Das Singen der Lavant

… wurde von Gedicht zu Gedicht lauter, bis es 1962 herrisch tönte: „Fragt nicht, was die Nacht durchschneidet, / denn es ist ja meine Nacht / und mein großer Pfauenschrei / und ganz innen drin die Zunge / mit der Botschaft nur für mich.“ Woher rührt das Unbehagen, das solche Verse auslösen, die sich wie im Trotz dagegen verwahren, das eigene Leid zu teilen oder sich abnehmen zu lassen? Der Dichter Thomas Kling, selbst spätestens seit seinem frühen Tod 2005 eine Ikone, schrieb über die in seinen Augen „berserkerhafte“ Christine Lavant in seinem Buch Botenstoffe, sie sei eben mehr „als eine naive ungefickte Alleinstehende, in ihrer Dichtung bloß ‚aufbegehrende‘ katholische Schmerzensfrau“. Ideologielos randaliere ihre Sprache gezielt gegen eine reaktionäre Nachkriegszeit, „deren in jeder Hinsicht unaufgeklärte (Gedicht-Lese-)Gesellschaft in die nekrophile Tradition des eigenen Körperhasses verliebt war.“

Ideologielos? Die ebenfalls österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz beschrieb unlängst in einer stupenden Analyse des Gedichts Wo treibt mein Elend sich herum? die Traditionen sadistischer Erziehung, in denen Lavants Sprache der Ausgrenzung sich bewege, und das am katholischen Gebet geschulte „Fühldenken“, durch das ihr Ich die Reflexion ersetze und also suggeriere: kein Ausweg, nirgends.

Die Berliner Dichterin Monika Rinck bestätigt diese Lesart im Prinzip, wenn sie in einem Essay in der aktuellen Ausgabe der Neuen Rundschau in einer Nebenbemerkung schreibt: „Was aber, wenn die Lavant sich aufmacht, gegen die Entsagung anzugehen, und das Gedicht am Ende doch wieder nur Sublimierung ist?“ Das Gedicht wird also zur Ersatzhandlung, entwertet wird damit sowohl das Gedicht, als auch der Akt des Widerstands, der die Grenzen des Gedichts ja nicht überschreitet. Mit Streeruwitz gelesen, macht sich Lavants Gedicht sogar die Methoden zu eigen, die sich jahrhundertelang so gut eigneten, unter anderem Frauen dazu zu bringen, an ihrer Unterdrückung nichts zu ändern. Sie trete also auf der Stelle. „Selbst wenn morgen dann die Sonne / ganz erschöpft und fast verwachsen / mit der Fegefeuerknospe / rasten will, wird sie vertrieben – / denn es ist ja meine Knospe / auf dem Rücken meines Steins / und für meine nächste Nacht“, endet das Eröffnungsgedicht von Lavants letztem eigenständigen Gedichtband Der Pfauenschrei, dessen Anfangsverse oben schon zitiert wurden. (…) / Insa Wilke, Die Zeit

2 Comments on “Das Singen der Lavant

  1. Sehr schön. Sehr reich und weitreichend. Das katholische Österreich, mit Christine Lavant und Thomas Berhard beschworen. Wo ist das nationalsozialistische? Die beiden Adjektive gehören zusammen, zumindest bei Bernhard.

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  2. Monika Rinck schreibt: Bei dem oben zitierten Essay aus der NEUEN RUNDSCHAU handelt es sich um einen literarischen Text mit dem Titel DER LEERE ZUR VERWECHSELN ÄHNLICH. Die Frage “Was aber, wenn die Lavant sich aufmacht, gegen die Entsagung anzugehen, und das Gedicht am Ende doch wieder nur Sublimierung ist?” wurde aus dem Zusammenhang gerissen und einer anderen Argumentation aufmontiert.

    Hier mein Essay zur Lavant, den ich vor einiger Zeit in Meran gehalten habe.

