16.NAHBELLPREISTRÄGER 2015: JONAS GAWINSKI

www.lyrikszene.de / Der 16.Nahbellpreis 2015 geht an JONAS GAWINSKI – das G&GN-Institut gratuliert dem Preisträger! Lesen Sie das große Interview mit dem jungen Dichter: „SEXUELL, POLITISCH UND KULTURELL DURCHTRÄNKT“ hier:
http://poemie.jimdo.com/nahbellpreis/preistraeger-portraits/16-nahbell-preis-2015-jonas-gawinski/

Auszug aus dem Interview:

6.NAHBELLFRAGE (21.1.2015):
was (und warum) ist ein „unaushaltbares“ gedicht? kannst du das bitte vertiefend erklären?

6.NAHBELLANTWORT (25.1.2015):
so ein Text muss entstehen, er darf nicht. Er treibt einen in den Wahnsinn, das ist ein verdammt scharfschneidiger Werdungsprozess, der alltäglichen Problemen ausgesetzt ist, zum Beispiel, wie viele Pfandflaschen ich zusammensuchen muss um mir Allen Ginsbergs Gesammelte Gedichte kaufen zu können. Oder um mir die neue CD von Wagner zu kaufen, irgendwelche unbedeutenden Variationen. Keiner würde Wagner hören, seine Tage sind gezählt. Ein scharfschneidiger Existenzialismus. Man lebt einfach dahin, wir werden von der Zeit festgehalten wie Statistiken, ich singe für eine verlorene Generation, die an der Starrsinnigkeit der zeitgemäßen —Lyrik— leidet, ich singe für die Hartz4Kinder, die wie ich ein Dichter sein könnten, ich singe, sie sprechen zu lehren– jedenfalls, Tom, denke ich, dass ich demnach als Autor ein unaushaltbares Gedicht bin, ich werde gelesen und vergessen und am Ende jeden Tages bleibt nur noch das Vergessen und die Liebe, wie am Ende jeder Zeile. Die auszehrende Leidenschaft, das Liebesgedicht, beide sind irgendwo in mir, wie Totgeburten.

Heute startet das Poesiefestival Berlin

Heute startet das Poesiefestival in der Akademie der Künste und es geht acht Tage lang. Es findet zum 16. Mal in der Stadt statt, aber dieses Mal wird man es vielleicht neu betrachten. (…) Gibt es einen zarten Aufschwung der Lyrik?

Schreibt die Morgenpost und befragt Thomas Wohlfahrt, Leiter der Literaturwerkstatt Berlin und Direktor des Poesiefestival Berlin.

Wulff: Kommen wir noch einmal auf Jan Wagner zurück. Ich fand es nicht in Ordnung, dass er den Preis in Leipzig bekommt hat. Nathan Zuckerman, die Philip Roth Figur, hat in einen der Bücher festgestellt, dass Prosa und Lyrik zwei komplett unterschiedliche Disziplinen seien. Und das sind sie auch. 

Wohlfahrt: Ich sehe das genauso. Lyrik ist eine eigenständige Kunst, die eigene Strukturen auch der Bewertungen braucht – und eben auch eigenständige Bepreisungen. Wir haben in der Schule diesen angeblichen Dreiklang von Drama, Prosa und als Königskategorie die Lyrik. Das hat es bloß so nie gegeben, die Lyrik kommt ganz woanders her. Die Lyrik ist entstanden zwischen Musik und Tanz und hat dort ihr Eigenleben geführt. Die großen Erzählungen wie die Odyssee zum Beispiel oder auch der Gilgamensch kamen ja nur um die Welt, weil die Menschen eine Gedächtnistechnik hatten so wie wir sie auch kennen, über Reime und Verse. Der soziale Ort für die Lyrik war der Marktplatz, da wo die Menschen zusammenkommen und die Gedichte weitertragen.

(…)

Ich empfehle unbedingt den „Eilbrief nach Europa“ mit Künstlern aus Afrika am Sonnabend, die intermediale Show „Poetry goes Public“ am 22.6., aber auch die Veranstaltungen zur chinesischen Poesie am 24. und 25.6. Denn seit den 70er-Jahren gab es keine so große Versammlung chinesischer Lyrik in Deutschland. 

