28. Engel sind heikel

«Ein jeder Engel ist schrecklich.» Diese Erkenntnis aus den «Duineser Elegien» Rainer Maria Rilkes hat der Dichter Gerhard Falkner zu einem grossen Misstrauensvotum gegenüber den Konfigurationen des Erhabenen ausgebaut. «Engel sind heikel»: So beginnt Falkner eine seiner insgesamt zwanzig «Ignatien», die sich als «Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs» verstehen. In diesen Gedichten hat Falkner eine prägnante poetische Signatur für die Dissoziationen des lyrischen Ichs im 21. Jahrhundert erschaffen. Sie lesen sich wie Abgesänge auf eine digital ausgehöhlte Spezies, die sich einmal als «Krone der Schöpfung» begriffen hat: «Die Engel liegen als Punks mit gepiercten Augen / vor den Portalen von Facebook.» / Michael Braun, NZZ

Gerhard Falkner / Yves Netzhammer: Ignatien. Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs. Deutsch/Englisch. Übersetzung: Ann Cotten. Starfruit Publications, Fürth 2014. 128 S., Fr. 29.90.

27. Ukraine: Der Krieg hat das Land verändert

Der ukrainische Lyriker Serhij Zhadan darüber, wie der Krieg (die Überschrift der Zeitung sagt „Ukraine-Krise“, aber der Autor nennt es einen Krieg) das Land verändert hat.

Meine Heimatstadt Charkow ist weit im Hinterland. Andererseits – von hier bis zur russischen Grenze ist es auch nur eine Stunde Fahrt. Die Stadt ist mit den Nationalfarben Gelb und Blau verziert. Aber weiter weg vom Zentrum übermalen die Anhänger des Projekts Neurussland das Gelb und Blau mit Hakenkreuzen. Auf den ersten Blick macht diese Stadt den Eindruck, völlig proukrainisch zu sein: Aktivisten, freiwillige Helfer, Militärs. Von überallher kommen Menschen, die sich freiwillig zum Fronteinsatz gemeldet haben, und hierher ins Krankenhaus werden die Verwundeten gebracht.

Bei den letzten Parlamentswahlen haben hier wieder die früheren Mitstreiter Janukowitschs gesiegt. Der Krieg ermüdet, der Krieg zermürbt, aber offenbar hat niemand aus dem Krieg etwas gelernt. Hin und wieder ertönen in der Stadt Explosionen, die Terroristen sind bei der Arbeit. In den sozialen Netzwerken nennen sie sich selbst Charkower Partisanen, der Inlandsgeheimdienst SBU dagegen bezeichnet sie als russische Diversanten. Mehrmals sind Bomben an belebten Orten explodiert, es hat viele Verletzte gegeben.

Derweil demonstrieren proukrainische Aktivisten regelmäßig vor dem russischen Konsulat oder versuchen, das Rathaus zu stürmen. Bürgermeister ist hier weiterhin Gennadi Kernes, eine mehr als dubiose Figur. Weiterhin werden Lenin-Denkmäler gestürzt, aber die Spannung bleibt hoch. Der Krieg lässt nicht locker, der Krieg lenkt die Emotionen und raubt einem die Ruhe. In den Straßen sind immer mehr Soldaten in Uniform zu sehen, und die Gespräche drehen sich ständig um die Themen Flüchtlinge, Mobilmachung, Besatzung.

Immer mehr Verluste und immer mehr persönliche Geschichten: Hier ist ein Bekannter in Kriegsgefangenschaft geraten, dort hat jemand die Einberufung bekommen und ein weiterer Freund sammelt Geld für Hilfsgüter. Immer öfter hört man auch die Worte „vor dem Krieg“: Dieses war vor dem Krieg, jenes hat schon vor dem Krieg angefangen, vor dem Krieg war es soundso, vor dem Krieg habe ich ganz andere Sachen gemacht. Und es stimmt: Vor dem Krieg war das ein anderes Land. / Die Welt

26. Dazugelernt

Hubert Winkels 2012:

