleiben.“ Das Verlesen der Schreiben vor Publikum „hat eine unglaublich therapeutische Wirkung, das sagen die Kollegen genauso“. Gleichzeitig sei die „Hate Poetry“ eine politische Veranstaltung. „Wir beziehen klar Position gegen diese Leute“, sagt der Journalist. „Wir lachen sie aus.“
Kazim erhält Mails wie diese: „Für einen Gast in Deutschland sind Sie aber ganz schön unverschämt!“ Oder auch diese: „Deutsch sein beginnt mit dem Namen. Jemand, der Hasnain Kazim heißt, kann niemals Deutscher sein!!!“ Kazim wurde in Oldenburg geboren, ist deutscher Staatsbürger und diente als Offizier in der Bundesmarine. „Ich glaube schon, dass es in Deutschland einen latenten Rassismus gibt“, sagt er. Auf einen Pegida-kritischen Kommentar bei „Spiegel Online“ habe er insgesamt 1700 Mails erhalten – darunter 900 hasserfüllte.
(…) Bei der Polizei anzeigen würde er Schreiber nie, sagt Kazim – auch wenn er oft Briefe erhalte, „die einem nahegehen, wo man schluckt“. Zum Beispiel die Mail eines Lesers, der sich dort selber als „ein Pegida-Fan“ bezeichnet und Kazim vor wenigen Tagen schrieb: „Wir Deutschen sollten mit euch Muselmanen das Werk fortsetzen, das wir mit den Juden begonnen haben! Mit dir zuerst! Ich freue mich, dir mal zu begegnen, wenn du als Rauch aus dem Schornstein wehst!“ Kazim postete das Schreiben auf seiner Facebook-Seite. Darunter fügte er hinzu: „Und mit solchen Leuten soll man einen Dialog führen?“ / Passauer Neue Presse
Claudius erfand mit dem „Abendlied“ das Baldriparan Forte der deutschen Lyrik, die Nummer eins noch vor „Wandrers Nachtlied“ von Goethe. Bei Claudius geht es nicht atemlos durch die Nacht wie bei der Schlagersängerin Helene Fischer, vielmehr lässt er einen ganz schön schlottern, mit seiner metaphysischen Unruhe: „Verschon uns, Gott! mit Strafen! / Und lass uns ruhig schlafen.“
Im Grunde denkt sich Claudius die Nacht als „Großes Kino für uns zwei“ wie Helene Fischer, nur dass die zwei bei ihm Gott und Mensch, wenn nicht sogar Gott und Menschheit sind: „Lass uns ruhig schlafen! / Und unseren kranken Nachbarn auch!“
Über 70 Vertonungen kennt das noch vor der Französischen Revolution entstandene „Abendlied“, die erste von Schubert, die bislang letzte von Herbert Grönemeyer. / Marc Reichwein, Die Welt
Matthias Claudius
Das Distichon
Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein;
Im Pentameter drauf läßt er ihn wieder heraus.
Parodie auf Schillers poetologisches Distichon gleichen Titels:
Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule, Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.