/ Matthias Wulff, Morgenpost

16. Poesiefestival Berlin, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, vom 19. bis 27.6., poesiefestival.org

Prolog X4

Ausstellung und Release – 27.6. – 30.6.15

Wer wissen möchte, welche künstlerische Transformation das „Kapital“ von Marx im Jahr 2015 erlebt und wieso Thomas Morus sich kopflos geträumt hat, dem empfehlen wir die neue Ausgabe des Prolog- Heft für Zeichnung und Text zum Schlagwort u-TOPIEN. Außerdem in der neuen Ausgabe: stolpernde Gräser und Langsamgeher, ein utopisches Möglichkeitenuniversum, ein ganzer Schwall Schwalben, Enten, die barfuß gehen, Ikarus und Artemis, etwas zur Zukunft deutscher Mittelstädte, Zeichnungen, Bilder, Collagen, Gedichte, Gedanken, Texte und ein rotes Ufo…

Wir laden herzlich ein zur Heftrelease der 14. Ausgabe des Prolog. Prolog X4 versammelt auf 68 Seiten Arbeiten von 48 Künstler- und AutorInnen zum Thema u-TOPIEN. Vom 27.-30.6. stellen wir die neue Ausgabe mit Ausstellung und Lesungen vor. In der begleitenden Ausstellung werden Arbeiten der an dieser Ausgabe beteiligten KünstlerInnen zu sehen sein. Zu Gast sind wir dieses Mal im Pavillon am Milchhof in Berlin Prenzlauer Berg.

27.6. ab 17 Uhr Eröffnung der Ausstellung und Heft-Release, parallel läuft das Sommerfest der Ateliergemeinschaft Milchhof e.V. mit Bar, Musik und…

28.6. und 29.6. 14 Uhr – ca. 21 Uhr geöffnet, ab 19 Uhr „Künstler-Tresen“

30.6. 14 Uhr – 21 Uhr geöffnet, ab 18 Uhr Finissage & Short-Lesungen u.a. mit Clemens Schittko, Kai Pohl, Stephan Brenn, Susanne Eules, Lars-Arvid Brischke

Programm ist noch in Arbeit…

Prolog X4 mit Arbeiten von: Albrecht Wild, André Patten, Anett Lau, Anke Becker, Andreas Koletzki, Anton Schwarzbach, Astrid Köppe, Ben G. Fodor, Christoph Vieweg, Clemens Schittko, Dorit Trebeljahr, Erwin Schumpeter, Franziska Peter, Georg Kakelbeck, Grazyna Zarebska, Hagen Klennert, HEL Toussaint, Ilse Ermen, Jonis Hartmann, Juliane Laitzsch, Kai Pohl, Katharina Seidlitz, Käthe Wenzel, Katrin Heinau, Katrin Salentin, Kirsten Klöckner, Lars-Arvid Brischke, Liana Zanfrisco, Margarete Lindau, Martin Bartels, Mikael Vogel, Moritz Schleime, Nicole Wendel, Norbert Bücker, Ottfried Zielke, Patrick WEH Weiland, Pega Mund, Petrus Akkordeon, Ross Henriksen, Simone Scharbert, Susanne Eules, Silvia Lorenz, Søren Bjælde, Stefan Malicky, Stephan Brenn, Susanne Koheil, Su Tiquun, Uta Protzmann

Das Heft ist während der Ausstellungstage vor Ort erhältlich oder hier zu bestellen für 8€+Versand.

Utopisches Überraschungs-Special: Einige Ausgaben des neuen Heftes sind mit kleinen Grafiken, Zeichnungen und Unikaten einiger Künstler- und AutorInnen erhältlich. Entweder vor Ort oder hier (Stichwort: Prolog X4 mit Unikat) für 15 €+Versand. So lange der „Vorrat” reicht.

Pavillon am Milchhof in der Schwedter Str. 232, 10435 Berlin, zwischen Kastanienallee und Mauerpark

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Quo vadis Bodypainting?