Juryvorsitzender Hubert Winkels: “Wenn wir einen Lyrik-Band auszeichnen würden, würden viele lange Gesichter machen. Man würde auch Schelte bekommen. Bei großen Preisen sollte man keinen exotischen Weg gehen und nach Kleinverlagen mit avantgardistischer Lyrik suchen. Das wäre der falsche Weg. Man adressiert sich an ein großes nationales, ja internationales Publikum. Natürlich freut man sich, ein Buch auszuzeichnen, das anschließend eine große Zahl von Lesern hat.” (Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, 30.9. 12). Mehr

Hubert Winkels 2015:

Ich musste in den Statuten sogar noch einmal nachlesen, ob Gedicht oder Theaterstücke überhaupt zulässig sind. Sie sind es auf jeden Fall – und ich habe mich im Nachhinein gefragt: Warum ist das nicht vorher passiert?“, sagt Winkels. „Allen war sofort klar, es ist ein Glücksfall, dass dieser Band von Jan Wagner da ist.“ Mehr

25. Vertont

„Die Kriegsfibel“ gehört zu den wichtigen Exilwerken Brechts, 1955 in Deutschland im Eulenspiegel Verlag erschienen und seither in vielen Ländern. Im dänischen Exil begann Brecht damit, Zeitungsbilder- und Berichte über die Realität des Krieges sowie der Naziherrschaft zu sammeln und mit Gedichten zu versehen. Einige der Vierzeiler wurden von Hanns Eisler und Paul Dessau vertont.

Initiiert durch den Augsburger Pianisten und Musiklehrer Geoffrey Abbott haben fünf Augsburger Komponisten – Richard Heller, Michael Kamm, Wolfgang Lackerschmid, Rhytm Police und Stefan Schulzki –Verse aus der „Kriegsfibel“ neu vertont.

Schauspielerin Rike Schmid liest und das Junge Vokalensemble Schwaben singt die Gedichte, begleitet von Pianist Geoffrey Abbott: Sonntag, 8.2.2015, 11 und 19.30 Uhr in der Brechtbühne. / Presse Augsburg

24. Geehrt

Two major poets of the African-American experience — Maya Angelou and Nikki Giovanni — will be honored this week as part the program And Still I Rise: A Celebration of African-American Artists, presented by the OperaTunity Foundation.

A variety of events combining art, poetry and music are scheduled. The title and all performances are dedicated to the memory of Maya Angelou, the towering poet and writer who died last year. Angelou was best-known for the chronicle of her youth, I Know Why the Caged Bird Sings.

The week’s key event will be a Friday concert featuring Nikki Giovanni, who has been a leading African-American poet, writer and activist since her career began in 1967. Giovanni has written numerous volumes of poetry and children’s books and made several recordings. / Free Times

23. Verboten

Neuerlich blockiert der deutsche Suhrkamp Verlag Lesungen und Theaterproduktionen von Werken Thomas Bernhards in Salzburg. Wie Tomas Friedmann, Leiter des Salzburger Literaturhauses, bekannt gab, habe Suhrkamp ohne Angaben von Gründen eine für heute, Donnerstag, geplante Lesung von Schauspieler Franz Froschauer mit Kommentaren von Literaturwissenschaftler Manfred Mittermayer schriftlich untersagt.

Dies habe offenbar Methode, so Friedmann in einer Aussendung: Das Cineteatro von Charly Rabanser in Neukirchen am Großvenediger sowie das Schauspielhaus Salzburg (Produktionsplan „Der Theatermacher“ in der Spielzeit 2015/2016) haben Absagen von Suhrkamp bzw. von Nachlassverwalter und Bernhard-Halbbruder Peter Fabjan bekommen. Auch Volksschauspielerin Julia Gschnitzer wurde eine Lesung in Henndorf am Wallersee vor wenigen Monaten untersagt. / Wiener Zeitung

22. Populäre Gedichte

„Ohne Dich ging ich in einer Mondscheinnacht/ auf jener uns vertrauten Gasse/ Mit allen Sinnen spüre ich Dir nach./ Die Freude Dich wieder zu sehen entfachte in mir ein Feuer./ Ich wurde wieder der verliebte Tor von damals.“ So lauten die ersten Zeilen des Gedichts „Die Gasse“, einem Liebesgedicht, das im Iran zum Allgemeinwissen gehört. Dr. Ahmad Marandi trug seine Übersetzungen der bekannten persischen Gedichte [von Fereymoon Moshiri] in der Büchergilde Gutenberg einem begeisterten Publikum vor.