    DAS ALLGEWUSSTE LEID – DIE ALTBEKANNTE FREUD

    Die schöpferische Kraft, das ist die Kraft des Machens. Vielleicht am stärksten dort, wo es dieser Kraft gelingt, selbst aus dem Leiden, aus der Traurigkeit etwas zu machen, das als Gemachtes nicht mehr alleine Leiden ist, sondern auch etwas Anderes.

    Das sehr knappe Nachwort Thomas Bernhards, das seine Auswahl von Lavant-Gedichten beschließt, die im Übrigen lange Jahre die gebräuchlichste Ausgabe von Lavant-Gedichten darstellte, rückt freilich das Leiden in den Mittelpunkt. Dort lesen wir: „Dieses Buch dokumentiert die Chronologie der Christine Lavant, die bis zu ihrem Tod weder Ruhe noch Frieden gefunden hat und die in ihrer Existenz durch sich selbst gepeinigt und in ihrem christlich-katholischen Glauben zerstört und verraten war; es ist das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern missbrauchten Menschen als große Dichtung, die in der Welt noch nicht so, wie sie es verdient, bekannt ist. Diese Auswahl folgt nur meinem Verstand, keinem andern.“

    In diesen wenigen Sätzen wird überdeutlich große Dichtung an das Leiden ihrer Autorin gefesselt, hier begegnet das Tragische als Sinn- und, zugegebenermaßen etwas billig gesagt, Qualitätsgarantie. Ich möchte ja gar nicht leugnen, dass Lavant ein schweres Leben hatte, aber es stört mich, dass hier die Bedeutung allein über das Leid versichert wird – ein gerne gemachter melodramatischer Zugriff, der dem Leid mehr Tiefe unterstellt als der Freude. Nicht soll geleugnet werden, dass Tragisches sich vollzieht und im Leben von Lavant auch vollzogen hat. Es soll auch nicht etwa behauptet werden, dass Trauer keinen Ort in der Dichtung haben soll, nein, nein, nein. Vielmehr bedauere ich, dass man sich weithin auf eine Lesart der Lavant geeinigt hat, die das Leid, nicht aber die Freude, durchaus auch die Freude am Grotesken und Fatalen, und Lavants enorme Stärke des Machens, des Umwandelns, des Übersetzens in den Blick nimmt.

    Denn die Kraft des Machens ist eine Freude. Sie ist auch die Freude des Schöpfers. Und die des Dichters und der Dichterin. Freilich, ihr Leid zuweilen auch. Und auch den Schöpfer reute, kurz vor der Sintflut, dass er die Menschen gemacht hatte. Eine Sintflut zu schicken, soweit würde die Dichterin keineswegs gehen. Aber sie schickt uns etwas anderes: Sie schickt uns einen Segler! Und eine Mannschaft.

    Hier ist das Gedicht der Piraten-Dichterin Christine Lavant,
    das im Zentrum meiner Ausführungen steht.

    Trau der Mannschaft deines Seglers zu,
    daß sie tüchtig aus der Trunkenheit
    aufstehn könnte, jeder einzeln aufstehn,
    jeder noch bis übers Kinn besoffen,
    aber hingehn und das Seine tun!
    Zwischen Sternen, die zum Teufel gingen,
    ist es herrlich, selbst den Beelzebuben
    so im Leib zu haben wie die Kerle
    deines gottverdammten Leichenkastens.
    Glaubst du denn, der Wind trägt dich dorthin,
    wo du hinwillst? – jeder Wind ist herrlich
    und verwandt mit aller Teufelei!
    Ach, für ihn bist du ein Taschenmesser,
    das er einsteckt, ohne es zu merken,
    wenn du durch und durch voll Vorsicht bist.
    Deine Mannschaft, die du bündeln willst,
    und aus ihrem Rücken Riemen schneiden,
    schnitzt für dich aus einer Erdnußschale
    noch ein viel zu großes Rettungsboot.
    Hau jetzt ab samt deiner Nüchternheit!
    Dieses Schiff wird nie verständig werden −
    melde oben bei dem Bootsverleiher,
    daß wir brüllend und das Maul voll Suff
    seine Sterne aus der Hölle holen.

