Es gibt aber auch eine andere Verbundenheit Piekars: die zur schwarzen Szene, einer Subkultur, die vor allem über Musik definiert wird. Die Gothic-Kultur habe auch etwas mit Lyrik zu tun, findet der junge Autor mit wallendem dunklen Haar und ganz in Schwarz gekleidet. Mit dem Dunklen assoziiert Martin Piekar das Geheimnisvolle. „Ich sorge für mehr Lyrik in der schwarzen Szene – die dort wahrscheinlich niemand liest“, räumt er ein.
Das Gruftitum fließt ebenso in Piekars Gedichte ein wie sein Philosophie- und Geschichtsstudium. Nach seinem Abschluss will er hauptberuflich zwei Wege parallel gehen: Unterrichten und Dichten. „Ich mag die kritische Betrachtung“, sagt er. Wenn er einmal als Lehrer arbeite, werde er vermutlich Gedichte über den Schulalltag schreiben.
Ob Fachleute oder die Hörer eines Radiosenders seine Gedichte feiern, ist Piekar egal. Die Frage sei, ob sich jemand die Zeit nehme, sich damit zu beschäftigen. Während der Blockupy-Proteste schrieb Martin Piekar ein Gedicht zur „brandheißen Neueröffnung“ der EZB, das auf der Online-Plattform das meistgelesene des Monats wurde. „Ein brennendes Auto / Hat noch niemanden zu / Prometheus gemacht“ – geißelt er darin die Gewalt einiger Demonstranten und predigte, ganz Romantiker, den Individualismus: „Ich ist ein / Schwarzer Block / Da ist doch keine Vermassung nötig“. / Tom Weimar, FR
„Autoren wie (…) Tom de Toys u.v.m. haben mit ihren
Texten, Kleinstpublikationen und Veranstaltungsreihen
der literarischen Szenerie ihren Stempel aufgedrückt.“
Dr. Enno Stahl, Heinrich-Heine-Institut: POP AM RHEIN (2007)
Tom de Toys ist manchen vielleicht noch aus den Neunzigern bekannt, als er mit seiner damaligen Formation „Das Rilke Radikal“ in der Johanneskirche und im Kunstpalast auftrat. Oder von 2010, als er am Weltpoesietag den Poetryslam im Zakk eröffnete. Legendär ist sein Auftritt in der Baugrube der Gehry-Gebäude im Medienhafen mit dem Cellisten Felixhelix, kurz bevor die dortige Galerie den Bauten weichen mußte. Die Selbstdarstellung Düsseldorfs als „Literaturstadt“ ermutigte ihn jetzt, ein Event für Sommer 2017 zu planen, das zehn renommierte Lyrikperformer auf die Bühne bringen soll: das 3.Offlyrikfestival. De Toys sagt dazu: „Literaturstadt heißt für mich, Literatur findet statt!“ Allerdings sucht das Projekt noch finanzstarke Liebhaber zeitgenössischer Poesie, die zur Realisierung beitragen, denn er selbst verfügt als Hartz4-Empfänger über keinerlei Mittel, und die Förderanträge bei Ämtern werden zu kurzfristig beantwortet, um alles rechtzeitig in die Wege zu leiten. Aus der Beobachtung der Live-Lyrikszene folgt für Tom de Toys, daß es zwar einerseits anstrengende konventionelle Lesungen gibt und andererseits Poetryslams, auf denen der Spaßfaktor mehr zählt als das literarische Niveau. Aber nur selten hat man die Gelegenheit, echte Lyrikperformances zu erleben, wo ernste Gedichte durch die expressive Rezitation lebendig werden. Der Slogan des Festivals lautet daher: „LYRIK LEBT!“. Die Freude an der Poesie soll geweckt werden. Und der Eintritt soll frei sein, damit auch Hartz4-Empfänger an der Kultur teilhaben können. Informationen für Sponsoren und Privatmäzene finden sich auf der Homepage: http://www.LYRIKFESTIVAL.de und topaktuell auf der Crowdfunding-Plattform http://www.STARTNEXT.com/lyrikfestival, wo es auch attraktive „Dankeschöns“ des Künstlers gibt. Tom de Toys bekommt am 24.8. den symbolischen KUNO-TWITTERATURPREIS 2015 für seinen neuen Gedichtband „Das Gespür für die Welt“ verliehen.