Nach der Begrüßung durch Buchhändlerin Dagmar Tenten gab es zunächst eine Kostprobe der persischen Lyrik, bevor Marandi den Zuhörern die Hintergründe seiner Arbeit erläuterte. „Wenn im Iran Menschen zusammensitzen, beginnen sie oft Gedichte aufzusagen. Viele kennen ihre Lieblingsgedichte auswendig“, so Marandi. Der langjährige Lehrer an der Gießener Volkshochschule und vereidigte Dolmetscher der persischen Sprache stellte schon in jungen Jahren diesen kulturellen Unterschied zu seiner Wahlheimat Deutschland fest, wo moderne Lyrik nicht so selbstverständlich im Alltag vertreten ist. / Gießener Anzeiger

21. Verschneidungen

Verschneidungen von Dichtung und Musik – sie basieren auf Gedichten von Ferdinand Schmatz, aus „die woke und die uhr“, „dschungel allfach“, „das große babel,n“ und „quellen“. Wobei Motive wie: die Uhr und die Wolke, der Tiger und die Palme, aber auch der die Buchstaben der Psalmennachdichtungen durch die musikalischen Setzungen des Duos Muze (Diego Muné und Bernadette Zeilinger) in Form von gemeinsamer Improvisation Erweiterungen und Konzentrationen erfahren. Neue Klang- und Sinnräume, vor allem im Spannungsfeld von Natur (Wolke) und Zivilisation (Uhr) werden eröffnet: Stimme, Saite und Holzrohr nähern sich an und entfernen sich, berühren und verschneiden einander, um immer wieder einen gemeinsamen Fluchtpunkt zu entdecken und zu erzeugen:
So gehört ist jede Zusammenarbeit des Trios eine Uraufführung.

Eröffnungskonzert mit Schmatz & Muze
Ferdinand Schmatz: Literatur, Stimme
Bernadette Zeilinger: Flöten
Diego Muné: Gitarre

Siebenstern
1070 Wien, Siebensterngasse 31
Mo., 09.02.2015
20:00 – 21:30

/ events.at

20. Leipzigs Sonne

Preis der Leiziger Buchmesse: Es gibt Neues unter der Sonne. Haben sie doch einen Lyrikband unter die „Belletristik“ geschmuggelt. Nicht mehr nur verschämt in der Kategorie Übersetzung (wie früher im Fall Pound). Wer wenn nicht Jan Wagner könnte den Bann lösen? Wir lassen uns gern überraschen.

Ceterum censeo: wenn es ihnen wirklich um Literatur geht und nicht nur um Umsatz, müssen sie eine eigene Kategorie „Lyrik“ einführen. Jan Wagner, zeigs ihnen!

Die Finalisten

Insgesamt 405 Werke aus 115 Verlagen haben sich für den Preis der Leipziger Buchmesse beworben. Die Jury unter der Leitung von Hubert Winkels hat daraus nun jeweils fünf Autoren bzw. Übersetzer in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung nominiert.

