13. Bairisch, jung, wild

Zusammen mit Eva Bauerfeind und Kristina Pöschl hat Hubert Ettl die Anthologie „Vastehst me“ herausgegeben – ein Überblick über bairische Lyrik der vergangenen 40 Jahre

Interview in Süddeutsche Zeitung vom 27.1.: Sabine Reithmaier

SZ: Ihr Sammelband konzentriert sich auf Lyrik aus den vergangenen 40 Jahren. Warum ausgerechnet 40 und nicht 50 Jahre?

Hubert Ettl: Weil in den Siebzigerjahren eine neue bairische Lyrik entstanden ist. Mit neuen Themen und einer völlig anderen Art, den Dialekt einzusetzen. Die jungen Wilden – ich denke an Autoren wie Josef Wittmann, Karl-Ludwig Reichert, Bernhard Setzwein – nahm der Friedl-Brehm-Verlag unter seine Fittiche und sorgte dafür, dass sie veröffentlicht wurden.

Aber es gab doch auch schon vorher bairische Lyriker?

Aber nur traditionelle. Und wenn ich noch einige Jahre weiter zurückgehe, fallen mir sehr national gesinnte ein, bairische Lyrik und Blut- und Boden-Ideologie waren sich da sehr nahe. Das ist natürlich nicht unsere Richtung.

Hatten Sie, als Sie Ihren Verlag gründeten, auch schon vor, die gesamte Bandbreite der Lyrik abzubilden?

Ursprünglich haben wir uns schwerpunktmäßig auf Oberpfalz und Niederbayern konzentriert. Aber irgendwann waren diese regionalen Grenzen nicht mehr wichtig. Auch wegen der Autoren: Margret Hölle aus Neumarkt lebt seit vielen Jahren in München. Umgekehrt lebt Bernhard Setzwein, eigentlich ein Münchner, seit Jahren in der Oberpfalz.

Hat sich die bairische Lyrik-Szene seit Beginn Ihrer Verlegertätigkeit verändert?

Meiner Beobachtung nach haben sich die Gegensätze verwischt. Als wir anfingen, gab es auf der einen Seite die eher traditionellen Autoren, als Beispiel nenne ich jetzt die Münchner Turmschreiber. Auf der anderen Seite standen die jungen Autoren des Friedl-Brehm-Verlags. Zwischen diesen Fraktionen gab es richtig Knatsch. Als der Brehm-Verlag die ersten Bücher herausbrachte, hieß es von Seiten der Konservativen sofort, das ist doch keine Lyrik, das ist der reinste Dreck, das hat überhaupt nichts Positives. Dieser Zwist hat sich durch unsere ersten Jahre gezogen.

Wie hat sich das geäußert?

Die Brehm-Autoren gingen nicht zu Lesungen der Turmschreiber. Die wiederum betrachteten die Brehm- und Lichtung-Autoren mit großem Misstrauen. Vor allem Erich Jooß und Alfons Schweiggert öffneten die Turmschreiber und beriefen manche unserer Autoren in ihre Vereinigung, beispielsweise Margret Hölle oder Gerd Holzheimer.

12. Ein Abend für Joan Vinyoli im Lyrik Kabinett München

Die Stiftung Lyrik Kabinett wird am 11. Februar 2015 die kürzlich erschienenen Übersetzungen des katalanischen Lyrikers Joan Vinyoli vorstellen. Bei der Lesung werden deutsche Gedichtfassungen sowie die Originale von einem katalanischen Lyriker, Miquel de Palol, der auch eigene Gedichte vortragen wird, vorgestellt.

Joan Vinyoli (1914–1984) gilt im katalanischsprachigen Raum als der einflussreichste Dichter der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts neben Espriu. War in seiner Lyrik anfangs das Echo der Vorbilder Riba und Rilke noch deutlich vernehmbar, entwickelte sie sich allmählich zu einer völlig eigenständigen Stimme, in der existentielle Gedanken und lapidare Alltagsbetrachtungen, bekenntnishafte Notate und sinnliche Evokationen ein unverwechselbares Ganzes bilden. Vinyoli fand seitens der Literaturkritik erst spät Anerkennung, als seine Relevanz für die nachfolgenden Generationen schon längst feststand.