    Spüren Sie die ungeheure Kraft, die von diesem Gedicht ausgeht? Fast will man es packen und damit raufen. Ich habe es vor zwei Wochen den versprengten übriggebliebenen Teilnehmern einer Romantikkonferenz in Frankfurt vorgelesen, das war in der U-Bahn, und was sich vorerst nur an die drei Bekannten richtete, wollte sogleich lauter werden und sich hinaus, an alle Passagiere wenden. Das Gedicht schien zudem, gerade im Rückblick auf die Frankfurter Konferenz zur deutschen Romantik über eine allem anderen überlegene Direktheit zu verfügen, eine Nähe zu den eigenen Beweggründen, auch den eigenen Abgründen? Nun ja, nur dann, wenn das der Abgrund ist, wo der Motor steht.

    Trau der Mannschaft deines Seglers zu,
    daß sie tüchtig aus der Trunkenheit
    aufstehn könnte, jeder einzeln aufstehn,
    jeder noch bis übers Kinn besoffen,
    aber hingehn und das Seine tun!

    Aus einer Regression, der Vorherrschaft einer unkontrollierten Stimmung, einer Laune, einer Trübsal vielleicht auch, oder einfach des Rausches, wenn wir das Gedicht beim Wort nehmen wollen: steht die Mannschaft auf. Sie kann das – und zwar weil man es ihr zutraut. Die Mannschaft deines Seglers – das ist bereits eine Ermächtigung des Lesers: Ich habe eine Mannschaft, ich habe einen Segler, und offenbar ist es meiner. Ich muss ihm nur trauen. Das vollbringt Lavant bereits in der ersten Zeile. (Eine andere Lesart könnte behaupten, das Gedicht adressiere in der ersten Zeile Gott, aber warum müsste es dann in der letzten Zeile zur 3. Person überwechseln… Nein, ich möchte Sie bitten, mir darin zu folgen, Sie sind gemeint, ich bin gemeint, wir sind gemeint.)

    Welche Mannschaft steht hier auf? In den Seilen hingen die Matrosen. In Hängematten dämmerten sie schaukelnd im Dunklen. Nun erheben sie sich: Sind es die inneren Vermögen, die Geisteskräfte, die Intuition, der Wunsch zur Gedankenbildung, der Erfindungsreichtum, die List, die unbedingte Entschlossenheit, oder auch die Wut? Sie liegen in einer flüssigen Stimmung – sind fest und fluid.

    Ich denke mir hier die Deutung als eine Art von Wasserwaage, die ich dem Gedicht entgegen halte. Wie aber sähe das aus? Was würde geschehen, in dieser Schieflage – und wo ist oben? Wir wissen alle, wie eine Wasserwaage ausschaut, aber nun stellen Sie sich einmal vor: ein offenes Wasser, das sich selber wiegt, oder zwei ineinander fließenden Wassermassen, die sich im Gleichgewicht, oder gar im Lot halten. Fluten, mit Hilfe derer ich feststellen kann, ob ich im Begriff bin, das Bild gerade anzubringen. Ein gerade angebrachtes Bild – und dagegen die elementare Gewalt von Wassermassen als eine Art von Waage. Ein widersinniger Gedanke? Vielleicht. Aber das tüftelnde präzise Heranhalten und das Geflutetwerden sind beide gleichermaßen Teile des Gedichts.