Ein Nachruf auf Ulrich Zieger (29.12.1961 – 23.07.2015)
Er war ein Mann von echter Gegenwart. Er besaß eine intuitive Hellsichtigkeit, die er selber „Gedankenblick“ nannte. Seine literarische Poesie war voller Überraschungen, sie fiel aus jeder Schublade heraus. Er war einer, der Zeit mitbrachte, allein dies machte ihn zu einer unzeitgemäßen Existenz. Die Nostalgie, die ihm nachgesagt wurde, wird ein Mißverständnis gewesen sein. So wie ich ihn kannte, tappte er lediglich nicht gern in die Falle des Aktuellen. Er war stark, auch in der Art, wie er mit Verletzungen umzugehen und aus ihnen poetische Ausdruckskraft zu gewinnen vermochte. Es fällt schwer, über seinen plötzlichen Tod zu klagen, ohne über die Tyrannei der pragmatischen Realitäten zu klagen, die einen, der durch ihre Mauern will, mit so viel Wucht auf sich selbst zurückwerfen kann, daß große Mengen Alkohol benötigt werden, um den Schmerz fernzuhalten. Getrunken hat er bereits seit seinem 15. Lebensjahr, getreu der Devise, daß Realität eine Halluzination ist, die durch Mangel an Alkohol entsteht. Mit 19 Jahren wollte er diese Welt schon einmal durch ein Hochhausfenster verlassen, indem er auf den Sims kletterte und eine Weile mit einem Buch in der Hand über der Tiefe schwankte. Es war ein ganz bestimmtes Buch, das sein Leben grundlegend verändern wollte, aber zum Glück für ihn und uns bemerkte er im buchstäblich letzten Augenblick, daß er die Veränderung selber in die Hand nehmen mußte. In der Folgezeit entfalteten sich seine verschiedenen Talente zu einer ersten großen Anzahl von Gedichten, die später nach dem Ende der DDR unter dem Titel „neunzehnhundertfünfundsechzig“ in einer bibliophilen Ausgabe erschienen. Er schrieb Theaterstücke, malte Bilder eines euphorischen Erschüttertseins vom Zustand des Menschen und war bei „Zinnober“, einer kleinen Schauspieltruppe, deren Aufführungen legendär wurden. Während der 90er Jahre pendelte er zwischen Montpellier und Berlin, verfaßte das Drehbuch für den Wilm Wenders Film „In weiter Ferne so nah“, veröffentlichte ein Langgedicht, zwei Bände mit Erzählungen, einen Roman sowie weitere Bände mit Gedichten und Theaterstücken. Eines davon, „Die Mandelbrotmenge“, inszenierte er in eigener Regie im Schillertheater, das Premierenpublikum war begeistert, doch die Rezensionen verrissen das Stück mit gespenstischer Einhelligkeit. Es lag nicht an ihm, er konnte das Publikum fesseln. Er verkörperte ohnehin jenen Typ, über dessen Fähigkeiten man früher gesagt hätte, daß sie von abendfüllender Qualität sind. Vielleicht legte er zu wenig Wert auf das, was man „die richtigen Verbindungen“ nennt. Mit Funktionsträgern konnte er nicht, dazu war er zu sehr er selbst, und das hieß auch fremd im eigenen Land. Das erste noch den DDR-Engen geschuldete Fernweh heilte eine Liebe in Südfrankreich. Außerdem muß er dort ein gedeihlicheres Klima für seine Ideen von persönlicher Freiheit und elementarem Dasein gefunden haben, mit denen er in Deutschland zumeist nur vor Türen mit genau geregelten Öffnungszeiten stand. Etwas an ihm ähnelte einem Weltbürger, etwas einem Clochard, etwas einem Märchenerzähler. Er war nicht von gestern, sondern sich im klaren über die Verdrängungen des modernen Fortschritts, unter denen er litt, ohne medienkonformer Amnesie oder der Sentimentalität des Verlierers anheimzufallen. Doch er glaubte an die Wahrheit der Märchen, und das ist so ziemlich das Gegenteil eines Glaubens an die Märchen der Wahrheit. In diesem Sinn enthalten seine Bücher märchenartige Konterbande, sei es als offenes oder verstecktes Motiv oder auch nur in Form des Tonfalls, der das Lesen einstimmt auf die Frequenz des schmerzlich Wundersamen, burlesk Wahrhaftigen, oder wie auch immer man das Plausible in Fantasiegestalt nennen mag. Seinem letzten Buch, dem dieses Jahr bei S.Fischer erschienenen Roman „Durchzug eines Regenbandes“ legte er dann auch noch einmal reale Märchen der Gebrüder Grimm zu Grunde. Die Schlüssel zum Glück seiner anarchischen Fabulierkraft und ausgefeilten Wortkunst sind alt, er war im Bund mit einer Gemeinschaft von Autoren magischer Texte, die über die Jahrhunderte verstreut ist. Am 23. Juli ist er gestorben, ihm blieb über Nacht das Herz stehen.