Miquel de Palol (geboren 1953) hat mit seinen Romanen bereits narratologisch Geschichte geschrieben und wurde für sie mit den wichtigsten katalanischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Er gehört zu den wenigen europäischen Autoren, bei denen Lyrik und Erzählkunst gleichberechtigte Schwerpunkte bilden, und ist darüberhinaus ein Kenner des Werks von Joan Vinyoli, mit dem er freundschaftlich verbunden war.

Àxel Sanjosé (geboren 1960) lebt in München. Er ist Lyriker sowie Übersetzer katalanischer und spanischer Lyrik.

Am Mittwoch, dem 11. Feb. 2015 um 20:00 Uhr
Veranstaltungsort: Lyrik Kabinett
Amalienstraße 83a (U3 und U6: Haltestelle Universität)

In Zusammenarbeit mit dem Institut Ramon Llull Mit freundlicher Unterstützung des Instituto Cervantes

11. Eichendorff-Preis für Nico Bleutge

Der Eichendorff-Literaturpreis geht in diesem Jahr an den 1972 in München geborenen und in Berlin lebenden Lyriker und Essayisten Nico Bleutge.

Die jährlich verliehene Auszeichnung, die vom Wangener Kreis − Gesellschaft für Literatur und Kunst e.V. vergeben wird, ist mit 5.000 Euro dotiert und wird im September in Wangen (Allgäu) überreicht, wie der Verlag C. H. Beck mitteilt.

In der Jury-Begründung heißt es: „Nico Bleutge findet über die Ränder aller bisherigen Wahrnehmung hinaus Neues und erstaunlich Konkretes in bislang ‚verdecktem gelände‘ (Titel des Gedichtbandes von 2013) und führt seine Leser in ein Neufundland der Poesie, wo er jenes ‚Inzwischen‘ der Worte auf unerwartete Weise auslotet. Seine Gedichte sind unentbehrliche Talismane gegen das Verbleichen der Dinge sowie das Abstumpfen der Sinne.“ / Börsenblatt

10. Über den Reim

(u.a.) sprach Jan Kuhlbrodt mit Volker Sielaff, dessen neuer Gedichtband Glossar des Prinzen im Frühjahr bei Luxbooks erscheinen wird.

Kuhlbnrodt: (…) Wir bräuchten ja keinen Reim, wenn er nicht auf seine Art eine Aussage formulierte. Insofern könnte man ihn auch als Ausweg bezeichnen, oder?

Sielaff: Ja, das ist schön ausgedrückt: Irritieren des Sinns. Der Reim hat ja auch, gegenüber dem freien Vers, das größere Potential zu täuschen, zu korrumpieren. Er ist ein Freund des Propagandistischen, das den Adressaten gefühlsmäßig zu korrumpieren versucht. Mit Floskeln, einer Art administrativen Hyperstil und eben – durch den Reim. Als Beispiel nenne ich „Das Lied von Stalin“ von Surkow, das übrigens von Heiner Müller ins Deutsche übersetzt wurde. Das ist natürlich genau das Gegenteil von dem, was du mit „Irritieren des Sinns“ meinst. Ich vermute, dass die Irritation beim Reim aus der Überraschung und aus dem Klangmaterial herrührt. Ich erinnere mich noch an meine helle Freude, als ich bei einer Lesung von Judith Zander in Helsinki vor einigen Wochen die Dichterin ihren Namen auf „selbander“ (dieses schöne alte Wort!) reimen hörte. Und nachgerade dem eigenen „inneren Sound“ abgelauscht scheinen mir viele Reime von Thomas Kunst, bei dem auch das Enjambement eine Rolle spielt. Kunst ist so einer, der mit der Sinnlichkeit des Reims im besten Sinne irritiert. Das sind Wege und Auswege gleichermaßen, insofern würde ich deine Frage mit einem eindeutigen Ja beantworten.    / Signaturen