Das letzte von Michael Krüger verantwortete Heft [der Akzente] räumt noch einmal der internationalen Lyrik den ihr eigentlich zustehenden Raum ein, beginnend mit Ibn al-Arabi, der von 1165 bis 1240 lebte. Kenner wie sein Übersetzer Stefan Weidner, halten ihn, „was die Eigenart, Schönheit und gedankliche Tiefe seiner Schriften betrifft“, für einen der größten Autoren der Weltgeschichte. Wir erleben in seinem Werk, so Weidner, „die arabisch-islamische Kultur auf einem ihrer (wiewohl: letzten) Höhepunkte.“ Wiedergegeben ist ein Zyklus von zwölf mystischen, mehrdeutig-geschmeidigen Gedichten, die 1214 in Mekka entstanden sind: „Hoch hinaus hat das verlangen / mich geführt weit hinab mich / der verzicht zwischen tief und hoch / land war ich zerrissen.“
Ferner in den Akzenten eher alltagsnahe Gedichte des 1978 geborenen Polen Lukasz Jarosz, des Holländers Erik Lindner sowie des 1927 geborenen Amerikaners W.S. Merwin. Jedes seiner hier abgedruckten Gedichte befragt lakonisch-skeptisch ein Gegenüber, etwa ein Buch: „Mach weiter du / in deiner eigenen Zeit / weiter werde ich / dich nicht tragen / ich überlasse deine Worte dir / als gehörten sie / dir von Anfang an.“
(…)
Zehn Jahre alt war der englische Schriftsteller und Schauspieler Heathcote Williams, als ihn sein Vater 1951 mitnahm zu einer Lesung des genialen Waliser Dichters Dylan Thomas ins „Victoria and Albert Museum“. Er erlebte „einen kleinen, pummeligen Mann mit rotbraunem, lockigem Haar“, der sacht hin und her schwankte. Beim Rezitieren traten seine Augen hervor, „und seine Stimme erschallte, laut und rhythmisch, in einer Folge überladener Arien, von einem Sprühregen von Speichel begleitet.“
Die Stimme dieses „besessenen“ Dichters hatte die hypnotische Wirkung einer Orgel und versetzte den jungen Williams „in rapsodische Trance“, wie er nun in einem Essay in Lettre International bekennt. Die dunklen Verse hatten einen Keim gelegt, und so machte sich Williams ein paar Jahre später, 1960, nach Swansea, dem Geburtsort von Dylan Thomas auf, um nach seinen Spuren zu suchen. Er traf auf Leute, die den Dichter noch kannten, ja mit ihm befreundet waren, und einer sagte: „Niemand hat je glanzvoller die Maske der Anarchie getragen.“
Er starb 1953 als „junger Hund“ mit 39 Jahren bei seiner vierten Vortragsreise durch die USA an einer Lungenentzündung, die er wegen seiner Alkoholexzesse nie auskuriert hatte. Er hinterließ seine genialen Verse („Geh nicht gelassen in die gute Nacht. / Im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht.“) sowie das als Hörspiel konzipierte, enorm erfolgreiche Theaterstück „Unter dem Milchwald“, ein hoch poetisches „Spiel der Stimmen“.
Knapp ein Jahrzehnt nach seinem Tod hat ein damals unbekannter Folksänger namens Robert Allen Zimmerman Dylan Thomas‘ Identität auf eine – so Williams – „schaurige Weise geplündert.“ Er habe sich Dylans Vornamen geschnappt, „um seine Karriere zu befördern“, was Heathcote Williams Bob Dylan niemals verzeihen wird.
/ Michael Buselmeier, Freitag
Außerdem werden besprochen:
Guillaume Apollinaire to Sarojini Naidu: the war poets you don’t study at school
Despite the “cosmopolitan sympathies” of the poets, memorial events in the UK today are dominated by British writers. But there are many other literary voices from the battle for the trenches.
Poetry has become the centre of a propaganda battle over the meaning of the First World War, with different sides favouring those poets whose political sympathies reflect their own. Prime Minister David Cameron recently chose to intone Rupert Brooke’s “The Soldier” for a charity album recording. Brooke’s vision of “some corner of a foreign field/That is for ever England” espouses the “British values” of honour, loyalty and patriotism of which most Conservatives approve (indeed, Michael Gove wants to see them promoted in schools). Yet, of course, much British war poetry was anti-nationalist in tone. Siegfried Sassoon’s “A Night Attack”, for instance, describes a dead German soldier as “Young, fresh, and pleasant, so I dare to say./No doubt he loathed the war and longed for peace”. (…)
Although we are unfamiliar with it, much of the war poetry from France, Germany, Russia and elsewhere is of equal quality to (and, in some cases, even better than) that produced by British writers.