Die Nominierten des Preises der Leipziger Buchmesse sind:

Kategorie Belletristik:
Ursula Ackrill: „Zeiden, im Januar“ (Verlag Klaus Wagenbach)
Teresa Präauer: „Johnny und Jean“ (Wallstein Verlag)
Norbert Scheuer: „Die Sprache der Vögel“ (Verlag C.H. Beck)
Jan Wagner: „Regentonnenvariationen“ (Hanser Berlin)
Michael Wildenhain: „Das Lächeln der Alligatoren“ (Klett-Cotta Verlag)

Kategorie Sachbuch/Essayistik:
Philipp Felsch: „Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990“ (Verlag C.H. Beck)
Karl-Heinz Göttert: „Mythos Redemacht. Eine andere Geschichte der Rhetorik“ (S. Fischer Verlag)
Reiner Stach: „Kafka. Die frühen Jahre“ (S. Fischer Verlag)
Philipp Ther: „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa“ (Suhrkamp Verlag)
Joseph Vogl: „Der Souveränitätseffekt“ (diaphanes)

Kategorie Übersetzung:
Klaus Binder übersetzte aus dem Lateinischen: Lukrez: „Über die Natur der Dinge“ (Verlag Galiani Berlin)
Elisabeth Edl übersetzte aus dem Französischen: Patrick Modiano: „Gräser der Nacht“ (Carl Hanser Verlag)
Moshe Kahn übersetzte aus dem Italienischen: Stefano D´Arrigo: „Horcynus Orca“
(S. Fischer Verlag)
Mirjam Pressler übersetzte aus dem Hebräischen: Amos Oz: „Judas“ (Suhrkamp Verlag)
Thomas Steinfeld übersetzte aus dem Schwedischen: Selma Lagerlöf: „Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden“ (Die Andere Bibliothek)

19. Loving Literature

In “Loving Literature: A Cultural History,” Deidre Shauna Lynch, a professor of English at Harvard, shows us that it wasn’t always this way. For a long time, people didn’t love literature. They read with their heads, not their hearts (or at least they thought they did), and they were unnerved by the idea of readers becoming emotionally attached to books and writers. It was only over time, Lynch writes—over the century roughly between 1750 and 1850—that reading became a “private and passional” activity, as opposed to a “rational, civic-minded” one.

To grasp this “rational” approach to reading, Lynch asks you to transport yourself back to a time when, in place of today’s literary culture, what scholars call “rhetorical” culture reigned. In the mid-seventeen-hundreds, a typical anthology of poetry—for example, “The British Muse,”  published in 1738—was more like Bartlett’s “Familiar Quotations” than the Norton Anthology. The poems were organized by topic (“Absence,” “Adversity,” “Adultery”); the point wasn’t to appreciate and cherish them but to harness their eloquence in order to impress people. / Joshua Rothman, The New Yorker

18. The only begetter

Die Shakespeare-Forschung ist um eine These reicher: Der amerikanische Forscher Geoffrey Caveney will mit einem im Journal «Notes and Queries» der Oxford University Press erschienenen Essay möglicherweise den Adressaten der Widmung identifiziert haben, die der 1609 erschienenen Ausgabe von Shakespeares Sonetten vorangestellt ist. Bis dato fand sich keine plausible Erklärung dafür, wer sich hinter dem nur mit den Initialen «Mr. W. H.» bezeichneten Widmungsträger verbarg, der als «onlie begetter» (einziger Erzeuger) der folgenden Gedichte angesprochen wird. Der erotische Unterton des Wortes «begetter» wie auch die Tatsache, dass «W. H.» ein Fortleben in der «eternitie promised by our ever-living poet» verheissen wird, legten immerhin die Vermutung nahe, dass jener schöne Jüngling gemeint sein könnte, dem die Sonette ausgiebig huldigen und dessen Identität ebenso wenig gesichert ist wie diejenige der im letzten Teil der Gedichtsammlung angesprochenen «Dark Lady».

Caveneys Recherche hat nun eine wesentlich nüchternere Variante ergeben: Er liest aus der Widmung eine Hommage des Verlegers der Sonette, Thomas Thorpe, an seinen 1607 verstorbenen Kollegen William Holme. / Neue Zürcher

17. Gefallen

Im Donbass fiel der russische Dichter und Musiker Arkadi Bragin aus Satka (Gebiet Tscheljabinsk, Russland), berichten russische Medien. Er sei erst vorige Woche dorthingegangen, um an der Seite der selbsternannten „Donezker Volksrepublik“ zu kämpfen. Der Sarg sei heute in Tscheljabinsk eingetroffen. Sein letztes Gedicht „Begräbnis des Clowns“ war am 6.1. veröffentlicht worden.