 

9. Brechts legitimer Erbe

Von der Neuausgabe seiner „Gesammelten Gedichte“ sollten Impulse für eine Neubefassung mit dem Werk des ostdeutschen Dichters Heiner Müller (1929 -1995) ausgehen. Sichtbar werden die Konturen des einzigen „legitimen “ Bertolt-Brecht-Erben

meint Ronald Pohl im Standard. Mehr

8. Die Neunte von Béjart

In der französischen Arte-Videothek noch da: Maurice Béjarts Version von Beethovens Neunter mit Texten von Friedrich Nietzsche und Friedrich Schiller, getanzt vom Béjart Ballet Lausanne und Tokyo Ballet, Sänger: Kristin Lewis, Mihoko Fujimura, Kei Fukui, Alexander Vinogradov und der Ritsu Yu Kai Chor. Es spielt das Israel Philharmonic Orchestra. Hier

7. Thomas Rackwitz Stadtschreiber in Halle

Der Kulturausschuss des Stadtrates Halle (Saale) hat die Vergabe des Stadtschreiber-Stipendiums für das Jahr 2015 an den Schriftsteller Thomas Rackwitz beschlossen.

Thomas Rackwitz wurde 1981 in Halle (Saale) geboren. Er hat Germanistische Literaturwissenschaften, Geschichte, Anglistik und Zeitgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg studiert. Seit 2013 lebt er als freier Autor, Lektor, Übersetzer, Nachdichter und Songwriter in Blankenburg (Harz).

Erste Werke hat Rackwitz 2002 veröffentlicht. Neben Kurzprosa sind von ihm vor allem Lyrik und Nachdichtungen erschienen. Er ist Mitglied der Interessengemeinschaft deutschsprachiger Autoren e.V. (IGdA), des Friedrich-Bödecker-Kreises des Landes Sachsen-Anhalt und des Förderkreises der Schriftsteller in Sachsen-Anhalt e. V.

Das Stadtschreiber-Stipendium wird in diesem Jahr zum 15. Mal vergeben. Es ist mit 5100 Euro dotiert. Übergeben wurde die Auszeichnung am 30.1.

6. American Life in Poetry: Column 512

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I’ve read lots of poems about the loss of beloved pets, but this one by J.T. Ledbetter, who lives in California, is an especially fine and sensitive one.

Elegy for Blue

Someone must have seen an old dog
dragging its broken body through
the wet grass;
someone should have known it was lost,
drinking from the old well, then lifting
its head to the wind off the bottoms,
and someone might have wanted that dog
trailing its legs along the ground
like vines sliding up the creek
searching for sun;
but they were not there when the dog
wandered through Turley’s Woods looking
for food and stopped beneath the thorn trees
and wrapped its tail around its nose
until it was covered by falling leaves
that piled up and up
until there was no lost dog at all
to hear the distant voice calling
through the timber,
only a tired heart breathing slower,
and breath, soft as mist, above the leaves.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by J. T. Ledbetter, from his most recent book of poems, Old and Lost Rivers, Lost Horse Press, 2012. Poem reprinted by permission of J. T. Ledbetter and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

5. Hochstadter Stier

Es ist 22.18 Uhr, als Felizitas Leitner ein Novum verkündet: Erstmals seit Bestehen des Lyrikwettbewerbs „Hochstadter Stier“ kommt es im Rennen um den 2. Publikumspreis zu einem Stechen. Moderatorin Leitner, Ehefrau des Verlegers Anton G. Leitner und Mitorganisatorin der zum siebten Male ausgetragenen Dichter-Konkurrenz, lässt erneut Stimmzettel austeilen, und die beiden Aspirantinnen tragen noch einmal ihre preiswürdigen Zeilen vor. Die Berlinerin Jo Lenz setzt sich danach mit 59:29 gegen Verena Liebers aus Bochum durch. Die Frühlingshoffnung ihres kräftig „berlinernden“ Gedichts „Schneesehen“ obsiegt gegen die rhythmische Kindheitserinnerung vom „Trampolinsommer“.