Sicher hat die Wiener Schule für Dichtung schon bessere Zeiten gesehen, vor allem finanziell. Da war früher mit Gastdozenten wie Allen Ginsberg, Blixa Bargeld, Falco oder Nick Cave entschieden mehr los in der Bude. Allerdings geht es uns bezüglich besserer Zeiten allen so. Poesie und Dichtung allerdings, die nicht als verkaufsfördernde Begleitmaßnahme für Werbesujets dienen muss – und sehr oft von Leuten erdacht wird, die nicht hart genug drauf sind, um von ihren Gedichtbänden nur zehn Stück zu verkaufen -, war immer auch ein Instrument der Verweigerung.

Verweigerung und Absage sind ein in Zeiten des neoliberalen Pragmatismus oder Zynismus leider viel zu selten gebrauchtes Instrument der Destabilisierung eines Systems, in dem wir alle demnächst einfahren werden. Die ganze Sache muss allerdings nicht bierernst genommen werden. Weinselig und mit Lachtränen in den Augen geht auch.

Das Motto des am Freitag startenden und von Direktor Fritz Ostermayer kuratierten Schule-für-Dichtung-Festivals Quo vadis Bodypainting? stammt von Friedrich Nietzsche: „Wir müssen die Dinge lustiger nehmen, als sie es verdienen, zumal wir sie lange Zeit ernster genommen haben, als sie es verdienen.“ Schatz, wir gehen unter, aber nimm‘ es mit Humor. / Christian Schachinger, Der Standard

Quo vadis Bodypainting? poesie und komik. eigentlich. aber kein symposium.
ein festival der schule für dichtung in kooperation mit dem literaturhaus wien und dem top kino.
19. bis 22. juni 2015, info: >> www.sfd.at/festival2015

Wiener Schule für Dichtung

W:ORTE; 1. Lyrik Festival Innsbruck

W:ORTE, das 1. Lyrik-Festival Innsbruck, nähert sich im Juni an 5 Tagen dem „Verdichten“ an und veranstaltet eine große Werkschau deutschsprachiger Lyrik in der Landeshauptstadt. An die 20 Autorinnen und Autoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum pilgern für fünf Tage nach Innsbruck. Aus verschiedensten ORTEN kommen sie um sich 5 Tage den W:ORTEN zu widmen.

Am Donnerstag stand der Lyriker José F.A. Oliver und sein brandneuer Essayband „fremdenzimmer“ (weissbooks 2015) im Mittelpunkt. Darin behandelt Oliver die Themen Migration, zweisprachiges Aufwachsen, Gast sein, sprachliche Unterschiede bei gleicher Bedeutung (z.B. Beim Wort WARTEN …) und führt uns, durch poetische Annäherungen in die „fremdenzimmer“ von poetischen Persönlichkeiten wie Fernando Pessoa, Friederike Mayröcker oder Federico Garcia Lorca. Dazu gesellten sich Moderator Rainer Weiß und die Musikgruppe FRANSEN.

Am Freitag gab die Lyrikerin und Musikerin Lydia Daher im Freien Theater Innsbruck ein Konzert mit lyrischen Zwischenrufen. Sie präsentierte den Band Und auch nun, gegenüber dem Ganzen – dies. 101 Collagen.

Die Autorin, die dieses Jahr die Jugendschreibwerkstatt des Literaturhauses am Inn leitet, ordnet darin Worte und Bilder aus Rezensionen verschiedener Zeitungen zu einer entlarvenden Collage um. Sämtliche Inhalte stammen aus den Literaturfeuilletons, und doch bleibt in dieser Cut-up-Lyrik nichts von ihnen übrig. / Der Standard

Am Samstag des laufenden kleinen „Festivals“ werden ab 11:00 Uhr im Halbstundentakt „Poetische Interventionen“ gereicht. 8 LyrikerInnen lesen – anmoderiert von den Moderatoren Robert Genk und Gabriele Wild – in einer gemütlichen Kaffeehausatmosphäre. (Restaurant Kunstpause). Um 20.30 Uhr folgt im Freien Theater die „Lange Nacht der W:Orte“.