Stan Lafleur schreibt aus Guatemala:
Auf dem internationalen Poesiefestival von Aguacatán habe ich mit Pascual Tz’ikin einen jungen Mayadichter kennengelernt, der seine Texte ursprünglich auf tujaal, einer von relativ wenigen Menschen in der Region Huehuetenango/Guatemala gesprochenen Mayasprache verfaßt und selbst ins Spanische überträgt. Die Gedichte erscheinen in einem der für Lateinamerika typischen Cartonera-Verlage, der lokalen Edition Caféina, die landesweit beachtet wird, seit derartige Publikationen einen Leerraum erschlossen. Vor wenigen Tagen feierte Pascuals neuer Band “Palabras de pájaro” (Vogelworte) Premiere. In der Originalsprache vorgetragen sind die Gedichte ein unvergleichliches Erlebnis. Pascual inszeniert sie auch im Dialog mit seiner eigenen Stimme vom Band zu selbsteingespielter Musik und als Handpuppe fungierender Jaguarmaske, eine Zwiesprache mit seinem Nahual vorstellend: eines der magischsten, psychedelischsten Spoken Word-Momente meines Lebens, das mich technisch gesehen an frühe eigene Experimente mit Tapezuspielungen erinnerte. Nach dem Auftritt reichte Pascual seine Gedichte auf tujaal an mich weiter und sagte: “Los, lies mal vor!” Ich versuchte, seinen Rhythmus zu imitieren und als ich geendet hatte, urteilte er: “Nicht schlecht!” Dann las er den Text nochmal selber, und ich entdeckte auf acht Zeilen rund hundert Fehler, die ich begangen hatte. Zu der Tatsache, daß einige Buchstaben in Mayasprachen anders als im Deutschen/Spanischen ausgesprochen werden, kommen noch die schnalzenden, klickenden Gaumenlaute. Die Textinhalte bestehen aus simplen Formeln zur Beschreibung der Naturkreisläufe. Auf Spanisch vorgetragen verlieren sie an Magie. Auf tujaal jedoch klingen sie wie aus den Tiefen der Bäume, der Berge, des Windes entstanden, die sich selbst zu vergewissern und zu beschwören scheinen wie ich es ähnlich bisher nur aus den sursilvanischen Gedichten des vor einigen Monaten verstorbenen Vic Hendry kannte.
Da wir beim Thema sind (siehe vorige Nachricht):
Ein Freund erzählt von einer Lesung des Büchnerpreisträgers Martin Mosebach auf der Insel Hiddensee. In der anschließenden Diskussion fragt ein Zuhörer, was er, Mosebach, von Technik halte. M. ist unverlegen. Technik? Davon hält er gar nichts. Hölderlin und Rimbaud hätten auch nicht groß nach Technik gefragt, sondern einfach geschrieben. Aha, noch ein Vertreter der „Ich singe wie der Vogel singt“-Theorie. Hat Arthur Rimbaud wirklich nur so drauflosgedichtet, kann gefragt werden.