Für jeden scheint etwas geboten beim diesjährigen „Hochstadter Stier“, und die Wahl fällt alles andere als leicht: Dass Hans-Werner Kube mit seinem Beitrag vom unbeirrbaren Raucher nicht nur nikotingeschädigte Herzen „im Qualm“ erobern würde, darauf hätte man allerdings wetten mögen. Der aus Witten kommende Gewinner des Publikumspreises erfreute die Leute mit den kosequent zu Ende gepafften Zeilen (Auszug): „…meine Zunge ist versehrt / meine Lunge frisch geteert / schick dem linken Fuß / einen Abschiedsgruß / muss das linke Bein / denn für ewig sein? / doch solang ich hauche / auf dem Bauche krauche / rauch ich, schmauch ich / weil, das brauch ich“ – tosender Beifall nicht nur von den Privatversicherten im Raum.

Wie beinahe in jedem Jahr wich der Geschmack des Publikums beim „Hochstadter Stier“ auch heuer ziemlich weit ab von dem der Fach-Jury: „Meine Erfahrung ist es seit einigen Jahren, dass wir uns relativ rasch einig sind“, sagte Erich Joos im Namen seiner Ko-Juroren Müller-Wieland und Ludwig Steinherr, ehe er den Sieger der Experten bekannt gab: Andreas Peters, aus Tscheljabinsk stammender, in Kirgistan aufgewachsener und in Bad Reichenhall wohnender Russlanddeutscher, überzeugte mit dem Beitrag „Ewiges Feuer“, der laut Jury „formale Souveränität bis zuletzt“ bewies. / Thomas Lochte, Münchner Merkur

4. Dutch Poetry

Babelsprech setzt die Reihe der Essays zu junger Dichtung in anderen Ländern [Bisherige Beiträge umfassen Einführungen zu Finnland, Brasilien (hierhier und hier) und die Slowakei sowie ein Essay über das lyrische Ich im Internet (deutsche Übersetzung] mit einem Beitrag von Frank Keizer und Maarten van der Graaff über die niederländische (und flämische) Szene fort. Auszug:

Contemporary Flemish poetry is hard to fit into the categories that are distinguished by for example the Hotel New Flanders anthology – which put forward an essentially territorialized understanding of poetry (its rootedness in Flemish history), but also more metaphorically speaking, by confining poetry to its manifestation on the page, and disregarding the international influences that shape Flemish literature.

Contemporary Flemish poetry breaks with this logic. Poets like Maud Vanhauwaert (1987) and Lies van Gasse (1983) work across disciplines – visual arts, performance art and theater respectively – and others like Xavier Roelens (1978) and Tom Van de Voorde (1974) look towards international (especially American) rather than local traditions, as does Els Moors (1978). Emerging poets like Arno van Vlierberghe (1990) and Mathijs Tratsaert (1990) are highly conscious of the Flemish literary canon, but only use and transform it for their own goals. Literature is becoming a global practice: discussions on poetics have grown into an exchange. Precisely this communal, social aspect contributes to a growing liveliness across borders that would be wrong to suppress. But we have to admit: we will cover much less Flemish ground in this piece.

Similarly, Dutch poetry has been opening up. The old opposition between traditional and experimental, and between ‘accessible’ and ‘formalist’ or ‘conceptual’ poetry is starting to crumble. This started in the nineties, when poets actively began to cross the boundaries between anecdote and concept, between lyric voice and textuality that framed the debate for a long time. Typical poets that emerged in the nineties like Tonnus Oosterhoff (1953), Mustafa Stitou (1974), K. Michel (1958), Arjen Duinker (1956) and Astrid Lampe (1955) played an important role in this. We will refer back to these frames, even though we think they are faulty, because they are important for how poets self-identify, even if redefining and eventually displacing them is our main mission here, and Dutch poetry is far too eclectic to reduce to the terms of fossilized debates of the past.