U.a. werden folgende AutorInnen lesen:
* Christoph W. Bauer (A)
* Rolf Hermann (CH)
* Sandra Künzi (CH)
* Sabine Scho (D)
* Sepp Mall (I)
* José Oliver (D)
* Nora Bossong (D)
* Raphael Urweider (CH)
* Robert Schindel (A)
* Barbara Hundeger (A)
* Sabine Gruber (A)

Am Montag vormittag geht das Festival mit einem Podiumsgespräch zu Ende. Das bewährte Montagsfrühstück (9-11 Uhr) im Literaturhaus mit Sandra Künzi und Sabine Scho behandelt das Thema: „Poesie vs. Poetry – Formen, Funktionen und Konzepte von Lyrik heute.

Gestorben

In einem Dorf in der Nähe von Arles F ist am Dienstag der Berner Mundartlyrik-Pionier Ernst Eggimann 79-jährig gestorben. Mit seinen Gedichtbänden „Henusode“ und „Heikermänt“ prägte er in den 1960-er und 1970-er Jahren die Schweizer „modern mundart“-Bewegung.

(…)

Als Ernst Eggimann einmal in Frankfurt eine Lesung hielt, gab es stehende Ovationen und sogar Lob von der Lyrik-Legende Ernst Jandl, erinnerte sich Ernst Eggimann einmal in einem Interview.

Verstanden haben dürften die wenigsten Anwesenden Gedichte wie „weiteresweichsei/ nei/ mirweikeis/ weitereshertsei/ nei/ mirweikeis/ weiteresschpieguei/ neidanke/ weiteramändkesei/ nei/ mirweikeis/ wasweiterde“.

Schon die Zürcher dürften Mühe mit solchen Lautgedichten haben, und trotzdem waren die „Züri-Hegle“ für Eggimanns literarischen Durchbruch verantwortlich. / Liechtensteiner Vaterland

BEWIRB DICH: 3.OFFLYRIK-FESTIVAL 2017

www.Lyrikfestival.de / Die Literaturszene besteht nicht nur aus Bestsellerautoren und Preisträgern. Es gibt eine Offszene aus Lyrikern, die auf der Bühne zuhause sind. Sie performen ihre Gedichte in ihrem ganz eigenen Stil, treten aber bei Poetryslams eher selten auf. Ihre Wortkunst entfaltet sich magisch und popschamanisch, ihre Lesungen sind legendär! Und wir reden hier nicht von vergangenen Tagen, denn diese Dichter sind kein Mythos, sondern leben im Hier und Jetzt. Sie produzieren Livelyrik mit Tiefgang! Tiefenliterarische Ekstasen! Das 1.Offlyrikfestival fand 1995 im Kölner BelAir statt. 1996 dann das zweite im Kieler SubRosa. Lyrikperformer wie stan lafleur, Alex Nitsche, Harald ‚Sack‘ Ziegler, Peter Rech, Thorsten Nesch, Hadayatullah Hübsch, Ron Schmidt und Tom de Toys intonierten ihre poetischen Texte mit teilweise geradezu theatralischer Stimmakrobatik – ein Fest für die Ohren, progressive Lyrik der Offszene so zu erleben! Mit 20-jähriger Verzögerung plant nun das G&GN-INSTITUT das 3.Festival in Düsseldorf, mit einigen Veteranen und Newcomern der Lyrikszene. Ausnahmedichter mit ungewöhnlicher Gegenwartslyrik und Bühnentalent: Eventliteratur vom Feinsten! EXISTENZIELLE TABULOSE POESIE! Bewerbungsmodalitäten hier: http://lyrikszene.jimdo.com/bewerbung/

Johann Martin Miller

1775, nach dem Abschluss seines Studiums, kehrte er nach Ulm zurück, wo er 1783 eine Sammlung seiner Gedichte herausgab und sich in der Folgezeit dem Erzählen zuwandte. Sein Roman „Siegwart. Eine Klostergeschichte“ erschien 1776 im gleichen Verlag wie Goethes „Werther“ und wurde zum Bestseller. Eine große Wirkung hatten auch Millers Gedichte: über 220 Vertonungen bezeugen ihre Sangbarkeit.