Kann man das als Franzose überhaupt? Der junge Goethe konnte wählen, ob er sich der Formen der Rokokodichtung bedienen oder in Klopstocks Manier reimlose freie Rhythmen dichten wollte. Einem Franzosen stand diese Option auch über 100 Jahre später nicht zur Verfügung. Dichten heißt auch für die Revolutionäre unter Frankreichs Dichtern Form wahren, Reim, metrische Formen und andere Gesetze zu lernen und anzuwenden. So schreibt Rimbaud wie vor ihm Baudelaire meist ebenso wie Racine und Molière in gereimten Alexandrinern – gleich ob es um den Ball der Gehenkten, die Lumpenrasse der Proleten, Läusesucherinnen, Ophelia, siebzehnjährige Dichter oder den Afterulcus der Venus Anadyomene geht. (Nur eine freie Form gibt es im Französischen, das Gedicht in Prosa, eine alte Form, die auch Baudelaire und Rimbaud reichlich nutzen. Ansonsten ist Dichten immer an vorher gelernte Formen gebunden. Techniken, verehrter Herr M.!
Und unser deutscher Hölderlin? Fast noch weiter gefehlt. Anders als Goethe, Schiller oder Heine erlaubt sich Hölderlin keine Freiheiten im Formalen, nur die Ideen sind revolutionär. Wenn man deutsch dichten will, meint Hölderlin, muß man die alten Meister studieren, besonders die Griechen. Und so übersetzt er Sophokles und Pindar, weniger um den „Sinn“ zu übermitteln als um die Form zu studieren. Seine Utopie setzt nicht auf Traditionsbruch, sondern geht davon aus, daß die Gebrechen der Gegenwart durch Rückgriff auf die alten Griechen zu kurieren sind. Die Dichter haben keine Funktion in der modernen Gesellschaft, werden vom Publikum verlacht oder nicht verstanden und verdienen nicht die Brötchen fürs Überleben? Müssen sie eben lernen, solide handwerksmäßig zu arbeiten wie die Griechen, nach berechenbaren, formularisierbaren, wiederholbaren Formen. Gut möglich, daß Herr Mosebach davon nicht viel im Studium erfahren hat; aber man kann es nachlesen. Anmerkungen zum Ödipus:
Es wird gut seyn, um den Dichtern, auch bei uns, eine bürgerliche Existenz zu sichern, wenn man die Poesie, auch bei uns, den Unterschied der Zeiten und Verfassungen abgerechnet, zur μηχανη [mechane, μηχανή, mēchanē] der Alten erhebt.
Auch andern Kunstwerken fehlt, mit den griechischen verglichen, die Zuverlässigkeit; wenigstens sind sie bis izt mehr nach den Eindrüken beurtheilt worden, die sie machen, als nach ihrem gesetzlichen Kalkül und sonstiger Verfahrungsart, wodurch das Schöne hervorgebracht wird. Der modernen Poesie fehlt es aber besonders an der Schule und am Handwerksmäßigen, daß nemlich ihre Verfahrungsart berechnet und gelehrt, und wenn sie gelernt ist, in der Ausübung immer zuverlässig wiederhohlt werden kann.
Das ist nicht nur für Herrn Mosebach starker Tobak, sondern für einen Großteil der Germanistik und des Feuilletons mit, immer noch und wieder (davon ein andermal). Die spotten lieber über Literaturinstitutsliteratur, kann man ja machen, nur auf Hölderlin, Pound oder Rimbaud kann man sich da nicht stützen.
/ Michael Gratz
Kurt Drawert lobt (in der Frankfurter Anthologie) ein Gedicht, das jedes Lob verdient, Ezra Pounds „In einer Station der Metro“. Doch halt – jedes vielleicht doch nicht. Dieses auf keinen Fall:
Natürlich hatte Pound keine Sekunde daran gedacht, einen lyrischen Parallelismus zu verwenden, so wie auch ein Vogel nicht daran denkt, wie er seine Flügel bewegt, wenn er im Flug unterwegs ist. Aber er hat eben dadurch ein wunderbares Gedicht hinterlassen…
„Natürlich“, „ich singe wie der Vogel singt“… ??? Natürlich ist nichts. Nichts ist natürlich. Es mag Dichter geben, die von sich denken, sie „sängen“ sozusagen ganz natürlich wie der Fisch im Wasser schwimmt und der Vogel in der Luft segelt. Ezra Pound oder zum Beispiel Bertolt Brecht wußten, daß das Schwebende im gelungenen Gedicht alles andere als Natur ist. Der Pommer Otto Lilienthal studierte den Flug der Vögel, weil er verrückt genug war zu denken, der Mensch könne fliegen lernen. („Der Mensch ist kein Vogel, es wird nie ein Mensch fliegen“, sagte der Bischof den Leuten in einem Gedicht von Brecht.)