    Man nennt das Innenleben der Wasserwaage übrigens Libelle, eigenartig, nicht wahr? Das erklärt sich so: Die Libelle ist der lateinische Begriff für kleine Waage. Die Libelle wurde also aufgrund ihres Waagrecht-Stehens mit einer technischen Vokabel der Messtechnik benannt, nicht umgekehrt. Und ich vermutete eben noch ein mit blau schillerndem Leib so schrill wie still in der Luft stehendes Insekt in der Wasserwaage vorzufinden: Sag mir Libelle, ist alles gerade? Sag mir Libelle, steh ich im Lot? Sie sehen: Bereits auf der Ebene der Worte ist beides vereint. Ich zitiere aus dem Etymologischen Wörterbuch: „Das schön gefärbte, während des Fluges blitzschnell Richtung und Flughöhe ändernde Raubinsekt nennt Linné (18. Jh) zoologisch-lateinisch LIBELLULA. Dieser Name ist eine gelehrte deminuierende Bildung zu lat. libella, seinerseits Deminutivum von lat. LIBRA (Blei- oder Wasser)-waage, weil die Flügel während des Fluges waagrecht angespannt sind. Daraus neuhochdeutsch: Libelle.“ Eine doppelte Verkleinerung musste vorausgehen, bis die Waage in der Lage war, die Libelle zu benennen. Lassen wir diese über den Süßwasserseen stehen, über den stillen schattigen Teichen im Wald und wenden wir uns erneut der Mannschaft meines (oder Ihres, wenn Sie so wollen) Seglers zu.

    Oder nein, gestatten Sie mir noch eine kleine Abschweifung, ich las Lavant auf dem Weg zurück von Frankfurt nach Berlin, und wie das regnete am vorletzten Wochenende! Der Regen stürzte und riss an den Fenstern entlang und wir rasten mit dem ICE-Sprinter, der zwischen Frankfurt und Berlin nur ein einziges Mal hält, mit 300 Kmh durch die Landschaft und ich lese Lavant. Ich lese Lavant auf einem rasenden Schalensitz und wir sausen durch die grünsten, tiefsten, nassen, von oben und unter grün durchnässten allergrünsten Wiesen – die Wiesen trinken, die Flüsse trinken, die Büsche und Bäume trinken, und das Laub trinkt. Alle sind trunken. Auch die Fußballfans übrigens, zwei Wagen weiter, aber das macht nichts. Es schauert mich schier vor Fülle. Und die Gedichte Lavants scheinen alles noch zu beschleunigen und zu verstärken, ich spüre auch die Gewalt, die die Geschwindigkeit dieses Zugs ist, ich spüre die durchtränkte grüne, in allen Tönen von grün sich hingebende Fülle der umnebelten Landschaft viel stärker, indem ich die Gedichte lesen und ich spüre die Gedichte soviel stärker, indem ich durch diese satte Frühlingslandschaft rase. Diese nassen Frühlingstage, in denen die Luft vor duftender Sattheit fast die Farbe verändert, manchmal harzig vor Duft ist, die satten Wiesen, wieder der Duft und das Losbrüllen der Vögel. Ein Lebensgefühl, könnte man sagen, wenn das Wort vom Gebrauch nicht so verhunzt wäre. Sagen wir dennoch: ein Lebensgefühl.

    Trau der Mannschaft deines Seglers zu,
    daß sie tüchtig aus der Trunkenheit
    aufstehn könnte, jeder einzeln aufstehn,
    jeder noch bis übers Kinn besoffen,
    aber hingehn und das Seine tun!
    Zwischen Sternen, die zum Teufel gingen,
    ist es herrlich, selbst den Beelzebuben
    so im Leib zu haben wie die Kerle
    deines gottverdammten Leichenkastens.

    Die Sterne sind zum Teufel gegangen, freiwillig etwa? Können die dann oben noch leuchten? Vielleicht. Vielleicht blieb ihr Licht am Himmel stehen und es stürzten alleine die Sterne hinab, dies ist ein Sinnbild der Apokalypse. In der Offenbarung des Johannes heißt es: „Und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde wie die Winterfrüchte vom Feigenbaum, wenn er vom Sturmwind geschüttelt wird. [Und der Himmel verschwand wie eine Buchrolle, die man zusammenrollt, und jeder Berg und jede Insel wurde von ihrem Platz gerückt. Und die Könige der Erde, ihre Grossen und Befehlshaber, die Reichen und die Mächtigen, und jeder, Sklave wie Freier, verbargen sich in den Höhlen und in den Felsen der Berge und sie sagen zu den Bergen und zu den Felsen: Fallt auf uns und deckt uns zu vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes. Denn gekommen ist der große Tag ihres Zorns. Wer kann da bestehen?]“