Ihre Themen und Bilder seien keine anderen als die „in den Charts von heute“ – so urteilt Literaturwissenschaftler Michael Watzka, der Millers Gedichte neu herausgegeben hat. Morgen, Freitag, um 19.30 Uhr, stellt der in den USA forschende Absolvent des Weißenhorner Gymnasiums im Rahmen der „Literaturwoche Ulm“ seine Miller-Ausgabe in der Ulmer Zentralbibliothek vor. / Vergessener Literaturstar aus Ulm – weiter lesen auf : http://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Vergessener-Literaturstar-aus-Ulm-id34445217.html

Johann Martin Miller: Liederton und Triller. Sämtliche Gedichte. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Michael Watzka. Berlin, Elfenbein Verlag, 22 Euro.

„Macht euer Ding. Und lest.“

„Habt keine Scheu, steht auf, macht euer Ding, hört aufs Publikum – und kennt eure Klassiker“. Lyrik zu lesen, das gehe bei jungen Slammern in den USA inzwischen immer mehr verloren, erzählt deren Idol Marc Kelly Smith.

/ Der Erfinder des Poetry Slam bei einem Besuch in Ulm, Südwestpresse

Das heile Teil

Am Ende des Abends spielt Balmes Ausschnitte aus einem Gespräch mit Kling vor, das er ein knappes Jahr vor dessen Tod aufgezeichnet hat. Klings Stimme ist zu diesem Zeitpunkt nur mehr ein Flüstern. „Das Fragment ist das heile Teil der Moderne“, hört man ihn sagen. Und weiter: „Wenn man seinen Frieden damit macht, dass man über das Fragment gar nicht hinauskommt, weil abschließbar nichts zu machen ist, das lehrt einen auch Bescheidenheit, und das sollte man früh genug lernen.“ / FAZ

Die Frankfurter Lyriktage enden am 20. Juni. Die „Lange Nacht der Lyrik“ findet am 20. Juni von 18 Uhr an aufgrund der hohen Nachfrage nicht im Neubau des Historischen Museums, sondern in der Evangelischen Stadtakademie statt.

Nikolai Bucharin

Bereits 1936 äusserte er gegenüber André Malraux den Verdacht, Stalin wolle ihn vernichten. Wenig später verfasste Bucharin ein speichelleckerisches «Poem über Stalin», weil er keine Zeitungsartikel mehr schreiben durfte. Im März 1937 wurde er verhaftet.

Im Gefängnis brachte er eine phantastische Selbstanklage, eine Kritik seiner eigenen «antileninistischen theoretischen Anschauungen», zu Papier. Ausserdem entstand eine theoretische Schrift über den «Sozialismus und seine Kultur». Der Druck, der auf Bucharin während seiner Haftzeit lastete, war enorm. Zwischen Juli und September 1937 wurde er jede Nacht verhört. Trotzdem schaffte er es, seine – selbstverständlich atheistischen – Gedanken zum Anfang und Ende des Ichs in verschiedener Form aufzuzeichnen: in 187 Gedichten, in seinen «Philosophischen Arabesken» sowie im autobiografischen Romanfragment «Zeiten». In höchster Verzweiflung schlug Bucharin Stalin in einem bizarren Brief vom Dezember 1937 vor, ihn nach Amerika auszuweisen, um dort Trotzki bekämpfen zu dürfen. Zuletzt bat er seinen Peiniger um fünfundzwanzig Jahre Lagerhaft im eisigen Norden, wo er eine Universität, mehrere Museen und eine Zeitschrift gründen wolle . . .

Tragisch endete Bucharin in der Tat. Im dritten der Moskauer Schauprozesse (gegen den «Block der Rechten und Trotzkisten») wurde er zum Tode verurteilt und am 15. März 1938 auf einer der Moskauer Hinrichtungsstätten erschossen – Stalin erfüllte ihm nicht einmal die letzte Bitte, er möge ihn durch eine Giftpille Selbstmord begehen lassen. / Ulrich M. Schmid, NZZ

Gestorben

Der tschechische Dramatiker und ehemalige Dissident Josef Topol ist im Alter von achtzig Jahren gestorben. «Mit ihm verliert die tschechische Kulturszene eine weitere Ikone und Legende», sagte der Kulturminister Daniel Herman. Josef Topol galt neben Václav Havel und dem am 6. Juni verstorbenen Ludvík Vaculík als bedeutendster Schriftsteller, der das Bürgerrechtsmanifest «Charta 77» unterzeichnete.