Ich weiß nicht, ob Kurt Drawert beim Dichten merkt, wenn ihm hier eine Alliteration, dort ein Parallelismus unterläuft. Ein Gedicht entsteht sowieso sehr selten, ein Gedicht wird gebaut. Das griechische poiein heißt nicht schweben, sondern machen, tun, hervorbringen, produzieren, verursachen…
ποιέω , Dor. ποιϝέω IG4.800 (Troezen), etc.: Ep. impf.
A.“ποίεον” Il. 20.147; …Used in two general senses, make and do.
A. make, produce, first of something material, as manufactures, works of art, etc. (opp. πράττειν, Pl.Chrm.163b), in Hom. freq. of building, π. δῶμα, τύμβον, Il.1.608,7.435; “εἴδωλον” Od.4.796; π. πύλας ἐν [πύργοις] Il.7.339; of smith’s work, π. σάκος ib.222; “ἐν [σάκεϊ] ποίει δαίδαλα πολλά” 18.482, cf. 490,573: freq. in Inscrr. on works of art (…)2. create, bring into existence, “γένος ἀνθρώπων χρύσεον” Hes.Op.110, cf. Th.161, 579, etc.; “ὁ ποιῶν” the creator, Pl.Ti. 76c; “ἕτερον Φίλιππον ποιήσετε” D.4.11:—Med., beget, “υἱόν” And.1.124; “ἔκ τινος” Id.4.22; παῖδας ποιεῖσθαι, = παιδοποιεῖσθαι, X.Cyr.5.3.19, D.57.43; conceive, “παιδίον π. ἔκ τινος” Pl.Smp.203b:—Act. in this sense only in later Gr., Plu.2.312a; of the woman, παιδίον ποιῆσαι ib.145d.
3. generally, produce, ὕδωρ π., of Zeus, Ar.V.261: impers., ἐὰν πλείω ποιῇ ὕδατα, = ἐὰν ὕη, Thphr.CP1.19.3; π. γάλα, of certain kinds of food
4. after Hom., of Poets, compose, write
II. bring about, cause, “τελευτήν” Od.1.250; “γαλήνην” 5.452; “φόβον” Il.12.432; “σιωπὴν παρὰ πάντων” X.HG6.3.10; “τέρψιν τοῖς θεωμένοις” Id.Mem.3.10.8; “αἰσχύνην τῇ πόλει” Isoc.7.54, etc.; also of things (…)
In der Herkunft der Wörter steckt mehr Weisheit als unser common sense zulassen mag. Und vollends bei Pound ist die Vorstellung eines freischwebenden besinnungslosen Schöpfungsaktes daneben, Schliff, Rubbish, Nonsense. Pound war ein poeta doctus, nicht in der Bedeutung von leerem Bildungsgut, sondern im Sinne von Reflexion, Kunstverstand, Bewußtheit. „Glaube nicht“, riet er den Dichtern schon 1913, „daß die Dichtkunst irgendwie einfacher wäre als die Musik, oder daß du den Fachmann erfreuen könntest ohne mindestens ebensoviel in die Verskunst investiert zu haben wie der durchschnittliche Klavierlehrer in die Kunst der Musik. (…) Halte dich lieber an den Wissenschaftler als an den Agenten, der Werbung für ein Stück Seife entwirft. (…) Ich glaube an Technik als Beweis für die Ehrlichkeit eines Menschen; an das Gesetz, wenn es auffindbar ist; an das Niedertrampeln jeder Konvention, die das Auffinden des Gesetzes oder die präzise Umsetzung des Impulses behindert oder verdunkelt.“ (A Retrospect)