3. Meinungsmob

In Zeiten der Globalisierung würde man denken, daß Menschen versuchen Andere zu verstehen. Von wegen! Ganz und gar nicht, der menschliche Idiot versucht gar nicht, andere zu verstehen, denn dazu müßte er sich informieren, wie die Tatort-Kommissare immer sagen, nach allen Seiten und ergebnissoffen ermitteln, dazu ist aber der menschliche Idiot, der moderne Tartuffe, zu faul und zu unfähig, denn er hat nur gelernt Andersdenkende mit einem Meinungs-Lynch-Mob medial mundtot zu machen. Zuzuhören, nachzufragen, sich zu informieren, in Folge eigene Meinung zu bilden und eventuell zu ändern, das alles ist ihm zu stressig, dafür hat er keine Geduld, das springt nicht sofort aus seinem App heraus, da hat er nicht sofort einen kognitiven Samenerguss, dann macht er das auch nicht. Allmähliches Erarbeiten von etwas verschwindet immer mehr, alles muß sofort passieren.

Das klingt gut, wie selten hört man nachdenkliche Worte. Das klänge sehr gut (ich übergehe mal die mir unangenehme Bildwahl des polemischen Textes)… wenn man nicht schnell merken müßte, daß der, der diese Worte schrieb, sie keineswegs auf sich anwendet. Denn er, auch er hat seine Meinung, auch über Rußland, die Ukraine und alles das; wie ernst muß ich jemand nehmen, der vorschlägt, die andere Seite zu verstehen, aber seinen Vorschlag zum Nachdenken so beginnt:

[die russischen Menschen,] die sich ihr russisches Feld nicht von irgendwelchen dahergelaufenen ukrainischen Nazis und westlichen Neocons samt ihrer Nato-Merkel und Flintenuschi versauen lassen wollen. Der langsam daherbrabbelnde Steinmeier ist ihnen dagegen egal.

Nur damit von Anfang an klar ist was Sache ist und keiner auf den Gedanken kommt, auch der Nachdenkliche würde ergebnisoffen nachdenken.

Und so stellt er geballtes Material zum Nachdenken der anderen zusammen, eine Rede eines russischen Filmregisseurs zum 55. Geburtstag des russischen Präsidenten, ein Spottgedicht von Joseph Brodsky über die Unabhängigkeit der Ukraine – halt, Spottgedicht habe jetzt ich gesagt. Er sagt das gar nicht. Die Idee, daß es ein Spottgedicht sein könnte, ein böser Scherz, vielleicht eine Schnapslaune oder eine Provokation, kommt ihm gar nicht,

denn dazu müßte er sich informieren, wie die Tatort-Kommissare immer sagen, nach allen Seiten und ergebnissoffen ermitteln, dazu ist aber der menschliche Idiot, der moderne Tartuffe, zu faul und zu unfähig

Und sowieso gehört Er zu den Wissenden, er steht ja schon auf der richtigen Seite. Und damit niemand auf die Idee kommt, sich selber über das Gedicht klar zu werden („Allmähliches Erarbeiten von etwas“), schickt er eine Erklärung aus einem russischen Buch vorweg, die in diesem Gedicht den Beweis sieht, daß Brodsky kein Emigrant und vaterlandsloser Geselle sei, sondern eben doch ein russischer Patriot. Zitat aus Brodskys Gedicht in der sehr ungelenken Übersetzung der Quelle (der Erklärer der Seite Infosputnik, der sich Julian S. Bielicki und bei manchen Kommentaren auch Freeman nennt, gibt seinen offenbar wichtigen Text nebst Gedichten von Brodsky und Puschkin in 3 Sprachen, Deutsch, Englisch und Russisch, und dankt Nicholas Simons, London, für die Übersetzung der Gedichte):

Weg mit Euch, Ukrainer*, auch auf schlechtem Weg.
Geht von uns in Eurem Volkstracht und wagt es nicht sie Montur zu nennen,
Geht dahin wo der Pfeffer wächst; die Adresse sollt Ihr kennen.