    Wir kennen die stürzenden Sterne auch von der Dürerschen Darstellung der Melancholie, da scheinen sich die Sterne rasend ins Tiefdunkle zurückzuziehen. Davor kauert brütend die Melancholie und keine Hilfe sind ihr die allegorisch um sie her drapierten Wissenschaften, doch Flügel hat sie, das wollen wir nicht vergessen. Einstweilen hat die Melancholie ihre Flügel, nur um nicht zu fliegen, doch irgendwann, irgendwann wird sie prüfend ihre Flügel entklappen und sich in die Lüfte erheben, um endlich durch den sternenlosen Himmel gleitend, von oben zu sehen, wo sie sich einmal befand.

    Doch wo befinden wir uns? Auf dem Meer? Rollen die Sterne nun in der Hölle herum, wo auch wir sind … zwischen den Sternen? Oder geht es um die Distanz – dann meinte das Wort zwischen die Spanne zwischen Firmament und Hölle, und umfasste demnach alles, was zwischen den Sternen und der Hölle liegt. Das hieße, es gebe sie nun bereits zweimal? Nun ja, wir werden sehen. Interessant wäre hier ein Vergleich mit Badious Gedanken zu einem langen Piratengedicht von Pessoa (Alvaro de Campos) der „Meeresode“ – einem Aufsatz, dem Badiou den Titel „Grausamkeiten“ gegeben hat, wo Selbstauflösung und Wildheit, melancholische Regression, die paradoxe Verbindung von leidendem und fühllosem Körper zur Sprache kommen. [Badiou: Das Jahrhundert. Berlin, Zürich 2006] Ein andermal.

    Weiter im Gedicht: Dass es herrlich sei, den Beelzebuben im Leib zu haben: Wir können annehmen, dass der Pirat womöglich vom Teufel besessen ist, aber weil hier das Adjektiv HERRLICH bestimmt nicht unbedacht platziert worden ist, ist ebenso denkbar, dass Lavant auf gewisse theologische Konzepte anspielt, in denen der gewaltige, mächtige Gott auch noch den Teufel beinhaltet, ihn dominiert, indem er ihn in die eigene Omnipräsenz integriert. Aber es ist ja ein Vergleich: „herrlich, selbst den Beelzebuben / so im Leib zu haben / Wie die Kerle deines gottverdammten Leichenkastens. So wird nun wieder zu mir gesprochen – es ist mein gottverdammter Leichenkasten. Ah. Weiter mit der Herrlichkeit, denn: Auch jeder Wind ist herrlich!

    Glaubst du denn, der Wind trägt dich dorthin,
    wo du hinwillst? – jeder Wind ist herrlich
    und verwandt mit aller Teufelei!
    Ach, für ihn bist du ein Taschenmesser,
    das er einsteckt, ohne es zu merken,
    wenn du durch und durch voll Vorsicht bist.

    Und ja, im Wind sind göttliche und dämonische Anteile – und der Geist ist ebenso darin. So sagt es Jesus in einer nächtlichen Szene im Johannes Evangelium. Nikodemus hat ernsthafte und drängende theologische Fragen, die ihn nicht zur Ruhe kommen lassen und die er hofft, mit Jesus zu besprechen. Sie betreffen zum Beispiel die Wiedergeburt durch Taufe: Wie kann denn ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Und Jesus antwortet, die mütterliche Position übergehend: Ihr müsst von oben geboren werden. Und schließt dann an: „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ Eine dunkle und verrätselnde Antwort, aber auch eine Antwort, die von der Willkür und Wendigkeit des Windes berichtet. Willkürlich wie der Wind, naturhaft und göttlich. In einigen Schichten setzt sich dies in der Bibel, stärker noch in den Ritualen des Volksglaubens fort. Denken Sie zum Beispiel an das Kirchlein zum Bösen Segen! Das sie hier haben, gleich nebenan in St. Hyppolyte, das Gewitterkirchlein. Die Willkür und Wendigkeit des Windes, ein Windstoß der Gedanken bringt und nimmt, der zerstreut und inspiriert – man kennt das. Die gewohnte Konzentration wird schwer, aber es kommt eine andere Gewalt hinzu. Und die Haare flattern am Kopf, als seien sie selbst die Gedanken, die weg wollen.