Für Pound war es geradezu der Unterschied zwischen dem ernsthaften Dichter und dem unernsten, daß jener nach Art des Naturwissenschaftlers herangeht. „Wenn man versucht, den Unterschied zwischen ernsthafter und unernster Arbeit zu bestimmen, tönt es, ‚das ist bloße Technik‘. Dabei ist es geblieben. In England ist es 300 Jahre dabei geblieben. Die Leute wollen lieber nach Patentrezept behandelt werden als nach wissenschaftlichen Methoden. Man sagt ihnen von Zeit zu Zeit, daß die Kunst nicht gegen Gottes heiligste Gesetze verstößt. Sie wollen sich nicht von Fachleuten sagen lassen, welche Kunst gut ist. Sie wollen nicht über das „Stilproblem“ nachdenken. Sie wollen ‚Den Wert der Kunst für das wirkliche Leben‘ und überhaupt ‚wesentliche Themen’“ (The Serious Artist). Pound mißtraute dem literaturwissenschaftlichen oder, wie wir hier sagen würden, feuilletonistischen Reden über Kunst (im Englischen macht man den Unterschied nicht so). Um „mit wissenschaftlicher Präzision“ über „Prosa und Vers“ zu reden, müßte man wenigstens „eine vollständige Abhandlung über die Kunst des Schreibens“ verfassen, in der man jedes Wort so exakt definiert wie die Termini in der Chemie. „Deshalb sind alle Essays über ‚Poesie‘ im allgemeinen nicht nur langweilig, sondern auch ungenau und völlig nutzlos. (…) Wenn der Rhythmus, oder wenn die Melodie oder die Abfolge der Vokale und Konsonanten tatsächlich die Spur der Empfindung trägt, die das Gedicht vermitteln will, sagen wir: das ist ein gutes Kunstwerk. Und dieser ‚Teil des Werks‘ ist immer noch ‚Technik‘. Jene ‚trockene, langweilige, pedantische‘ Technik, gegen die alle schlechten Künstler wettern. Es ist nur ein Teil der Technik: Rhythmus, Kadenz und Klangkomposition.“ (The Serious Artist) – „Als die Universität von Paris lebendig war (sagen wir zur Zeit von Abaelard), versetzten selbst höchst technische Spezialdebatten das Publikum in freudige Erregung.“ (The Teacher’s Mission)
Man denke auch an die Unterscheidung zwischen Melopoia, Phänopoia und Logopoia als spezifische Weisen und Techniken, den Vers mit Bedeutung aufzuladen (z.B. in: How to read). – „Die geeignetste Methode, Lyrik und gute Literatur zu studieren, ist die Methode der modernen Biologen, also sorgfältige Untersuchung der Materie mit eigenen Händen und unaufhörlicher Vergleich einer Probe oder Art mit der anderen.“ (ABC of Reading)
Das besagt nicht, daß alle Poesie wie die Pounds entstehen oder gesehen werden muß, es besagt nur, daß Pound nicht aus dem Bauch dichtete, wie sein Lobredner unwidersprochen suggeriert.
/ Michael Gratz
Zum Weiterlesen:
To call an author—especially a poet—conventional is, usually, an insult. But maybe it shouldn’t be. Modernism taught us to prize poets who seemed sui generis, reinventing whatever they used. Yet even those poets—even Gertrude Stein, never mind Yeats—encountered, and learned, and passed on complex conventions, if not from older poetry then from other parts of language and culture. No artist can throw out every convention at once. To learn to enjoy a poet, and to think we understand what a poet is doing, is to learn to understand that poet’s conventions: to see what’s new, and what’s changed, in poets who seem (at first) to repeat themselves, and to recognize patterns, repetitions, inheritance in work that seems alien, chaotic, or all too new.