Скатертью вам, хохлы, и рушником дорога.
Ступайте от нас в жупане, не говоря – в мундире,
По адресу на три буквы, на стороны все четыре.

Ich füge noch den Schluß von Brodskys Gedicht in der gleichen Übersetzung an, Anrede des russischen Dichters an die Ukrainer, die Chochols, wie die Russen sie gerne nennen, kein freundlich gemeintes Wort:

Nur wenn Ihr dar zu sterben seid, ihr Riesen
Werdet Ihr flüstern, Eure Hände an den Seiten der Matratze greifend,
Verse Alexanders, und nicht des quatschenden Taras

Только когда придет и вам помирать, бугаи,
Будете вы хрипеть, царапая край матраса,
Строчки из Александра, а не брехню Тараса.

Alexander (Puschkin)  ist der russische, Taras (Schewtschenko) der ukrainische Nationaldichter.


Nachtrag

Dieser Psychosputnik strotzt von russischer Propagandasprache und ist nichts anderes als Teil eines gewaltigen Propagandaapparats. Ich verlinke nicht auf sowas – jeder der mag findet die Seite leicht selber mit Suchmaschinen. Ich zitiere stattdessen einen Kommentar vom 29.1. zum Antrag in der russischen Duma, die „Annexion der DDR durch die BRD“ zu verurteilen:

Tatsächlich wurden die Bürger der DDR nie mit einem Referendum gefragt, ob die DDR sich auflösen und Teil der BRD werden soll. Es hat nur ein “DDR-Parliament” darüber entschieden, dessen Mitglieder man tolle zukünftige Posten im Gesamtgebilde versprochen hat. Die sogenannte “friedliche Wiedervereinigung” hat die westliche Wirtschaftsmacht durchgedrückt, oder mit Geld erkauft, um Markterweiterung und Wirtschaftswachstum zu bekommen.

Der Kommentator weiß vielleicht nicht, oder er weiß es und sagt es nicht, daß das von ihm in Anführungsstriche gesetzte DDR-Parlament zuvor von den Bürgern der DDR gewählt wurde in der einzigen freien Wahl in der Geschichte des kleinen Landes. Und daß die Ost-CDU vorher erklärt hatte, daß sie die schnelle Wiedervereinigung befürwortet und deshalb von einer Mehrheit gewählt wurde. Eine Wahl, an die ich mich erinnere – weder russische noch NATO-Soldaten „beschützten“ die Wahllokale, und es gab auch später keine bewaffneten Soldaten, die die Abgeordneten der Volkskammer zur Abstimmung geleiten mußten.

*) Im Original: Chochly, ein russisches Schimpfwort für die Ukrainer

2. Poetopie

Schnee legt seine weiße Stille über die Wege – dann kommen Spaziergänger, zerreden die Stille zu Matsch

Hansjürgen Bulkowski

1. Streit um ein Gedicht

Zagajewski ist auch am nächsten Tag [bei der Kölner „Poetica“] mit von der Partie, wenn es im Alten Senatssaal um „Poesie und Politik“ geht. Und zwar anhand eines Skandalgedichts, das Exilrusse Joseph Brodsky (1940-1996) in Amerika „Auf die Unabhängigkeit der Ukraine“ schrieb.

Wie konnte der Nobelpreisträger und Kreml-Kritiker 1991 die Ukrainer als Hinterwäldlervolk von „Kürbismelonen“ verspotten? Zwar blieb der Text unpubliziert, reüssiert jedoch in heutigen Kriegszeiten an russischen Stammtischen. Für Köln ausgesucht hat ihn der russische Philosoph Michail Ryklin, der Putins Autokratie mit dem Tod seiner Frau bezahlte: Die Künstlerin Anna Altschuk nahm sich nach einem nie verkrafteten Schauprozess das Leben, ein Drama, das der Witwer im Buch „Über Anna“ festhielt. In Brodskys Gedicht sieht er die Jekyll/Hyde-Verwandlung vom elitären Einzelgänger zum „Sprachrohr einer tödlich beleidigten imperialen Autorität“.