    Glaubst du denn, der Wind trägt dich dorthin,
    wo du hinwillst? – jeder Wind ist herrlich
    und verwandt mit aller Teufelei!
    Ach, für ihn bist du ein Taschenmesser,
    das er einsteckt, ohne es zu merken,
    wenn du durch und durch voll Vorsicht bist.

    Die Willkür des Windes muss bejaht werden. Und wenn wir hier lesen, er sei herrlich, dann spricht das auch für die Wahrscheinlichkeit der obenstehende Deutung, dass das erste Auftreten des Adjektivs HERRLICH von Lavant bewusst im Sinne der Herrlichkeit des Herrns gesetzt worden ist. Für ihn bist du ein Taschenmesser, mobil, praktisch, klein, ohne Ort, zum Mitnehmen, etwas, das sich vergessen lässt, am Ort der Jause, wenn man weiterziehen muss, das aber in manchen Momenten auch unersetzlich ist. Hier ist es der Wind, der es mitnimmt. Aber nur dann, wenn man selbst so gar nichts mit dem Wind gemein hat. Ist man aber wie der Wind, trägt man Anteile des Windigen in sich, dann wird der Wind einen nicht so ohne Weiteres in die Tasche stecken können. Freilich, den Elementen ebenbürtig sein zu wollen, ist die reine Hybris – aber vielleicht kann man sie schon beeindrucken, mit einer tollkühnen und wie sinnlosen Tapferkeit, die eigene Schwäche vergessend und fast ausgerenkt vor Energie… Und ist das womöglich dort, wo auch die Tapferkeit und wilde Hybris der Dichterin haust?

    Rufen wir uns ins Gedächtnis, wie das Gedicht weiter geht:

    Ach, für ihn bist du ein Taschenmesser,
    das er einsteckt, ohne es zu merken,
    wenn du durch und durch voll Vorsicht bist.
    Deine Mannschaft, die du bündeln willst,
    und aus ihrem Rücken Riemen schneiden,
    schnitzt für dich aus einer Erdnußschale
    noch ein viel zu großes Rettungsboot.

    Deine Mannschaft, besser gesagt: meine Mannschaft ist mir offenbar in vieler Hinsicht überlegen. Auf jeden Fall in Sachen Größe! Das Rettungsboot, das sie mir aus einer Erdnussschale schnitzen, man stelle sich das vor, ist immer noch viel zu groß für mich! Wie klein muss ich dann sein! Und wie groß ist die Mannschaft meines Seglers, der ich trauen soll, ich wiederhole:

    Trau der Mannschaft deines Seglers zu,
    daß sie tüchtig aus der Trunkenheit
    aufstehn könnte, jeder einzeln aufstehn,
    jeder noch bis übers Kinn besoffen,
    aber hingehn und das Seine tun!

    Man kann es nicht oft genug wiederholen. Irre Größenverhältnisse – und ein Gedicht, in dem all dies Platz hat, muss noch größer sein als all dies! Es ist enorm, wie dieses Gedicht die Elemente bergen kann – vielleicht weil es selbst so wie die Elemente ist. Gewiss. Gewiss.

    Hau jetzt ab samt deiner Nüchternheit!
    Dieses Schiff wird nie verständig werden −
    melde oben bei dem Bootsverleiher,
    daß wir brüllend und das Maul voll Suff
    seine Sterne aus der Hölle holen.