From Stephen Burt’s review of recent collections by five poets, from The Yale Review: The Wynona Stone Poems, by Caki Wilkinson, Cold Genius, by Aaron Kunin, Soul in Space, by Noelle Kokot, The Night We’re Not Sleeping In, by Sean Bishop, and Kingsize, Mette Moestrup. More
Thomas Kunst zum Tod von Ulrich Zieger:
ulrich fehlt mir fürchterlich. ich liebte ihn von anfang an mehr als jeden anderen deutschen dichter. er spielte in seiner eigenen: gänzlich unerhörten liga. seine gedichtbände „neunzehnhundertfünfundsechzig“…“große beruhigte körper“…“vier hefte“…“l’atelier“ und „aufwartungen im gehäus“ sind von einem anderen stern: besseres gab es nicht und wird es demzufolge nicht mehr geben… kam in den 90er jahren ein päckchen aus montpellier: aus der rue henry: dann gab es festivalstimmung bei mir in der bayreuther strasse in leipzig: kassetten über kassetten: bemalte: beschriftete: in seelischer verausgabung zusammengestellte: betrunkene kassetten… jim und jeff: mecca normal: andy prieboy… ach alles… ich soff und hörte zu… wir waren dicht beeinander… fuhren zusammen nach umbrien: den alten paul wühr besuchen: tranken uns dort um den verstand: schönheit und süden und der leidenschaftlich bittere ausverkauf an poesie… er fehlt mir viehisch… aber ich hab seine bücher: ich hab seine stimme im ohr: ich hab seine handbemalten kassetten… das sind heiligtümer: ja.
Geboren wurde Ulrich Zieger am 29. Dezember 1961 in Döbeln. Getrunken hat er bereits seit seinem 15. Lebensjahr. Mit 19 Jahren wollte er diese Welt schon einmal durch ein Hochhausfenster verlassen; er kletterte auf den Sims und schwankte eine Weile mit einem Buch in der Hand über der Tiefe.
In der Folgezeit entfalteten sich seine verschiedenen Talente: Er schrieb eine erste große Anzahl von Gedichten, die später, nach dem Ende der DDR unter dem Titel „1965“ in einer bibliophilen Ausgabe erschienen. Er schrieb Theaterstücke, malte Bilder und war bei „Zinnober“, einer kleinen Schauspieltruppe, deren Aufführungen legendär wurden.
Während der 90er Jahre pendelte er zwischen Montpellier und Berlin, verfasste das Drehbuch für den Film von Wim Wenders „In weiter Ferne so nah“, veröffentlichte ein Langgedicht, zwei Bände mit Erzählungen, einen Roman sowie weitere Bände mit Gedichten und Theaterstücken. Eines davon, „Die Mandelbrotmenge“, inszenierte er in eigener Regie im Berliner Schillertheater, das Premierenpublikum war begeistert, doch die Rezensionen verrissen das Stück mit gespenstischer Einhelligkeit. Es lag nicht an ihm, er konnte das Publikum fesseln. / Andreas Koziol, taz
Wer die Kreml-Politik gegenüber der Ukraine auch nur in Frage stellt, muss in Russland mit ernsthaften Konsequenzen rechnen. Für Alexander Bywschew heißt das: ein zweijähriges Berufsverbot, 300 Stunden sogenannter Besserungsarbeit und ein konfiszierter Laptop. Ein Gericht im Städtchen Kromsk in Orjol-Gebiet hat den 43-jährigen Deutschlehrer in der vergangenen Woche schuldig gesprochen. Mit seinem Gedicht gegen die russische Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim habe er Hass gesät und menschliche Würde verletzt, so das Urteil.
Bywschew schrieb sein Gedicht am 1. März 2014. An diesem Tag erteilte der Föderationsrat – das Oberhaus des russischen Parlaments – dem Präsidenten die Erlaubnis für den Armeeeinsatz in der Ukraine. Der russische Hobbydichter appellierte im Internet an „die ukrainischen Patrioten“, Widerstand zu leisten.
Er habe früher kein Geheimnis aus seinen oppositionellen Ansichten gemacht, sagte Bywschew der DW: „Mit Kollegen in der Schule hatte ich trotzdem gute Beziehungen“. Das habe sich nach einem Zeitungsartikel geändert.
