106. Kritik der Kritik

Sehr geehrte Frau Veit,

vielen Dank für Ihre Rezension und die Beschäftigung mit Majakowskis Poem „der fliegende Proletarier“. Ich muss Ihnen allerdings die Bedeutung des Gedichtes noch einmal darstellen und auf die Kunst der Übersetzung hinweisen.

Majakowskis Text ist ein in der Weltliteratur einzigartiges Beispiel für die Verbindung von Poetologie und politischer Lyrik. Die Verse verhandeln bis ins Detail die ästhetischen Debatten der Avantgarde und jungen Sowjet-Kunst: vom Futurismus und Konstruktivismus bis hin zur Literatur des Fakts und dem proletarischen Agitprop. Die Verfahren der neuen Massenmedien, die in den 20er Jahren aufkamen – Radio, Kinofilm, Pulp-Literatur, Werbung, Comic, Plakat – verbindet Majakowski in seinem Text auf eine Weise, wie dies keinem anderen Dichter gelungen ist. Zudem ist sein Text ein Paradebeispiel der utopischen Literatur. Die Thematisierung von Luftkrieg und Raumfahrt ist angesichts der geostrategischen Auseinandersetzungen, die um den „Kontinentalblock“ geführt werden, bis heute aktuell.

Die Übersetzung ist von einer fast wörtlichen Werktreue und erlaubt sich nur dort kleine Freiheiten der Nachdichtung, wo es darum geht, die durchgehende Reimstruktur des Textes nachzubilden und für den Leser erlebbar zu machen. Auch die vereinzelten Verwendungen von Alltagsjargon sind durchaus im Wortsinn des Originals oder entsprechen der Haltung und Tonalität Majakowskis selbst. Dies richtig zu gewichten, muss Literaturkritik schon leisten können.

Das Poem stellt in jedem Fall einen der wichtigsten Klassiker der Avantgarde-Literatur dar. Die im Buch vorhandenen Illustrationen treffen genau den Geist der Zeit. Nachwort, editorische Notiz und Zeitleiste helfen zum kontextuellen Verständnis und werden literaturwissenschaftlichen Kriterien gerecht. Als Lektüre unbedingt zu empfehlen!

Zwei Gedenktage sind ebenfalls im April 2015 mit dem Buch zu verbinden:
6.4.1925 – Premieren-Lesung des „Proletariers“ durch Majakowski im Moskauer Bolschoi-Theater (vor 90 Jahren)
14.4.1930 – Selbstmord Majakowskis (vor 85 Jahren)

Mit herzlichen Grüßen
Boris Preckwitz

(Vgl. hier)

One Comment on “106. Kritik der Kritik

  1. Der Replik von Boris Preckwitz kann ich weitgehend zustimmen. Ich erinnere mich an eine kritische Besprechung jener Kritikerin zu meiner Anthologie „Als Gruss zu lesen“ (Russische Lyrik 2000-1800), Zürich 2012, in der sie ein alogisches Gedicht von Kasimir Malewitsch als „Buchstabensalat“ bezeichnete, in der naiven Annahme, es bestehe aus lauter Druckfehlern. Wie naiv darf – oder muss? – eine Lyrik- und Übersetzungskritikerin sein, um sich mit Verrissen auf solchem Niveau zu profilieren?

    Felix Philipp Ingold

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