Seine Theaterstücke und Gedichte waren im Kommunismus jahrzehntelang verboten, das von ihm mitbegründete Theater «Divadlo za branou» in Prag wurde 1972 geschlossen. / NZZ

Maya-Poet

Der Dichter Humberto Ak’abal gehört zu den Maya-K’iche‘, der grössten Gruppierung der Maya in Guatemala. Maya-K’iche‘ ist auch die Sprache, in der er seine lautmalerischen Gedichte schreibt.

(…) Wenn die Gedichte fertig sind, überträgt er sie selbst ins Spanische (…) Erich Hackls deutsche Versionen sind eingängig, nur selten einmal bleibt er an einer Redewendung haften. Schade bloss, dass wir die Gedichte nicht mit den spanischen Versen vergleichen können. Dafür dürfen wir ab und an Texte in Maya-K’iche‘ bestaunen.

Humberto Ak’abal benutzt nicht die Fachsprachen der Lexika, sondern findet seine Wörter auf der Strasse, auf den Märkten ebenso wie zwischen den Dorfgerüchen oder bei den Frauen am Fenster nebenan. Manche Bezeichnungen aus dem Maya-K’iche‘ lässt er im Original stehen und schmilzt sie in die Gedichte ein, «urikil kaj» etwa, was aus den Pilzen eine «Himmelskost» macht, oder «nonoch’», was so viel wie «der Schatten eines Menschen» meint. Andere Gedichte bleiben ganz in der ursprünglichen Sprache – und man kann als Leser nur vermuten (oder sich wünschen), dass das «Waq‘ waq‘ waq’» des Feuers oder das «Yoooooooooojjjjjj» des Wassers reine Lautmalerei sind. / Nico Bleutge, NZZ

Humberto Ak’abal: Geistertanz. Gedichte. Ausgewählt und übersetzt von Erich Hackl. Waldgut-Verlag, Frauenfeld 2014. 99 S., Fr. 25.–.

Entflohener Hofpoet

Jang Jin-sung war der Hofpoet von Diktator Kim Jong-il. Dann musste er fliehen. Heute kämpft er mit seinem Insiderwissen gegen das System, das er einst lyrisch umschmeichelte.

(…) Wie einst bei den Nazis werde die Schiffskatastrophe auch in seiner Heimat als Untergang des Westens gedeutet, erklärt er. Weil am gleichen Tag, dem 15. April 1912, Staatsgründer Kim Il-sung geboren wurde, heißt es in Nordkorea, dass die Sonne damals im Westen unterging, um im Osten aufzugehen.

(…) Jang Jin-sungs Liebe zur Poesie begann mit den gesammelten Werken Lord Byrons. Als Jugendlicher konnte er einen Blick in das Buch werfen, von dem es in Nordkorea nur hundert markierte Exemplare gab, zu denen kaum jemand Zugang hatte. Die Gedichte des Briten, die er in koreanischer Übersetzung liest, faszinieren ihn. Durch sie lernt Jang auch, dass das Adjektiv „geliebt“ nicht allein für Kim Jong-il existiert.

Während Kim Il-sung vor allem Romanautoren protegierte, setzte sein Sohn auf die Lyrik als Propandainstrument. Jangs gefeiertes Gedicht „Der Frühling ruht auf dem Pistolenlauf des Herrn“ porträtierte den jüngeren Kim als Beschützer der gesamten koreanischen Halbinsel und propagierte dessen „Militär zuerst“-Politik.