    Dieses Schiff wird nie verständig werden. Oh. Dieser Satz prägte sich mir beim ersten Lesen unwiderruflich ein – und ich weiß immer noch nicht, ist der Satz unterlegt von wildem Trotz, ist er einfach Klipp und Klar Behauptung, ist er Versprechen oder Warnung? Bedauernd wird er gewiss nicht gesagt, glaube ich. Wehrt er sich? Verteidigt er sich? Ist es gar die Wut der Dichtung, die hier mitspricht? Gegen die allenthalben an sie herangetragenen Wünsche nach größerer Eingängigkeit? Ein Wunsch, dem bereits in der oben zitierten Passage aus dem Johannes-Evangelium der Gar aus gemacht wird, wenn Nikodemus die Antwort erhält: Der Wind weht, wo er will… Heißt das nicht, du musst die Willkür dessen, was größer und stärker ist als du, anerkennen, mehr noch, ihr vertrauen und mit ihr in See stechen: Trau der Mannschaft deines Seglers? Ganz gleich ob das Schiff verständig je werden wird.

    Darauf folgt die schier atemnehmende Ankündigung:

    melde oben bei dem Bootsverleiher,
    daß wir brüllend und das Maul voll Suff
    seine Sterne aus der Hölle holen.

    Das heißt: Wir, meine Mannschaft und ich, wir machen die Apokalypse rückgängig. Das kann nur jemand machen, der das Leid erfahren, aber auch herausgefordert hat. Es ist ja durchaus eine gewisse Abenteuerlust zu hören in der ersten Zeile eines anderen sehr berühmten Lavant-Gedichtes: „Ich will vom Leiden endlich alles wissen.“ Das bedeutet ja nicht, ich will jetzt endlich alles erleiden, sondern, ich will es vollständig, vollkommen wissen. Wir werden später auf dieses Gedicht zu sprechen kommen, ab 19 Uhr, im Rahmen der Lesung.

    Hier zeigt sich der Stolz und Triumph des Dichtens, vielleicht sogar der Dichterin! Der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt weist am Ende seines Buches „Wörterleuchten“ darauf hin, dass der Akt großartig selbstbewusster Prahlerei ein kostbares Element der abendländischen Lyrik sei. Stolz, angesichts überdauernden Wirkung, so die Überzeugung Horaz, ihrer lebendigen Weitergabe von Erlebnis und Affekt, angesichts der dichterischen Geste Shakespeares, mit der die Geliebte dem Gedächtnis der Menschheit ewiglich anvertraut wird, wo sie nie zuschanden gehen wird. Dies sei nicht dichterische Eitelkeit, schreibt von Matt, sondern Einsicht in die Tatsache, dass die Menschheit nie ohne Verse gelebt habe und ohne Verse nie leben wird.

    Hm, so ungebrochen können wir dies heute vielleicht nicht mehr sehen – und sagen mit einer bereits anresignierten Hoffnung leise, zudem redensartlich routiniert: Nunja, dein Wort in Gottes Ohr. Doch halt – haben wir Gott nicht gerade eben in seiner Tätigkeit als Bootsverleiher kennengelernt?

    melde oben bei dem Bootsverleiher,
    daß wir brüllend und das Maul voll Suff
    seine Sterne aus der Hölle holen.

    Das ist Lavants Wort in Gottes Ohr – und wir hören nach wie vor sein gewaltiges Echo. Und da die Sterne noch oder wieder am Himmel sind, wovon wir uns Nacht für Nacht bei klarem Himmel überzeugen können, bedeutet dies, dass es Lavant und der Mannschaft ihres Seglers, vielleicht sogar unterstützt von der Mannschaft meines Seglers, und auch der Mannschaft Ihres und Eures Seglers gelungen sein muss, die Sterne aus der Hölle zu holen!

    Ich danke Ihnen (und der Mannschaft Ihres Seglers) für Ihre Aufmerksamkeit.

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