Zagajewski liest den anrüchigen Text eher „als Rollengedicht, in dem sich Brodsky als russischer Ganove inszenierte“. Spiel statt Beleidigung? Michael Krüger hört hier Brodskys „Bauchstimme“ heraus und bedauert, dass der Dichter jetzt für diesen bewusst unveröffentlichten Missgriff „als russischer Superpatriot in Anspruch genommen wird“.

Hintersinnig meint Lars Gustafsson, der Fall lehre zweierlei: „Wir haben keine Kontrolle über die Zukunft unserer Texte. Und jeder Mensch enthält seine eigene Negation.“ Marcel Beyer indessen springt zornig dem toten Kollegen bei und findet „diese ganze Tribunalsituation fürchterlich. Denn jeder darf jeden Scheiß schreiben, den er will“.

Auch dies bleibt nicht ohne Widerspruch, wobei sich der souveräne Moderator Günter Blamberger über solche Kontroversen freut. / Axel Hill und Hartmut Wilmes, Kölnische Rundschau

113. Premio Casa de las Américas

Der Literaturpreis Premio Casa de las Américas wird seit 1960 jährlich vom kubanischen Verlag Casa de las Américas in verschiedenen Kategorien vergeben (Lyrik, Erzählung, Roman, Theater, Essay, Brasilianische Literatur).

Der Preis für Lyrik geht 2015 an Bajo el brillo de la luna von Nelson Romero Guzmán, Kolumbien. Die Jury bestand aus Piedad Bonnett, Kolumbien; Manuel Orestes Nieto, Panama; Tony Raful, Dominikanische Republik; Ariel Silva Colomer, Uruguay, Alex Fleites, Kuba.

Ehrende Erwähnungen für
La estación von Alejandro Castro, Argentinien.
El sastre von María Malusardi, Argentinien.

Der Preis für Brasilianische Literatur geht an den Roman Minha vida sem banho von Bernardo Ajzenberg. Eine Erwähnung für den Gedichtband Tempo Solto von Amálio Pinheiro.

Des weiteren geht der Premio de poesía José Lezama Lima an La novela de la poesía von Tamara Kamenszain, Argentinien.

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112. Rudolf Borchardt und die Frau

In einer für ihn typischen Denkfigur hat Borchardt sein individuelles Schicksal mit demjenigen seiner Nation identifiziert. Die rasante Modernisierung Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der damit einhergehende Verlust aller Verbindlichkeit – das war die Auflösung familiärer Gemeinschaft, wie er sie unmittelbar im Elternhaus erfuhr! Entsprechend verstand er die eigene Ehe auch als kulturpolitische Aufgabe. Borchardt, der Anwalt der Tradition, musste sich auch persönlich fortpflanzen! Seine erste Frau, Karoline, konnte ihm jedoch nach einer Unterleibserkrankung keine Kinder gebären. Als er sich 1918 in Marie Luise Voigt, eine Nichte Schröders, verliebt, taucht deshalb sehr schnell die Idee einer höheren Mission auf. Er, Rudolf, und sie, Marie Luise, gründen mit der Heirat eine Keimzelle, von der die Wiederbringung deutscher Gemeinschaftlichkeit überhaupt ausgehen soll. Es wurde, man glaubt es kaum, eine glückliche Ehe mit vier Kindern, an der zwar nicht Deutschland genas, wohl aber – in dem ihr möglichen Mass – die einsame Seele Borchardts. Das war ziemlich sicher das Verdienst der Frau, die ihn, wie er einmal erwähnt, «mit trockener Bestimmtheit» zu erden verstand: «Löse jetzt keine Weltprobleme, sondern küsse mir die Brust.» / Manfred Koch, NZZ 16.1.