„Für solche ‚Patrioten‘ gibt es keinen Platz in Russland“ – ein Artikel mit dieser Überschrift erschien Ende März 2014 in einer Lokalzeitung. / Julia Wischnewezkaja/Roman Goncharenko, Deutsche Welle
Bei der Denkmalseinweihung war unter anderem der deutsche Wissenschaftler, Ökologe und Politiker Ernst Ulrich von Weizsäcker anwesend, der sich seit langem ebenfalls für die Europäische Rainer Maria Rilke-Stiftung engagiert. Er, so war es in einem Beitrag des tschechischen Rundfunks zu hören, erinnerte in seiner Rede an das Paneuropäertum des Dichters. Rainer Maria Rilke sei “als Deutscher in der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie in Prag geboren worden. Und gestorben ist er als tschechoslowakischer Staatsangehöriger in der Schweiz. Das ist ein Symbol für die Vielvölkereigenschaft von Europa.” / Wolfgang Schiffer
unsere Haut – empfindlich dünn heutig
Hansjürgen Bulkowski
Jan Kuhlbrodt
Eine erste Annäherung an
Felix Philipp Ingold:
„Nee die Ideen. Pataphysische Fermaten“
Der Vers ist das Elementare des Gedichtes, nicht das Wort, der Buchstabe oder der Klang, auch wenn der Vers noch zerlegbar ist. Also letztlich dem Atom vergleichbar, das das teilbar Unteilbare vorstellt. Wort und Klang lassen sich zu allem möglichen zusammensetzen, Gebrauchsanweisungen und Romanen, Tagesbefehlen und Kapitulationsurkunden, aus Versen aber baut man einzig ein Gedicht.
Und was das Spannende ist, weil der Vers das Elementare, findet sich zuweilen in ihm das Ganze.
Der Einzeiler besteht aus einem einzigen Vers nur, und er ist doch ein ganzes Gedicht.
Mit Nee die Ideen legt Felix Phillipp Ingold nun einen Band mit eigenen Einzeilern vor, nachdem er vor fünfzehn Jahren, also 1999, bereits im Erker-Verlag Berlin einen Band mit russischen Einzeilern herausgab, die er auch ins Deutsche übertragen hatte. / Weiter bei Signaturen
Felix Philipp Ingold: Nee die Ideen. Pataphysische Fermaten. Berlin (Matthes & Seitz) 2014. 224 Seiten. 19,90 Euro.
In her poem “Sonnets Uncorseted,” Maxine Kumin bemoans the sexist attitudes that constrained 20th-century American women poets. Immersed in motherhood and domesticity, she confesses to having been “Terrified of writing domestic poems,/… anathema to the prevailing clique of male pooh-bahs[.]”
In her case at least, the pooh-bahs did not have the last word. Kumin, who died in 2014 at the age of 89, would triumph over her terror and produce distinctive conversational verse drawn from everyday experience. A 1973 Pulitzer Prize confirmed her achievement, and many other awards would follow. /
Julia M. Klein, forward.com
The Pawnbroker’s Daughter: A Memoir
By Maxine Kumin
W.W. Norton & Company, 176 pages, $25.95
Vom Brocke operiert im Niemandsland zwischen verschiedenen Sprachen und Arten des Sprechens ebenso, wie in dem zwischen Text und Bild. Immer wieder evozieren ihre Gedichte starke, präzise Bilder, um dann wieder in rein sprachliche Konstrukte umzuschlagen, die man liest, wie man ein Gemälde betrachtet. Im Zyklus „Gemäldegalerie” etwa führt sie uns Cranachs „Amor als Honigdieb”, Lippis „Erato”, Tizians „Venus mit dem Orgelspieler” und noch mehr Alte Meister vor Augen, dass man sogleich nach Berlin fahren möchte, um die Gemäldegalerie aufzusuchen; und doch drängen die Texte immer wieder aus dem Rahmen hinaus, oder aber ziehen andere Bilder in den Rahmen hinein, wie die Museumswärterin als Ausstellungsstück:
Eine Frau im hintersten Raum beugt sich zu ihrem Schuh hinab. Richtet sich
auf, der Rücken verlässt die Beugung. Rückt die Uniform zurecht und läuft
geräuschlos zum Fenster, die Hand vor dem Mund. Die Frau ist langsam.
Sie ist verlangsamt. Sie ist bildgeworden. Bild geboren. Ein Bild zu Fleisch
gespannt, animiert, aber faltig und müde. Ich schaue auf die Uhr, doch ich
weiß, noch bevor ich den Arm anhebe, dass es Zeit ist zu gehen.
/ Dirk Uwe Hansen, Signaturen
Sonja vom Brocke: Venice singt. Gedichte. Berlin (kookbooks) 2015. 96 Seiten. 19,90 Euro.
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