The most prominent European war poet was Guillaume Apollinaire, a naturalised Frenchman of Polish descent who died of influenza at the end of the war. His collection Calligrammes stands as a landmark achievement in the development of literary modernism. The book’s title refers to Apollinaire’s visual poetry, which attempted to achieve with words what Picasso and others had been doing in fine art. His poem “Du coton dans les oreilles” (“Cotton in Your Ears”) begins by re-creating the explosion of artillery shells typographically, the words tumbling upwards on the page.
Apollinaire felt that the war represented a new era, one that would require an original language. As he writes in “Victoire”: “. . . the old languages are so close to death/It’s really from habit and cowardice/That we still use them for poetry”.
(…) Sarojini Naidu, on the other hand, was a poet of exceptional quality. Known as “the Nightingale of India”, Naidu was a politician as well as a poet: a lifelong fighter for independence who became the first female state governor in her country. Her best-known poem is “The Gift of India” (1915), which describes the dead:
Gathered like pearls in their alien graves
Silent they sleep by the Persian waves,
Scattered like shells on Egyptian sands,
They lie with pale brows and brave,
broken hands,
They are strewn like blossoms mown
down by chance
On the blood-brown meadows of
Flanders and France . . .
/ Owen Clayton, New Statesman
Das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland erhielt Norbert Wehr am heutigen Donnerstag (15.1.). Oberbürgermeister Reinhard Paß überreichte Norbert Wehr die Auszeichnung für sein jahrzehntelanges Engagement im kulturellen Bereich.
Wehr, studierter Literaturwissenschaftler, arbeitet als Publizist, Hörfunkautor und Literaturkritiker und gibt seit 1982 die Literaturzeitschrift „Schreibheft“ heraus. Mit Gespür, Kenntnis und Beharrlichkeit machte er das „Schreibheft“ in den letzten 30 Jahren zu einer der bedeutendsten Literaturzeitschriften im deutschsprachigen Raum. Als Beleg für die Qualität seiner Arbeit gilt die Tatsache, dass die unter seiner Leitung herausgegebenen Ausgaben bereits 1998 im Reprint erschienen. Die Zeitschrift erscheint zweimal im Jahr mit einer Auflage von etwa 2.500 Exemplaren. Er muss die Finanzierung der Zeitschrift, bei der jedes Heft etwa 200 Seiten umfasst, selbst sicherstellen.
Eigens für das „Schreibheft“ entwickelte Norbert Wehr ein neues redaktionelles Konzept, das darin besteht, einen Gegenstand – sei es ein Autor, ein Buch, eine literarische Gruppe, die Literatur einer Sprache – in Schwerpunktdossiers zu facettieren und dazu möglichst viele Originaltöne literarischer, biographischer, übersetzerischer oder wissenschaftlicher Auseinandersetzung zu versammeln.
Die Hefte widmen sich jeweils bestimmten Themenbereichen (zum Beispiel die Neuübersetzung von Hermann Melvilles „Moby Dick“ oder „Literatur aus Serbien“ mit Peter Handke) und erreichen durch exklusive Beiträge und eine strenge Dossier-Form eine größere „Haltbarkeit“ als andere Literaturzeitschriften. Die Hefte eignen sich dazu, wie ein Buch gelesen zu werden. Wer genug Zeit und eine gute Lesekondition mitbringt, dem erschließt sich ein Kompendium zeitgenössischer Weltliteratur. Häufig wurden fremdsprachliche Texte für die Zeitschrift erstmals ins Deutsche übersetzt und werden so als „Originalliteratur“ dem deutschen Leser zugänglich gemacht, versehen mit gründlichen Hintergrundinformationen und in bislang unbekannten Zusammenhängen.