16. Neuste slowakische Poesie

Die meisten Werke aus der Zeit um die Jahrtausendwende lassen sich konzeptuell vier Entwicklungslinien zuordnen, wodurch die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Aktivitäten der etwa seit Ende der 80er Jahre neu erscheinenden DichterInnen und Poetiken deutlich werden. Die ersten beiden, die Poesie des nonkonformen Individualismus und die Poesie des Privaten, formierten sich noch unter den Bedingungen des kommunistischen Regimes. In den 90er Jahren entstanden zwei weitere, zunächst die spirituelle Poesie, dann die experimentell-dekonstruktive Poesie. Mit Ausnahme der letzteren hatte die Poesie jener Zeit einen Subjektivismus zur Grundlage, der sowohl durch die thematische Verankerung des lyrischen Subjekts in der konkreten Erfahrung, als auch durch die Arbeit mit anerkannten Ausdrucksmitteln hervortrat, indem diese einer betonten Stilisierung des Dichtersubjekts entsprachen. Die expressive Poesie des nonkonformen Individualismus (J. Urban, I. Kolenič, P. Bilý) ging vom Konflikt zwischen dem freiheitlich denkenden Subjekt und der Mehrheitsgesellschaft aus und knüpfte insbesondere an den poetischen Gestus der Beatniks an. Die sehr viel nüchternere Poesie [der in Tschechien und der Slowakei gebräuchliche Begriff der „zivilen“ Poesie wurde zur besseren Verständlichkeit durch den der „nüchternen“ ersetzt, Anm. d. Ü.] des Privaten (M. Brück, M. Hatala, M. Vlado) reflektierte Alltägliches, wobei die Autoren sich auf überzeitliche, traditionelle Werte zu stützen suchten. Die spirituelle Lyrik (E. J. Groch, R. Jurolek, M. Milčák) war im Prinzip eine reflexiv-philosophische Poesie, die in nüchterner oder allegorisch-mythologischer Form das Leben aus der Sicht des christlichen Glaubens spiegelte. Impulse erhielt sie aus weltweiten Quellen konfessioneller und meditativer Poesie.

Es dominierte also eine Vorstellung von Poesie als Werkzeug eines authentischen Ausdrucks des autonomen Subjekts. Bald jedoch tauchten auch DichterInnen auf, die sowohl Zweifel an der so hoch bewerteten subjektiven Empirie, als auch an den kommunikativen Fähigkeiten der Literatur hatten. AutorInnen der experimentell-dekonstruktiven Poesie ließen sich von ausländischen künstlerischen (Post-)Avantgarden inspirieren, reagierten auf Impulse der (post)modernen Philosophie, namentlich des französischen (Post-)Strukturalismus, und verarbeiteten mintunter auch popkulturelle Importe.

/ Auszug aus: Kontexte und Konturen der neuen Entwicklungen in der Slowakischen Poesie. Feldnotizen von Jaroslav Šrank
übersetzt von Lena Dorn

Komplett bei Babelsprech

15. poesiefestival berlin

Investitionen in Lyrik: poesiefestival berlin 2015

Das 16. poesiefestival berlin widmet sich dem poetischen Kapital, den Ressourcen, auf die die Lyrik zurückgreift, den Traditionen, aus denen sie schöpft, und der Zukunft, in die sie investiert.
Das von der Literaturwerkstatt Berlin ausgerichtete Festival in der Akademie der Künste im Hanseatenweg beschäftigt sich vom 19. – 27. Juni 2015 unter anderem mit dem sprachlichen Wirken Martin Luthers, zeigt die chinesische Dichtung im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, und diskutiert in einem Kolloquium die Zukunft der Poesie. Im Rahmen einer szenischen Einrichtung und unter Beteiligung von Vertretern der drei großen Weltreligionen wird den poetischen Strukturen und Gemeinsamkeiten der Bibel, des Korans und der Thora nachgegangen.
Eröffnet wird das poesiefestival berlin wieder mit „Weltklang – Nacht der Poesie“, den Abschluss bildet der große Lyrikmarkt. Bei der Neuausgabe des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel werden niederländischsprachige Dichter zu Gast sein.