Es schließt mit den Zeilen: „Das ist die Waffe/ die in den Händen eines niedrigen Mannes/ nur Mord begeht,/ aber wenn sie von einem großen Mann gehandhabt wird/ alles überwinden kann./ Die Geschichte hat gezeigt,/ Krieg und Gemetzel gehören/ den Schwachen./ General Kim Jong-il,/ und nur er,/ ist der Herr der Waffe,/ Herr der Gerechtigkeit,/ Herr des Friedens,/ Herr der Wiedervereinigung./ Ah, der wahre Führer des koreanischen Volkes!“ / Björn Rosen, Die Welt

Schöner Augenblick. Puschkin-Dilemma

Der Schriftsteller und Direktor des Archangelsker Literaturmuseums Boris Jegorow publizierte Anfang des Monats ein Buch, das einem einzigen Liebesgedicht Alexander Puschkins gewidmet ist. „Ein Augenblick, ein wunderschöner“ existiert nun in 210 Sprachen. In 140 von kleinen Volksgruppen gesprochen Sprachen erscheint das Gedicht zum ersten Mal.

Zuerst sammelten wir einfach alle bereits existierenden Übersetzungen von Puschkin-Werken in anderen Sprachen“, erzählt Jegorow. Die Pakete seien aus der ganzen Welt gekommen. Dann konzentrierte sich Jegorow auf „Ein Augenblick, ein wunderschöner“, eines der berühmtesten Liebesgedichte Puschkins, das 1825 geschrieben und kurz nach dem Tod des Dichters vom russischen Komponisten Michail Glinka mit Musik unterlegt wurde. (…) Zu den exotischsten Übersetzungen im Buch gehören die Sprachen Guarani, Kachuya, Maya, Maori, Pushtu, Sango, Fang, Hindi* und Cheluba.

Das Buch erscheint in einer Auflage von 4 000 Exemplaren. / russjahr.de

Hier die erste Strophe im Original und verschiedenen Übersetzungen:
Я помню чудное мгновенье:
Передо мной явилась ты,
Как мимолетное виденье,
Как гений чистой красоты.

Ja pomnju tschudnoje mgnowen’je:
Peredo mnoi jawilas‘ ty,
Kak mimoletnoje widen’je,
Kak genij tschistoi krasoty.

Ein Augenblick, ein wunderschöner:
Vor meine Augen tratest du,
Erscheinung im Vorüberschweben,
Der reinen Schönheit Genius.

(Eric Boerner)

Welch eine glückliche Sekunde,
Als ich dich sah zum ersten Mal!
Doch, kaum gesehn, warst du entschwunden,
Du, aller Schönheit Ideal!

(Martin Remané)

O Stunde seliger Vereinung,
Wo du erschienst mit holdem Gruß,
Gleich einer flüchtigen Erscheinung,
Der reinsten Schönheit Genius!

(Friedrich Fiedler)

Ich erinnere mich des wunderbaren Augenblicks: / Du erschienst vor mir / wie eine flüchtige Vision, / wie der Genius der reinen Schönheit.

(Rudolf Pollach) Prosaübersetzung in einer zweisprachigen Ausgabe

Ich erinnere mich an einen wundervollen Moment:
Vor mir war sie,
Wie eine flüchtige Vision,
Wie Genie der reinen Schönheit.

(Google Direktübersetzung)

Ich erinnere mich, ich wäre echt gut Ära:
Ich habe einen vor Ihnen
Wie ein kurzer Sicht,
Wie genial.

(Google, durch mehrere europäische und asiatische Sprachen gehetzt)

I still remember that amazing moment
You have appeared before my sight
As though a brief and fleeting omen,
Pure phantom in enchanting light.

(Mikhail Kneller)

I just recall this wondrous instant:
You have arrived before my face —
A vision, fleeting in a distance,
A spirit of the pure grace.

(Yevgeny Bonver / Dmitry Karshtedt)

A magic moment I remember:
I raised my eyes and you were there,
A fleeting vision, the quintessence
Of all that’s beautiful and rare

(unknown)

Das Puschkin-Dilemma: auf Deutsch will er einfach nicht gelingen. Nur die Prosaübersetzung und die Google-Spielchen klingen poetisch. Dagegen sind alle englischen Versionen stärker. Wir bräuchten ein Puschkin-Projekt.

*) Die „exotische“ Sprache Hindi übrigens ist nach Chinesisch und Englisch die meistgesprochene Sprache der Welt mit über 600 Millionen Sprechern.