Mittlerweile wurde das gesamte Archiv seiner Zeitschrift der „Stiftung Insel Hombroich“ als „Vorlass“ übertragen. Das „Norbert-Wehr-Archiv“ der Zeitschrift „Schreibheft“ umfasst sämtliche Manuskripte, die Autoren und Übersetzer zur Publikation in der Zeitschrift zur Verfügung gestellt haben, die gesamte Korrespondenz mit Autoren, Übersetzern und Mitarbeitern der Zeitschrift, ein Pressearchiv, eine Dokumentensammlung, eine Sammlung anderer Literaturzeitschriften und eine belletristische Bibliothek mit etwa 7.500 Bänden sowie sämtliche Erstausgaben des „Schreibhefts“. Die Schenkung von Norbert Wehr umfasst auch das zukünftige anfallende Material und stellt damit eine bedeutende Position im Gesamtarchiv der „Stiftung Museum Insel Hombroich“ dar.
Seit vielen Jahren organisiert er Literaturveranstaltungen im Essener Folkwang-Museum (früher im Grillo-Theater), zu denen namhafte Literaten erscheinen. Die Liste der Eingeladenen liest sich wie ein „who ist who“ der zeitgenössischen Literatur. Vielfach lud er auch Autorinnen oder Autoren ein, bevor diese zu einem späteren Zeitpunkt mit Literaturpreisen und Auszeichnungen geehrt wurden.
Das „Schreibheft“ und auch sein Herausgeber sind mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet worden. 1988 erhielt Wehr den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstler“, 1989 den „Förderpreis zum Lessing-Preis der Stadt Hamburg“ und 1994 den „Alfred-Kerr-Preis“ für Literaturkritik und den „Calwer Hermann-Hesse-Preis“ für das „Schreibheft“. 1998 folgte ein Literaturpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. 2010 erhielt er den „Literaturpreis Ruhr“. Die Preise für das „Schreibheft“ einerseits und für ihn andererseits belegen wie eng die Literaturzeitschrift mit dem Herausgeber verbunden ist. / Presseinformation Essen
In einem Artikel zum 200. Todestag des Dichters Matthias Claudius lese ich:
In Wandsbeck, heute der Hamburger Stadtteil Wandsbek, hat er eine fast lebenslange Heimstätte gefunden: Hier lernt er die 17-jährige Anna Rebecca Behn kennen, eine Gastwirtstochter, die kaum gebildet, aber eine anziehende Persönlichkeit ist. Claudius nennt sie „sein Bauernmädchen“ und shcreibt an Herder: „Aber lieb hab ich sie darum nicht weniger“. 1772 heiratet er Rebecca. Es ist eine große und dauerhafte Liebe. Anders als Goethe, der seine nicht standesgemäße Frau jahrelang versteckt, schreibt Claudius Gedichte über sie.
Das läßt das Entscheidende leider offen. Hat Claudius Gedichte über Goethes Frau geschrieben? Oder hätte Goethe Gedichte über Claudiussens schreiben sollen? Beides wär befremdlich – und würde erklären, warum sich beide nicht mochten.
Sollte aber gemeint sein, Claudius habe über Claudiussens Frau, Goethe aber nicht über die Seine Gedichte geschrieben, so ist das falsch. Man könnte in Weimar auf den Jakobskirchhof gehen – in der Kirche wurden Goethe und Christiane Vulpius getraut, hier liegt sie begraben, auf der Grabplatte ein Epigramm Goethes (Du versuchst o Sonne vergebens). Aber das ist bei weitem nicht das einzige Gedicht Goethes an/über Christiane. Eins der schönsten deutschen Gedichte schreibt er ihr zum 25. Jubiläum ihrer Beziehung, also zur heimlichen Silberhochzeit: Gefunden. Über der Handschrift steht: „Frau von Goethe. 26 August 1813“. Er schrieb es 1813 und schickte es ihr von einer Reise.
Gefunden.
Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah’ ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.
Ich wollt’ es brechen;
Da sagt’ es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?
Ich grub’s mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.
Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.
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