Das 16. poesiefestival berlin findet statt vom 19. – 27. Juni 2015 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg. Weitere Informationen unter http://www.literaturwerkstatt.org

Das poesiefestival berlin ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit der Akademie der Künste und wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

Fr 19. – Sa 27. Juni 2015
16. poesiefestival berlin
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Unter anderem mit den Autorinnen und Autoren:
Han Bo (China), Kwame Dawes (Ghana), Ming Di (China), Zang Di (China), LaTasha N. Nevada Diggs (USA), Kenneth Goldsmith (USA), Yang Lian (China), Márió Z. Nemes (Ungarn), Christian Prigent (Frankreich), Lisa Robertson (Kanada), Warsan Shire (Somalia), Jiang Tao (China), Lü Yue (China)

14. Was siehst du? Und was machst du mit dem, was du siehst?

Aus einem Gespräch, das Viktor Fritzenkötter und  Sarah Schuster auf Faustkultur mit Marcus Roloff über seinen in Kürze erscheinenden vierten Band führten

Wie finden Sie Ihre Themen?

Ich bin etwas traumatisiert, so habe ich zumindest das Gefühl, aber im besten Sinne. Ich bin zu DDR-Zeiten noch übergesiedelt. Meine Eltern haben ‘85 den Ausreiseantrag gestellt, der im Sommer ‘89 bewilligt wurde, d.h. ein Vierteljahr vor der Öffnung. Dieses „Rübergehen“ war so ein aufgeblasenes, auch semantisch aufgeblasenes, wichtiges Ding. Wir wurden mit der Ansage rausgelassen: »Ihre Kinder können zehn Jahre nicht hierher zurück«. Meine Eltern, glaube ich, 15 oder 20 Jahre nicht. Das führte zu einem komischen Katastrophengefühl. So sind wir mit zehn Koffern ausgereist. Das kommt in einem Gedicht vor, das eigentlich in den alten Band hätte kommen sollen, das ich aber noch einmal überarbeitet habe. Es heißt „zu hause²“ und hat genau das zum Thema. Das zählt wiederum zu den alten Themen, die ich jetzt kaum mehr behandle. Dieses eine aber kommt noch rein in den neuen Band. (lacht) Es hat mich in jedem Fall lange bewegt, dass ich rausgeschmissen wurde. Das war ein Bruch. Über die Gedichte habe ich versucht herauszufinden, wie tief dieser Bruch war. Schreiben soll natürlich nicht zum psychoanalytischen Laienspiel werden, kann aber zumindest die Schichten abtragen und schauen, was für einen wirklich wichtig ist und was nicht. Was ist nur Quatsch, was ist nur Konvention? Immer weg von den Konventionen, begrifflich, gedanklich, total – so dass man eben nicht die Erzählungen nachquatscht, an die man selber mal glauben wollte.

Tobias Amslinger hat in einer Rezension Ihres 2006 im Gutleut-Verlag erschienen Bandes Gedächtnisformate von poetischer Kartographie gesprochen.

Das hat er auch toll gesehen, weil gerade in den „Formaten“ sehr viel Mecklenburg drin ist. Ich benutze das Gedicht eben nicht dafür, eine sogenannte höhere Wahrheit in irgendeiner Form auszustellen wie ein Pfau seine Federn. Ich will einfach ein paar Sachen so, wie sie sind, im Gedicht haben, ohne sie zu verschönern. Ich will die Realität, ja, das ist auch so ein Ding, die Realität, Gott, aber eben das, was wir für real halten, genau anschauen. Das Sehen ist eine tolle Sache bei der Zusammenführung von Kunst und Gedicht, die ich immer wieder versuche. Was siehst du? Und was machst du mit dem, was du siehst?